Laos

Laos 09 260

Hinter dem Bambusvorhang liegt das geheimnisvolle

Sathalanalat Paxathipatai Paxaxon Lao 

In der Demokratischen Volksrepublik Laos spielt Zeit keine Rolle. Noch hat die rastlose Hektik des benachbarten Staates Thailand die faszinierende Beschaulichkeit der ehemaligen französischen Kolonie nicht um ihre liebenswürdige Identität gebracht. Der Reisende bemerkt sofort wohlwollend das geringe Verkehrsaufkommen und obwohl der Grenzübergang Chong Mek um achtzehn Uhr schließt, wird gegen ein kleines Bakschisch von 2 Dollar das notwendige Visa on arrival auch außerhalb der Amtszeiten ausgestellt. Das bescheidene Beamtengehalt von nicht einmal 100 Dollar monatlich reicht für eine laotische Familie keinesfalls aus. Korruption ist daher nur ein zusätzliches Dankeschön für eine Dienstleistung, auch wenn etwa ein Polizist ein Vergehen ahndet - ohne Quittung - mit einem 50 prozentigen Rabatt, schließlich wollen auch seine Vorgesetzten an solchen Geschäften mitpartizipieren. Das Recht liegt beim zahlungskräftigen Investor, ob es um illegale Holzgeschäfte, Bauvorhaben, um Rauschgifthandel oder schlicht und einfach um administrative Belange des Alltags geht. Mit dieser Praxis werden größere Konflikte vermieden, denn Harmonie und „Wahrung des Gesichtes“ bestimmen alle Handlungsabläufe in Laos. Westlich ungeduldiges, aggressives Verhalten wird verachtet und ein schreiender Europäer abfällig als „Brüllaffe“ bezeichnet. Lächeln und Haltung bewahren sowie den Ranghöheren und älteren Menschen Respekt zollen, Verehrung der Ahnen, der Familie seine Individualität unterordnen, sowie tiefe buddhistische und animistische Gläubigkeit sind die allgegenwärtigen bestimmenden Werte dieses liebenswürdigen Vielvölkerstaates. Laos ist ein polyethnisches Volk, der französische Forscher Lorent Chazée stellte 132 unterschiedliche Rassen fest, welche zum Teil auch heute noch abgeschottet in unwegsamen, gebirgigen Dschungelregionen leben. Das Land ist dünn besiedelt, denn ethnische Konflikte sind durchaus üblich und deren Lösung zählt zu den größten Herausforderungen an die laotische Politik. Ein nach wie vor ungelöstes Problem gibt es in der Sonderzone Saysomboun nordöstlich von Vientiane, wo es noch heute bewaffnete Kämpfer gegen die kommunistische Regierung gibt. Diese rekrutieren sich hauptsächlich aus Mitgliedern der Hmong-Minderheit, welche sich in die Bergregionen zurückgezogen haben. Wiederholt kommt es zu Überfällen und Attentaten in und um Vientiane und an wichtigen Verkehrswegen, denen auch ausländische Touristen zum Opfer gefallen sind. Andererseits wird auch von schweren Menschenrechtsverletzungen des Militärs im Kampf gegen die Aufständischen berichtet. Der Ursprung dieses ungelösten Konfliktes geht bis ins Jahr 1961 zurück, als Hmongsoldaten an der Seite der USA an einem „Secret War“ teilnahmen. Während des Vietnamkrieges war Laos neutral und es gab keine offizielle Kriegserklärung der Vereinigten Staaten an Laos. Trotzdem bombardierten die US-amerikanischen Streitkräfte Laos massiv, denn der Ho-Chi-Minh-Pfad verlief zu einem bedeutenden Teil über laotisches Territorium. Es wurden über Laos mehr Bomben abgeworfen als im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen, womit Laos zu den schwerst bombardierten Ländern der Welt gehört. Quincy, ein Autor, der über die Hmong schreibt, fasst den Krieg folgendermaßen zusammen: „Nach dreißig Jahren von mehr oder weniger anhaltenden Kriegen und dem Verlust von ungefähr einem Drittel des Bevölkerunganteils, sind die laotischen Hmong dort angekommen wo alles begann; arm, unterdrückt, und nach Freiheit strebend.“ Die ethnischen Unterschiede werden verstärkt durch die jeweilige Gruppenzugehörigkeit im Leben des einzelnen, denn zuerst kommt die Familie, dann das Dorf, der Klan, die Volksgruppe und am Ende erst die Nation. Individualismus im westlichen Sinne ist unbekannt, die Gestaltung des eigenen Lebens wird von der Gemeinschaft bestimmt. Dabei spielt auch die buddhistische Vorstellung eine entscheidende Rolle, dass das momentane Leben bestimmt wird von den guten oder bösen Taten des vergangenen irdischen Daseins und dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten. Der in der Hierarchie höher Stehende hat in seinem vorherigen Leben Verdienste gesammelt und wird deshalb auch uneingeschränkt akzeptiert. Kein Gott ist für die Erlösung des einzelnen vom Leid verantwortlich, ausschließlich die guten und bösen Taten im Leben bestimmen darüber, ob es gelingt den ewigen Kreislauf des körperlichen Seins zu verlassen und im Nichts des Nirwana von den Leiden des irdischen Lebens Erlösung zu finden, solange sind Geburt und Tod nur Durchgangsstadien in den Lebenszyklen. Aber nicht nur der tolerante Hinayana-Buddhismus prägt das gesellschaftliche Leben der Laoten, auch vorbuddhistischer Geisterglaube begegnet dem Reisenden auf Schritt und Tritt. Überall werden Geisterhäuschen aufgestellt, denn alle Gegenstände, Tiere und Pflanzen haben eine Seele. Die laotische Welt