Indochina

Vietnam 09 093

Lockendes Indochina

„Wie heikel Eure Lage und die Umstände in denen Ihr Euch befindet auch immer sein mögen, verzweifelt nicht. In Umständen, wo es alles zu fürchten gilt, heißt es nichts zu fürchten. Ist man von zahllosen Gefahren umgeben, so heißt es, keine zu fürchten. Ist man gänzlich ohne Mittel, so heißt es, auf alle zu zählen. Ist man überrascht, so heißt es, den Feind selbst zu überraschen.“

Sun Tse: Die Kunst des Krieges

 Nicht einmal zehn Stunden dauert heute der Flug vom winterlichen Europa in das exotische Tropenparadies Indochina. Immer mehr Touristen fliehen vor der Kälte in eine der vielen Hotelenklaven im Golf von Thailand und am Südchinesischen Meer, um in der Sonne zu liegen, dem reichhaltigen Buffet zuzusprechen und sich, ganz in der Tradition einstiger Kolonialherren, von den bescheidenen Asiaten bedienen zu lassen. Der aufmerksame Beobachter muss leider feststellen, dass diese „Reisenden“ so gar kein sonderliches Interesse an der vielfältigen Kultur ihrer Gastländer zeigen, sondern, ganz dekadenter Herrenmensch, ihre meist fetten Bäuche arrogant zur Schau stellen. Kambodscha, Laos und Vietnam haben sich nach hundertjähriger kolonialer Ausbeutung zwar befreien können, ihre materielle Armut jedoch scheint sie erneut in die Abhängigkeit internationaler Geldanleger und Investoren zu treiben. Heute sind es vor allem Russen, Chinesen, Südkoreaner und anonyme Investmentgesellschaften, welche, zum Teil mit dubiosen Geldern, nach entsprechenden Zuwendungen an örtliche Entscheidungsträger, fragwürdige Großprojekte vorantreiben, 1887 waren es die Franzosen, welche nach langen Kämpfen in ihrer Kolonie „Union Indochinoise“ die Einheimischen zu Vasallen degradierten. Diese billigen Arbeitssklaven mussten für ihre Besatzer Kaffee anbauen, Kohle abbauen und in den Kautschukplantagen im System der Zwangsarbeit (corvée) schuften. 27.000 französische Soldaten kontrollierten 18 Millionen Menschen der Provinzen Cochinchina, Annan, Tonkin, Laos sowie Kambodscha. Zwar organisierte sich eine nationale Befreiungsbewegung, jedoch erst 1940, als die Vichy-treue französische Kolonialverwaltung mit den Japanern kollaborierte, sahen die Völker Indochinas, dass die vermeintliche Überlegenheit der Kolonialherren über asiatische Kulturen nur ein Trugbild, ein Irrglaube war. Nach der Kapitulation Japans 1945 waren die Kolonialarmeen wieder unterwegs in ihre alten Okkupationsräume. Die Engländer bis nach Hinterindien, die Holländer nach Batavia in Indonesien und die Franzosen nach Indochina. Der Widerstand gegen die Kolonialmächte jedoch verstärkte sich, die Völker Asiens sehnten sich nach Unabhängigkeit. „Asien den Asiaten“ war die Parole. Unter der Führung von Ho Chi Minh organisierte sich die „Liga für die Unabhängigkeit Vietnams“, die Viet Minh, und begann einen Guerillakrieg gegen die Besatzer, welche in imperialistischer Überheblichkeit ihre Gegner unterschätzten. Nicht die kommunistische Ideologie war für die Viet Minh-Guerillas das Motiv ihres Kampfes, sondern der Wunsch, endlich auf eigenem Grund und Boden, für die eigene Familie zu arbeiten und frei leben zu dürfen. Die Großfamilie, welche alle sozialen Aufgaben erfüllen muss, war und ist für die meisten Asiaten der Mittelpunkt ihres Lebens und somit wichtigste Antriebsquelle. Das westliche Denken in Kategorien des „entweder – oder“ wird in der asiatischen Kultur durch ein verbindendes „und“ ersetzt, also ist es durchaus praktikabel Kommunist und gleichzeitig Kapitalist zu sein. Am Nichtverstehen all dieser kulturellen Unterschiede sind zuerst die Franzosen und später auch die Amerikaner gescheitert. Der heutige Tourist, aber auch viele Manager, die sich mit solchen kulturspezifischen Eigenheiten nicht auseinandersetzen, sind mit dem Verstehen asiatischer Kommunikation deshalb sehr oft überfordert, weil sie glauben, das westliche Weltverstehen wäre das Maß aller Dinge. Der erste Indochinakrieg war daher, nach westlichem Verständnis, längst zu einem Stellvertreterkrieg - Kommunismus gegen Kapitalismus – geworden, speziell nach dem Eingreifen Chinas und der USA in Korea 1950 wurde die so genannte „Dominotheorie“ im Westen vertreten: wenn ein