5. Soziologisches – Am Anfang war – die Familie

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Soziologisches – Am Anfang war – die Familie

„Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; jede unglückliche Familie jedoch ist auf ihre besondere Weise unglücklich.“ – (Leo Tolstoi, Anna Karenina, 1877)

 Die Gesellschaft verlangt nach Rollenspielern - In welcher Gesellschaft leben wir?

 

Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Frauen und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen ..."
(William Shakespeare: "Wie es euch gefällt", II, 7)

Wer seine Rollen als Gutmensch brav spielt, wird belohnt, mit Posten, Orden und was es sonst noch für funktionierende Bürger alles an erstrebenswerten außengesteuerten Belanglosigkeiten gibt. Die Bösmenschen jedoch werden bestraft, bekommen keine prestigeträchtigen Rollen und können sich auch keine Statussymbole kaufen, werden nicht in Seitenblickesendungen präsentiert und kein Ehrengrab krönt ihr unangepasstes Dasein. Aber es gibt nicht nur eine „Normalgesellschaft“, im Staate Österreich haben sich bereits diverse „Parallelgesellschaften“, Randgruppen und skurrile Subkulturen etabliert, dort sind Orden und Ehrengrab keine Belohnungsanreize mehr. Eine homogene Gesellschaft mit klar getrennten Klassen, Ständen und Normallebenslauf – Ausbildung, Erwerb, Alter – gibt es nicht mehr. Das Leben der Menschen hat sich individualisiert, die heiligen Sakramente – Taufe, Kommunion, Firmung, Ehe und letzte Ölung – markieren längst nicht mehr die einzelnen Lebensabschnitte. Die autochthone, also die altehrwürdige, eingeborene Bevölkerung der Alpenrepublik mit heimatbezogenem Stammbaum, wird von multikulturellen Zuwanderern des globalisierten Dorfes Erde langsam aber sicher verdrängt. In welcher Gesellschaft leben also die Österreicher und solche die es unvermeidbar wurden und noch werden wollen? Eindeutig in einer „mehrdimensionalen Gesellschaft“ mit unterschiedlichsten Werten und sozialen Normen, inklusive vorprogrammierter Interessenkonflikte. Im letzten Jahrhundert fanden historische, technische, soziale und ökonomische Veränderungen und Entwicklungen ungeheurer Dimensionen statt. „Der Rest ist Österreich“ reduzierte 1919 den Vielvölkerstaat der Habsburger auf einen Ministaat, den fast alle Restösterreicher an Deutschland angeschlossen sehen wollten. 1938 erfolgte der Anschluss mit dem Stoßgebet „Gott schütze Österreich“ und als die Zweite Republik 1945 entstand, forderte deren erster Bundeskanzler Leopold Figl seine Landsleute auf „Glaubt an diese Österreich“. Diese dezimierte, gedemütigte und besiegte Bevölkerung glaubte an Österreich und baute aus den Trümmern des Bomben- und Besatzungsterrors wieder einen funktionierenden und wohlhabenden Staat auf, mit ungeheurer Kraftanstrengung. Innerhalb der letzten fünfzig Jahre veränderte sich jedoch das soziale Wertesystem rasant. Bedingt durch die Zuwanderung fremder Kulturen und die Gedankenlosigkeit wohlstandsverwahrloster 68iger Idioten, wurden einstige sinnstiftende Werte, wie Heimat, Treue, Familie durch Slogans aus linken, heimatverräterischen Kreisen wie „Heimat im Herzen, Scheiße im Hirn“, zerstört und eine „fast-food Gesellschaft“ etablierte sich. Die schnelle Bedürfnisbefriedigung, keine Bildung, sondern Ausbildung, nicht Wissen, sondern Information, keine politische Diskussion, sondern die zwei Worte Slogans, keine Ehe auf Lebenszeit, sondern Lebensabschnittspartnerschaft, Flüchtigkeit und Unverbindlichkeit kennzeichnen diese „Beliebigkeitsgesellschaft“. Individualisierung ohne Heimat, mit der Tendenz zur Welteinheitskultur auf Supermarktniveau, die McDonaldisierung der Gesellschaft, hielt in allen Lebensbereichen Einzug. „Informations-, Wissens-, und Kommunikationsgesellschaft“ auf höchstem technischem, aber geistig niedrigstem Niveau ist das Endziel, denn der Fachmann soll ein guter Jurist oder Ingenieur sein, der von wenig viel weiß, möglichst von nichts alles. Das restliche Wissen reicht für die Millionenshow oder ein Kreuzworträtsel. Wissen muss verwertbar sein und Geld einbringen, Bildung könnte vielleicht ein revolutionäres Weltbild schaffen und dazu braucht die „Neidgesellschaft“ keine Eliten. Die „Freizeit-, Konsum- und Erlebnisgesellschaft“ will Spaß haben und keinen philosophischen Disput. Die Totalität des Konsumismus bestimmt die Produktion, denn die „Wohlstandsgesellschaft“ überflutet den süchtigen Konsumenten mit Waren, deren Gebrauchswert sekundär ist, im Vordergrund steht der Identitätswert. Eine Marke soll die Persönlichkeit ersetzten, sie markiert Gleichgesinnte. Zwei Dimensionen der heutigen Gesellschaft dominieren in allen Spielarten, nämlich Geld und Spaß. Die hedonistische „Spaßgesellschaft“ kann nur ruhiggestellt werden, wenn die Erträge einer hohen ökonomischen Produktivität die hohe Konsumproduktivität sicherstellen, denn der Fachmensch ohne Geist und der Genussmensch ohne Herz, definieren sich primär über den Güterverbrauch, Sättigung darf niemals eintreten. Dinge prägen die „Besitz- und massenkonsumistische Gesellschaft“, welche durch Käuflichkeit, Mobilität, Flexibilität und Langeweile immer rascher nach neuen Handys, Computerspielen, Kreuzfahrten, schnelleren Skiliften, Navigationsgeräten und sonstigen Sinnlosigkeiten, giert. Die Konsummuster sind weltweit gleichgeschaltet, Trendforscher stellen sicher, dass „Brot und Spiele“ die „transkulturelle Gesellschaft“ weiter am Funktionieren hält. Der Grazer Soziologe Prisching über das Wesen des Konsumismus: „Konsumgesellschaft, consumer society, consumer capitalism, Gesellschaft des consumptionism – damit sind folgende Charakteristika der Gesellschaft angesprochen: eine Lebensphilosophie, welche die Menschen zur Produktion von immer mehr Gütern ermuntert, anreizt, ja – wie manche sagen würden – zwingt; eine vorherrschende Auffassung, welche den Lebensstandard zu einem Wert macht, der höher steht als alle anderen Werte; eine Grundhaltung, die das Konsumieren, Kaufen, Verbrauchen zu einem selbstverständlichen Bestandteil des Alltagslebens, zu einem Zeitvertreib, ja zu einem Grundrecht und zu einer Glücksvoraussetzung erhebt; eine Haltung, die das Geld als Brennpunkt der modernen Weltkultur sieht.“ Wo sind die Grenzen solcher Verschwendung von Ressourcen und Rohstoffen bei einer explosionsartig wachsenden Weltbevölkerung? Sind diese Grenzen mit der kolportierten Wirtschaftskrise derzeit erreicht und was kann in Zukunft für eine Entwicklung erwartet werden? Den Ökonomischen Aufwärtsbewegungen folgen zyklische Abwärtstendenzen, welche meist mit der Besinnung auf traditionelle soziale Werte gekoppelt sind. Folgt eine Renaissance von „small is beautiful“ bis hin zu nationalstaatlicher Abgrenzung? Wenn weniger Geld zur Verfügung steht, könnte eine „Bürgergesellschaft“ Aufschwung erhalten. Staatliche Zuwendungen und Bevormundung weichen eigenverantwortlichen und überschaubaren Projekten. In manchen Wiener Grätzeln wurden bereits Bürgerselbstschutzorganisationen gegründet, denn die Zunahme von Kriminalität im Europa ohne Grenzen, wird weiter voranschreiten und die Exekutive kann mit den vorhandenen Mitteln den Schutz seiner Bürger nur mangelhaft garantieren. Der Soziologe Ulrich Beck sah in einer „Zweiten Moderne“ eine „Risikogesellschaft“ entstehen, in der das Individuum aus den vormals traditionellen Lebenszusammenhängen freigesetzt wird und sich ungeahnten Freiheits- und Entfaltungsmöglichkeiten alleine und ohne Gruppenunterstützung in seiner Lebensgestaltung gegenübersieht. Dem Risiko des Alleinseins sind jedoch viele Menschen nicht gewachsen. Wird in Zukunft wieder vermehrt der Familienverband, die soziale Bezugsgruppe und letztendlich sein Volk dem jetzt als Single planlos herumirrenden Menschen Sicherheit geben können? Vielleicht bricht eine „Dritte Moderne“ aus, denn nur gemeinsam sind Gleichgesinnte stark. Die Neugestaltung der Gesellschaft hat Samuel Huntington in seinem Werk „Kampf der Kulturen“ ja bereits trefflich skizziert: „Kulturelle Identität bedeutet ein gründliches Bewusstsein von kulturellen Unterschieden und von der Notwendigkeit, das zu schützen, was „uns“ von „ihnen“ unterscheidet“. Wenn heute in europäischen Städten fremde, asiatische oder afrikanische Zuwanderer gewaltsam demonstrieren, Autos in Brand setzten und ganze Gebiete zu „besetzten Zonen“ erklären, um Stellvertreterkonflikte weitab ihrer tatsächlichen Heimat auszutragen, dann ist Huntingtons Prophezeiung: „künftige Konflikte werden sich nicht an wirtschaftlichen oder ideologischen, sondern an kulturellen Faktoren entzünden“, längst Realität geworden. Die Spaßgesellschaft wird erkenne müssen, dass längst „Schluss mit Lustig“ angesagt ist und das einzelne Individuum zu seinen Wurzeln zurückfinden wird müssen. Das „Gleichheit“ der französischen Revolution ist eine leere Worthülse, denn bedeutet „Egalität“ nicht egal, also gleich gültig und damit gleichgültig? Von „Brüderlichkeit“ und „Freiheit“ ganz zu schweigen, denn der Starke schleppt den Unterlegenen zur Guillotine und wenn die Schwachen eliminiert sind, frisst die Revolution immer auch ihre eigenen Kinder, nachzulesen in jedem noch so manipulierten Geschichtsbuch. Die Gesellschaft von Morgen braucht starke Persönlichkeiten in einem starken Gruppenverband, welche im „Kampf der Kulturen“ bestehen können, denn sonst wird diese zu Dekadenz neigende westliche Gesellschaft unweigerlich untergehen, genauso wie dies Oswald Spengler in seinem monumentalen Werk „der Untergang des Abendlandes“ diagnostiziert hat. Treffender als Huntington kann dies niemand beschreiben, dem ist auch nichts mehr hinzuzufügen: „Wenn eine Kultur erstmals entsteht, sind die Menschen für gewöhnlich kraftvoll, dynamisch, gemein, brutal, mobil und expansionistisch. Sie sind relativ unzivilisiert. In dem Maße, wie die Kultur sich weiterentwickelt, wird sie sesshaft und entwickelt die Techniken und Fertigkeiten, die sie zivilisierter machen. Sobald der Konkurrenzkampf zwischen ihren konstituierenden Elementen nachlässt und ein universaler Staat entsteht, erreicht die Kultur ihren höchsten Zivilisationsgrad, ihr „goldenes Zeitalter“ mit einer Hochblüte von Moral, Kunst, Literatur, Philosophie, Technologie und kriegerischer, wirtschaftlicher und politischer Kompetenz. Sobald sie als Kultur ihren Niedergang antritt, geht auch ihre Zivilisierung zurück, bis sie dem Ansturm einer anderen aufstrebenden Kultur von ebenfalls geringer Zivilisierung erliegt.“

7.1. Von der Horde zur bürgerlichen Gesellschaft

 "Wer nicht arbeitet, soll nicht essen. Und wer nicht um sein Leben kämpft, soll nicht auf dieser Erde leben. Nur dem Starken, dem Fleißigen und dem Mutigen gebührt ein Sitz hienieden." (Abwandlung des 2.Paulusbriefes an die Thessalonicher: „Denn als wir bei euch waren, haben wir euch die Regel eingeprägt: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.)

 „Gleich und gleich gesellt sich gern“ – Gesellschaft bedeutet daher, dass Menschen gleicher Werte, Normen, Rechte, Symbole räumlich vereint miteinander leben. Die ersten Gesellschaftsformen bezeichnet man als „Horde“, meist mobile Jäger- und Sammlergemeinschaften mit bis zu 100 Mitgliedern. Die Bindung in diesen Großfamilien war sehr eng und aufgabenteilig gegliedert. Auch heute gibt es solche sozialen Formen bei den Inuit, den australischen Aborigines oder den südafrikanischen San. Horden schlossen sich zu Stämmen, mit bis zu 1000 Mitgliedern zusammen und hier trat erstmals die Teilung in sesshafte Bauern und nomadisierende Viehhalter ein. Führungsstrukturen sowie religiöse Rituale und Totenkulte begannen das Leben in diesen Stammesgesellschaften zu reglementieren. Die Unterschiede in der sozialen Hierarchie wurden ausgeprägter, der soziale Status in den sich entwickelnden Stammesfürstentümer umfasste, vom Häuptling bis zum Arbeitssklaven, alle Individuen. Rang und Status bestimmten den Alltag, die Beziehungen der etwa 5.000 bis 20.000 Mitglieder könnte man bereits mit bürokratisch und feudalistisch beschreiben. Durch die Beziehung und Zusammenschlüsse von Fürstentümern entstanden komplexe Organisationsformen von Gesellschaften – die Staaten. Solche Gesellschaftsformen gliedern ihre sozialen Beziehungen durch die Bildung von Klassen: Arbeiter, Bauern, Händler, Soldaten, Verwaltung und religiöse sowie politische Führung. Das Territorium besitzt die herrschende Klasse und verpachtet es gegen Steuern an treu ergebene Adelsverwandte. Urbane Strukturen der Verwaltung und Verteidigung entstehen und zentrale sowie provinzielle Erschließungen aller Teile des Hoheitsgebietes lassen moderne Formen der Organisation und Mobilität wachsen. Alle modernen Staaten sind so entstanden, das Imperium Romanum sei hier nur als Beispiel genannt. Die Ideen der Aufklärung ließen den Begriff der civil society, die „bürgerliche Gesellschaft“ entstehen. Das Bürgertum als Gegenbegriff zum absolutistischen Fürstenstaat mit dem Begriffsdualismus Staat und Gesellschaft und der politischen Philosophie des Liberalismus bildet die Grundlage unserer derzeitigen bürgerlichen Gesellschaftsstruktur.

Gesellschaft ist ein zentraler Begriff der Soziologie, jedoch schwer allgemein zu definieren. Zu unterschiedlich sind Formen der Gemeinsamkeit von Individuen. Soziologisch unbestritten jedoch ist, dass unsere bürgerliche Gesellschaft auch eine Überfluss-, Arbeits-, Freizeit-, Konsum-, Medien-, Kommunikations-, Wegwerf-, Dienstleistung-, und anderer unzähliger Gesellschaftsformen ist. Jeder Mensch spielt in seinem Leben nicht nur unterschiedliche Rollen, er ist auch Mitglied in verschiedensten Gesellschaften mit all den zugeordneten Normen und Werten. Das kann jedoch auch zu Interessenskonflikten führen, denn „zwei Seelen wohnen in meiner Brust“ gilt heute für fast alle Menschen und bekanntlich führen mindesten zwei Wege zum Ziel.

Du sollst nicht… (43/2013)

Über einstige kulturbedingte Tabus zur willkürlichen politischen Korrektheit heute.

Vor etwas mehr als 100 Jahren schrieb Sigmund Freud seine faszinierende Schrift "Totem und Tabu". Freud wollte nachweisen, dass in der Frühzeit der allmächtige Vater von den Rivalen um die Frauen des Stammes, den eigenen Söhnen, ermordet und bei einem Festschmaus verzehrt wurde. Sein Wissen und seine Kraft wurden so durch ein kannibalisches Einverleibungsritual weitervererbt. An diesem Beispiel sieht man, dass kulturelle Bräuche vergangener oder auch ferner Völker für uns Mitteleuropäer heute tabu, also verboten sind. Ein Tabu beruht auf einem stillschweigend praktizierten gesellschaftlichen Regelwerk, auf einer kulturell überformten Übereinkunft, das Verhalten gebietet oder verbietet. Tabus sind unhinterfragt, strikt, bedingungslos, sie sind mithin Bestandteil einer funktionierenden menschlichen Gesellschaft und als soziale Normen unhinterfragbar. Dass bedeutet, dass zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften Gesetze, Verbote und Gebote das Zusammenleben innerhalb einer Gemeinschaft regelten und normierten. Wer gegen Tabus verstößt, wird bestraft. Ideal ist es, wenn Gott Gesetzgeber und Richter ist. In der christlichen Religion etwa war die Frucht der Erkenntnis ein Tabu – Adam und Eva verstießen gegen dieses Verbot und wurden so aus dem Paradies vertrieben. Erst Moses erhielt von Gott direkt die 10 Gebote und beim Jüngsten Gericht wird geurteilt: Wer gegen die Regeln verstößt muss für ewig in der Hölle für seine Tabubrüche büßen, wer brav und gottesfürchtig im Diesseits gelebt hat, dem winken die Freuden des Jenseits. Noch viel radikaler geht es im Islam zu – da darf laut einem malaysischen Gesetz - ein Nichtmoslem nicht einmal den Namen „Allah“ aussprechen, sonst drohen ihm bereits auf Erden die grausigsten Strafen und im Koran werden dem „Ungläubigen“ ohnehin alle Lebensberechtigungen bereits im Diesseits abgesprochen. Allerdings ist in dieser Wüstenreligion das Inzestverbot nicht streng tabuisiert, das führt zu vermehrten Erbkrankheiten, das wussten schon primitive Völker, wie Siegmund Freud thematisiert: „Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewiss nicht erwarten, dass sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Maß von Beschränkung auferlegt haben. Und doch erfahren wir, dass sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung inzestuöser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein.“ Es ändern sich also die Tabus im Evolutionsprozess. In unserer Gesellschaft gedenken wir der Toten einmal im Jahr, in animistischen Kulturen leben die Ahnen in der Familie weiter und nehmen an allen Ereignissen teil. Auch werden bei uns Kranke und Pflegebedürftige in eigenen Anstalten weggesperrt, während bei Völkern, welche keine Vollkaskoversicherungen haben, diese Personengruppen selbstverständlich im Familienverband liebevoll gepflegt werden. Krankheit und Tod sind in der materialistischen Industriegesellschaft tabu – die Werbung in den Massenmedien suggeriert den nach Besitz strebenden Menschen nur eine schöne, heile Welt. Wer allerdings diese heutigen Regeln als allgemein gültigen Zwang durchsetzt, das ist sehr rätselhaft, werden doch Tabubrüche als politisch inkorrekt sofort sanktioniert. Ganz besonders betrifft dies unsere kulturelle Interaktion. Generationen von Kindern genossen das Bilderbuch „Zehn kleine Negerlein“. Ein Zigeunerschnitzel, ein Mohr im Hemd war selbstverständlicher Bestandteil unserer gastronomischen Alltagsfreuden – heute mit Acht und Bann belegt. Wer Neger oder Zigeuner gar nur denkt ist mindestens ein Faschist, posaunen selbsternannte Tabuwächter hinaus – und das Volk gehorcht. Warum eigentlich? Vollkommen enttabuisiert wurde die Sexualität, speziell die Homosexualität, welche in den Medien derart häufig propagiert wird, so dass ein altmodischer Heterosexueller sich schon als abnormal stigmatisiert sehen muss. Auch hier sei auf den Wertewandel hingewiesen – im Alten Testament, 3. Mose 18,22 ist nachzulesen: „Du sollst nicht bei Knaben liegen, wie beim Weibe; denn es ist ein Gräuel.“ – der hat sich noch was getraut, der Moses, heute wäre er wegen Verhetzung angeklagt worden. Sind nicht die Folgen all dieser heutigen Tabus und Tabubrüche wieder mit der Freud’schen Analyse vergleichbar, wenn man die Volkskrankheit Nummer eins – burn out, also Nervosität – betrachtet? Seine Analyse brachte Freud zu einem wahrhaft vernichtenden Urteil über die Funktion der kulturellen Regeln seiner Zeit. Sie brächten nur wenig Nutzen, seien aber hingegen maßgeblich an der Zeiterscheinung „Nervosität“ beteiligt, sie seien weiteres Ursache von Impotenz und Frigidität, dem Leiden an und in der Ehe, von Neurose, Perversion und Inversion (Homosexualität), auf sie wäre gleichsam eine allgemeine Einschränkung der sexuellen Betätigung zurückzuführen. Daraus wieder resultiere eine Zunahme der Lebensängstlichkeit und eine Einschränkung der Genussfähigkeit beim einzelnen sowie auch der Todesangst und damit die Wurzel für Zeugungsmüdigkeit und für einen Verlust an Opferbereitschaft. Diese Auswirkungen seien eine Folge davon, dass jeder Mensch einmal an

eine konstitutionelle Grenze seiner Fähigkeiten, sich den kulturellen Regeln anzupassen, komme. „Alle die edler sein wollen, als ihre Konstitution es ihnen gestattet, verfallen der Neurose; sie hätten sich wohler befunden, wenn es ihnen möglich geblieben wäre, schlechter zu sein.“

Events: Die Götzendienste des Massenmenschen (29/07)

Die Event-Welten des 21. Jhts. sind die Wallfahrtsorte der erlebnisgeilen Postmoderne

In den meisten westlichen, kapitalistisch orientierten Industriestaaten wurden so ziemlich alle Wohlstandsziele erreicht, die kürzesten Arbeitszeiten durchgesetzt und ein soziales Sicherungssystem ohnegleichen installiert. Trotz bestehender Einkommensunterschiede verfügt ein Großt­­eil der Bevölkerung über mehr Mittel als zur Existenzsicherung nötig ist. Die Suche nach persönlichem Glück hat die Sorge um das materielle Überleben abgelöst, das Leben wurde zum Erlebnisprojekt in einer Spaß- und Eventgesellschaft. Imagination, Illusion, die Sucht, die Suche von außergewöhnlichen Scheinwelten in Gemeinschaft mit anonymen Menschenmassen zu erleben, steht im Vordergrund der Lebensziele der Menschen des 21. Jahrhunderts.

