Vietnam

Vietnam2 09 101

„Es gibt nichts, was schöner und herrlicher ist als Unabhängigkeit und Freiheit“

Ho Chi Minh

 Vietnam – das Volk des Drachens

 Ein Drache aus dem Meer vermählte sich mit einer Bergfee und sie hatten 100 Kinder, das Volk der Viets war geboren. So berichtet die Sage über die Entstehung Vietnams. Der Drache, einst Symbol für den Kaiser, blieb bis heute der Schutzmythos des einfachen Volkes. Zu bewundern ist dieser herabgestiegene Drache in der gleichnamigen, 50 km langen Bucht „Ha Long“, wohl einer der faszinierendsten Höhepunkte jeder Vietnamreise. Bei einer mindestens halbtägigen Bootsfahrt, auf einer der traditionellen Dschunken, sind über 2000 Karstinseln im Golf von Tonking zu bewundern. Malerisch liegen in diesem Felslabyrinth zahlreiche schwimmende Fischerdörfer, einst Heimat von wilden Piraten, heute Filmkulisse. Die Kinder der sesshaft gewordenen Seenomaden müssen täglich zu ihren schwimmenden Klassenzimmern rudern, dort beginnt der Unterricht mit dem Lied vom allgegenwärtigen Onkel Ho: „Das Vaterland lieben, Solidarität üben und diszipliniert sein.“  In der nahen Hauptstadt Hanoi, der Stadt des aufsteigenden Drachens, mit dem Mausoleum von Onkel Ho Chi Minh, dem Übervater aller Vietnamesen, ist der Übergang von kolonialer Lässigkeit und kommunistischem Drill zu einer modernen Metropole deutlich spürbar. Das zeigt sich jedem Besucher, der eine Strasse überqueren möchte, denn das gestaltet sich zu einer Mutprobe. Scheinbar chaotisch fahren gleichzeitig hunderte Mopeds, oft mit vier Personen und Gepäck beladen, sowie einige der noch spärlich vertretenen Autos, aus allen Richtungen kommend auf den gestressten Fußgänger zu. Doch alles läuft ohne große Probleme ab, denn auch das wildeste Verkehrsgewühl fließt nach eigenen Regeln, meist ohne Stau - asiatische Gelassenheit und Geduld machen das möglich. Die Grundlage dieser ausgeglichenen Mentalität ist in der konfuzianischen Tradition zu finden, jener Morallehre, die das Verhalten in einer streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft festschreibt. Die Forderungen des Konfuzianismus stimmen mit der Lebensweise der Vietnamesen überein, welche geprägt wird von Ahnenverehrung, Zusammenhalt innerhalb von Familie und Gemeinschaft und der absoluten Ein- und Unterordnung in die Gesellschaft. Die daoistische Philosophie lehrte diesen Weg (dao) der Ordnung, der Harmonie - auch von Gegensätzen – seit Jahrhunderten den Schülern im Literaturtempel Van Mieu in Hanoi. Heute besuchen die Studenten diese altehrwürdige Konfuziusuniversität, welche jahrhundertelang den Staatsdienern strengste Prüfungen abverlangte, nur mehr, um für das Gelingen ihrer Prüfungen zu bitten und ihren Vorbildern, jene Mandarine, welche den begehrten Doktortitel erringen konnten, Reis, Obst, Geld und Räucherstäbchen zu opfern. Lenins Feststellung, dass Religion Opium für das Volk sei, gilt für die Kommunistische Partei Vietnams auch heute noch, allerdings gibt es Religions- und Glaubensfreiheit. Religion ist für die meist immer noch agrarisch tätigen Vietnamesen wichtiger Bestandteil des Tages- und Jahreszyklus, werden Naturerscheinungen und Bedrohungen im Alltag doch unerklärbaren überirdischen Phänomenen zugeordnet. Im Religionsverständnis der Vietnamesen gibt es keine strikte Trennung verschiedener Konfessionen. Die Religiosität ist zumeist eine historisch gewachsene Mischung mit vielen Aspekten unterschiedlicher Ursprünge und Katholiken, Buddhisten sowie die Sekten der Hoa und Cao Dai existieren problemlos neben- und miteinander, werden doch Elemente unterschiedlichster Glaubensrichtungen oftmals tolerant miteinander vermischt. Besonders bunt stellt sich der Caodaismus dem interessierten Besucher in Tay Ninh, dem spirituellen Zentrum dieser Sekte dar. Der Haupttempel wirkt auf den ersten Blick wie eine Kirche, doch im Inneren vermischen sich die unterschiedlichsten Elemente verschiedenster Religionen, selbst Isaac Newton, Victor Hugo und die Jungfrau von Orleans werden als „hohe Geister“ verehrt, Ziel der Lehre ist das Beste und Edelste aller Religionen zu vereinen. Seelenwanderung und moralische Grundsätze wie Vegetarismus, Alkoholverbot, Selbstlosigkeit, Nächstenliebe und Armut, sind die Eckpfeiler dieses bunten Kults. Die dreimal täglich stattfindende Anbetungszeremonie wird in reich ausgestatteten Tempeln mit Weihrauch, Geisterbeschwörungen und Gebeten vollzogen, wobei