wird von Geistern beherrscht, Hausgeister, Baum- und Wassergeister – die ganze Geisterwelt wird durchlaufende Opfergaben und Zeremonien zum alltäglichen Bestandteil des Alltags. Im gelebten Animismus stellt deshalb der Priester oder Schamane den Kontakt zur Geisterwelt her, um mittels Beschwörungszeremonie alles Böse fernzuhalten. Speziell den Seelen der Verstorbenen wird geopfert, alles, was im Jenseits vielleicht gebraucht werden könnte, wie z.B. Unmengen von Papiergeld(kopien), Spielzeughandies, Miniaturautos werden verbrannt, da der aufsteigende Rauch als Bote diese Opfergaben ins Jenseits transportiert. Die Schamanen führen auch die Zeremonie des suu khuan durch, denn alle 32 Seelen, welche in einem menschlichen Körper wohnen, müssen zusammengehalten werden. Sollte sich eine Seele entfernt haben, ruft der Priester diese wieder zurück und schließt, mittels Baumwollfäden, welche an den Handgelenken verknotet werden, alle Seelen wieder ein. Glück und Unglück sind in der Weltordnung vorherbestimmt, Wahrsager, schwarze Magie und Zauber sowie Gegenzauber spielen daher in jeder Lebenslage eine große Rolle und Hochzeitstermine, Geschäftsreisen und andere wichtige Anlässe werden nur nach Rücksprache mit den Orakeln in den Tempeln bestimmt. Obwohl die westliche Welt mittels Fernsehen und Internet bereits in den entlegensten Dschungelregionen Einzug gehalten hat, wird an all diesen in Jahrhunderten gewachsenen Traditionen festgehalten. Andächtig werden bereits frühmorgens Räucherstäbchen entzündet, Reis und Obst den Bettelmönchen untertänig gegeben oder in einem der vielen beschaulichen Tempel, wie etwa dem laotischen Nationalsymbol, dem That Luang in Vientiane, kontemplative Einkehr gehalten. Obwohl nur 10 % der Gesamtfläche landwirtschaftlich genutzt werden kann, sind mit Nassreis- und Maisanbau, Fischzucht und anderen bäuerlichen Erwerbstätigkeiten fast 75% der Bevölkerung beschäftigt. Auf dem Lande sind die familiären Bindungen besonders fest, gibt es doch keinerlei staatliche soziale oder medizinische Absicherungen. Kinder sind der natürliche Reichtum und Altersvorsorge, weder Luxus noch Belastung und der jährliche Bevölkerungszuwachs von 2,8 % spiegelt dieses feste Gefüge wieder, Tendenz steigend, da 50 % der Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist. Ganz selten werden interkulturelle Ehen eingegangen, denn wie überall auf der Welt, bringt eine Verbindung mit scheinbar reizvollen Exoten nur Probleme. Sollte ein Ausländer, Mr. Jackpot genannt, dem Charme eines einheimischen Mädchens erliegen, kann es vorkommen, dass er schließlich eine Großfamilie zu versorgen hat, abgesehen vom saftigen Brautpreis, der in Gold und Silber zu bezahlen ist, denn Geld wird nicht überall hochgeschätzt, ist doch noch immer Subsistenzwirtschaft weit verbreitet. So ist es selbstverständlich, dass die Mädchen ihren traditionellen Sin, den Wickelrock, selbst weben. Allerdings lockert die altbewährte Tradition zunehmend in den urbanen Gebieten auf. Dort eifern die Laoten den Thailändern nach und die Thais wiederum kopieren den American way of life. Das gipfelt in MacDonald Reisen nach Bangkok, denn noch gibt es in Laos keine Filiale dieser Fastfood Kette. Der Tourist kann sich daher unbedenklich von Landesprodukten ernähren, doch ist Vorsicht angebracht, denn Laoten essen alles, wirklich alles, was irgendwie verwertbar ist. Auf den bunten Märkten werden schon einmal Schlangen, Ratten, Meerschweinchen, Hunde, Kröten und sonstige Leckerbissen angeboten. Die Beziehung zu den Tieren ist mitunter grausam, ein Kulturschock vorprogrammiert. Doch sonst bietet das Land dem Reisenden einzigartige Eindrücke und abenteuerliche Erlebnisse. Obwohl Laos keinen Zugang zum Meer hat, sind im Süden, im Gebiet der 4000 Inseln des Mekong, wunderbar beschauliche Stunden an diesem legendären Fluss garantiert. Im Norden, speziell im Gebiet von Vang Vieng, werden Abenteuererlebnisse in Form von Dschungeltouren, Flussfahrten speziell für junge Rucksacktouristen angeboten. Noch ist das Land von fremden Reisenden nicht überlaufen, doch fahren bereits tausende Chinesen mit dem Auto nach Laos und diese asiatischen Touristen sind selbst für die freundlichen, lebenslustigen Laoten eine Plage. China erzwingt immer mehr Zuwanderung und Öffnung im Gegenzug für nichtrückzahlbare Kredite. So sponsert China die South-east-asien-games, baut die Nationalstraße zur Grenze aus und erreichte dafür im Gegenzug eine Zuwanderung für 50.000 Chinesen. Als 1986 Laos, unter dem Namen „Neuer ökonomischer Mechanismus“ eine Öffnungs- und Reformpolitik einleitete, mit dem Ziel, den allmählichen Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft zu realisieren, ahnte wohl niemand, welch einschneidende Veränderungen damit verbunden sein würden. Es bleibt nur zu hoffen, dass Laos, dieses kleine, liebliche Binnenland im Herzen der indochinesischen Halbinsel all diese Veränderungen möglichst unbeschadet überstehen wird und seinen lächelnden Charme nicht verlieren möge.