Das stetigen Streben nach immer größeren von Menschenhand geschaffenen Megawelten, etwa die Olympiade in Peking, das Projekt von Sotschi, erinnern an den Turmbau zu Babel. Der Mensch will die Schöpfung Gottes übertrumpfen, der nächste Event wird wieder das Maß aller Dinge sein, nur übertroffen vom übernächsten, und Millionen von gesichtslosen Menschenmassen verlangen bereits heute nach dem Mega-Event bei der über-übernächsten Veranstaltung. Die Knappheitsgesellschaft wurde von der maßlosen Überflussgesellschaft abgelöst. Der Lebensstil des rast- und ruhelosen Genussnomaden, geprägt von der permanenten Suche nach Glück und Befriedigung seiner uferlosen Sehnsüchte, erinnert an Goethes suchenden Dr. Faust. Der Homo Consumens findet unter Millionen Besuchern des Donauinselfestes, unter den Schönen und Reichen am Wörthersee oder bei aller sexuellen Offenheit der größten „Love Parade“ aller Zeiten keine dauerhafte Befriedigung. Wie bei allen Süchten ist das Ziel bereits die nächste Show. Mephisto – also die Veranstalter weltweit inszenierter Erlebniswelten – muss immer neue Gladiatorenspektakel herbeischaffen, ohne Aussicht, jemals die erlösenden Worte zu hören: „Zum Augenblicke möchte ich sagen, verweile doch, du bist so schön.“ Wer seine Seele der Eventgesellschaft verschrieben hat, wird keine Erlösung finden, denken wir nur an das peinliche Seitenblickepaar „Mörtel und Mausi“, an den alternden schönen Jörgl und an die unzähligen, omnipräsenten Politiker und Adabeis bei noch so verrückten und sinnlosen Events. Dabeisein ist das Ziel, in den Seitenblickemagazinen genannt zu werden, die Maxime, Akteur zu sein in der künstlichen Scheinwelt, ein Traum. Listige Reporter „schleppen“ dabei gerne die eitlen, mediengeilen Schickis und Mickis, wie neulich das neue Kanzlerpärchen. Das Kleid der Kanzlergefährtin hätte eine zu lange „Schärpe“, meinte Gusi, grinste und war schon ein Seitenblickestar. So trivial funktioniert das Eventdabeisein. „Don’t worry, be happy…“.

Bereit 1958 hat Jürgen Habermas den gegenwärtigen Entwicklungsstand gesellschaftlicher und politischer Verhältnisse in den westlichen Industrieländern als „neue Unübersichtlichkeit“ gekennzeichnet, doch es war ein langer Weg, bis unsere Gesellschaft derart unübersichtlich wurde. War bis zur ersten industriellen Revolution, 1780–1830 in England, die gesellschaftliche Position des Individuums im sozialen System fast aus­schließlich durch Geburt in eine soziale Schicht bestimmt, etwa Adel, Bürger­tum, Bauernstand, so entstand nach der Auflösung der agrarischen und handwerklichen Produktionsweisen des Feudalsystems die industrielle kapitalistische Massenerzeugung, und damit verbunden die Trennung von Haushalt und Produktion. Im Gefolge der zweiten industriellen Revolu­tion, Ende der 1880er Jahre, bilde­ten sich riesige Arbeitermassen heraus. Durch diesen raschen technischen und sozialen Wandel bedingt, kam es zu einem, laut Ortega y Gasset, „Aufstand der Massen“: „Das öffentliche Leben ist nicht nur politisch, es ist zugleich, ja zuvor geistig, sittlich und wirtschaftlich, religiös; es umfasst alle Kollektivbräu­che und schließt die Art der Kleidung wie des Genießens ein.“

Waren früher Müßiggang, Kulturereignisse, Rei­sen und ähnliche Genüsse ausschließlich dem Adel bzw. der Oberschicht vorbehalten, so eigneten sich die Massen der Mittel- und Unterschicht jetzt nach und nach alle Bereiche außerhalb der Arbeitswelt an. „Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden, die Cafés mit Besuchern; Theater und Kinos wimmeln von Zuschauern, die Badeorte von Sommer­frischlern. Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden. Der Massen­mensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Winde treibt. Und dieser Typus Mensch entscheidet in unserer Zeit.“ Wie treffend Ortega y Gasset bereits 1930 die Probleme ge­schildert hat, welche in vermehrtem Maße nach der 3. industriellen Revo­lution heute zutreffen, verblüfft. Arbeitszeit – trotz Verkürzungen – ist zwar nach wie vor der größte Block unserer Tätigkeit, gefolgt von der Schla­fenszeit, die freie Zeit nimmt den kleinsten Teil ein. Die wirkliche Freizeit beträgt vier Stunden täglich einschließlich zwei Stunden freie Zeit zur Erledigung von per­sönlichen Bedürfnissen wie Waschen, Essen, Einkaufen etc. – aber die Freizeit dominiert unser Leben!

Der moderne Mensch hatte also noch nie so viel Freizeit wie heute. Be­dingt durch Urlaub, Feiertage, Wochenende usw. arbeitet der Mensch auch nur mehr an ca. 200 Tagen im Jahr. Wir haben uns von einer Arbeitsgesellschaft zu einer Freizeitgesellschaft gewandelt. „In der modernen So­ziologie umschreibt Lebensstil empirisch feststellbare Merkmale, die einer Gruppe von Menschen gemeinsam sind. Weil die Freizeitorientierung des Lebens in den letzten dreißig Jahren auf breiter Ebene und bei fast allen Bevölkerungsschichten kontinuierlich zugenommen hat, werden sich „Lebensstil“ und „Freizeitstil“ immer ähnlicher, ja fast deckungsgleich!“ stellt der Freizeitforscher Opaschowski zusammenfassend fest.

Womit beschäftigt sich, wie verbringt der „moderne“ Erlebniskonsument also konkret seine Freizeit? Freizeit ist heute All­tag und Illusion zugleich. Viele Menschen brauchen die bunte Illusion, um die Alltagswirklichkeit ertragen zu können. Keine Rede also mehr von traditionaler, schöngeistiger Beschäftigung? – Nur mehr mo­derner, egoistischer „HOMO CONSUMENS“? Der Freizeitmensch definiert sich zunehmend als Genussmensch und ver­langt nach immer stärkeren Genuss-Reizen. Über allem schwebt das Damoklesschwert der Langeweile. Erhält das Individuum zu wenig Stimulierungen, wird das Leben langweilig, ein Zuviel an Reizen führt allerdings zu Stress. Mehr, schneller, weniger intensiv ist die Devise. Die Schnelligkeit hat Oberflächlichkeit zur Folge.

Der Medienkonsum ist da­von am meisten betroffen. Fernsehkonsum etwa lässt sich nicht weiter steigern, hat vielleicht sogar schon seinen Sättigungsgrad erreicht. Die elektronischen Medien verdrängen das Buch. Bis zum Jahre 2010 ist mit einem dramatischen Anstieg von Nicht-Lesern und Nicht-Buchkäufern zu rechnen. Damit ver­bunden wird auch die Zahl der passiven Analphabeten steigen. Diese er­schreckende Tendenz wird durch verschiedene Erhebungen bestätigt.

Das Konsumverhalten ist Großteils außengesteuert, man lässt sich berie­seln, lenken und anregen, möglichst interessant organisiert – der Rahmen ist hier somit gewohnt und sicher. Die traditionale Beschäftigung Lesen nimmt ab – die moderne, fremdgesteuerte Manipulation nimmt da­gegen zu. Konsumtrip und Freizeitkonsum in vollen Zügen zu genießen, ist das markante Kennzeichen der modernen sozialen Gruppe. Modern deshalb, weil früher die Familie als staatstragende Kleingruppe die soziale Norm war. Heute lebt in jedem dritten Haushalt ein Single im Alter von 25 bis 49 Jahren. Der Unterhaltungskonsum ist zwar vielfältig, aber oberflächlich, da die meisten freiwilligen Singles Angst vor zu viel sozialer Nähe haben. Sehnsucht nach emotionaler Wärme und sexueller Partnerschaft werden durch „Affären auf Zeit“ befriedigt. Diese Art von Lebenslustigkeit kann allerdings auch eine Maske sein. Die Konsum- und Freizeitwelt übt eine Sogwirkung auf die zwischenmenschlichen Beziehungen aus. Soziale Kontakte werden zur käuflichen Ware.

Event-Singleparties verhelfen paarungsbereiten Menschen jeden Alters zur raschen, lustvollen Kontaktaufnahme mit Gleichgesinnten. Infolgedessen ist das Konsum- und Unterhaltungsden­ken bei den Singles, neben den Jugendlichen, am stärksten ausgeprägt: „Sie haben nicht nur viele Konsumwünsche – sie leisten sie sich auch“, stellt das B.A.T. Institut Hamburg fest. „Brot und Spiele“ – sind diese beiden Kriterien in einer Gesellschaft vor­handen, gibt es meist keine Aufstände der so beglückten Massen gegen das herrschende, treffender: sie beherrschende System. Dass behäbige Sattheit träge macht, wussten schon die römischen Kaiser, denn sie wollten revolutionsmüde, wohlbeleibte Männer um sich scharen. In unserer modernen Industriegesellschaft mit oft bewegungsarmen Beru­fen hat Sport eine große Bedeutung als Ventilfunktion – einerseits als aktive Betätigung im Rahmen des gesunden Bewegungsausgleiches oder Übertreibung im Leistungsdenken, andererseits als passiver Aggressions-Abbau, gleichsam Gladiatorenspiele. Sport ist daher Massenbewegung und Modeerscheinung, Lebensstil und Lebensgefühl. ein Massenphänomen der Wohlstandsgesellschaft mit gigantischen Umsätzen, ebenso wie Reisen oder Konsum.

Die Freizeitausgaben halten die Wirtschaft am Laufen. Erlebniswelten dominieren alle Freizeitaktivitäten mit gigantischen Arenen, den modernen Kathedralen des 21. Jahrhunderts. Dort finden die „Events“ statt – aus dem Alltag herausragend, verdichtet, mit hoher Anziehungskraft, da ein „Spaß-Erlebnis“ versprochen wird. Dort finden vorprogrammierte Ereignisse statt, um sich massenhaft selbst zu inszenieren, dort findet die Suche nach dem besonderen Leben statt. Strukturierten früher Feste den Jahreszyklus, so finden Events ohne besonderen Anlass statt, sie sind deinstitutionalisiert, entstrukturiert, profanisiert, kommerzialisiert und veralltäglicht – mit einem Wort keine „echten“ Erlebnisse. Früher waren Religion und Kirche für Heilsversprechen und Paradiesvorstellungen zuständig, heute sorgen Traumwelten und künstliche Paradiese einer mächtigen Freizeitindustrie für den Himmel auf Erden. Bereits Jean-Jacques Rousseau stellte 1762 fest: „Nicht wer am ältesten wird, hat am längsten gelebt, sondern wer am stärksten erlebt hat.“ Die Protestantische Ethik wurde von der Konsum-Ethik abgelöst. Nicht leben, um zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu leben, ist heute die Handlungsmaxime. In einem Leben muß viel erlebt werden, Themenrestaurants und Freizeitparks sind zu besuchen, ebenfalls locken Showprogramme und Shopping Malls, Freilichtspiele, Weltausstellungen, der kollektive Rausch beim Oktoberfest und unzählige andere McDonaldisierte Erlebniswelten. Die Plastik-Retortenwelt von Disneyland wird einem Naturerlebnis vorgezogen, und künstliche Tiere sehen wie in Wirklichkeit aus, nur computergesteuert. Wird Natur langweilig, sind simulierte Nachbildungen und Imitationen faszinierender?

Die Reproduktionskultur führt zur Krise des Originals, in Las Vegas ist Venedig wesentlich sauberer bestaunbar als in Italien, und der Krokodilroboter von Disney kriecht ungefährlicher aus dem Wasser als das wilde Original. Droht mit der Eventisierung aller Lebensbereiche ein Realitätsverlust? Diese Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, glaubt doch so manches Kind, dass nur die blaue Milkakuh aus der Fernsehwerbung eine echte Kuh ist. Andererseits gibt es die Sehnsucht nach Echtheit, nach unberührter Natur, aber auch das lässt sich, da von viel zu vielen gewünscht, nur organisiert erleben, mit tausend anderen Sehnsüchtigen auf Kreuzfahrt zu den Galapagos-Inseln etwa. So ist die Begeisterung und Faszination neuer Illusionswelten der Erlebniskonsumenten den Sehnsüchten nach Realem und Originalem gegenüberzustellen. Das Authentische muss neu definiert werden, unecht Scheinendes kann real werden, wenn etwa Disneyland zum authentischen Ausdruck amerikanischer Kulturtradition wird. Hinter allen menschlichen Träumen verbirgt sich letztendlich die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies. Neue Paradiese ergeben immer auch neue Märkte, Illusionen und Sehnsüchte wollen vermarktet und verkauft werden, denn leben heißt erleben, immer auf der Suche nach dem wahren Glück.

Die Erlebnisgesellschaft hat seine gedanklichen Wurzeln bei Rousseau: „Erlebe dein Leben – oder stirb!“ die Monokultur weicht der Vielfalt. Diese totale Vermarktung erlebt ein Kinobesucher in der Kunstwelt von „Multiplex-, Omnimax- und Cineplex“-Kinos. Nicht nur unzählige Kinosäle bieten für alle Altersgruppen und Themengeschmäcker Filme an, es gibt Restaurants, Spielecken, Einkaufsmöglichkeiten aller Art – der Besucher soll diesen Freizeittempel nicht mehr verlassen müssen, er bekommt alle Wünsche erfüllt, das Geld des Konsumenten darf nicht abwandern. Diese Marketingkonzepte werden bei Openair-Events ebenso durchgezogen wie bei Erlebnisbadelandschaften, Musicals oder Einkauferlebniscenters. „Wo ist am meisten los?“. Nicht der Gebrauchswert entscheidet, sondern der Erlebniswert. Die Grenzen zwischen „Shopping-Centern“ und „Entertainment Centern“ werden immer fließender, sodass Marken- und Unternehmenswelten entstehen, wie „Swarowski Kristallwelt“ oder „World of Coca Cola“. Diese neuen Erlebniswelten werden von Reisebüros angefahren, helfen beim Markenaufbau und stützen unternehmenskulturelle Identität: „von einem grauen Erzeuger zu einem bunten Unternehmer“ heißt die Werbezauberformel.

All diese Trends werden bereits in jedem kleinen Dorf praktiziert. Wo gibt es noch kein Sommerspiel? Die Region um den Wörthersee vermarktet so ziemlich alle erdenklichen Spektakel, kein Lärm ist zu laut, kein Alkohol zu hochprozentig, kein Star zu teuer, um nicht aus Steuergeld subventioniert zu werden. Und sie kommen, die eigenartigen GTI-Fans, die noblen Oldtimerfahrer, die durchgestylten Harley-Biker. Die Touristikunternehmer freut‘s, Anrainer weniger, und Politiker sind immer dabei. Sport, Kultur und Unkultur verdrängen alte Bräuche und volkskundliche Traditionen. Aber es gibt sie noch, die Goldhaubenfrauen neben neumodischer Tracht, zu bewundern bei so manchem Kirchtag, eigentlich auch ein Event, jedoch in der kirchlichen Tradition. In den Erlebniswelten kündigt sich oftmals eine Wiederkehr der Symbole und Rituale alter Bräuche an, wenn auch neu verpackt, in anderer, zeitgeistiger Form.

Die Erlebnisinszenierungen bekommen Kultcharakter und die Reisen zu diesen Events gleichen Wallfahrten der Moderne. Werden die neuen Kultstätten, die Kathedralen des 21. Jahrhunderts, zum Heiligtum der erlebnissüchtigen Menschen? Zelebrieren die Erlebnismacher ihre Art von Götzendienst, die Massen von Menschen ums Goldene Kalb tanzen lassen? Die Erlebniswelten im 21. Jahrhundert sind Wallfahrtsorte und Unterhaltungsstätten, die religiöse Gemeinde wird zur Weltgemeinde der Unterhaltungsbranche. Opaschowski zur Hybris der Gottähnlichkeit: „Der Millennium Dome will Shows und Ausstellungen, virtuelle Spielereien und echte Shoppingmöglichkeiten bieten sowie per Infotainment Antworten auf die Frage geben: wer wir sind, wo wir sind und wohin wir gehen werden. Ein vermessener Anspruch, der zwischen Lebenssinn und Wahnsinn angesiedelt war, weil er selbst einen Vergleich mit dem Petersdom in Rom nicht scheut. Der Turmbau zu Babel lässt auch im 21. Jahrhundert grüßen.“

Der Kongress tanzt noch immer. In Wien – in der Hofburg. ((02/2012 – neu)

Alles Walzer! Aber nur Linkswalzer?

 Obwohl seit dem Wiener Kongress von 1814 bald zweihundert Jahre vergangen sind und die einst stolze Österreichisch - Ungarische Monarchie seit fast einhundert Jahren nicht mehr existiert, wirbt auch heute noch die Betreibergesellschaft der Hofburg mit imperialer Größe: „Das historische Kongresszentrum Hofburg im Herzen der Stadt macht Wien zur Metropole der Begegnung. Die kaiserliche Residenz der Habsburger ist die erste Adresse Europas“. Tradition verpflichtet eben, denn wo sonst als in Wien wäre es möglich, die unterschiedlichsten Persönlichkeiten, Ideologien oder Organisationen friedlich, diplomatisch und tolerant zusammenzubringen?

Unter der Leitung des österreichischen Außenministers Fürst von Metternich berieten vom 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 politisch bevollmächtigte Vertreter aus rund 200 europäischen Staaten über die neu festzulegenden Grenzen Europas nach der Niederlage Napoleon Bonapartes. Diesem Wiener Kongress wird nachgesagt, dass Tanzveranstaltungen bei den diplomatischen Aktivitäten eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hätten. Wien wurde seit diesem bedeutenden Kongress die Hauptstadt der Bälle, der Tanzveranstaltungen mit ganz besonderem Charme und vornehmen Ablauf. So eine Ballnacht ist eine gehobene, festliche gesellschaftliche Tanzveranstaltung, für ein meist ausgewähltes Publikum. Früher war er für gehobene Gesellschaftsschichten ein wichtiges Element des Heiratsmarktes. Junge Frauen traten auf Debütantinnenbällen erstmals als erwachsene, heiratsfähige Personen auf. Heute dienen Bälle unter anderem dem Zweck des Sehens und Gesehenwerdens. Hinter den Kulissen werden in gelöster Atmosphäre Geschäfte angebahnt, es wird politisiert und einfach neue Kontakte geknüpft – ganz in der Tradition des Wiener Kongresses.  Zum Flair eines edlen Balls gehört eine persönliche schriftliche Einladung meist mittels gedruckter Einladungskarten – bei gehobenen Anlässen oft auch auf handgeschöpftem Büttenpapier.  Die Balleinladung notiert üblicherweise für Herren in aufsteigender Ordnung des geforderten „Putzes“: Dunkler Anzug, Smoking oder Gesellschaftskleidung, also Frack oder Galauniform. Sofern vorhanden, werden die entsprechenden Orden oder Ehrenzeichen getragen. Der Grad des geforderten „Putzes“ für die Damen lässt sich aus den Angaben für die Männer und aus dem Anlass ableiten. Bei Gesellschaftskleidung ist ein edles, bodenlanges Ballkleid erwünscht. Ebenso werden, wenn vorhanden, Schmuckstücke getragen. All diese wichtigen Details, sowie entsprechende Tanzkenntnisse vermittelt in perfekter Weise der Wiener „Benimmpapst“ Thomas Schäfer-Elmayer. Wer also solch einen traditionsreichen Ball besuchen möchte, muss über so manche kulturellen Kenntnisse verfügen, welche sich aus der höfische Manier entwickelt haben und auch heute als gesellschaftliche Verhaltensregeln auf den Wiener Hofburgbällen Gültigkeit besitzen. Von der Tugend der Pünktlichkeit über das perfekte Auftreten bis hin zur Damenwahl - dazu Prof. Elmayer: "Die Wiener Hofburg und die Balltradition sind eng miteinander verknüpft. So war es Josef II, der die Hofburgbälle für das Volk öffnete, und den Grundstein für die Entstehung der Wiener Balletikette setzte. Ab nun wollten die Wiener das Tanzen lernen und sich in der höfischen Etikette besser auskennen. Dem unvergleichlichen Boom im 19. Jahrhundert folgend, wurden Tanzschulen gegründet, die Tanz und Manieren unterrichteten. Der Fokus von Musik und Tanz richtete sich, der Mode der Zeit entsprechend, auf die Wiener Komponisten des Walzers, der Polka und der Märsche. Sie geben heute noch in der Wiener Ballsaison den Takt an. Gerade die Eröffnungszeremonie nimmt in der Wiener Balltradition eine wichtige Stellung ein. Daher sind die jungen Menschen auch unverzichtbar für die Ballsaison. Um an der Eröffnung teilnehmen zu dürfen, ist es nicht nur erforderlich, ordentlich Wiener Walzer nach links zu beherrschen, sondern die Zeit für das Einstudieren der Choreographien zu opfern und - was nicht für alle einfach ist - das Geld für die Ballkleidung aufzubringen. Prinzipiell prägen die Wiener Ballgäste mit ihrer guten Laune, der Fähigkeit zur amüsanten, geistreichen und charmanten Konversation, ihren eleganten Äußerungen und ihren angenehmen Umgangsformen den Charme der Wiener Hofburgbälle, die mangels dieses Publikums bei den unzähligen Imitationen der Wiener Bälle im Ausland nie erlebt werden können. Wissen über die Wiener Balletikette ist bei allen Gästen der Wiener Hofburgbälle essentiell".

Zusammenfassend lässt sich also resümieren, dass die Hofburgbälle der kulturellen Toleranz zivilisierter Menschen dienen, welche sich, speziell während der Faschingszeit, unter Gleichgesinnten, aber auch gerne gesehenen geladenen Gästen amüsieren wollen. Keinesfalls ist vorgesehen, dass bei diesem traditionellen Amüsement das so genannten Metternichsche Zensur- und Spitzelsystem des Vormärz irgendeine Bedeutung erlangen könnte, ganz im Gegenteil. Und doch scheint es intolerante Intriganten zu geben, deren historische Kenntnisse nicht bis zum Wiener Kongress zurückreichen, denn wie sonst wäre es erklärbar, dass anscheinend Linkswalzer nur linksgesinnte Personen tanzen sollen? Da werden honorige Professoren, Anwälte, Studenten, also akademisch gebildete österreichische Staatsbürger samt ihren internationalen Gästen ganz simpel pauschal diffamiert – das entspricht nicht unserer Kultur! Unsere Kultur hat nicht nur den Wiener Kongress ermöglicht, sie hat auch etwa Kennedy und Chruschtschow charmant zusammengebracht - das ist die einzigartige Wiener Atmosphäre imperialer Tradition. Und der Umsatz? „Im Geschäftsjahr 2010 erwirtschaftete das Kongresszentrum Hofburg einen Nettoumsatz von rund 10 Millionen Euro. Im Jahr 2011 sind 300 bis 350 Veranstaltungen in der Hofburg geplant. Zwischen 300.000 und 320.000 Besucher aus aller Welt werden in diesem Jahr die Hofburg Vienna besuchen.“ Samma fesch: „Alles Walzer!“

Das Versagen der Sozialwissenschaften (14/06)

Zu Fragen der Migration schweigen sich die Kulturwissenschaftler beharrlich aus.