die Gläubigen mit einfachen, aber verschiedenfärbigen Gewändern geordnet Einzug halten. Die Cao Dai sind wie ein kleiner Staat organisiert, sie haben eigene Schulen und Wirtschaftsunternehmen. Sie hatten sogar eine eigene Armee, unterstützen die USA und wurden nach ihrer Entwaffnung in so genannten Umerziehungslagern ziemlich dezimiert. Die Sekte der Hoa lehnt hingegen jede aufwendige Gottesverehrung ab. Ihre Glaubensgrundsätze setzten sich aus buddhistischen Regeln und der Tugendlehre zusammen. Auch sie verfügen über ein straffes Netz von religiösen, kulturellen und sozialen Zentren. Das Prinzip des Yin und Yang findet sich allerdings bei allen vietnamesischen Gläubigen, aber auch in der traditionellen Medizin und im Alltag, denn das ganze Leben soll von Ausgleich und Harmonie dominiert werden. Dieses Spannungsfeld polarer Kräfte wurde im Vietnamkrieg natürlich empfindlich gestört und nicht weit von den Cao-Dai-Zentren befinden sich die Tunnelanlagen von Cu Chi. Je schlimmer die Bombardierungen der USA und ihrer südvietnamesischen Verbündeten wurden, umso tiefer und länger wurde das Tunnelsystem der Vieth Cong. Der einfache Grundgedanke war sich vor dem Gegner zu verstecken ohne die Region verlassen zu müssen. Daraus entwickelten sich insgesamt 250 Kilometer unterirdische Anlagen mit insgesamt 50.000 Erdlöchern. So konnten die Partisanen, eine unsichtbare Armee, überraschend auftauchen, ihre Kommandounternehmen durchführen und wieder verschwinden. Ganze Dorfgemeinschaften lebten unterirdisch mit allen notwendigen Infrastruktureinrichtungen, das Leben spielte sich unter der Erde ab, aber insgesamt starben um Co Chi etwa 20.000 Soldaten und 100.000 Bewohner der Region. Der Kampf im Süden Vietnams war für die konventionelle Armee der USA nicht zu gewinnen, alleine die 5.000 km Wasserwege im Mekongdelta konnten nicht überwacht werden. Der Mekong, Fluss der tausend Drachen, war und ist die Lebensader Vietnams, gleichzeitig Schwimmbad, Trinkwasserbecken, Transportweg, Kanal, Fischspender, Reisfeldbewässerung und Lebensraum hunderttausender Menschen. Auf den schwimmenden Märkten wird alles gehandelt, was die vietnamesische Küche schmackhaftes zu bieten hat. Fische, Enten, Eier, Reis, Gemüse, Fleisch etc., all diese Zutaten können in einem „Hot Pot“ auf dem Esstisch in einer kochenden Nudelsuppe vom Gast selbst direkt zubereitet werden, einfach, billig und schmackhaft. Eigene Kochschulen locken Touristen zu aktiver Teilnahme an der Essenszubereitung an. Im nahen Saigon, jetzt Ho-Chi-Minh-Stadt, ist die Verwestlichung wieder eingekehrt und Touristen aus der ganzen Welt tummeln sich ungehindert in luxuriöser Atmosphäre.  Damit verbunden auch alle negativen Seiten wie Prostitution, Drogen, Kriminalität und die Frage: wie viele Vietnamesen profitieren tatsächlich von dieser Entwicklung? Wie im Vorbild China gibt es auch in Vietnam private Geschäftsleute, welche es zum Millionär gebracht haben. Abseits der Stadtzentren und speziell in den Dörfern jedoch beträgt das Monatseinkommen 70.- Dollar, bei zehnstündiger täglicher Arbeitszeit. Soziale Leistungen gibt es nur für etwa jene 10 % der Bevölkerung, welche in der Industrie beschäftigt sind. Das Erbe vieler Jahre der verfehlten Planwirtschaft bedeutet, dass heute kein Geld für notwendige Infrastrukturprojekte zur Verfügung steht, wie Kanalisation, Müllabfuhr, öffentlicher Verkehr, Straßenbau. Vietnam kann mit dem Modernisierungsschub nicht mithalten und seriöse Investoren werden immer noch von Korruption und Ideologie abgeschreckt. Allerdings gibt es auch mutige Ansätze, wie den „Metro“ Konzern, der landwirtschaftliche Produkte importiert und die Mitarbeiter vor Ort in EU-Lebensmittelstandards schult. Die „Deutsche Bratwurst“ und ein „Dönnerunternehmen“!! werben mit deutscher Esskultur. MacDonald und alle Markenartikel sind im Original und als Kopie in den modernen Einkaufszentren und einheimischen Märkten erhältlich, feilschen allerdings eine Pflicht, denn jeder Fremde wird als wohlhabend eingestuft. Vietnam zählt sicherlich zu den spannendsten Regionen Asiens. Mit rasenden Veränderungen bricht auch in diesem Land Indochinas eine neue Zeit an, ein Prozess voller Widersprüche und fundamentaler Neuorientierung - daher bald besuchen, denn auch die noch naturbelassene Insel Phu Quoc könnte, dank chinesischer und russischer Investoren, bald zu einem vietnamesischen Phuket ausgebaut werden.