Staat Süd-Ost-Asiens in kommunistische Hände fallen sollte, würden alle Nachbarstaaten ebenfalls sozialistisch umkippen. Anfang 1954 besiegten die unterschätzen Viet Minh unter ihrem legendären General Giap („jeder Mensch ist ein Soldat, jedes Dorf eine Festung, jede Straße eine Front“) die Franzosen in der Hochebene von Dien Bien Phu. Diese Schlacht ging in die Kriegsgeschichte auch unter der Bezeichnung: die letzte Schlacht der Deutschen Wehrmacht ein, da nahezu 75% der eingesetzten Fremdenlegionäre ehemalige deutsche Wehrmachtssoldaten waren, welche, um der qualvollen alliierten Gefangenschaft nach Kriegsende 1945 zu entkommen, für Frankreich kämpfen mussten. Die Viet Minh hatten zwar die Franzosen besiegt, in der anschließenden Genfer Indochina Konferenz jedoch wurden die Interessen der Großmächte umgesetzt und der 17. Breitengrad als Grenze für die Kommunisten festgesetzt. Die Vereinigten Staaten traten an die Stelle der Franzosen und garantierten die Sicherheit von Südvietnam, Laos und Kambodscha. Der zweite Indochinakrieg war damit vorprogrammiert, denn politische Fehler der korrupten Verwaltung Südvietnams, wie die Abschaffung der dörflichen Selbstverwaltung, manipulierte Wahlen, Enteignungen und Umsiedlungsprogramme trieben die unzufriedenen Bauern in einen Bürgerkrieg, der vom kommunistischen Norden unterstützt wurde. Der materielle Verlust wiegt für den im ganzheitlich konfuzianisch – buddhistischen Glauben und Handeln geprägten Reisbauern nicht so schmerzhaft, wie das zurücklassen müssen der Familiengräber. Die Ahnen zurückzulassen, bedeutet entwurzelt zu werden und den Gefahren des Kosmos schutzlos ausgeliefert zu sein. Die Partisanen erhielten durch die falsche Politik des Diem-Regimes vermehrt Zulauf, versprachen sie doch auch mit der Devise: „dass demjenigen das Land gehören soll, der zu jeder Jahreszeit die Erde zwischen seinen Händen reibt“ eine Pachtzinssenkung von 40% auf 10%. Die Ziele der NLF (Befreiungsbewegung im Süden) basierten auf keiner starren Ideologie, sondern einer Symbiose von konfuzianischem und kommunistischem Gedankengut, sowie einer Guerillataktik ohne starre Fronten. Der amerikanische – südvietnamesische Versuch mit regulären Truppen (counterinsurgency) und durch den Abwurf von 7,5 Millionen Tonnen Bomben, nahezu viermal so viel wie im 2. Weltkrieg, sowie hunderttausenden Tonnen krebserregender Herbizide („Agent Orange“), die VC – „Victor Charlie“ – Vieth Cong zu besiegen, scheiterte kläglich. Die Ankündigung Nordvietnam in die Steinzeit zurückzubomben wurde fast realisiert und Jean-Paul Sartre verglich das Vorgehen der amerikanischen Soldaten gegen die Vietnamesen mit den Judenverfolgungen im 2. Weltkrieg. 550.000 amerikanische Soldaten waren in Vietnam stationiert, aber nur jeder zwanzigste davon war ein Kämpfer und hatte Feindkontakt. Der Militärmaschine USA trotzten die VC in nahezu 40.000 km unterirdischer Tunnelsysteme. Der Nachschub wurde auf tausenden Kilometer Dschungelpfaden transportiert, zum Teil getragen, auf Fahrrädern oder mittels LKW in wochenlanger, mühsamer Anstrengung zu den Partisanen gebracht.  Das Pariser Abkommen vom 27.Jänner 1973 beendete den Krieg offiziell, doch am 1.Mai 1975 besetzten reguläre Truppen Nordvietnams Saigon. Aber der Kampf ging weiter, obwohl kommunistische Kader in ganz Indochina die Macht ergriffen hatte. Nachdem hunderttausende Regimekritiker in kommunistischen Umerziehungslagern verschwanden, Peter Scholl-Latour spricht von KZs, in Kambodscha die Roten Khmer Pol Pots über drei Millionen Menschen ermordeten und in Laos die kommunistischen Pathet Lao die Macht übernommen hatten, marschierten reguläre Streitkräfte Vietnams, von Russland unterstützt, Ende 1978 in das von China gerüstete Kambodscha ein. Daraufhin besetzten im Februar 1979 chinesische Truppen Teile Nordvietnams. Dieser dritte Indochinakrieg wurde erst 1991 durch die Vermittlung der Vereinten Nationen beendet. Indochina schottete sich nach außen ab und der Bambusvorhang öffnete sich erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Noch im April 1977 erklärte der vietnamesische Staatspräsident Le Duc Anh: „Individualismus ist der grausamste Feind des Sozialismus.“