Plötzlich wird in Deutschland festgestellt, dass wir „am Ende der Sackgasse“ sind, in den Schulen „Kriminelle und Terroristen großgezogen würden“ und „das der Kiez eines Tages brennen wird“ (Die Presse vom 1. April 2006). All das ist seit vielen Jahren wissenschaftlich prognostiziert worden. Vor über zehn Jahren untersuchten französische Soziologen die Zustände in den Pariser Vororten. Sehr wohl wurde erkannt, dass hier eine soziale Bombe tickt. Da kein Politiker irgendwelche Konsequenzen aus diesen Erkenntnissen zog, wurde die Studie archiviert. Der Bielefelder Univ. Prof. Wilhelm Heitmeyer präsentierte 1997 erschreckende Erkenntnisse bezüglich Gewaltbereitschaft türkischer Jugendlicher in Einwanderungsgesellschaften – etwa, dass 28,5 Prozent der Befragten folgende Frage bejahten: „Gewalt ist gerechtfertigt, wenn es um die Durchsetzung des islamischen Glaubens geht.“ Auch hier – kein Aufschrei der Volksvertreter, keine gesetzlichen Maßnahmen, der Gewaltspirale entgegenzutreten.

Die Sozialwissenschaftler verfolgten diese brisanten Themen nicht weiter. War damit doch kein Geld zu verdienen, und zusätzlich erkannten die im akademischen Elfenbeinturm sitzenden, karrierebewussten Professoren, dass man sich den Unmut der linken Subventionsverteiler zuzog, wenn vielleicht ein potentieller Wähler beleidigt wird. Man widmete sich wieder, äußerst bequem, den beliebten Aufarbeitungsthemen. Forschungsprojekte über die gesellschaftliche Missentwicklung unserer Elterngeneration zwischen 1938 - 1945 etwa werden großzügig gefördert. Ganze Bibliotheken enthüllen die sozialen Zustände Nicaraguas und in der Österreichischen Zeitschrift für Soziologie findet man stets geschraubte Abhandlungen à la: „Zur Eigenlogik, zu den Strukturbedingungen und zum Wandel der Werbung als medienkommunikativer Gattung“.

In Zukunft sind alle mit sozialen Fragen beschäftigten Feldforscher aufgerufen, selbständig ihre Warnungen vor sozialen Fehlentwicklungen immer wieder zu publizieren, um Politiker zu zwingen, nicht wie die drei Affen, nichts zu sehen, nichts zu hören und nichts zu sagen.

Es ist eine Schande, daß kein europäischer Soziologe jene Analyse publizierte, welche eine arabische Psychologin, Frau Wafa Sultan über den geschmähten Sender Al Jazeera mutig über ihre eigene Kultur wagte: „Wir haben in der Welt keinen Zusammenstoß der Religionen oder Zivilisationen sondern zweier Zeitalter: zwischen Mittelalter und 21. Jahrhundert, zwischen Primitivität und Vernunft, zwischen Unterdrückung und Freiheit, zwischen Diktatur und Demokratie, zwischen Barbarei und Menschenrechten, zwischen jenen, die Frauen wie Vieh und jenen, die sie als menschliche Wesen behandeln....“. Soziologen und Politologen Europas – schreit endlich hinaus, dass wir in eine Bürgerkriegsgesellschaft absinken, wenn nicht sofort politische Gegenmaßnahmen getroffen werden.

Unbekannte Nachbarn (25/06)

Woran die Sozialwissenschaft scheitert: Wie kann man ethnische Kolonien untersuchen, die in geschlossenen Systemen leben?

Das Telefon läutet. Freundlich wird Dir offenbart, dass Du zu einer „repräsentativen Gruppe“ gehörst und die folgenden Fragen mit „ja, eher ja, eher nein, nein oder – weiß nicht“ beantworten darfst. Vorausgesetzt, der so Auserkorene versteht die Fragen (es sollen ja auch schon nicht Deutsch sprechende Ausländer gefragt worden sein, ob sie Deutsch lernen wollen), werden hoffentlich richtig zugeordnete Kreuzerl von der Telefonistin gesammelt, möglichst rasch, die Bezahlung erfolgt nach Anzahl abgelieferter Fragebögen. Das Statistikprogramm eines Computers zählt die Kreuzerln und spuckt wunderbare Prozentangaben und Graphiken aus.

In letzter Zeit wurde der erstaunte Bürger mit dieser quantitativen Meßmethode zum Thema „Integrationswilligkeit zugewanderter Ausländer“ verwirrt. Das Innenministerium erforschte, dass 45 Prozent der Zuzügler nicht integrationswillig seien. Stimmt nicht, meinten flugs ausländerfreundliche, aber österreichfeindliche Volksvertreter und unsere „Resi“ von den Grünen zitierte ihre Haussoziologin, eine saturierte Universitätsprofessorin, die bereits andere Prozentsätze in ihrer Schreibtischschublade bereit hatte. Ein anderer linker Wahrsager trat auch im Fernsehen auf und seine Zahlenspielerei gipfelte letztlich bei 95 Prozent doch integrationswilliger Fremder – wer bietet mehr?

Selbstverständlich werden solche Studien bestens honoriert und die federführenden, in ihren universitären Elfenbeintürmen sitzenden Wissenschaftler untermauern diese Statistiken mit entsprechender Weisheit, allerdings scheinbar nicht verifizierbar, denn sonst gäbe es nicht gravierende Unterschiede im Endergebnis. Wahrscheinlich haben diese Verandasoziologen noch nie persönlich mit einem integrationsunwilligen Türken persönlich gesprochen!

Stanislav Andreski bezeichnet diese Spezies als „Hexenmeister der Sozialwissenschaften“ und untersuchte ausführlich Missbrauch, Mode und Manipulation im Namen der Wissenschaft. Es ist natürlich wesentlich einfacher, rascher und auch ungefährlicher, Zahlenspielerei im Büro zu betreiben, als persönlich in die Lebenswelt, etwa von Islamisten, vorzudringen. Der international bekannte Soziologe der Wiener Universität, Roland Girtler, hat mit der „qualitativen“ Feldforschungsmethode schwierigste Randkulturen durchleuchtet. Ein Soziologe muß neugierig sein, auf die Menschen zugehen, deren Sprache sprechen, er muss am Leben der zu untersuchenden Gruppe teilnehmen, Rituale, Alltagshandeln beobachten, soziale Strukturen, Schichten, Machtrituale, Symbole, Normen und Werte ihres Lebens erkennen und beschreiben. Girtler hat seine Erfahrungen in den „10 Geboten der Feldforschung“ dargestellt und als verwegener, unerschrockener teilnehmender Beobachter die Methode des „ero-epischen“ Gespräches angewandt, das heißt, keine vorgefertigten Fragen ankreuzeln zu lassen, sondern miteinander offene, situationsabhängige Gespräche führen.

Speziell bei der Gruppe moslemischer Zuwanderer stellte etwa der deutsche Politikwissenschaftler und Stadtsoziologe Hans Gerd Jaschke in einem 3sat-Interview anlässlich der horriblen Vorfälle in einer Berliner Schule nüchtern fest, dass „wir eigentlich über keine Kenntnisse der Lebenswelten von Migrantenfamilien verfügen. Wir haben uns bis jetzt schlichtweg damit nicht beschäftigt.“

Das Resümee des Wissenschaftlers ist freilich auch an der Tatsache gekoppelt, daß sich der Alltag zugewanderter Moslems vielfach in geschlossenen Gesellschaftsstrukturen von Parallelwelten abspielt. Hier bietet sich für echte Sozialwissenschaftler ein weites Forschungsfeld, denn die sich europaweit abzeichnenden Problemfelder haben auch für Österreich Relevanz. Mit betroffenen Menschen persönlich zu sprechen, nicht herum zu telefonieren bringt objektive Erkenntnisse, aus denen man die politisch notwendigen Konsequenzen ziehen kann. Also neben den Fremden auch mit den Österreichern, die im gleichen Haus wohnen, mit den Nachbarkindern, den Mitschülern, den Arbeitgebern, der Fremdenpolizei usw. sprechen und nochmals sprechen. Der freie Feldforscher liefert keine Prozentzahlen nach seiner Untersuchung, er zeigt aber auf, „wie“ das soziale Handeln und „wie“ die Regeln, Normen und Werte das Handeln beeinflussen. Ein Königsweg, schwierig, nachzulesen bereits bei Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel: „Die Arbeitslosen von Mariental“.

Für den mutigen Soziologen gäbe es bei der Migrationsforschung interessante Themen. Arbeits-, Kriminal-, Stadt- und Kommunikationssoziologie böten breite „Betätigungsfelder“. Allerdings ist fraglich, ob die Wahrheiten der politisch korrekten Gesellschaft auch zumutbar wären. Ein paar Beispiele aus den genannten Gebieten.

Arbeitssoziologie: Brauchen wir überhaupt diese meist unqualifizierten Zuwanderer und deren Nachkommen? 5,2 Prozent der Österreicher sind arbeitslos, aber 11,6 Prozent der Ausländer ebenfalls. Bei den 25 bis 27jährigen haben 12,4 Prozent der Österreicher, aber 49,4 Prozent der Ausländer maximal einen Pflichtschulabschluss. Diese Situation verschärft sich dramatisch, da eine katholische Österreicherin nur 1,32 Kinder aufzieht, eine Muslima jedoch 2,34. Diese Reproduktion ungebildeter Zuwanderer ist eine soziale Zeitbombe, da diese Leute alle finanziellen Zuschüsse des Sozialstaates konsumieren. Diese Abhängigkeit ist kein Leistungsanreiz selbst produktiv tätig zu werden. (dazu Milli Görüs: „Wir gebären euch zu Tode – wir sind die neuen Österreicher“)

Kriminalsoziologie: Das radikale muslimische Weltbild behindert eine Akzeptanz des österreichischen Rechtsstaates, da ein echter Muslim kein Teil der nichtmuslimischen Gesellschaft sein kann. In Wien sind von 65.667 Straftätern bereits 26.230 Ausländer. Wie geht diese Entwicklung weiter, wenn immer mehr ungebildete Zuwanderer an unserer Konsumgesellschaft partizipieren wollen, jedoch keine Arbeitsstelle finden und sich einfach nehmen, was sie wollen?

Sozialisation: Wie kann sich ein Kind in einem Kindergarten weiterentwickeln, wenn in der Gruppe von 25 nur drei Deutsch sprechen, und die Kindergartentante sich nur mittels „Pantomime“ verständigen kann? Resultat: Immer mehr Kinder sind verhaltensauffällig, da religiöse und kulturelle Barrieren eine Gruppenkonformität verhindern.

Stadtsoziologie: Im 15. Wiener Gemeindebezirk ist jeder Dritte bereits Ausländer, in Hallein wird die Altstadt „Klein-Istanbul“ genannt. In geschlossenen Gesellschaftssystemen reproduzieren sich die Strukturen nur mehr selbst, eine Anpassung an das Gastland ist gar nicht mehr notwendig. Wann explodiert diese „Verjugoslawisierung“ ethnischer Kleinzellen in Gewaltausbrüchen, wie wir sie in den Vororten von Paris immer öfter sehen?

Kommunikationssoziologie: türkische Zeitungen, arabische Fernsehsender, pakistanische Internetseiten – all das ist auch in Ottakring verfügbar. Die Neoösterreicher bleiben daher weiter geistig in ihrer „Heimat“. Es besteht kein Zwang sich zu integrieren. Die türkischstämmige Soziologin Necla Kelek bestätigt, daß auch die 3. Zuwanderergeneration nicht aus der Parallelgesellschaft ausbricht.

Ein weites Betätigungsfeld tut sich dem echten Feldforscher auf. Aber wer wagt es, in den Parallelgesellschaften zu forschen, um eventuell herauszufinden, dass hier ein Gefahrenpotential ungeahnten Ausmaßes lauert, und wir weder diese Zuwanderer brauchen noch sie integrieren können, geschweige eine Finanzierung durch den Sozialstaat möglich ist, solange die Zwangsjacke der politischen Korrektheit solche Schlussfolgerungen von vorhinein untersagt?

Das Ende der Vollkaskogesellschaft (42/07)

Der allgegenwärtige Versorgungs- und Wohlfahrtsstaat hat zu Mentalitäten geführt, die inzwischen fast alle Lebensbereiche durchdringen

 Der allgegenwärtige Versorgungs- und Wohlfahrtsstaat hat zu Mentalitäten geführt, die inzwischen fast alle Lebensbereiche unserer Gesellschaft durchdringen. Die Vorstellung von der totalen Sicherheit ist eine Erscheinung, die vor allem in den „Wohlfahrtsstaaten“ zu beobachten ist. Nur, die staatliche Absicherung in vielen Lebensbereichen führt nicht etwa zur Beruhigung, sondern lässt die Tatsache als beunruhigend erscheinen, dass es immer noch Lebensbereiche gibt, die sich dieser Absicherung entziehen.

Wo ist er, der mündige, erwachsene Bürger des 21. Jahrhunderts, der für sein Handeln voll verantwortlich ist? Der auch die Kosten bei selbstverschuldetem, fahrlässigem Verhalten trägt und nicht die Solidargemeinschaft zur Kasse bittet? Dieser Typus des erwachsenen, mündigen „Citoyens“, mit Rechten und Pflichten, unterscheidet sich von den verwalteten Massenmenschen des 20. Jahrhunderts dadurch, dass seine Biographie individualisiert wurde. Mobilität, Flexibilität, die Pluralität der Lebensstile und die Bereitschaft, neue Herausforderungen lernend anzunehmen, verändern den bisher meist vorprogrammierten Lebensverlauf derart, dass es an der Zeit ist, dass Politik und Bürokratie die Bevormundung des Untertanen beenden.

Die ÖVP wird sich bei ihrem Zukunftskonzept an diese richtungweisenden Entwicklungen orientieren müssen und das kostet Wählerstimmen. Die bündische Struktur einer „Volkspartei“ will es allen sozialen Gruppen Recht machen, aber bei echter sozialökonomischer Gerechtigkeit kann das nur bedeuten, Abschied nehmen von den lieb gewonnenen „wohlerworbenen“ Rechten. Aber wer wagt schon Reformen, welche nicht nur die direkte Demokratie fördern sollten, sondern den Staatsbürgern auch individuelle Wahlmöglichkeiten etwa bei Kranken- und Pensionsversicherungen einräumen könnten? Wer konsumiert, soll selbst bezahlen, er ist eben selbstverantwortlich. Schluss mit alles gratis, alles umsonst, denn das bedeutet letztendlich nur, dass andere Zahler die Zeche begleichen müssen. Das Ende des Zeitalters der Sozialschmarotzer ist gekommen.

Betrachten wir zu Beginn dieser utopischen Überlegungen den in der Verfassung festgeschriebenen Gleichheitsgrundsatz im Geschlechterverhältnis. Frauen haben keine Wehr- oder Wehrersatzdienstpflicht. Das sogenannte schwache Geschlecht darf um fünf Jahre früher den wohlverdienten Ruhestand antreten, dafür ist die durchschnittliche weibliche Lebenserwartung auch um mehr als fünf Jahren den Männern überlegen – Tendenz steigend. Wäre es bei dieser Ungleichheit nicht angebracht, sowohl einen „Bürgerdienst für Frauen“ einzuführen, das Pensionsantrittsalter an das der Männer anzupassen, als auch die Kosten von Pension- und Krankenkassen, etwa Pflegekosten, in der Dimension Lebensalter quantitativ zu betrachten? Wer wagt aber, solche theoretischen Überlegungen in die Praxis umzusetzen? Höchstens die Scharia könnte diese verwegenen Ideen umsetzen.

Ein erster Schritt der Sensibilisierung wäre eine Änderung der Gehaltsauszahlung. Der Arbeitnehmer soll seinen Bruttoverdienst, inklusive Arbeitgeberanteil, überwiesen bekommen. Dafür könnte er die Abdeckung seiner Krankenkassenversicherung frei wählen, auch im freien Markt der Assekuranzen, denn eine Trennung von Angestellten, Selbständigen, Bauern – die Eisenbahner nicht zu vergessen – ist ein Relikt des vergangenen Jahrtausends. Fast jeder Erwerbstätige muss in Zukunft damit rechnen, einmal angestellt, dann wieder selbständig oder auch „projektbezogen“ sein Brot zu verdienen. Nun zur Wahl der Versicherungsart.

Ein Alkoholiker, Nikotinsüchtiger oder Extremsportler wird die teure Vollkaskodeckung nehmen, ein Gesundheitsbewusster Abstinenzler, der täglich eine Stunde spazieren geht, die Minimalvariante. Jede unverschuldete Erkrankung bzw. jeder Unfall wäre damit abgedeckt. Alle zwei Jahre müsste der Versicherte zur Gesundenuntersuchung, das wäre eine logische Fortsetzung des Mutter-Kind-Passes. Der Befund zeigt, ob die gewählte Versicherungsvariante die persönlichen Risiken abdeckt. Wie bei der Kfz-Versicherung würde ein Bonus-Malus-System die Kostengerechtigkeit sicherstellen. Heute haften alle Beitragszahler für alle Risiken, auch für selbstverschuldete und grob fahrlässige. Wie kommen aber gesundheitsbewusste Menschen dazu, für dreihunderttausend Alkoholiker und nahezu eine Million Nikotinsüchtige die Folgen ihres unverantwortlichen Lebenswandels zu bezahlen, von den steigenden Freizeitunfällen ganz zu schweigen. Der erwachsene Mensch soll mündig und alleine für sein Handeln und Tun haften. Selbstverständlich darf das Prinzip Eigenverantwortung nicht nur auf österreichische Staatsbürger angewandt werden. Auch Zuwanderer sind nach diesem Grundsatz in die Pflicht zu nehmen. Das bedeutet, dass jeder, der in Österreich arbeiten oder leben will, die Landessprache können muss, bevor er sich bei uns niederlässt. Sollten trotzdem Integrationslehrer benötigt werden, hat dies derjenige zu bezahlen, der diese Dienste in Anspruch nimmt. Warum sollen Steuerzahler für jene Kosten aufkommen, welche ignorante Zuwanderer verursachen? Wie überall, soll auch in solchen Fällen das Verursacherprinzip gelten.

Viele Bereiche gäbe es noch zu durchforsten, etwa den riesigen Bereich der Subventionen. Warum soll jede noch so banale „Kunst“ gefördert werden? Der Kunst ihre Freiheit, und Freiheit in unserer kapitalistischen Gesellschaft findet mittels Angebot und Nachfrage am freien Markt statt. All diese utopischen Überlegungen sind natürlich in einem überregulierten Staat wie der Republik Österreich nicht umsetzbar, obwohl damit der Steuerzahler zu entlasten wäre, die Staatsquote sinken und die Staatsverschuldung reduziert würde.

Darüber hinaus, wird Österreich in Brüssel inzwischen regiert, die restlichen zehn Prozent Eigenverantwortung teilen sich Parlament, Regierung, neun Bundesländerverwaltungsapparate, nahezu 2.500 Gemeinden, die NGOs, außerparlamentarische Sozialpartner, diverse Pensions- und Krankenkassen und andere, zum Teil undurchschaubare bürokratische Institutionen. Dabei muß noch festgehalten werden, dass die sogenannte demokratische Gewaltenteilung parteipolitisch von einigen wenigen handelnden Personen intern aufgeteilt wird. Die meisten Gesetzesvorlagen werden von der Exekutive eingebracht, die dafür zuständige Legislative nickt dazu. Ministerweisungen engen die angeblich unabhängige Justiz ein, und die vierte Säule der Demokratie, die freie Presse, ist, gut subventioniert, nahezu gleichgeschaltet in regierungsuntertaner Hand.

Nun, geneigter Leser, wo bitte ist Platz für den mündigen Bürger der Zukunft? Vielleicht der Herr oder die Dame von nebenan? Richtig, dort, in weiter Ferne, war ganz zaghaft der Ruf „bitte zahlen“ zu hören. Es ist nicht ratsam, Utopien anzudenken, schon Thomas Morus bezahlte dafür mit seinem Leben. Politische Parteien wollen Wahlen gewinnen, nicht Geld ihrer Untertanen einsparen, und das Denken, das hat schon unser wohlbeleibter Herr Kanzler festgelegt, möge man ihm überlassen.

Das Automobil ist auch eine Waffe (19/07)

Warum eigentlich nicht auch ein Waffenschein für alle Autofahrer

 Wenn heute ein Flugzeug abstürzt, sich ein Terrorist in die Luft sprengt oder ein wahnsinniger Student ein Massaker anrichtet, berichten weltweit die Medien, nahezu in Echtzeit, über all diese tragischen Ereignisse. Diskussionen werden wochenlang darüber geführt, wie man in Zukunft verhindern könnte, dass solche unfassbaren Vorkommnisse wieder passieren. Speziell wenn Schusswaffen zu Todesfällen führen, scheinen alle Verhinderungstheoretiker einer Meinung zu sein: verbieten! Aber vielleicht hätte eine legale Schusswaffe in der Hand eines Professors das Massaker an der Virginia Tech Universität in Blacksburg vorzeitig beenden können. Wer weiß?

Niemand wird so streng überprüft, wie ein legaler Waffenbesitzer in Österreich – Psychotest, Waffenführerschein, Unbescholtenheit und alle fünf Jahre Erneuerung der Lizenz. Das Recht, eine Waffe zu besitzen, wenn all diese Voraussetzungen erfüllt sind, ist Bürgerrecht. Ein mündiger Bürger hat Pflichten und Rechte! Auch die Pflicht, sich selbst zu schützen. Anders schaut es allerdings bei Führerscheininhabern aus.

Man kann behaupten, dass jeder Psychopath problemlos die tödlichste Waffe der Welt kaufen und betreiben darf – das Auto. Medienberichte über Verkehrsunfälle sind selten. Das Massaker auf den Straßen ist Alltag geworden – alle 30 Sekunden stirbt irgendwo auf der Welt ein Mensch im Straßenverkehr. Laut WHO verlieren dreimal so viele Männer wie Frauen ihr Leben auf der Straße, und jedes vierte Opfer ist ein Jugendlicher. Und bei der Hälfte aller tödlichen Verkehrsunfälle ist Aggression im Spiel. Eine Studie des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Stadt-Ethnologie belegt das „Steinzeitjägerverhalten“ am Steuer eines Autos. Wettbewerbsorientiertheit, Dominanz und Kompensation von Komplexen führen zu aggressivem Fahrverhalten, wobei Regeln und Gesetze gebrochen werden, ohne Rücksicht auf mögliche tödliche Folgen.

Daher sollten nicht Waffenbesitzer geächtet werden, sondern Führerscheininhaber müssten sich den gleichen strengen Prüfungen unterziehen wie Waffenscheininhaber. Aber am Statussymbol Auto zu rütteln wagt kein Politiker, und wenn noch so viele Unfälle passieren.

 Akademiker werden ist nicht mehr schwer (18/07)

Mit dem Internet ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten des „Abkupferns“

 Wissenschaft ist dann, wenn man aus drei Büchern ein viertes zusammenschreibt. Das ist eine alte, vielleicht eine zynische akademische Wahrheit. Ein bisschen was ist schon wahr dran, wenn man den neu entstandenen Experten in Sachen „Plagiatsjagd“ glauben darf. Die einschlägigen Ethik-Kommissionen an den Unis und die Spezialisten für das Aufspüren abgeschriebener bzw. mangelhaft zitierender Diplomarbeiten und Dissertationen haben ja in letzter Zeit Hochbetrieb. Denn zitieren muß man als Wissenschaftler korrekt – die Anmerkungen, woher man seine Informationen bekommen hat, machen den Unterschied zum gestohlenen Wissen erst aus, lernt man für gewöhnlich in den ersten Proseminarstunden.

Übrigens: Besonders betroffen von der „Abschreiberei“ sind die sogenannten Buchwissenschaften, wo es eben aufs Schreiben ankommt: Geistes-, Sozial-, und Wirtschaftswissenschaften, weniger die Naturwissenschaften. Fachleute schätzen, dass bis zu 30 Prozent aller Abschlussarbeiten so zustande kommen.

„Zu den legitimen Nachfolgern der alten Propheten, Priester und Geheimgelehrten gehören heute Wissenschaftler und hochachtbare Universitätsgelehrte. … Sie alle stehen in dem Ruf, den sie auch pflegen, Geheimnisse des Lebens zu kennen und über Wahrheiten berichten zu können. Ihr Ansehen ist daher traditionell hoch“. Der Soziologe Roland Girtler stellt bei seinen Berufskollegen allerdings fest, dass Eitelkeiten der Selbstdarstellung und Karrierezwänge die Reinheit der Lehre und Forschung negativ beeinflussen. So deckte erst vor kurzem der Plagiatsjäger Stefan Weber auf, dass der Vizerektor der Montanuniversität Leoben bei seiner Habilitationsarbeit „vergessen hatte“ Primärquellen akademisch korrekt zu zitieren. Was bei „Seiner Magnifizenz“ doch auch eine Frage der Ehre ist, dürfte im normalen studentischen Alltag durchaus übliche Praxis geworden sein.

Die „FAZ“ berichtet, daß jeder vierte Student abschreibt, aber nur jeder dreiunddreißigste Versuch bemerkt wird. Das neue Programm „Docoloc“ soll gegen das Abkupfern geistigen Eigentums im akademischen Studienbetrieb Abhilfe schaffen.

Die Verführung im Internet ist für Studenten jedoch groß, bieten doch weltweit Ghostwriter und Datenbanken ihre Dienste an, wie etwa eine Dr. Richter Consulting unter www.doktor-richter.de an, oder „Hausarbeiten.de“ mit etwa 40.000 Arbeiten aus 383 Fächern. Ursache für die Plagiatshäufungen ist also nicht zuletzt das Internet. Die Kombination von Internet und „Copy & Paste“ Funktion macht alles viel einfacher im Vergleich zu früher, als man noch aus Büchern recht arbeitsintensiv „abschreiben“ musste.

Diese Mogel-Epidemie wird begünstigt durch den politischen Wunsch, die Akademikerquote zu erhöhen und daher auch eigentlich unfähigen „Studenten light“ einen Volksakademikergrad amerikanischer Prägung aufzuzwingen. Massenuniversität fördert eben keinesfalls Eliten. Zusätzlich zu der in Österreich durchaus üblichen Praxis der „Promotion am Standesamt“ befriedigt auch ein käuflich erworbener Titel die Sucht des noblen Bürgers nach adelsgleicher Erhöhung seiner Person. Das Geschäft mit der Eitelkeit floriert prächtig.

Über Werbeeinschaltungen kann mit Titelhändlern Kontakt aufgenommen werden: „Möchten Sie einen Doktortitel führen? Sie wollen diskret, schnell und legal einen Titel erwerben, der Ihnen zu mehr Prestige und Ansehen verhilft? Dann helfen wir ihnen, auch ohne Abitur und Studium.“ Ohne Spanischkenntnisse können Professorentitel, Doktorate an Universitäten in Bolivien, Ecuador oder über die „Universidad Nacional Frederico-Villareal“ in Peru erworben werden. Titel, in den neuen EU-Ostländern erworben, werden auch anerkannt, und sogar in der Schweiz bietet die „Freie Universität Teufen“ noble Titel als Symbole für feine Leute zum günstigen Inskriptionspreis an.

In Österreich ist die klassische pseudoakademische Heiligung einer Person die Titelverleihung „h.c.“. Im überaus lesenswerten Buch von Sepp Tatzel „Wien stirbt anders“ wird Professor Fritz Muliar dazu zitiert: „Professor ist heut schon jedes Oaschloch“ (Seite 79). Vielleicht sollte man den Studenten und Professoren die alten akademischen Werte wieder nahebringen, schwört doch bei der Promotion jeder Doktor, oder was da so heute an Titeln verliehen wird, nach akademischen Grundsätzen ehrenvoll zu handeln – „pro collato honore et dignitate gradus gratias innumeras agimus“   – „Spondeo!“. Georg Sorel wurde einmal nach der wesentlichsten wissenschaftlichen Methode gefragt. Seine Antwort war entwaffnend: „Ehrlichkeit!“

Wie ist das übrigens mit Ihrem Arzt, Rechtsanwalt, Pfarrer oder Lehrer?     Denn wie meinte schon der nörgelnde Bruno Kreisky über Simon Wiesenthal skeptisch? „… angeblich Ingenieur!“

Saufen bis zum Umfallen! (20/07)

Wenn Eltern ihre Verantwortung auf den Sozialstaat wälzen

Die Aufregung eskaliert – unsere Jugend säuft bis zur Bewusstlosigkeit! Im Fernsehen treten entsetzte Eltern und Politiker auf, die Boulevardpresse fordert Verbote, strengere Kontrollen und härtere Bestrafung. Dabei ist seit vielen Jahren bekannt, dass sich Österreichs Jugendliche durch Flucht in diverse Süchte der oft für sie sinnlosen und leeren Lebensrealität zu entziehen versuchen.

Im „Jugendradar 2003“ des Sozialministeriums jubelte man schon, dass „immerhin 28 % der Mädchen und 17% der Burschen abstinent sind.“ Großartige Konsequenzen wurden aus dem Wissen, dass bereits 9,6% der Unter-Sechsjährigen und 31,5 % der sieben- bis zehnjährigen Kinder mit der Volksdroge Alkohol Bekanntschaft gemacht haben, keine gezogen. Das Institut für Kinderrechte informiert, dass rund 40 % der Unter-16jährigen wöchentlich Alkohol konsumiert und das Einstiegsalter jetzt bei durchschnittlich 12 Jahren liegt, 1975 wartete man immerhin noch bis zum siebzehnten Lebensjahr mit dem Saufen. Verbote alleine werden das Problem allerdings nicht lösen, die Ursachen liegen viel tiefer. Da ist einmal die negative Vorbildwirkung der Erwachsenen. Der Konsum beherrscht das Leben. Diese Sinnleere wird mit Alkohol, aber auch Spiel-, Sex-, Internet-, Handy-, Computer-, Kauf- und Tabaksucht kompensiert. Diese flüchtigen Scheinwelten dienen als Entlastungszustand vor der Realität. Süchte stellen eine misslungene Konfliktlösung im sinnlos gewordenen Alltag dar. Die Jugendlichen sehen, laut der Agenturuntersuchung „tfactory“, ihre Hauptbeschäftigung im Treffen von Freunden (97,4 %), Musik hören (93,2 %) und Fernsehen (86,5 %). In dieser Werteskala liegt auch das Problem der Gruppenzugehörigkeit. Säuft man nicht mit, gehört man nicht dazu, und „Neinsager“ werden ausgeschlossen, ja, sie schaffen durch ihre Verweigerung auch den Übergang vom Kind(Sein) zum Jugendlichen nicht. Abhilfe kann die Gesellschaft nur schaffen, wenn Alternativen beim Sinnsuchen angeboten werden, etwa verstärkte Sport- und Kulturangebote. Am wichtigsten aber sind für Jugendliche intakte Familien. Dort können Probleme besprochen und gelöst werden. Saufen bis der Notarzt kommt? Wenn das passiert, müssen die Verursacher auch für die Kosten aufkommen, denn Eltern dürfen ihre Verantwortung nicht auf den Sozialstaat abwälzen dürfen.

Unkultur der Zwangsehe (08/05)

Mohammeds Kinder in den Fängen der Kuppelindustrie. Die Sippe als totale Institution

 Ein Fremder kommt, nach längerer Abwesenheit nach Graz angereist. Er spaziert vom Bahnhof durch die Annenstraße ins Stadtzentrum und staunt, welchen Wandel diese einst noble Geschäftsstraße erleiden musste. Die kleinen aber feinen alteingesessenen Handelsfirmen mussten dem multikulturellen Flair des Balkans weichen. Die Annenstrasse wurde, wie unzählige andere, einst prächtige Einkaufsstraßen in unseren Städten, zu einer ziemlich verkommenen Orientmeile mit Basarcharakter.

Falls unser Reisender eine Auskunft erfragen möchte, wird er große Geduld brauchen, bis er einen Passanten findet, der noch der Landessprache mächtig ist. Er erfährt aus einer Stadtpostille, dass in den Grazer Schulen fünfzig Sprachen ertönen und diese spannende Multikulturalität das Leben bunt macht. Er ahnt, dass so der ehrenvolle olympische Gedanke, einfach nur „dabei gewesen zu sein“, beim nächsten sportlichen Pisa-Wissensspiel garantiert prolongiert wird. Während England aus dem Multi-Kulti-Traum erwacht und der Soziologe David Goodhart in der Tagespresse zitiert wird, dass er die „ethnische Mixtur“ schädlich finde, träumen unsere Phantasten vom Land Utopia, indem es keine verkommenen Ghettos und soziokulturellen Reservate gibt.

Aber wie konnte es überhaupt zu dieser Entwicklung kommen, wieso sind Kinder der dritten und vierten Einwanderergeneration noch immer Fremde in Mitteleuropa geblieben? In letzter Zeit häufen sich Berichte Betroffener, welche über unglaubliche Bräuche und Sippentraditionen berichten. So erzählen islamische Frauen etwa in Fernsehreportagen von „WDR“ oder „Phönix“, dass sie von ihren Vätern gezwungen wurden, wildfremde Männer aus Anatolien zu ehelichen. Eine großangelegte Kuppelindustrie vermittelt Männer und Frauen aus weit entfernten asiatischen Provinzen, die in Österreich heiraten und dann, ohne Sprachkenntnisse oder Wissen über unsere Heimat einfach eingebürgert werden. In der „arte“ Sendung vom 8. Februar 2005 wurde recherchiert, dass jede vierte junge türkische Frau ihren Ehemann vor der Hochzeit noch nie gesehen hat und jede zweite Ehe von den Familien ausgehandelt wird.

Der Soziologe Erwin Goffmann hat den Begriff „Totale Institution“ geprägt.  Seine wissenschaftlichen Schlussfolgerungen lassen sich genau auf das Phänomen „Zwangsehe“ anwenden. Totale Institutionen sind soziale Gruppen, welche Gedanken und Handlungen ihrer Mitglieder durch strenge Regeln und Gesetze beherrschen. Jede Abweichung von der Gruppennorm wird bestraft, bei islamischen Stammessippen im Extremfall mit einem „Ehrenmord“. Junge Frauen flehten ihre Väter an: „Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre!“, aber die Männer üben mit dem Recht des Stärkeren Besitz und Macht über die Frauen aus.

Der Patriarch kontrolliert alle Ressourcen, er ist das Zentrum des Familiennetzwerkes, Frauen sind in diesem Abhängigkeitsbeziehungsgeflecht zweitrangig. Die Scharia gebietet der Frau sich von nichtislamischen Orten abzugrenzen, weil sie auch im islamischen Raum den Privatbereich traditionell nur verlassen darf, wenn sie verhüllt ist. Die emotionale, geistige und physische Isolation zur Kultur der neuen Heimat wird auch von Nichtfamiliemitgliedern beobachtet und kontrolliert. Totale Institutionen erzwingen die psychische Regression: Sie fördern kindliche Gefühle der Hilflosigkeit und Abhängigkeit. Die weiblichen Mitglieder der Einwandererfamilien werden ihrer Selbstentscheidungsmöglichkeit beraubt, sie können sich als Individuum nicht abgrenzen, eine Minderung des Selbstwertgefühls ist die Folge dieses Unterwerfungsprozesses. Durch Verzicht auf Individualisierung und Wertepluralismus ist ihre Lebensqualität eingeengt, da sie am vielfältigen kulturellen Leben ihrer neuen Wahlheimat nicht teilnehmen können. Eine schichtspezifische Gruppeneinengung wird dadurch bewusst herbeigeführt.

Dieser „Tribalismus“ wird den Kindern im primären Sozialisationsprozess prägend weitergegeben, da in der Familie nur türkische Sprache und Bräuche vermittelt werden. Eine Integration ist nicht erwünscht, radikale Sprüche, wie „wir gebären euch zu Tode“ lassen keine Verhaltensänderungen im viel gepriesenen Dialogprozess erkennen. Kinder erwerben in der Familie die Kultur einer Gesellschaft, dieses Milieu bestimmt die weitere lebenslange Entwicklung entscheidend.  Familien verkuppeln ihre Kinder an Vermehrungspartner aus dem Katalog! Eine schlimmere Form von Fremdbestimmung und Menschenrechtsverletzung ist kaum vorstellbar. Solche Praktiken des real existierenden Islam sind weder tolerant noch liberal und haben in unserer Republik keine Existenzberechtigung.

Unser Spaziergänger ist wenig überrascht, wenn er beobachtet, dass auch in Graz das Stadtbild von grau verhüllten Gestalten, meist schwanger, einen Kinderwagen schiebend und an jeder Hand ein Kind führend, geprägt ist. Der Fremde besteigt den Schlossberg und bewundert träumend die schöne Stadt im Tal. Hoffentlich verkündet nicht im Superbedenkjahr 2045 der Kalif von Graz: „Österreich war frei“.

Überalterung als Alibi (52/05)

Auslagern, abwandern, kündigen – braucht die Wirtschaft wirklich Zuwanderung?

Im Jahr 2050 soll die Bevölkerung ­Österreichs auf neun Millionen Menschen angewachsen sein –  primär durch Zuwanderung fremder Völker. Erfreulicherweise werden die Menschen immer älter, der entscheidende Zuwachs soll jedoch durch Migration erfolgen, damit der kontinuierliche Arbeitsprozess aufrechterhalten werden kann. Das jedenfalls versucht man uns einzureden. Stimmt das, oder wird nur ein Arbeitslosenheer herangezüchtet, um die Ware Arbeit noch selektiver verteilen zu können? Wächst mit dem Zuzug von Migranten nicht auch das soziale Konfliktpotential ins Unkalkulierbare?

Giarini und Liedtke halten in ihrem Bericht an den Club of Rome fest: „Um die Altersabhängigkeit in den Industrieländern auf dem heutigen Stand zu halten, wäre in den kommenden zehn Jahren eine Nettoeinwanderung von nahezu 200 Millionen Einwanderern im Arbeitsalter erforderlich, etwa ein Fünftel der gegenwärtigen Bevölkerung der OECD-Länder. Die sozialen Probleme, die sich daraus ergeben würden, sind kaum vorstellbar.“ Das Schreckgespenst einer alternden Gesellschaft ist nur ein Druckmittel der globalisierten Kapitalgesellschaften, um aus dem Arbeitslosenheer die für sie besten Arbeitskräfte rekrutieren zu können. Die demographische Zukunftsentwicklung kann auch als eine Gesellschaft der reiferen Menschen interpretiert werden. Mit mehr Eigenverantwortung.

Da die westliche Arbeitsgesellschaft, laut Jeremy Rifkin, in absehbarer Zukunft nur mehr für 20% der Beschäftigten stabile Arbeitsplätze anbieten kann, ist ein weiterer Zuzug von Gastarbeitern gar nicht notwendig. Die bestehenden Ressourcen des Humankapitals müssen nur optimal genutzt werden. Die Ausbildung in Berufe mit Anstellungschancen muß durch genaueste Beratung erfolgen, auch Automechaniker werden nicht immer benötigt, hingegen mangelt es ­­z.B. an Hörgeräte­akustikern oder Physiotherapeuten.  Zu hoffen, dass arbeitslose Jugendliche in Ghettos fremder Kulturen irgendwie irgendeine Beschäftigung erhalten werden, ist Illusion.

Diskussionen um Sprachkenntnisse sind müßig, die Beherrschung der Landessprache, sowie mindestens einer zusätzlichen internationalen Fremdsprache sind Voraussetzung, um sich erst die Qualifikationen aneignen zu können, die notwendig sind, sich um eine freie Arbeitsstelle bewerben zu können. Das Elternhaus ist für die Kinder verantwortlich, nicht eine anonyme, staatliche Institution. Lebenslanges Lernen, Mobilität, Flexibilität und die Bereitschaft, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen, sind die Qualifikationskriterien der künftigen Arbeitsgesellschaft. Eine leistungsbezogene Bezahlung, ohne gewerkschaftliche Kampfrhetorik und Pochen auf wohlerworbene Rechte, wird auch wieder Investoren anlocken und neue Arbeitsplätze entstehen lassen.

Der Staat muss den Bürger in die Mündigkeit entlassen und keine falschen Hoffnungen in staatliche Maßnahmen zur Schaffung von Arbeitsplätzen erwecken. „Die Regierung kann die realen Variablen wie Produktionsmenge, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit auf lange Sicht nicht wirklich beeinflussen.“ resümiert Peter Opitz in „Weltprobleme im 21. Jahrhundert“.

Deregulierung bedeutet aber nicht nur ein freies Spiel der Marktkräfte, also auch des Arbeitsmarktes, sondern ebenfalls Eigenverantwortung in der Vorsorge, wie Kapitalinvestitionen für die Altersversorgung und Zuschläge für kinderlose Bürger; Maluszahlungen für Risikogruppen bei der Krankenversicherung, etwa bei Rauchern, Alkoholikern, oder Süchtigen.

Eine Vollkasko-Mentalität, wie sie etwa Sozialisten und Grüne fordern, wird auf Dauer nicht finanzierbar sein – in Deutschland sind die Folgen deutlichst sichtbar. Reformen im Wohlfahrts- und Sozialsystem nicht rechtzeitig in Angriff zu nehmen hieße, diese Systeme durch eine neue Verschuldung aufrechtzuerhalten. Alle Leistungen müssen bezahlt werden und das will auch verdient sein. Mut, den Menschen künftige Entwicklungen wahrheitsgemäß aufzuzeigen, ist gefragt, die Zeit des „alles gratis“ ist vorbei.

Die Entwicklung der Drei-Sektoren-Hypothese von Fourastie zeigt die Arbeitsmarktsituation deutlich auf. Waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts im primären Sektor, der Landwirtschaft, noch 40% der Arbeitsbevölkerung beschäftigt, sind es heute nur mehr etwa 3%. Im Sekundärsektor, der Industrie, sank die Beschäftigung von 40% auf 20% und heute sind daher im tertiären Bereich – der Dienstleistung, Information und Kommunikation – 75 % aller Arbeitnehmer beschäftigt.

Neue Technologien, welche bereits einsatzbereit sind, sowie die globale Verlagerung von Betrieben nach Osteuropa und Asien werden für neuerliche, zum Teil dramatische Entlassungswellen in Europa verantwortlich sein. Miniatur-Chips, die per Funk kommunizieren, werden das gesamte Wirtschaftsleben durchdringen. Berührungslos wird im Supermarkt die Ware registriert, keine Kasse muß angefahren werden, da die Funketiketten auch den Zahlungsvorgang steuern. RFID, so heißt diese Technologie, wird zu einer Effizienzsteigerung in Industrie, Handel, Gewerbe, Tourismus und Freizeit mit minimalem Personalstand führen. Im EDV-Bereich, so Karl Schmitz von der Gesellschaft für Technologieberatung und Systementwicklung, werden von 200.000 Arbeitsplätzen in der deutschen Software-Industrie ganze 2.000 übrigbleiben. Siemens kündigt zehntausende Mitarbeiter, die Aktie steigt sofort, der Kapitalmarkt honoriert jede Personalreduktion.

Auslagern, vereinfachen, streichen oder kündigen – kein Job wird in Zukunft mehr sicher sein. Die Personalchefs werden „just-in-time-worker“, Arbeiter auf Abruf, rekrutieren und am Arbeitsmarkt „brain-shopping“ – Gehirnschmalz einkaufen – gehen.

7.2. Von der Arbeits- zur Freizeitgesellschaft

„Während einst berufsbezogener, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aufstieg mit individualpsychologischem Glücksempfinden harmonierte, werden für viele Menschen neben- und außerberufliche Rollen künftig noch wichtiger werden. In diesem nuancierten Sinne mag der Terminus Freizeitgesellschaft eine Bedeutung haben; genauer wäre: Gesellschaft weniger berufsbezogener Werthaltungen.

– Helmut Krupp (1984)

Arbeit macht das Leben süß

Leben wir, um zu arbeiten, oder haben wir die Kunst des Müßigganges verlernt? – Eine Bestandsaufnahme im Zeichen der Krise

Im Paradies waren Adam und Eva unbeschwert glücklich, sie müssten nicht arbeiten. Heute steigt die Anzahl der Menschen, welche keine Arbeit haben in Deutschland auf fünf Millionen, in Österreich über 500.000 an, doch ist darüber niemand glücklich. Warum streben dann diese homo sapiens, welcher sich nach irdischer Arbeit sehnt, im Jenseits nach dem arbeitslosen Paradies? Dem Streben nach Erkenntnis folgte die Strafe Gottes, daß die Menschen im Schweiße ihres Angesichtes ihr Brot verdienen mussten. Die Agrargesellschaft beschäftigte bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts über 80 % der Bevölkerung tatsächlich im primären Sektor mit der Beschaffung von „Brot“ – also Nahrung und zum Überleben notwendige Produkte.

Erst mit den technischen Erfindungen, wie der Dampfmaschine und der Elektrizität, sank im Zuge der ersten industriellen Revolution der bäuerliche Bevölkerungsanteil auf 20 %, das Industrieproletariat stieg rasant auf über 50 % der abhängig Erwerbstätigen an und laut der „Drei-Sektoren-Hypothese“ von Fourastié veränderte sich der Anteil erst wieder entscheidend, als Mitte des 20. Jahrhunderts die Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft wurde. Die Elektronik- und Computerinnovationen revolutionierten die Arbeitsabläufe derart, dass sich in Österreich der Bauernstand auf 3 bis maximal 5 % reduzierte, die Angestellten und restlichen Arbeiter im Industriebereich auf 20 % sanken und der Anteil der in den Dienstleistungsfirmen Beschäftigten auf etwa 70 % aller Erwerbstätigen stieg.