Wer heute Indochina bereist, kann nach persönlichen Beobachtungen der Feststellung zustimmen, dass Vietnam zwar den Krieg gewonnen hat, den Frieden aber verlieren wird. Die pseudo-humanitären Anmaßungen und moralischen Heucheleien des „Weltkommunismus“ wurden in Süd-Ost-Asien eindrucksvoll enttarnt, denn Korruption und die Gier nach westlicher, dekadenter Kultur sowie materiellen Werten hat sehr bald die spartanischen sozialistischen Kader vergiftet und heute auf die gesamten so genannten politischen Eliten übergegriffen. Es gibt, wenn bezahlt wird, keine Moral und keine Hemmungen. Mafiagelder werden investiert, ohne jede Rücksicht auf Umweltprobleme oder Auswirkungen auf den Großteil der Bevölkerung, welche mit etwa 100 Dollar Monatsverdienst als nicht sehr begütert eingeschätzt werden muss. Das ganze System wird zusammengehalten von Solidarität und Arbeitsteilung in der Familie, welche gemeinsam die Felder bewirtschaftet, die Ahnen verehrt und als Rettungsring für den nationalen Bestand bezeichnet werden kann. „Ehrenvoller sich aufzuopfern als Sklave zu sein“ – dieser Grundsatz hat in der Vergangenheit bewirkt feindliche Invasoren zu besiegen und ist vielleicht auch in der Zukunft der zentrale gesellschaftliche Wert gegen die, wieder von außen angestrebten, Versuche Indochina als Absatzmarkt westlicher Konsumgüter, der globalen Gleichmacherei einzugliedern. Die Reisbauern Indochinas öffnen sich der dynamischen Weltwirtschaft, bisher noch erfolgreich ihre alte Tradition und den tiefen buddhistischen Glauben bewahrend. Aber die Bevölkerung wächst rasant und die Jugend will teilhaben, an den glitzernden Verlockungen aus Internet- und Fernsehwerbung. Wird Indochina, eine in Jahrtausenden langsam gewachsener Mischung der alten Hochkulturen Indiens und Chinas, den Spagat zwischen Tradition und Moderne maßvoll bewältigen oder am Zwang zur Verwestlichung letztendlich scheitern?