Fourastié sah diese Entwicklung überaus optimistisch und er sprach in seinem Buch „Die große Hoffnung des 20. Jahrhunderts“ über den steigenden Wohlstand, soziale Sicherheit, Aufblühen von Bildung und Kultur, höherem Qualifikationsniveau, Humanisierung der Arbeit und der Vermeidung von Arbeitslosigkeit: „. damit der Mensch von knechtischer Arbeit und für komplizierte Beschäftigungen der geistigen, künstlerischen und menschlichen Bildung frei werde.“ Nach dem enormen Wirtschaftswachstum, auch Wirtschaftswunder genannt, folgte jedoch die Ernüchterung, dass den aufgebauten Überkapazitäten der Güterproduktion die zahlungskräftigen Konsumenten abhandenkamen.

Die derzeitige Wirtschafts-, Finanz- und Gesellschaftskrise, verbunden mit immer mehr Firmeninsolvenzen und einer steigenden Arbeitslosenzahl ist die Folge. Ausgelöst durch eine maßlose Gier führender Wirtschaftsmanager, aber auch von Millionen Konsumenten, welche ihre Einkäufe über Kredite finanzierten und, speziell in Amerika, gigantische Hypotheken auf ihre Häuser aufnahmen. Lebte doch der Staat mit seiner Schuldenpolitik ein anscheinend grenzenloses Wachstum mit Fremdkapital vor – die Folge: jeder Österreicher hat heute 24.661.- Euro Schulden, da kommt auf jeden Erwerbstätigen die wahrscheinlich niemals rückzahlbare Summe von 45.084.- und jedes Jahr resultieren daraus Zinszahlungen in der Höhe von 1.834.- Euro.

Über viele Erwerbsgenerationen lang wurde ein soziales Netz aufgebaut. Die Folge von überdurchschnittlichen Entnahmen in Form von Arbeitslosengeld, Pensionen, Zuschüssen für Wirtschaftsflüchtlinge und tausenden anderen erfundenen Zuwendungsarten war die jedoch die Aufzehrung dieses Notgroschens. Diese Pleitepolitik müsste logischerweise zur Folge haben, dass sowohl Arbeit, als auch staatliche Absicherungsmaßnahmen neu überdacht und ein sozialer Paradigmenwechsel eingeleitet werden müsste, und zwar sofort. Stattdessen werden alte Systeme durch noch mehr Staatsschulden gestützt und künstlich am Leben gehalten. Das hat zur Folge, dass sich auch die Werteeinstellung der Gesellschaft nicht verändert und Arbeit weiterhin als alleine identitätsstiftende Komponente betrachtet wird. Status, und damit verbunden Prestige, hat nur jemand, der im Arbeitsprozess integriert ist, ein Arbeitsloser genießt kein soziales Ansehen, er verliert seine Kontakte zu Freunden und Gleichgesinnten, sein Leben wird leer, langweilig, sinn- und nutzlos.

Bereits 1933 untersuchten Maria Jahoda und Paul Lazarsfeld in Mariental die Auswirkungen von Langzeitarbeitslosigkeit Betroffener. Vier Typen wurden empirisch verortet: der innerlich Ungebrochene, der Verzweifelte, der Resignierte, und der verwahrloste Apathische – wobei lediglich der erste Typus noch „Pläne und Hoffnungen für die Zukunft“ kannte, während die Resignation, Verzweiflung und Apathie der drei anderen Typen „zum Verzicht auf eine Zukunft führte, die nicht einmal mehr in der Phantasie als Plan eine Rolle spielt“. Als entscheidende Dimension erwies sich die Fähigkeit, „für die Zukunft Pläne und Hoffnungen“ bewahren und entwickeln zu können, also eine grundlegende Dimension humanen Gestaltungsvermögens nicht zu verlieren: die Antizipation möglicher Entwicklungen. Obwohl diese Erkenntnisse vor siebzig Jahren gewonnen wurden, hat sich an den psychischen und sozialen Auswirkungen von Arbeitslosigkeit bis heute nichts verändert. Arbeit ist für jeden Menschen nicht nur für die Deckung seiner materiellen Bedürfnisse unverzichtbar, sondern eine sinnstiftende Lebensnotwendigkeit. Daran ändert auch eine perfekt durchorganisierte Freizeit nichts, denn immer Tennis spielen oder im Thermalbad sitzen langweilt und bringt keine Lebenserfüllung. Obwohl im Arbeitsprozess oft der Wunsch nach Freizeit und Freiheit keimt, lässt die Erfüllung dieses Traumes keine Glücksgefühle aufkommen. Der Philosoph Frithjof Bergmann zeichnet ein Bild von der Lohnarbeit als milder Krankheit: „. eine Zeit, in der man nicht wirklich lebt, man zählt nur die Wochen und Monate, bis es vorbei ist.“

Wie viel Sinn Arbeit tatsächlich bedeutet, zeigt Albert Camus in seinem „Mythos von Sisyphos“: „Die Arbeit des Sisyphus bestand in vergeblicher Steinewälzerei, eine Strafe, wie sie nutz- und sinnloser nicht sein konnte. Trotzdem müssen wir uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Gerade weil seine Arbeit so absurd ist wie das Leben selbst, machen ihm Leben und Tod keine Angst mehr. Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphus. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache, denn der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“

Es kommt darauf an, das Absurde zu akzeptieren und in unser Leben zu integrieren. Allerdings wird eine Veränderung der Arbeitsabläufe und der generellen Werteorientierung dazu unvermeidbar werden, denn derzeit bestimmen Maschinen, wie das Statussymbol Auto, Computer und Mobiltelephon, und andere Versklavungsinstrumente, über den Menschen. Holm Friebe und Sascha Lobo zeigen in ihrem Buch „Wir nennen es Arbeit“ Alternativen auf – „Die digitale Boheme oder intelligentes Leben jenseits der Festanstellung“ nennen sie ihre Erfahrungen in einer neuen Arbeitsgesellschaft.

Diese Anleitung zum selbständigen Glücklich werden setzt auf Eigeninitiative und nicht auf die Hoffnungslosigkeit am Arbeitsamt, aber wahrscheinlich muss alles erst noch schlimmer werden, damit es besser wird!

7.2.1. Erlebnis- und Sportgesellschaft, die kollektive Hektik des homo ludens

 

„Was macht der Meier am Himalaja
Was macht der Meier
Der kleine Meier auf dem großen Himalaja
Rauf ja da kunnt er
Doch wie kommt er runter
Ich hab so Angst um den Meier
Es gibt nen Rutsch und er ist futsch“ (der Anfang eines Unsinn-Schlagers von Fritz Rotter)

Unser aller Feind – die Langweil (48/05)

Schneller und riskanter zur Wagnisgesellschaft

Der römische Dichter Lucius Livius berichtet bereits um 200 v. Chr. vom „kaum noch erträglichen Wahnsinn“ das Gladiatorenspiel. Die politische Strategie „panem et circenses“ hielt das Volk bei Laune und es ertrug, gesättigt durch Brot und Spiele, wie auch heute, all die närrischen Eskapaden der politischen Kaste. Der eher langweilige Alltag des Menschen braucht ein Ventil, ein Spannungserlebnis, welches im Körper Beta–Endorphine freisetzt, hormonelle Überlebensreaktionen des Körpers aus archaischen Kampfzeiten. Auch Lord Byron bringt diese Sensationssuche bereits Anfang des 19. Jahrhunderts auf den Punkt: „Es ist diese sehnsuchtsvolle Leere, die uns antreibt zum Spielen, zu Schlachten, zu Reisen, zu zügellosen, aber heftig empfundenen Unternehmungen.“

Eine Umfrage hat aufgezeigt, dass 26% der Bevölkerung zu Weihnachten Sportartikel schenkt. Nicht nur markenbewusste Bekleidung für harmlose Freizeitsportler ist in, auch Ausrüstungsartikel für Extremabenteurer, welche den ultimativen Kick in Angstlust, Spannungsreiz, dem Wagnis und Nervenkitzel suchen. Diese Zielgruppe, die einen zahlungskräftigen Wirtschaftsfaktor darstellt, wird immer größer, da die Herausforderungen des normalen, alltäglichen Routinelebens immer geringer werden. Die verbreitete Risikoarmut, der Mangel an interessanten Reizen, muss künstlich, durch eine Flucht vor der Langeweile, kompensiert werden. Der Mensch braucht Erfolgserlebnisse, die er „satt, verwöhnt und durch ein halbes Dutzend Policen gegen alle Risiken und Wechselfälle des Lebens weitgehend abgesichert“, wie der Soziologe H.A. Hartmann analysiert, in unserer Wohlstandsgesellschaft nicht mehr so einfach findet. Risiken (lat. risicare = Klippen umschiffen) werden nicht mehr durch kriegerische Ereignisse dem Menschen unserer Gesellschaft abverlangt, er selbst sucht die Ich–Bewährung in der Grenzerfahrung von ausgefallenen und extremen Betätigungen. Die Tourismusindustrie vermittelt das scheinbar individuelle Freizeitabenteuer mit Spannung in Form von immer neuen Überlebensangeboten. Gebucht werden Vulkan–Trekking, Überlebensseminare, U–Bootfahrt in der Ostsee, Off–Road–Touren, manchmal sogar mit echter Terroristenbegegnung. Den Zivilisationsdeserteuren auf Zeit werden No–Limit–Erlebnisse aller Art geboten. Das Grazer Berg- und Abenteuerfestival zeigt dem interessierten Publikum alljährlich extreme Abenteuermöglichkeiten in wunderbaren Berichten. Das Ereignis des Nichtalltäglichen und Außergewöhnlichen zählt und wird nachgemacht. Aber was passiert, wenn der unstillbare Erlebnishunger zur Sucht wird, wenn nach jedem „Thrill“ erneut die Langeweile vorherrscht? Den Adrenalin-Junkies stillt kein Ironman–Event ihre Sucht nach immer härter, immer extremer, immer gefährlicher. Thrillseekers, so heißen die Adventure–Touristen pilgern nach Neuseeland, wie der Freizeitforscher Opaschowski berichtet: „Im Helikopter zur Bungeebrücke fliegen, hinabstürzen, mit dem Jetboot weiter flussaufwärts jagen, um dann die ganze Strecke mit dem Schlauchboot wieder ins Tal zu rauschen.“ Der mentale Thrill scheint die letzte Rettung aus der Angst, nicht mehr gefordert zu werden.

Die Suche nach der eigenen Identität, verbunden mit der Frage: „bin ich glücklich?“ ist heute schwieriger denn je zu beantworten. Sennet sieht bei den Menschen, welche vereinzelt keine sozialen Werte mehr haben, ein zielloses Dahintreiben, eine Gesellschaft von „Driftern“. Soziale Gemeinsamkeiten und Verpflichtungen, sowie moralische Normen scheinen nicht mehr wichtig zu sein. Die Balance zwischen Überforderung und Unterforderung ist gestört. Der Psychologe Csikszentmihalyi sieht im „Flow–Erlebnis“, dem Tun jenseits von Angst und Langeweile den goldenen Schnitt zwischen Herausforderung und Fähigkeiten.

Mit einem Struktur- und Wertewandel der Arbeit ist auch ein Bedeutungswandel der Freizeitkultur verbunden. Die Leistungsgesellschaft sucht für ihre Mitglieder Betätigungsfelder, es fehlt an Zielen. Speziell Jugendliche wollen ihre Grenzen testen, Sport wird daher immer wichtiger. Nicht nur die aktive Sportausübung wird entinstitutionalisiert, auch als Unterhaltung (lat. disportare = sich zerstreuen) sind moderne Gladiatorenspiele in allen Medien, rund um die Uhr, im stillen Kämmerlein zu sehen. Fußball, Skirennen, Autorennzirkus regen zur Nachahmung an. Teilweise werden dabei Aggressionen freigesetzt und ausgelebt. Lebensbewältigung scheint nur mehr durch außengesteuerte Ablenkung zu gelingen. Diese Entwicklung führt auch zu vermehrten Unfällen. So sterben, laut WHO–Bilanz, jährlich weltweit etwa 1,2 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Freizeitunfälle müssen immer kostenintensiver behandelt werden und belasten somit auch solidarisch haftende Nichtrisikogruppen finanziell empfindlich. Nicht die Sehnsucht nach dem Wahnsinn des ultimativen Kicks ist gesellschaftlich als Norm anzustreben, sondern eine möglichst breit gelebte Philosophie des: „mens sana in corpore sano“.

Und Blair Pascal meint, dass die Erlebniskonsumenten von heute wieder lernen müssen, mit sich alleine sein zu können, da „alles Unglück der Menschen einem entstammt, nämlich, dass sie unfähig sind, allein in ihrem Zimmer bleiben zu können.“

 Spektakel müssen sein (35/04)

Olympias fragwürdiges Bild des Spitzensports

Am 22. Juni 1941 verkündet „Der Montag mit dem Sport-Montag“ stolz: „Rapid – Deutscher Fußballmeister“. Erst an zweiter Stelle wurde über den Beginn des Russlandfeldzuges berichtet. Der symbolische Sieg Österreichs (damals Ostmark) über Deutschland zeigt den Stellenwert sportlicher Veranstaltungen im politischen Kontext. Auch das dramatische Eishockeyspiel 1968, UdSSR – CSSR, war ein sportlicher Triumph der Unterjochten über die russischen Okkupanten. Sowohl Spieler als auch Zuschauer können sich bei solchen sportlichen Wettkämpfen mit ihrer Heimat identifizieren.

Heute jedoch hören die Österreicher befremdet, dass ein „Team Afghan“ mit rot-weiß-roten Ersatz-Pässen zur „Homeless-WM“ fährt und diese Leute nicht ihre Heimat, sondern Österreich vertreten! Dabei bräuchte unser Vaterland wieder ehrliche und überzeugende sportliche Vorbilder wie dies z. B. das „Wunderteam“ mit dem legendären Sindelar war. Sport wurde als identitätsstiftendes Spiel, als Initiationsritual, als Kampf, als Lust an der Leistung gesehen. Dopingskandale, Geschlechtsumwandelungen Hormonstörungen, Sportkrüppel, hohe Preisgelder für Sportler, welche damit zu Marionetten der Sportartikelfirmen, der Autoindustrie, manchmal auch politischer Parteien oder Medien werden, erzeugen ein fragwürdiges Bild des Spitzensports. Österreich bürgert alle greifbaren Medaillenanwärter unterschiedlichster Nationen wahllos ein und es entsteht ein Sportsöldnermarkt mit Gladiatorencharakter. Vorbilder sind rar – das wirkt sich im gesundheitsfördernden Breitensport negativ aus. Das Linzer „Spectra“ Meinungsforschungsinstitut eruierte, das 40 Prozent der Österreicher überhaupt keinen Sport betreiben. Fettleibigkeit, Haltungsschäden, aber auch psychische Beschwerden nehmen schon bei Jugendlichen zu, da der Schulsport jenen Fächern weichen muss, welche die Wirtschaft reklamiert... „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ – dieser klassische Idealzustand kann nur durch dynamische Aktivitäten erreicht werden, wie z. B. dem guten alten Wandern! Stattdessen wird der Konsument mit pausenlosem medialem Trommelfeuer in Form von fast 24stündigen Berieselungen über diverse Sportgroßveranstaltungen in Atem gehalten. Von den gerade stattfindenden XXVIII. Olympischen Spielen berichten ca. 20.000 Journalisten über 10.000 Sportler aus 202 Nationen. Diese angebliche Erlebnisvermehrung ist in Wahrheit eine Erlebnisverarmung.

Als 1896 Baron de Coubertin die Olympischen Spiele der Neuzeit aus der Taufe hob, kämpften 250 Sportler aus 14 Nationen um die Ehre, dabei zu sein. Der letzte Held der Olympischen Spiele war Abebe Bikila. Er lief 1960 in Rom die Marathonstrecke barfuß und gewann! Vier Jahre später hat ihn die Markenartikelfirma, mit dem Raubtier als Logo, gekauft, was ihn allerdings nicht hinderte, nochmals zu siegen. Heute dient der Sport nicht mehr als Vorbereitung für den Krieg, sondern ist für viele Schlachtenbummler Kriegsersatz. Bemalt und uniformiert, von fürchterlichen Lärmgeräten unterstützte, bilden sie eine, für die gegnerische Mannschaft furchteinflößende Kulisse. Sport ist ein perpetuum mobile – ohne Anfang und ohne Ende jagt eine Veranstaltung die andere. Die Sportler sind Marken-Werbeträger und der Fan kauft genau diese Marken, damit er sich mit seinem Idol identifizieren kann.

Die klassische „Brot und Spiele“-Philosophie wird auch in unserer Freizeit- und Erlebniswelt erfolgreich umgesetzt, denn die Konsumenten besuchen jedes Spektakel, auch wenn es sich jährlich wiederholt und damit eigentlich längst langweilig wird.

Fasching – ja darf man das noch, lustig, witzig sein? (06/2015 – neu)

 Jetzt wollen die linken Chaoten und die zugewanderten Kulturbereicherer uns auch noch unsere Lebensfreude, unseren Humor und unsere Feste vermiesen. Die Linken verwandeln alte traditionelle Tanzfeste zu Gewaltorgien, auch wenn ein harmloser Ball im Fasching Teil unserer gewachsenen Kultur ist. Aber ganz böse meinen es unsere islamischen Parallelgesellschafter mit uns, denn die sagen ganz offen: „Ihr liebt das Leben und wir lieben den Tod“ – wie sie ja jüngst in Paris tödlich unter Beweis stellten. Angeblich ist die islamische Humorsammlung ja das dünnste Buch der Welt. Dabei ist Humor doch die Begabung eines Menschen, der Unzulänglichkeit der Welt und der Menschen mit heiterer Gelassenheit zu begegnen. Gerade in schwierigen Zeiten gilt das Wort des deutschen Schriftstellers Otto Julius Bierbaum ganz besonders: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht.“ Wer will sich nicht vom „Elften im Elften“ bis zur Fastnacht, der Vasenacht, dem Vorfrühlings- oder Fruchtbarkeitsfest vor dem Aschermittwoch, rauschenden Tanzfesten und zügellosen Maskeraden hingeben, sind die täglichen Routinen unseres Alltags doch ernst genug. Dem Karneval folgt nach dem Aschermittwoch ohnehin eine sechswöchige Fastenzeit, die Vorbereitung auf das Osterfest, das wenigstens sollten – ganz Dialog – unsere moslemischen Mitbürger mit uns feiern, ersparen sie sich damit doch den Ramadan. Diese Bräuche der freudigen Ausgelassenheit haben weit zurückreichende Wurzeln, etwa die orgiastischen Feiern zu Ehren von Bacchus und Dionysos. Bereits Platon berichtet von vornehmen Festtafeln und Trinkgelagen, dem Symposion. Karnevaleske Strukturen des Maskierens, Verkleidens sind in vielen Kulturen feststellbar. Bereits im 3.Jahrtausend v. Chr. gibt eine altbabylonische Inschrift Kunde davon, dass unter dem Priesterkönig Gudea ein siebentägiges Fest gefeiert wurde und zwar nach Neujahr als symbolische Hochzeit eines Gottes. Die Inschrift besagt: „Kein Getreide wird an diesen Tagen gemahlen. Die Sklavin ist der Herrin gleichgestellt und der Sklave an seines Herrn Seite. Die Mächtige und der Niedere sind gleichgeachtet.“ Hier wird zum ersten Mal das Gleichheitsprinzip bei ausgelassenen Festen praktiziert und dies ist bis heute ein charakteristisches Merkmal des Karnevals. Jedes Volk braucht solche Freiräume, damit angestaute revolutionäre Gefühle in einem geordneten Rahmen abgebaut werden können und jeder einzelne hat die Möglichkeit. sich in seine Traumgestalt, zeitig begrenzt, zu verwandeln.  Bei mittelalterlichen Narrenfesten wurde sogar ein Pseudopapst gekürt, um die christliche Strenge für kurze Zeit zu karikieren. Fastnacht als civitas diaboli, der Teufel regiert, um am Aschermittwoch mit dem Ruf „carne vale“ – Fleisch lebe wohl, wieder für ein Jahr in die Hölle geschickt zu werden. Man stelle sich vor was passieren würde, wenn heute ein Pseudomohammed auftreten würde – nicht auszudenken bei unseren Neospaßverderbern. Auch „Fastnacht – Fastnacktfeste“ sind mit ihrer holden Weiblichkeit beraubten Burkaträgerinnen schwer zu feiern. Aber auch heute noch ahnen hunderttausende Touristen beim Karneval in Venedig, wie üppig und zügellos die Dogen den Karneval feiern ließen. Prunkvolle Kostümfeste erlaubten es den maskierten Gästen aller sozialen Schichten sich unerkannt, und damit frei von Hemmungen und Schuldgefühlen, zu paaren. „Fasen“ – zeugen, gedeihen und „faseln“ – Unsinn reden, war durch tolerierte Narrenfreiheit möglich. Aber wer sich in eine Burka hüllen muss und den Tod lieber hat als das Leben, dem ist natürliche, freie Lebensfreude fremd. Ungestraft kritisieren hat Tradition und diesem sadomasochistischen Spiel unterwerfen sich beim Villacher Fasching die Politiker und andere Adabeis heute sehr gerne. Lächelnd ertragen sie die ärgsten kabarettistischen Beschimpfungen. Es muss also die Frage gestattet sein, wie wollen sich zugewanderte Moslems in unsere Kultur integrieren, wenn sie nicht in der Lage sind, humorvolle Karikaturen, Artikel, Bücher oder Feste augenzwinkernd zu belächeln? Wir lachen ja auch über halblustige Würschtln – „Heilige Conchita hilf!“ was wiederum fatal an die Untersuchungen Sigmund Freuds zum Thema Humor erinnert: Als Beispiel für die Verschiebung der Perspektive hin zu einem offenbar humorvollen Standpunkt erwähnt Freud die Bemerkung eines Delinquenten, der am Montag zum Galgen geführt wird und kommentiert: "Na, die Woche fängt gut an." Die humoristische Einstellung sich selbst oder anderen gegenüber beruht darauf, so erklärt Freud, "dass die Person des Humoristen den psychischen Akzent von ihrem Ich abgezogen und auf ihr Über-Ich verlegt hat.“ Da könnte man folgern: Die christliche Fastenzeit, die Einkehr- und Bußzeit, fängt gut an, mit Einladungen zum Heringsschmaus. Man will die Zeit bis Ostern angenehm verbringen, schließlich lieben, laut letzter „Integral“ Erhebung, 94 Prozent der Österreicher die typische Gemütlichkeit – grenzenlos.  Auch die Ballsaison kennt keine Grenzen, veranstalten doch Homos, Lesben und der Wiener Bürgermeister gerne im Sommer ihre Bälle, da beim Präsentieren von nackter Haut angenehm warme Temperaturen herrschen sollen. Jahresstrukturierungsbräuche und damit verbundene heimatliche Feste werden im Alpenraum gefeiert, entweder in traditioneller Tracht oder förmlich wie einst der Adel oder das noble Bürgertum, denn ein tiefer Sinn liegt in den alten Bräuchen, man soll sie ehren! Wir lassen uns unsere Lebensfreude, unseren Humor und unsere Feste nicht vermiesen – vivat Bacchus!

Sport steht für Kampf, Jagd und reiche Beute (25/07)

In unserer Freizeit- und Erlebnisgesellschaft dient der Sportwahnsinn offensichtlich als Ventil der Frustabfuhr

Wer heute über Muße und Zeit verfügt, kann diese raren Ressourcen dazu benutzen, einer an sich sinnlosen Tätigkeit zu frönen – dem Sport. Im Zuge einer Debatte um die mögliche Aufnahme des Sports als Staatsziel in das deutsche Grundgesetz, fasste der ehemalige Bundesverfassungsrichter Dieter Grimm die gesellschaftlichen Auswirkungen des Sports folgendermaßen zusammen: „Sport trägt zum Zusammenhalt der Gesellschaft bei, sät aber auch Zwietracht. Sport fördert die Völkerverständigung, ist aber auch für Nationalismus anfällig. Sport hält zur Fairness an, wird aber auch Anknüpfungspunkt für Gewalt. Sport leistet einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge, er ist aber auch Quelle großer gesundheitlicher Schäden und ihrer sozialen Folgekosten.

Da es im Sport längst nicht mehr nur um Ruhm, sondern auch um Geld geht, zieht er unlautere Praktiken an. Doping ist nur die sichtbarste.“ In dieser Zusammenfassung sind alle Felder der aktiven und passiven Sportproblematik angesprochen. In Meyers Konversationslexikon von 1888 war noch nachzulesen: „Als ein wesentliches Merkmal des Sports ist endlich anzuführen, dass dessen Ausübung nicht um des Gelderwerbs wegen geschieht“, so kann dies heute wegen der Existenz von professionellen, gladiatorenähnlichen Wettkämpfern keinesfalls mehr gesehen werden. Eine industrielle Vermarktung durch mächtige Großkonzerne als Sponsoren, Imagetransfer von Sportlern auf Politiker, Medien oder Wirtschaft schaffen eine totale Verknüpfung mit sozialen Strukturen.

Medien transportieren laufend weltweit stattfindende Spektakel und schaffen sowohl religiöse wie kriegerische Subkulturen, alles mit kommerziellem Hintergrund, ja zum Teil sogar ins Kriminelle abgleitend. Aktive Sportausübung dient dem physischen und psychischen Wohlbefinden und war einst philosophischer Bestandteil der Einheit von Geist, Körper und Seele. Heute jedoch betreiben nur etwa 45% der Bevölkerung herz- und kreislaufstärkende Bewegung. Wichtiger scheint die passive Sportbetrachtung über Medien von Wettkämpfen. Leistungssportler oder Mannschaften werden dabei nicht selten als gottähnliche Idole verehrt und mutieren zu Vor- und Leitbildern der eigenen Lebensträume.

Die extreme Identifikation mit Sportlern oder Mannschaften führt zum Phänomen des Sport-Fans. Dieses Phänomen ist besonders ausgeprägt im Bereich des Fußball-Sports, in dessen Umfeld sich verschiedene Arten eines Passiv-Sport-Kultes formiert haben. In extremster Form praktizieren „Ultras“ und „Hooligans“ kriegsähnliche Rituale und kehren so zu den eigentlichen Wurzeln des Sports als Vorbereitung zum Kampf zurück.

Sozialgeschichtliche Entwicklung – Sport ist stets im sozialen Kontext zu sehen, jede körperliche Betätigung ist Verhalten eines Individuums in der jeweiligen kulturellen Umwelt. Die Ursprünge sind bei kriegerischen Übungen zu finden. Die Verteidigung des Gemeinwesens war Aufgabe der männlichen Bürger, daher trägt Sport starke wehrpolitische Züge und war in der antiken Polis auch immer religiös verankert, wie die Entstehung der Olympischen Spiele zeigt. Was Olympias Ruhm begründete, waren nicht die Spiele, sondern war das Orakel am Opferaltar des Zeus’. Es war kein gewöhnliches Orakel, und nur wenige Zeugnisse berichten von Gesandtschaften zu seiner Befragung. Dagegen waren Olympias Orakelpriester auf allen wichtigen Schlachtfeldern der Griechen als Berater anzutreffen: Sie waren Spezialisten in Kriegsangelegenheiten und offenkundig sehr erfolgreich in diesem Metier. Als das Interesse an den Spielen zunahm, wurden aus den wehrhaften Adeligen Berufsathleten, und ein unterhaltungsbedürftiges Publikum erzwang die Aufnahme der bekannten Disziplinen ins olympische Programm: Ringen und Faustkampf, Diskus- und Speerwurf, Waffenlauf, Wagen- und Pferderennen. Bereits in der Antike waren erfolgreiche Athleten Helden ihres Stadtstaates, wurden mit materiellen Gaben und Verehrung belohnt. Bei den Römern steigerte sich das Spektakel, das Volk wurde mit Spielen von innerpolitischen Problemen abgelenkt, und die Devise „Brot und Spiele“ wird heute noch als politisches Opium eingesetzt. Als höfischer Zeitvertreib, dann als Bestandteil der Internatserziehung wurde Sport stärker regelgebunden und entwickelte auch eine eigene Form des Anstandes. Mit dem Aufkommen der Nationalstaaten wurde er ein Mittel der Propaganda, mit den Massenmedien ein Bestandteil des Show-Business und eine Form des Konsums.

Der Soziologe Thorstein Veblen beschreibt Sport als einen Überrest der Tapferkeit alter barbarischer Lebensweise im modernen Leben. Und tatsächlich findet man etwa den Ritter des Mittelalters im Autorennsport wieder. Der Panzer – ein 40 Kilogramm schwerer Monocoquerahmen aus Kohlefaser schützt auch bei einem Aufprall der Formel1-Geschosse bei 250 km/h. War Sport einst eine noble Tätigkeit für feine Leute, so gelten heute Tennis, Golf und was sonst noch vermarktet wird bereits als Massensport. Nur mehr wenige exklusive Clubs garantieren den Promis noch letzte Reservate mit pseudosportlicher Tätigkeit, wo man unter sich bleiben kann.

Sport und Politik – Sport und Politik sind eng miteinander verknüpft. Sportliche Wettkämpfe haben immer auch eine symbolische und politische Bedeutung. So artete das Eishockymatch UdSSR gegen CSSR im Jahre 1968 zu einer Kriegsabrechnung der Tschechen gegen die Besatzungsmacht Russland aus, oder als nahezu religiöses „Wunder von Bern“ wird das Fußball-WM-Endspiel 1954 Deutschland gegen Ungarn bezeichnet. Mit dem Schlagwort Olympiaboykott bezeichnet man die Entscheidung einzelner Länder oder Ländergruppen, nicht an den Olympischen Spielen teilzunehmen. Die Olympischen Spiele der Neuzeit wurden mehrmals aus politischen Gründen von einem oder mehreren Staaten boykottiert. Die größten Boykotte fanden bei den Olympischen Spielen 1972, 1976, 1980 und 1984 statt. Die nächsten Olympischen Spiele in Peking werfen bereits heute ihre Schatten – wie ist etwa der Olympische Gedanke mit den Menschenrechtsverletzungen Chinas vereinbar? – voraus. Ist Sport also auch die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln?

Das legendäre Qualtinger-Zitat: „Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität“ wurde und wird von noch viel brutaleren Schlachten bei Sportveranstaltungen übertroffen. Bereits ein Jahr vor der Fußball-Europameisterschaft 2008 werden Einsätze von Polizei und Luftwaffe grenzüberschreitend geplant, um gegen den Ansturm der gewaltbereiten „Schlachten“bummler gerüstet zu sein. Der Kommandant der Schweizer Luftwaffe General Knutti rügt bereits Österreichs Luftraumüberwachung: „Die Zeit drängt“ – aber die heimische Luftsouveränität ist erst in der Planungsphase. Auch der Heldenplatz als „Fanmeile“ könnte den Wiener Stadtverkehr fast ein Monat lang lahmlegen. Bürgerinteressen müssen eben Wirtschaftsgewinnen und Gladiatorenspektakeln weichen.

Sport im 21. Jahrhundert hat Steinzeitwurzeln – Kampf, Jagd und reiche Beute. Kampfmannschaften werden mit Legionären verstärkt, um den eigenen Sieg und die Vernichtung des Gegners herbeizuführen. Die martialisch bemalten, von Kampftrommeln aufgeputschten Schlachtenbummler lassen die „Sau“ raus, schreien aggressiv ihren Alltagsfrust heraus, und Alkohol lässt die letzten Hemmschwellen sinken, bevor es auch außerhalb der heiligen Kampfstätten zur Sache geht. „Narrische“ Sportreporter werden Helden küren und Versager brandmarken, und der gläubige Zuschauer wird ein Monat lang keine Revolutionen planen. Nach der Euro 2008 wird auf den modernen Sportlersklavenmärkten der Spielerverkauf mit Millionentransfers beginnen. Schwarzgeld und andere Gaunereien werden nicht verhindert werden können. Auch gedopt und aufgeputscht wird weiter werden, der Zuseher will schließlich keine menschlichen Grenzen sehen, dazu sind die Eintrittspreise zu teuer! All das hat sich vom ursprünglichen Gedanken „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“ weit entfernt.

Turnvater Jahns „reiner“ Sport – In diesem Zusammenhang sei an einen „echten“ Sportidealisten gedacht. Turnvater Jahn war ein deutscher Nationalist, der das Deutsche Turnen schuf und der die körperliche Ertüchtigung der jungen Generation für den Freiheitskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft mit einer nationalstaatlichen Erziehung verband. Jahn entwickelte das Turnen weiter zur „patriotischen Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg”.

Er sah die Entwicklung des Turnens in engem Zusammenhang mit politischen Zielen: die Befreiung Deutschlands von Napoleonischer Herrschaft, die Idee eines künftigen deutschen Reiches unter preußischer Führung und die Teilnahme der einzelnen Staatsbürger am Wohl und Weh des Ganzen. Auch das Turnen ordnete er politischen Gesichtspunkten unter. Jahn wollte die Jugend für den Kampf gegen Frankreich trainieren. 1813, in der Zeit der Völkerschlacht bei Leipzig forderte Jahn: „…freie Rede, Verfassung, Einheit des Vaterlandes…“. 1819 wurde im Zuge der „Demagogenverfolgung” dem Turner und Burschenschafter Jahn die Wiederaufnahme des Turnens auf der Hasenheide untersagt, da die Turnübungen im Rahmen des Unterrichts stattfanden und der Schulbehörde untergeordnet werden sollten. Fast hat es auch heute wieder den Anschein, als ob Turnen oder Leibesübungen verboten seien. Fastfood, Alkoholkonsum, Süchte und Spektakelschauen haben Priorität vor eigenen sportlichen Betätigungen.

Mehr Schulsport, Körperertüchtigung beim Heer und in diversen Vereinen sollten wieder attraktiver gestaltet werden. Nicht die Funktionäre in politisch verwalteten Gremien wie ASKÖ oder UNION sollen gefördert werden, sondern unpolitische echte Leistungsträger, welche unpolitischen Jugendsport anbieten.

Sport und Gesellschaft – Der kalkulierte und manipulierte Sportwahnsinn ist für Menschen der Freizeit- und Erlebnisgesellschaft ein Ventil der Frustbereinigung im modernen Berufsalltag geworden. Der befreiende Schrei, die Suche nach dem Kick beim Dabeisein in einer gleichgeschalteten Masse von anderen „Adrenalin-Junkies“. Diesen Nervenkitzel kannten bereits die Römer. Der Dichter Lucius Livius sprach um 250v.Chr. vom „kaum noch erträglichen Wahnsinn“ der Gladiatorenkämpfe in der Arena. Waren es einst Sklaven, welche zum Gaudium der Massen ihre Gesundheit und ihr Leben zu Markte trugen, sind es heute höchstbezahlte Profiakteure, welche je nach Angebot und Nachfrage den Besitzer, sprich Verein oder Nation wechseln. Solche Leute haben aber Vorbildwirkung! Oft nicht einmal der jeweiligen Landessprache mächtig, werden sie zu allen möglichen Banalitäten auch noch in den Medien vorgeführt. Solche Pseudoidole entsprechen nicht dem Grundsatz „mens sana in corpore sano“. Es wäre eine Illusion zu glauben, dass in Zukunft die Sportindustrie nicht primär als eine lukrative Scheinwelt vermarktet werden wird, im Gegenteil, die Abhängigkeit von Sponsoren und Medien wird intensiver werden.

Alleine in Deutschland beträgt der jährliche Umsatz in der Sportindustrie etwa 250 Milliarden Euro, Tendenz steigend. Zur Umsatzsteigerung werden Sportveranstaltungen bewusst spektakularisiert. In den vergangenen Phasen der Menschheitsgeschichte wurde der gleichförmige Zeitablauf durch Feste, Spiele oder Feiertage unterbrochen, um für kurze Zeit Außeralltägliches zu zelebrieren. Heute gibt es keine Pausen bei Sportevents, eine Welt-Europa-Nationalligameisterschaft jagt die andere. Der Freizeitpapst Opaschowski bezeichnet die Erlebniswelt Sport als „die schönste Nebensache der Welt“: „Noch nie in der Geschichte der Menschheit wurde so viel Zeit und Geld in den Sport investiert. Die Erlebniswelt Sport ist zum Konsumartikel geworden. Sport ist ein Phänomen. Sport ist Massenbewegung und Modeerscheinung. Lebensstil und Lebensgefühl, Kommunikation und Kommerz. In dem Maße, in dem die technologische Entwicklung körperliche Anstrengung in der Arbeit immer entbehrlicher macht, steigt die Attraktivität sportlicher Freizeitaktivität. Nicht von ungefähr spielt Sport in den Industrieländern eine größere Rolle als dort, wo man für das Überleben noch hart arbeiten muss. Sport als Massenbewegung setzt relativen Wohlstand und genügend Freizeit voraus.“

Die Herren der fünf Ringe (07/10)

Herr und Frau Österreicher wollen wenigstens vor dem Fernsehkastl noch rot-weiß-rote Ersatzgefühle ausleben dürfen und sehnen sich nach Sporthelden

Nicht nur die römischen Kaiser nutzten Massenunterhaltungen im Stile einer „Manipulation von oben“ als Mittel der Herrschaftspolitik und zur Ablenkung von politischen Fragen. Verführung durch Großzügigkeit war und ist bis heute angesagt, beinahe perfektioniert zu einem System der politischen Einschläferung.

Die erste Strophe der olympischen Hymne, uraufgeführt am 1. August 1936 während der Eröffnungsveranstaltung im Olympiastadion Berlin, hat längst seine hehre Bedeutung verloren: „Völker! Seid des Volkes Gäste, kommt durchs offne Tor herein! / Friede sei dem Völkerfeste! Ehre soll der Kampfspruch sein. / Junge Kraft will Mut beweisen, heißes Spiel Olympia! Deinen Glanz in Taten preisen, reines Ziel: Olympia“.

Kein Friede herrscht während der Spiele im 21. Jahrhundert, wie Schillers Ballade einstmals verkündete: „Zum Kampf der Wagen und Gesänge, der auf Korinthus Landesenge der Griechen Stämme froh vereint“. Ehre wurde längst durch erbitterte Kämpfe um Macht und Geld ersetzt. Kraft und Mut stehen unter Dopingverdacht und wessen sportliche Ziele sind rein geblieben? Was bleibt, ist auch heute noch der politische Versuch, die Bevölkerung von aktuellen Problemen, wie die ausufernde Staatsverschuldung, die steigende Arbeitslosigkeit oder die Unfinanzierbarkeit des Sozialsystems, abzulenken, indem man mit eindrucksvoll inszenierten Großereignissen die allgemeine Stimmung zu heben versucht.

Die Organisatoren nutzen gezielt die „niederen Gelüste“ des Volks nach solchen Maßnahmen, als Zeichen von Dekadenz und politischer Ignoranz aus. Herr und Frau Österreicher wollen wenigstens vor dem Fernsehkastl noch rot-weiß-rote patriotische Ersatzgefühle ausleben dürfen und sehnen sich nach Sporthelden, welche ohne Rücksicht auf ihre Gesundheit um eine Tausendstelsekunde schneller irgendwo hinunterrasen als ein Nichtösterreicher. Längst entscheidet das Material darüber, ob „wir“ wieder Olympiasieger sind, denn unsere Sinnesorgane wurden durch Atomuhren ersetzt, welche zwischen Sieg und Niederlage entscheiden. Sie entscheiden auch, wie lukrativ die künftigen Sponsor Verträge abgeschlossen werden können, denn der patriotisch befriedigte Österreicher will natürlich sein Sparbuch bei der Bank des Siegers eröffnen.

Für seine „Helden“ geht der Sportpatriot sogar ganz aggressiv auf die Barrikaden. Selbst der Medienkanzler Kreisky hatte ein mulmiges Gefühl, als ein riesiger Volksauflauf den von den Olympischen Spielen 1972 ausgeschlossenen Karl Schranz feierte. Der damalige Held der Berge berät heute die Russen, denn in einem Naturschutzgebiet in Sotschi, am Schwarzen Meer, finden die nächsten winterlichen Spektakel statt. (Daß dort riesige Wälder abgeholzt werden müssen, um all die Bahnen und Stadien zu errichten, stört niemanden.) Schranz verstieß damals angeblich gegen das Amateurgesetz, weil er auf einem Foto mit Kaffeewerbung zu sehen war – an solch ein Werbeverbot fühlt sich Jahrzehnte später freilich kein Sportler mehr gebunden. Am wenigsten das Internationale Olympische Komitee (IOC), dessen damaliger Präsident Avery Brundage zum Österreichischen Staatsfeind Nummer 1 wurde.

Der olympische Sumpf des IOC, der die Spiele monopolistisch ausrichten darf, hat selbst mit seinen dunklen Geschäftspraktiken Probleme. Die Glitzerwelt der Olympischen Spiele ist ein Riesengeschäft! Die „Washington Post“ deckte unter dem Titel „Olympiagate“ Geschichten über Betrug und Bestechung auf. Das Kürzel IOC hat seit Zein El Mohammed Ahmed Abdel Gadir, dem Inbegriff des korrupten Sportfunktionärs, keinen guten Klang mehr. Zwar werden, speziell bei der Bewerbung um die Austragung von Olympischen Spielen, Sach- und Geldzuwendungen als übliche Transaktionen gehandelt, landläufig jedoch fallen solche Freundschaftsgeschenke unter den Begriff Bestechung. Als der Kurzzeitkanzler Gusenbauer Österreich bei der Bewerbung der Winterspiele gegen die Russen antrat, erklärte er, man werde dem Komitee mit „Salzburger Mozartkugeln“ Sympathiegeschenke bringen – geholfen hat´s bekanntlich nichts.

Auch die Seil- und Freundschaften, gerne als Casinomentalität bezeichnet, haben dem Österreichischen Olympischen Komitee bekanntlich zu einem handfesten Skandal mit spektakulären Rücktritten verholfen. In einem „Online“-Interview einer Blogger-Homepage mit dem treffenden Namen „Heiße Tasten“ nahm sich Karl Stoss, Generaldirektor der Casinos Austria und Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees, kein Blatt vor dem Mund. Frage: „Leo Wallner, Ihr Vorgänger als Casino-General, war auch Ihr Vorgänger als Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees. Welche Lehren ziehen Sie aus dem unrühmlichen Ende seiner Amtszeit?“ Stoss: „Schauen Sie, was heißt unrühmlich? Man darf nicht vergessen, dass Leo Wallner über zwei Jahrzehnte unglaublich viel für den österreichischen Sport und das ÖOC geleistet hat. Aber die Zeit hat sich weiterentwickelt, alles ist komplexer geworden und man hat mit mehr Geld zu tun. Eine einfache Einnahmen-Ausgaben-Rechnung wie in einem kleinen Hasenzüchterverein reicht nicht mehr. Man muss das System professionalisieren, das heißt für uns, die Finanzen außer Haus in die Hände eines Steuerberaters bzw. einer Wirtschaftsprüfungskanzlei zu geben.“ Viel Glück – denn was wurde nicht schon alles von einer Wirtschaftskanzlei geprüft und für gut befunden!

Ja, man muss Prioritäten setzen, und irgendein Sportspektakel findet garantiert immer irgendwo statt, der nächste „Circus Maximus“ wartet schon!

Fußball – vom Freizeitspaß zur Kampfkultur (08/2012 – neu)

Können Sie sich noch an die Schlagzeilen erinnern, als es im Feber 2012 in Ägypten zu einer regelrechten Hatz auf Fußballfans gekommen war? Bei Ausschreitungen nach einem Fußballspiel zwischen zwei lokalen Top-Clubs waren in der nordägyptischen Stadt Port Said mehr als 70 Menschen ums Leben gekommen, über 1.000 waren bei Massentumulten und Schlägereien teils schwer verletzt worden. Fans machten Jagd auf Fans, Spieler flüchteten in Todesangst vom Platz: „Wir werden nie wieder Fußball spielen“, zitierte damals das deutsche Magazin Spiegel einen ägyptischen Kicker.

Kein halbes Jahr später dreht sich auch in Ägypten wieder alles um das runde Leder, und Europa ist anlässlich der Europameisterschaft für drei Wochen im Bann des Fußballsportes – eines Sportes, der zweifelsfrei auch Kampfsport ist.

Fußball ist eine milde Form von Massenpsychose, ein kurzfristi­ger Rausch von Gewalt und Krieg, auch religiös instrumentalisiert. In Istanbul, der „Hölle von Fenerbahce“, wurde die Schweizer Nationalmannschaft brutalst attackiert und gejagt, weil ihr „Schweizer Kreuz“ als Kreuzrittersymbol den Unmut der Moslems erregte: „In Istanbul explodierten Aggression und Hass im sportlichen Frust“. Aber auch heimische grün-weiß Anhänger meinen „Rapid ist Religion“ und die Sponsorbrauerei hat das „Weihwasser“. Diesen Anhängern, „Schlachtenbummlern“, ist auch egal woher die Kämpfer kommen, sie wollen einfach „ihre“ Mannschaft siegen sehen, denn der Gegner muss „geschlagen“ werden. Früher mussten die Spieler einer Nationalmannschaft auch patriotische Kämpfer für die Ehre ihrer Heimat sein. Denken wir nur an das „Deutsche Wunder von Bern“, sogar der Kriegsbeginn gegen Russland musste am 23. Juni 1941 in der reichsdeutschen Zeitung „Der Montag“ der Schlagzeile „RAPID – Deut­scher Fußballmeister. Rapid-Schalke 4:3“ weichen. Am 26. Juni 1969 löste das Länderspiel Honduras gegen El Salvador gar den „Fuß­ballkrieg“ aus. Nach diesem Spiel wurden „gegnerische“ Fahnen ver­brannt und es kam zu Ausschreitungen mit Todesopfern. Daraufhin entschloss sich die salvadorianische Regierung zu einer Militärinter­vention. Der 100 Stunden dauernde Kampf kostete 3.000 Tote und 6.000 Verletzte.

Der Soziologe Thorstein Veblen beschreibt Sport als einen Über­rest der Tapferkeit alter barbarischer Lebensweise im modernen Leben. Bei der Euro 2012 bewahrheitete sich das legendäre Qualtinger-Zitat: „Simmering gegen Kapfenberg, das ist Brutalität“. Die „Bild“-Zeitung berichtet: „Mindestens zehn Verletzte, mehr als 184 Festnahmen – das ist die vorläufige und traurige Bilanz der Ausschreitungen vor dem sportlich wie politisch brisanten Spiel zwischen Polen und Russland (1:1). Die Polizei verstärkte den Schutz der russischen Botschaft. Während im Warschauer Nationalstadion vereinzelt Feuerwerkskörper aus dem russischen Fanblock flogen, versuchten in der Innenstadt Hooligans, durch einen Technik-Eingang in die Fanzone einzudringen.“

Kriegsähnli­che Rituale gehören zum Fußballspiel - Feldzeichen, Kriegsbemalung, Uniformen und einpeitschender Schlachtgesänge wie: „Haut´s den Wienern die Schädeldecke ein!“ - so kehrt der moderne Freizeitmensch zu den eigentlichen Wurzeln des Sports als Vorbereitung zum gemeinsamen Kampf zurück.

7.2.2. Von der kontemplativen Sommerfrische zur Urlaubsgesellschaft

 

Wenn Jemand eine Reise thut,
So kann er was erzählen;
Drum nahm ich meinen Stock und Hut
Und thät das Reisen wählen.“ (Matthias Claudius)

 Status durch Urlaub (28/04)

Der „Konsummensch“ verortet sich dem Verbrauch von Freizeit.

In München steht ein Hofbräuhaus und dicht dahinter liegt Venedig Der als besonders schaffensdurstig bekannte Deutsche schafft die Strecke München – Venedig und zurück, inklusive Besichtigung, Postkarten schreiben und Andenkenkauf spielend in zwei Tagen.“ So treffend beschrieb Manfred Schmidt in seinen Reiseerzählungen „Frau Maier in der Wüste“ bereits in den sechziger Jahren die Lust des Urlaubers, Qualen der Mobilität auf sich zu nehmen.

Pünktlich zu Ferienbeginn starten alljährlich in ganz Europa Millionen Menschen gleichzeitig zu der größten Völkerwanderung des Jahres. Hunderttausende Autos streben den trostlos grauen Betonbändern der Autobahnen zu und dort treffen sich in kilometerlangen Staus die erholungssuchenden werktätigen Massen, um bereits total fertig in ihre gebuchten Touristenaufbewahrungsanstalten zu kommen. „All inclusive“ heißt das Zauberwort. Kaum angekommen, gibt es von den Animateuren Programme für die ganze Urlaubszeit – rund um die Uhr essen, trinken und organisierten Spaß. Und das weltweit mit wöchentlichem Touristenwechsel! Denn selbstverständlich kann man sich auch mit Flugzeugen zu den gleich gestalteten Urlaubsanlagen in Asien, Afrika und sonst wohin transportieren lassen, um dort als würdiger Nachfolger der Kolonialmächte die Verwestlichung und McDonaldisierung einst stolzer Völker fortzusetzen.

Die Tourismus- und Freizeitwirtschaft ist die größte Industriesparte dieser Welt und da die Urlaubsreise längst zu einem menschlichen Grundbedürfnis geworden ist, wird zielgruppenorientiert für jeden Typ etwas angeboten. Die größte Gruppe sind noch immer „die Strandurlauber“, welche sich passiv am „Teutonengrill“ rösten lassen und den leiblichen Genüssen bis zum „Ballermann“-Exzess frönen. Selbstverständlich gibt es auch den Bildungsreisenden, der echtes Interesse an neuen Eindrücken in fremden Ländern, bei Menschen und Kulturen sucht. Er hat es schwer, da umfangreichste Reiseliteratur interessante Plätze so publik macht, dass meist ganze Autobusladungen Gleichgesinnter einen Bildungsgenuss verhindert. Unsere Maturanten gehören anscheinend nicht zur Bildungselite. Sie lassen sich lieber zu Fress- Sauf- und Sexevents in eigens dafür geschaffene Gettos transportieren. Damit sind sie gut vorbereitet, ihre künftigen Urlaube in gesichtslosen „All inklusiv“-Clubs zu verbringen. Eine immer größer werdende Gruppe sind die Abenteuerurlauber. Sie suchen bei ihrer Flucht aus dem Alltag den Nervenkitzel. Immer neue, riskantere Sportarten werden probiert. Rafting, Paragleiten, Tauchen oder Antarktisexpeditionen bucht man um viel Geld. Die Illusion, ein Held auf Zeit zu sein, muss bis zur nächsten Auszeit anhalten. Modische „Wellness“-Angebote versprechen ewige Schönheit ja sogar Jugend bis ins hohe Alter und sind eine Erweiterung zu den traditionellen Kuraufenthalten geworden. Hier wird ein zahlungskräftiges und oft leichtgläubiges Publikum geködert. Durch die Ostöffnung vermehren sich die wandernden Massen und auch die Kriminaltouristen beglücken einst friedliche Gegenden vermehrt. Selbstverständlich gibt es noch wirkliche Oasen im Massenbetrieb Tourismusindustrie. In der Tradition der guten alten Sommerfrische kann der Individualreisende in Orten des „sanften Tourismus“ Ruhe und Erholung finden. In Österreich haben sich z.B. Lesach- Defereggen- und Villgratental bisher erfolgreich mit „stillen Attraktionen, sanften Aktivitäten“ ihre ursprüngliche bäuerliche Struktur und Identität bewahren können. Keine künstlichen folkloristischen Tourismusinszenierungen, sondern echtes, traditionelles Volksbrauchtum wird gepflegt. Die Einheimischen werden nicht zu Fotoobjekten degradiert, denn eines wird oft nicht bedacht – der Massentourismus bringt in die Dienstleistungsberufe der Gastronomie große menschliche Probleme. Felix Mitterers „Piefke-Saga“ hat das ganz realistisch aufgezeigt. Die Probleme Alkohol, Familienzerrüttung, finanzieller Abstieg, Prostitution sind Negativfolgen im Tourismusgewerbe und zerstören gewachsene soziale und ökonomische Strukturen.

War früher der Müßiggang dem Kaiser, dem Adel und der Oberschicht vorbehalten, so unternahm der religiöse Reisende bereits im 12. Jahrhundert Wallfahrten und Pilgerreisen. Damals kam der fremde Wanderer als Gast, heute wird die lärmende Touristenplage aus monetären Gründen notgedrungen ertragen. Erst in der Nachkriegszeit entwickelte der Massentourismus eine rasante Eigendynamik.

Die Massen der Mittel- und Unterschicht eroberten alle Bereiche außerhalb der Arbeitswelt und Ortega y Gasset sagt es ganz präzise: „Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden, die Cafés mit Besuchern, die Badeorte von Sommerfrischlern. Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden. Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Winde treibt. Und dieser Typus Mensch entscheidet in unserer Zeit.“ Die prestigeträchtige Traumreise entpuppt sich oft als Tausch von Arbeits- gegen Urlaubsstress und manche Paare trennen sich nach der Reise, da ihre Erwartungen nicht erfüllt wurden. Bunte Reiseprospekte sollen nicht verführen, der Mensch muss genau und ehrlich seine Wünsche und Vorstellungen von der „schönsten Zeit des Jahres“ kennen und das entsprechende Ziel, seinen wirklichen Bedürfnissen angepasst, auswählen. Nur so kann man den Massenbeglückern entkommen und auch am Urlaubsort stolz behaupten: „Hier bin ich Mensch, hier kann ich’s sein.“

 Dder Jagd nach Erholung (34/07)

Von der Sommerfrische zum all-inklusiv Urlaub

Die schönen Sommertage sind nun bald vorbei. Stress geplagt werden die meisten Urlauber wieder in ihre Stress erzeugende, frustrierende Arbeitswelt zurückkehren. Ich gestehe, das trifft nicht auf mich zu, denn ich liebe den Müßiggang, das süße Nichtstun, das Flanieren in fremden Städten, den Spaziergang in unberührter Natur und den philosophischen Kaffeehaus-Disput. Als leidenschaftlicher Kaffeehaussitzer weiß ich konspirativ-anregende Treffen mit philosophisch-disputativen Nachschlag zu schätzen. Wo lässt sich schon trefflicher diskutieren? Wo ist das freie Wort noch freier? Nur – Mitglieder der schreibenden Zunft sollte man nicht treffen – denn dann ist’s vorbei mit dem Müßiggang.

„Ich vermute stark“, eröffnete ich meinem journalistisch verorteten Gegenüber im Grazer Café Weitzer meine allerneuesten soziologischen Fremdenverkehrstheoreme, „dass ich jene japanischen Foto- und Videotouristen, welche ich vor etwa zwei Jahren in Kambodscha traf, diesen Sommer sowohl in der Getreidegasse als auch am Vorderen Gosausee wiedersehen werde. Und in Kambodscha lauern sie derweilen sicherlich wie jedes Jahr selbst bei strömenden Regen hinter ihren Stativen auf den ultimativen asiatischen Sonnenuntergang, vor Mozarts Geburtshaus probieren sie weiße Perücken, und die Naturschönheit des Dachsteinmassivs wird auch in diesem Sommer von Heerscharen von Schnappschuss-Touristen heimgesucht, die den steirischsten Berge aller steirischen Berge als formatfüllenden Hintergrund für ihre kaum therapierbare Sight-Seeing-Sucht missbrauchen.“

„Schreiben‘s was drüber“, meinte daraufhin leichthin der ZZ-Texte-Scout und Redakteur des Feuilletons, „so um die 6.000 Zeichen, ein klasses Foto, und ihre nachgerade tourismuskritischen und standortfeindlichen Fremdenverkehrsthesen erfahren die untrügerische Überprüfung durch die ZZ-Leserschaft!“ Sprach’s und hinterließ mir die ZZ-Redaktionsadresse.

Doch wie beginnt ein Philosoph über den Wandel im Reiseverhalten der Menschheit zu schreiben? Am besten bei Aristoteles, dann wird das skurrile Handeln heutiger Touristenmassen schon irgendwie plausibel erklärbar erscheinen. In der Antike nämlich galt die Muße, die arbeitsfreie Zeit, erstmals als erstrebenswertes Ideal. Aristoteles hebt in seiner Nikomachischen Ethik die vollkommene Glückseligkeit im kontemplativen Leben als Voraussetzung eines erfüllten Lebens, hervor. Die persönliche Verfügbarkeit von arbeitsfreie Zeit war jedoch bis ins zwanzigste Jahrhundert nur einer kleinen Elite von Adeligen, Großbürgern und über materiellen Besitz verfügenden Schichten vorbehalten.

Nur soziale Randgruppen wie Vagabunden, welche ihre Zeit mit Herumtreiben verbrachten, wie etwa Hausierer, Pilger, Handwerksburschen auf der Stör, Studenten und Söldner – schlicht das fahrende Volk – wandelte auf müßiggängerischen Pfaden. Diese Gruppen überwanden enge Grenzen, brachten verschiedene Kulturen und Leute völkerverständigend näher und erforschten fremde Welten. Vagabundierende Reisende waren echte Abenteurer, wurden sie doch noch von keinem Reise­büro vermittelt und von keiner Assekuranz abgesichert.

Erst durch die christliche Strukturierung des Jahresablaufes, der Erholung von der Arbeit durch freie Zeit, der Entkoppelung von Arbeitsplatz und Lebensraum, wurden Freizeitaktivitäten, Reisen und Sommerfrische möglich. Müßiggang jedoch war und ist auch heute noch verpönt, denn Zeit, auch freie Zeit, muss „produktiv“ genutzt werden. Jeder Nichtarbeiter, etwa der genießende Spaziergänger, ist suspekt, gilt doch für den kapitalistischen Erfolgsmenschen die berufliche Karriere, hohes Einkommen, grenzenloser Konsum, also die Durchdringung aller Lebensbereiche unter dem Primat der Ökonomie, als einzig legitimes Lebensziel. Leben ist gleich Leistung ist gleich Arbeit pro Zeiteinheit!

Speziell bei touristischen Aktivitäten ist daher ein Gegensatz von Genuss/Leistung, Stille/Lärm, Langsamkeit/Raserei feststellbar. Die Strategie der Beschleunigung steht der Verlangsamung gegenüber und die Überflutung der Bewusstseinskapazität wird zur anthropologischen Bedrohung. Wer alle Kirchen von Salzburg anschaut, wem dabei noch die umfassende historische Geschichte nähergebracht wird und der als Draufgabe alle Trapp-Familiengeschichterln mit Musik und Kugeln von Mozart inklusive „Jedermann“-Aufführung aufgezwungen werden, der ist wahrscheinlich wirklich reif für das Irrenhaus – aber das scheint im heutigen All-inclusive-Tourismus Norm zu sein. Neckermann macht‘s möglich!

Jährlich besuchen über 25 Millionen fremde Reisende Österreich. Die Entwicklung der Tourismusindustrie war so rasant und unkoordiniert, dass der Tanz um die goldene Melkkuh Fremdenverkehr als nicht reparierbarer Sündenfall diagnostiziert werden kann. Der Literat Felix Mitterer sprach nicht umsonst von „Invasoren“ und „Leibeigenen“: „Es war einmal ein kleines Gebirgsland, in diesem fand regelmäßig eine Invasion ausländischer Mächte statt. Zweimal im Jahr kamen die Invasoren, einmal im Sommer, einmal im Winter. Die Besatzer – zusammengesetzt aus unterschiedlichen Nationen – kamen unbewaffnet und scheinbar ohne feindliche Absichten. Die Invasoren wurden übrigens natürlich nicht als solche bezeichnet, sondern man nannte sie in den Anfängen „Herrische“, später „Fremde“ bzw. branchenintern „Touristen“. Die Vorteile des sich anbahnenden Wohlstandes brachten aber auch sehr schnell schwerwiegende Nachteile mit sich. Um die Invasoren auf jeden Fall zur Wiederkehr im nächsten Jahr zu veranlassen, machte man sich zum Diener der Invasoren, zum Leibeigenen, man merkte es selbst lange Zeit nicht. Da nun aber die Besatzer rund um die Uhr Freundlichkeit, Fröhlichkeit zu verlangen schienen, setzten sich die Bewohner des kleinen Landes allesamt immerfort lächelnde, grinsende, urtümliche Witze, Anekdoten und Lieder von sich gebende Masken auf.

Dahinter verbarg man sein wahres Gesicht, das oft abgespannt war vor Müdigkeit, verärgert und empört auch über die Ansprüche, manchmal sogar schmerzverzerrt nach tausend und abertausend mal Bettenmachen, Bodenputzen, Frühstücksdecken. So nahmen die Dinge also ihren Lauf. Immer mehr Invasoren kamen, immer mehr, wie eine Heuschreckenplage brachen sie herein. In jenen Monaten, in denen die Invasoren sich fernhielten, pflegten die Einheimischen ihre lächelnden Masken abzunehmen und nun selbst in andere Weltgegenden aufzubrechen, vorwiegend in warme Küstenregionen und unterjochten dort ihrerseits die Einheimischen, die sich das ebenfalls gerne gefallen ließen hinter ebenso lächelnden Masken. So unterjochte schließlich eine Weltgegend die andere, und alle schätzen sich glücklich (…)  Das war eine schöne Zeit für alle. Sie währte etwa zweihundert Jahre lang. Dann kann etwas Anderes.“

Hier wird der Literat also zum Soziologen. Dass sich der Tourismus parallel zur Entwicklung der bürgerlichen und der Industriegesellschaft entfaltete, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Tourismustheoretiker wie Hans Magnus Enzensberger sprechen davon, dass die Touristen vor der Disziplinierung des Alltags in der Industriegesellschaft flöhen.

Freilich ist dieser Fluchtversuch zum Scheitern verurteilt, denn der Tourismus als „Befreiung von der industriellen Welt hat sich selbst als Industrie etabliert, die Reise aus der Warenwelt ist ihrerseits zur Ware geworden“.

Insgeheim ist sich der Tourist also seines Scheiterns bewusst. Dass er „im Grunde von der Vergeblichkeit seiner Flucht“ weiß, noch ehe er sie unternimmt«, mache seine „Trostlosigkeit“ aus, so Enzenberger. Doch kann der Tourist seine Enttäuschung nicht eingestehen, denn neben der Freiheitsverheißung ist die Hebung des Sozialprestiges der zweite Hauptgrund des Reisens. Der Urlauber sucht nämlich nicht nur die Geschichte als Museum, nicht nur die Natur als Botanischen Garten, sondern auch die gesellschaftliche Erhöhung, wenn er einmal im Jahr ein luxuriöses Hotel bucht oder auf Safari geht.

Apropos Safari. Die Fotosafari ist ein spezielles massentouristisches Phänomen: Zuhause dienen die Fotos und Mitbringsel zum Beweis des Reiseerfolgs gegenüber den Daheimgebliebenen. Gleichzeitig bestätigten die selbst geschossenen Bilder die bunte Reklame der Tourismusindustrie.

Touristen sind in allen Kulturen damit beschäftigt, „typische“ Zeichen und Symbole zu sammeln. Die Tourismuswirtschaft braucht diese klar definierten, regelmäßig planbaren „Blicke“. Und damit die Touristen auch wissen, wann, wie und wohin sie ‚blicken‘ müssen, werden touristische Attraktionen auch als Attraktionen gekennzeichnet. Bei mancher Attraktion – etwa dem Geburtshaus Mozarts in der Salzburger Getreidegasse – wird letztlich sogar der Schriftzug zur eigentlichen Sehenswürdigkeit.

Tourist im Paradies (25/08)

Der Traum vom Urlaubsparadies: die alljährlich geschickt inszenierte Illusion der Massentouristen

Die Urlaubsreise bleibt ein Fluchtphänomen der werktätigen Massen, manipuliert und vermarktet von professionellen Erlebnismachern und Reiseveranstaltern, welche wohlerworbene Lebenswerte zu Konsumwerten umformen. Die Folgen der Umweltbelastung werden dabei nicht thematisiert, sehr wohl die Treibstoffkosten, denn zwischen Moral und Verhalten klafft beim Urlaubskonsum eine tiefe Kluft, und ein Ende der wachsenden Freizeit- und Urlaubsmobilität ist nicht in Sicht.

Die Urlaubsindustrie schafft zwar einerseits Arbeitsplätze und ist ein willkommener Devisenbringer, aber andererseits kein Garant für mehr Wohlbefinden der einheimischen Bevölkerung. Professionelle, dienende Gastfreundschaft gilt schließlich als sichere Einnahmequelle, der Preis der materiellen Zuwendungen ist jedoch sowohl eine Zerstörung intakter Umwelt als auch der Verlust kultureller Identität, denn der Urlaubsgast ist unerbittlich: er verlangt die Erfüllung seiner Träume vom Paradies auf Erden. Dabei werden Einheimische zu Statisten degradiert. „Joe“ ist im Winter Skilehrer und im Sommer Bergführer, in der Zwischensaison kümmert er sich um seine Familie und den Bauernhof. Er legt, je nachdem, welche Rolle er gerade auf Gästewunsch hin zu spielen hat, seine Masken an, da sein Verhalten die Klischeevorstellungen der zahlenden Invasoren befriedigen muss, sonst bleiben sie in der nächsten Saison aus.

Ob „Ski-Heil“ oder „Bergsteigen ist schööön“, ob „juchhe“ beim Schuhplattln oder flirten mit Naturburschenhabitus, schon längst wird die gespielte Heiterkeit zur Qual, welche nur mit Alkohol und monetärer Abgeltung erträglich gehalten werden kann. Das ist nicht nur in den Alpen längst berufsbedingte Notwendigkeit, weltweit werden Gastvölker zu Bettlern und Almosenempfänger erniedrigt, speziell in Ländern der Dritten Welt schenken karitativ naive Reisende den einheimischen Kindern Bonbons oder Kugelschreiber und der Kameltreiber vor den ägyptischen Pyramiden kassiert nach dem Motto: „one photo – one Dollar“.

Es ist die Illusion des Glücks in einer Ersatzwelt, welche die Menschen in die Ferne, in eine ihnen fremde Umgebung treibt. Arbeit und alltägliche Routine in der „unfreien“ Zeit steht die karg bemessene „freie“ Zeit gegenüber und damit das, bereits ebenfalls zur Routine gewordene, moderne Phänomen Tourismus. Ganze Völkerwanderungen suchen nach einer „ganz anderen“ Gegenwelt zu ihrem Alltagsstress mit den langweiligen und zur Pflicht gewordenen tagtäglichen Zwängen.

Der „Urlaub vom Ich“ soll den eingefahrenen Trott vergessen lassen, der jährlich wiederkehrende Aufbruch und Ausbruch zum Tapetenwechsel wird zur kollektiven Flucht, bei der keiner Massentourist sein will, sondern Individualreisender, nur – wohin mit Millionen Individualisten, wenn sie aus den Autos steigen? Der neueste Boom ist die „Kreuzfahrt“, nicht ins Heilige Land, sondern dorthin, wo noch genügend Platz ist, auf den Weltmeeren. Die riesigen Schiffe bieten den Vorteil, dass man in nahezu gewohnter und bekannter Atmosphäre reisen kann, der Tischnachbar ist vielleicht auch der Nachbar von nebenan und bei den spärlichen Landgängen, wenn gleichzeitig tausende Passagiere zum Fototermin eines touristischen „Muss-Zieles“ transportiert werden, kann man gleich auch noch Ansichtskarten verschicken. Böse Zungen behaupten ja, gereist würde überhaupt nur, um mittels bunter Grüße aus der Ferne bei den Zuhausegebliebenen Bekannten Neid zu wecken. Interessant ist jedoch, dass meist die gewohnten Alltagsrituale nur mit einer anderen Umgebung vertauscht werden, der Mensch bleibt seinen Gewohnheiten auch im Urlaub treu. Der Tourist zelebriert das ewig Gleiche, er nimmt seine internalisierten Rituale überall hin mit, sein Lebensstil wird sich kaum ändern, eigentlich reist er, ohne wegzufahren. Er selbst steht immer im Zentrum seiner kleinen Welt, alles Fremde beunruhigt, auch bei der Großwildjagd in Namibia gibt es ein „kontinentales“ Frühstück, und in der Savanne wird eine Duschkabine aufgebaut – alles Inklusive, mit Abschussgarantie von Antilope, Springbock und, wenn es sein muss, auch eines Elefanten. Der Phantasie, die „schönsten Tage des Jahres“ zu verbringen, sind keine Grenzen gesetzt, die Reisebüros erfüllen alle Wünsche, ob Kulturreise zu den Kopfjägern von Neuguinea oder Wüstengolf in Libyen, alles ist möglich. Die Ware Urlaub wird konsumiert und Waren rangierter bekanntlich vor Werten. Der britische Ethnologe Nigel Barlay über die Spezies reiselüsterner Massen: „Der typische Mensch des 21. Jhts. entpuppt sich als verhasster Tourist, der Kultur und Umgebung geringschätzt, der Lebensstile wie Hüte ausprobiert und in seiner Konturlosigkeit und Oberflächlichkeit die Kreditkarte dem Parteibuch vorzieht.“

Apropos Kreditkarte: Der Tourismus zählt weltweit zu den größten Wirtschaftszweigen. Rund 11 Pro­zent der Konsumausgaben der westlichen Industriestaaten haften am Tourismus. Mit weltweit rund 100 Millionen Beschäftigten ist er der größte Arbeitgeber unter allen Branchen.

7.2.3. Zeit ist Geld – die rasende Mobilitätsgesellschaft

 „Wie lange dauert denn Gegenwart: Die Vergangenheit ist nicht mehr, die Zukunft ist noch nicht, wir haben nur die Gegenwart, umzingelt von zwei Nichtigkeiten.“ (Augustinus)

Alles noch schneller (01/09)

Die zeitbesessene Gesellschaft: Der Vorsatzaktivismus zu Neujahr führt zu Scheinlösungen

Die „vorsatzschwangere“ Silvesternacht ist längst vorbei, der ersten Zigarette im neuen Jahr folgten bereits hunderte nach, dabei wollte man noch in mitternächtlicher Sektlaune „ganz, ganz sicher“ sein Leben im neuen Jahr 2009 ändern.

Was soll’s, nächstes Jahr wird alles anders, bestimmt, denn eines ist gewiss, die Zeit bleibt nicht stehen und einem nächsten Silvesterschwipserl wird auch ein übernächster Neujahrskater ernüchternd folgen. Bis dahin heißt es in altem Trott die Zeit vertreiben, diese fließt unaufhaltsam, scheinbar gegenwärtig, von der Vergangenheit in Richtung Zukunft. Zeit kann nicht stillstehen und den Faustschen Wunsch: „Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön!“ konnte nicht einmal Mephisto erfüllen.

Die Jäger- und Sammlerkulturen kannten freilich unseren abstrakten Zeitbegriff noch nicht, andere Überlebensprobleme waren zu lösen. Mondphasen und Sonnenjahre bestimmten den immer wiederkehrenden Zyklus von Fruchtbarkeit und Ernte Jahrtausende lang.

Erst in der griechischen Mythologie wurde mit der Vergötterung der Zeit begonnen. Kairos, der jüngste Sohn des Zeus, stand für die Subjektivität des günstigen Augenblicks, Chronos jedoch versinnbildlichte den kontinuierlichen, objektiv zu messenden Ablauf der Zeit, auch der Lebenszeit. Diese Plage, die Zeit als verwaltbare Ressource in Form von Zeitmanagement, mit dem Ziel, in möglichst wenig Zeit möglichst viel zu tun, führte bis heute zu einer pathologischen Beschleunigung des Lebens. Das „moderne“ Übel aller materialistischen Arbeits- und Freizeitaktivitäten mündet in stressigem Zeitdruck und damit verbunden in Zeitnot. Zeit, heißt es, in unserer heutigen Gesellschaft daher, ist Geld.

Das eigentliche Leben wird mittels Filofax-Zeitplansystem nur mehr verwaltet. Der Stolz der Vielbeschäftigten, wie albern deren Tun auch sein mag, gipfelt in der narzisstischen Selbstdarstellung, keine Zeit mehr für irgendetwas zu haben.  Dabei warnte bereits vor fast 2000 Jahren der römische Philosoph Seneca in seinem Essay „De brevitate vitae“ seine Zeitgenossen davor, das Leben aufzuschieben: „Du bist beschäftigt, das Leben eilt dahin; inzwischen stellt sich der Tod ein, für den du, ob du willst oder nicht, Zeit haben musst.“

Denn Zeit ist eine Illusion, in unserem Gehirn konzipiert, und Immanuel Kant diagnostizierte philosophisch, dass Zeit und Raum eine „reine Anschauungssache“ seien, der Zugang zu unserer Welt, eine subjektiv-menschliche Bedingung der Welterkenntnis. In seinem monumentalen Werk: „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, lässt Marcel Proust einen Wissenschaftler verkünden, dass die Welt untergehen werde: „Wie würden sich die Menschen ihrer Meinung nach zwischen dem Zeitpunkt, da sie diese Gewissheit erlangen, und dem Zeitpunkt der Katastrophe verhalten?“ Eine gewichtige Frage – wie also die Restzeit, die dem Leben verbleibt, vertreiben – ob mit oder ohne nestroyscher Kometeneinschlagtheorie?

Der Mensch ist, und wird es vermutlich auch im Angesicht seines drohenden Unterganges bleiben, ein „animal symbolikum“, also, wie Ernst Cassierer dies ausdrückt, ein Wesen, welches seine soziale Stellung über Symbole definiert. Er stellt seine Besitztümer zur Schau, will besser sein, als der Nachbar, und der Lebensstil muss Status und Prestige ausstrahlen.

Die Fremdwahrnehmung dominiert bis zum Grabe die individuellen Handlungsmuster des Imponiergehabes. Dafür wird Lebenszeit geopfert, der volle Terminkalender ersetzt ein erfülltes Leben. Nur wenigen Menschen gelingt es, sich von diesem Zwang zu lösen, wie etwa dem nach Kontemplation strebendem Athospilger. Im „Garten der Madonna“ gelten andere Werte, auch eine andere Zeit, kein noch so prestigeträchtiger Chronograph kann die täglich unterschiedliche Tageseinteilung messen.

Die Athosklöster öffnen bei Sonnenaufgang ihre Pforten, die erste Stunde des Tages beginnt. Bei Sonnenuntergang sind zwölf Stunden vergangen, die erste Nachtstunde wird eingeläutet, niemandem wird mehr Einlass gewährt, Menschen und Dämonen müssen außerhalb der Klostermauern die zwölf Stunden der Finsternis verbringen. Mit der aufgehenden Sonne beginnt ein neuer Zeitzyklus, täglich anders eingeteilt, 365 verschiedene Tagesstrukturierungen jährlich. Solchen Naturgesetzen folgend, müsste auch ein neues Jahr dann beginnen, wenn die Winterstürme dem Wonnemond weichen und die Grundlagen für neues Wachstum gesät werden. Aber unser Jahreswechsel findet mitten im Winter statt. Ist es nicht ein Wahnsinn, dass wir Zeitbeschleunigung betreiben, gerade nach Überwindung von Entbehrungen und Not vergangener Zeiten? Wir könnten uns erlauben, Zeit und Muße zum Genuss der Früchte unserer Arbeit aufzuwenden, stattdessen jagen wir dem Glück hinterher, ohne jemals ans Ziel unserer Wünsche zu gelangen, eine Sisyphosgesellschaft – die Utopie vom zufriedenen Leben wird von Silvester zu Silvester verschoben.

Der 1990 vom Klagenfurter Universitätsprofessor Peter Heintel gegründete Verein zur Verzögerung der Zeit „Tempus“ prangt diese Fehlentwicklungen in unserer Überflussgesellschaft an und propagiert einen neuen Typ Mensch, den „Slobby“, den langsam aber besser Schaffenden, den erfolgsorientierten Aufsteiger mit Sinn fürs Leben, gemäß ihrer Kultfibel: „Entdeckung der Langsamkeit“ von Sten Nadolny. Vielleicht wäre ein Vorsatz im neuen Jahr, Gleichgesinnte in Verein „Tempus“ zu treffen, (www.zeitverein.com) Statuten: „Die Mitglieder im Verein zur Verzögerung der Zeit verpflichten sich zum Innehalten, zur Aufforderung zum Nachdenken dort, wo blinder Aktivismus und partikulares Interesse Scheinlösungen produziert.“

Heimat, Tracht und Kommerz (39/2012 – neu)

Nostalgische Renaissance oder zeitgeistiger Modetrend?

„Mehr als 100.000 Besucher machten Graz beim elften „Aufsteirern“ zur Trachtenhauptstadt. Ein Tag des steirischen Lebensgefühls.“ So präsentierte die Kleine Zeitung ihren Aufmacher nach dem großen „Aufsteirerfest“ im September. Bei diesem riesigen Brauchtumsspektakel wurde die steirische Tradition, mit bodenständischer Gastronomie, Volksmusik, Volkstanz und vor allem durch die Tracht der Besucher, als Sehnsucht nach heimatlicher Ursprünglichkeit demonstriert. Der steirische Brauch beinhaltet auch den regionalen Dialekt: „des is afoch a lässiges Festl“ zitiert Sonja Sauruck einen Musikanten in ihrem Bericht: „Fesch, trachtig, steirisch“. Die Männer in ihren Krachledernen zeigten stramme Wadln und die Steirermadln im Dirndlgewand erotisch ihr Dekoltee – welch ein Augenschmaus und Wohlfühlkontrast zu den grauen Kopftuchdamen in den Ausländerbezirken jenseits der Mur! Aber nicht nur in der Steiermark wird die österreichische Volkskultur wieder großartig zelebriert, der Villacher Kirchtag präsentiert sich nicht minder volksnah: „Der Villacher Kirchtag zieht alljährlich mehr als 350.000 Besucher in die festlich geschmückte Villacher Altstadt. Österreichs größtes Brauchtumsfest ist ein wahres Fest für Jung und Alt, für jeden Geschmack, für alle Sinne. Bei mehr als 130 Einzelveranstaltungen wird echtes heimisches und fremdes Brauchtum gezeigt.“ Man traut sich wieder die heimatlichen Wurzeln zu zeigen, vorbei ist die Zeit, in der die Begriffe Heimat, Tradition, Tracht und Volk sofort als böse Wiederbetätigungsgesinnung stigmatisiert wurden – warum auch soll sich der echte, autochthone Österreicher seiner Brauchstumvergangenheit schämen, wenn selbst Angela Merkel eingestehen musste: „Multikulti ist gescheitert“ und wer will schon als gleichgemachter „American way of life“ - Klischeeabklatsch in einer McWorld leben?

Verliert eine Gesellschaft ihre Kultur, ihre alten Traditionen, ihren Dialekt und ihre Wurzeln, treten verstärkt Sinnkrisen und Identitätsverlust auf. In Österreich mussten, ganz im Sinne der geistigen Appeasement-Unterwerfung, viele Jahre unsere deutsch-österreichischen Wurzeln verleugnet werden. Nun wird diese verlorene Heimat, auf der Suche nach Bodenhaftung, speziell von der Jugend wiederentdeckt. Der Begriff „Heimat“ ist ein Gefühl, eine romantische Idealwelt und für den einzelnen Menschen genauso wie für die Gesellschaft in der er lebt, etwas ganz Wichtiges, Entscheidendes in der Persönlichkeitsentwicklung, denn es ist identitätsstiftend und gibt dem Leben erst einen sozialen Sinn. Der Mensch ist ein Wesen, das sich von allen anderen Wesen dadurch unterscheidet, dass es Symbole schafft und sich die Welt symbolisch aneignet. Das ist ein kultureller Akt und zur Kultur gehören eben all jene Bräuche und Überlieferungen, welche Wohlbefinden stiften. Ein solches Wohlbefinden ist für den Menschen dann gegeben, wenn er mit Seinesgleichen zu tun hat, also mit Leuten, die ihn verstehen, die seine Sprache sprechen und seine Symbole zu deuten wissen. Nicht umsonst meint der Soziologe Huntington, dass Menschen mit unterschiedlichen Kulturen letztendlich nur nebeneinander und nicht miteinander leben können, ja, dass diese Verschiedenheiten zu einem „Kampf der Kulturen“ führen müssen. Der Soziologe Roland Girtler stellt fest, dass: „. der Begriff Heimat irgendwie in Misskredit geraten ist. Für einige Leute scheint er emotional belastet zu sein. Und für aufrechte „Antifaschisten“ ist die Verwendung des Wortes Heimat etwas besonders Schlimmes. Für sie ist jemand, der von Heimat spricht, geradezu ein Bösewicht, ein Vertreter von Ideologien, die mit „Blut und Boden“ oder ähnlichem in Verbindung gebracht werden.“

Diese Vorurteile scheinen nun überwunden zu werden, denn wenn in der Salzburger „Nacht der Tracht“ der Ex-Skifahrer Markus Wasmeier und die Haubenköchin Johanna Maier als „Botschafter der Tracht“ ausgezeichnet werden, dann sind diese „Botschafter der Tracht Vorbild im Respekt gegenüber dem Überlieferten und gleichzeitig Initiatoren für neue Impulse“ wie Claudia Lagler in der Presse schreibt. Tracht ist ein wesentliches, nicht wegzudenkendes Element des Heimatbrauchtums und immer auch modischen Trends unterworfen. Meist wird geglaubt, dass sich die Tracht aus dem bäuerlichen Gewand der frühen Jahrhunderte entwickelt hat. Dabei wird oft vergessen, dass die bäuerliche oder regionale Tracht in der Regel aus der höfischen und städtischen Mode entlehnt ist. Zeitlich verzögert und in meist vereinfachter Form sind die modernen, städtischen Schnitte oder Stoffe von der Landbevölkerung übernommen und weiterentwickelt worden. Dass sich die bäuerliche Tracht an den vorherrschenden bürgerlichen Modetrends orientiert, sie nachahmt und ihrer Gemeinschaft anpasst, zeigt, welche Bedeutung dem modischen Aspekt von Tracht beigemessen werden muss. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts ist Tracht zunächst einmal ein Kennzeichen der Standeszugehörigkeit, die sich durch alle Schichten zieht. Ob Patrizierin, Pfarrer, Magd oder Bauer, jeder trägt ein Gewand, das seine Stellung innerhalb der Gesellschaft dokumentiert. Tracht ist demnach auch ein Ausdruck von Gruppenkleidung, die über ein normiertes Bekleidungsverhalten die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe verortbar macht. Tracht wird jedoch auch mit folkloristischen Elementen in Verbindung gebracht, etwa, wenn professionelle Volkstänzer den Sommerfrischlern etwas vorspielen, nämlich genau das, was sie von den Alpenbewohnern in ihrem Urlaub erwarten. Besonders das Dirndlgewand lässt dabei erotische Fantasien erblühen, dabei war das Dirndl ursprünglich ein rein städtisches Modephänomen. Anfangs noch Dienstbotentracht, setzte sich das Dirndl ab etwa 1870/80 in der Oberschicht des städtischen Sommerfrischepublikums als "ländliches" Kleid durch. Die Erfindung dieses eine gewisse Laszivität ausstrahlenden Kleidungsstückes markierte einen der wichtigsten Ausgangspunkte für das heutige Verständnis von alpenländischer Tracht. Dabei symbolisiert die Schleife, mit der die Schürze gebunden ist, den ehelichen Status der Trägerin. Bindet sich die Trägerin ihre Schleife auf der rechten Seite, signalisiere sie so, dass sie vergeben, verlobt oder verheiratet sei. Eine Schleife auf der linken Seite bedeute, dass die Trägerin noch zu haben sei.

Die gutbesuchten Brauchtumsfeste in den unterschiedlichsten Regionen Österreichs verbinden Menschen gleicher Abstammung und Gesinnung und sind wesentlich mehr als nur ein gewinnbringendes Spaßspektakel. Gerade, weil dabei Heimat mit all seinen Symbolen präsentiert wird, festigen diese Veranstaltungen regionale und landesweite Verbundenheit. „Besinnung zur Heimat, zu unseren Wurzeln“ scheint ein wieder entdeckter Wertebegriff in einer prekären, unsicheren Zeit zu sein.

7.3. Konsumgesellschaft

 

„Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen,
Ihr klein Häuschen, ihr klein Häuschen.
Wir versaufen unser Oma ihr klein Häuschen
Und die erste und die zweite Hypothek.“ (Schlagertext von Robert Steidl)

Der Schriftsteller Kurt Tucholsky schrieb 1922 in der Zeitschrift „Die Weltbühne“ über dieses Lied unter der Überschrift: „Ein deutsches Volkslied“:

„In deutschen Landen ist augenblicklich ein Lied im Schwange, das den vollendetsten Ausdruck der Volksseele enthält, den man sich denken kann – ja, mehr: dass so recht zeigt, in welcher Zeit wir leben, wie diese Zeit beschaffen ist, und wie wir uns zu ihr zu stellen haben. Das Lied will also besagen: ‚Wir, die Sänger, sind fest entschlossen, das Hab und Gut unsrer verehrten Großmutter, insbesondere ihre Immobilien, zu Gelde zu machen und die so gewonnene Summe in spirituösen Getränken anzulegen.‘ Wie dies –? Das kleine Lied enthält klipp und klar die augenblickliche volkswirtschaftliche Lage: Wir leben von der Substanz.“

Wie ist es zur konsumtiven Lebensweise in unserer Gesellschaft gekommen? Bedingt durch die technischen Entwicklungen und die industrielle Revolution ist diese Konsumgesellschaft vor allem durch das Wechselverhältnis von Konsumtion und Produktion entstanden: ohne Produktion keine Konsumtion und ohne Konsumtion keine Produktion. Erst im 20. Jahrhundert aber kann man von einer Konsumgesellschaft sprechen, da im Verlaufe dieses Jahrhunderts die Mehrheit der Bevölkerung zunehmend ein Einkommen erzielen konnte, das deutlich über dem lag, was für die Befriedigung der Grundbedürfnisse notwendig war. Erst jetzt konnte die Mehrheit der Bevölkerung an neuen Konsumformen teilhaben, sodass dem Konsum herausragende kulturelle, soziale und ökonomische Bedeutung zukam. Den Beginn der Konsumgesellschaft könnte man für die USA in der Zwischenkriegszeit und für Österreich in den 1960er Jahren ansetzten. In diesen Jahren wurde in Europa das Konsumniveau der USA erreicht. In der Konsumgesellschaft stehen neuartige, kulturell geprägte Konsumformen im Mittelpunkt, wie der ubiquitäre und omnitemporale Verzehr industriell hergestellter Lebensmittel, die Bekleidung mit modischer Massenkonfektion, das Wohnen in technisierten Haushalten, eine dramatisch gestiegene Mobilität und eine medial gestaltete Freizeit. Voraussetzungen für das Entstehen einer Konsumgesellschaft sind: zunehmende Freizeit, steigendes disponibles Einkommen, Aufkommen von Kreditkarten, veränderte Produktionsbedingungen wie Rationalisierung und Massenproduktion sowie neue Handels- und Vertriebsformen. Verpackung, Substitute, Surrogate, Imitate, Moden und Wegwerfprodukte, Marketing und Marktforschung sind allerdings sowohl als Fortschritt zu betrachten, wie aber auch Ursache von Umweltschäden und individueller psychischer und physischer Belastung. Wird in der Konsumgesellschaft Goethes Zauberlehrling die Geister, die er rief nicht mehr los? Fast scheint es so, denn weltweit wollen Milliarden Menschen am Konsum teilhaben, nur, die Rohstoffe unseres ausgebeuteten Planeten werden dazu nicht ausreichen! Allein die USA mit nur 5% der Weltbevölkerung verbrauchen 40 % aller weltweit geförderten Rohstoffe und 25% der kommerziellen Energie. Ein Bürger aus einem industrialisierten Land bedeutet für die Biosphäre eine weit größere Belastung als ein armer Einwohner eines Entwicklungslandes. Der durchschnittliche Verbrauch an kommerzieller Energie pro Kopf betrug in Afrika 14, in Asien 20, in Lateinamerika 37, in den ehemaligen Staaten mit zentraler Planwirtschaft 167 und in den Industriestaaten 185 Gigajoules. Auf ein Auto kommen in Asien 121, in Afrika 75, in Lateinamerika 15, in Westeuropa 3 und in den USA 2 Einwohner. Auf die USA und Westeuropa entfallen allein 65% der weltweit genutzten Autos. Doch eine Konsumgesellschaft giert nach Wachstum und erhöhtes Wachstum verlangt nach vermehrtem Konsum, dies bedeutet wiederum mehr Rohstoff- und Energiebedarf…ein sich selbst immer schneller drehender Teufelskreis.

Kaufen, Schenken – Tauschen (51/04)

Die Kulturgeschichte des Umtauschwahnsinns muss erst geschrieben werden

Angeblich schenken einander Frau und Herr Österreicher zu Weihnachten gegenseitig Gaben im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Oft eine Fehlinvestition, denn ungefähr 30 bis 40 Prozent der Gaben sind für die Beschenkten wertlos. Damit setzen wir die Tradition der Potlatschfeste bei den Kwakiutl-Indianern fort.

Diese Indianer kamen alle paar Jahre mit ihren Booten zu bestimmten Plätzen, um mit ihrem Reichtum zu prahlen – ein Ringen um Ansehen und Würde begann. Eigentlich war es ein Ritual des Tauschhandels, so wie heute, denn jedes Geschenk ist ein Warenkredit. Der Schenkende erhält, so will es das ungeschriebene Tauschgesetz, ein mindestens gleichwertiges Gegengeschenk zurück.  Eine gewisse Geltungssucht beim Warentausch findet sich weltweit – auch noch heute.

Es gibt keinen Grund, Geschenke nicht anzunehmen, da dies zu Feindschaften führen würde. Schenken hat auch viel mit Handel zu tun, denn der erste bedeutende Warenaustausch reisender Kaufleute war der Geschenkehandel. Der Fremde brachte ein Gastgeschenk, um seine friedliche Absicht zu demonstrieren, dafür wurde ihm die Gastfreundschaft gewährt. Prestige und Machtdenken spielen bei den Festen mit Geschenkegaben eine entscheidende Rolle. Bereits die beiden Mönche Johann Plano de Carpini und Wilhelm Rubuch berichteten im 13. Jahrhundert, dass bei Besuchen am Hofe von Dschingis Kahn Geschenke als Symbol der Unterwerfung erwartet wurden. Die Gegengabe fiel aber umso verschwenderischer aus, da ein kleines Geschenk unter der Würde des Kahns gewesen wäre und beide Seiten waren zufrieden.

Und heute? Sind wir zufrieden? Gleitet nicht unser heutiges Geschenkedenken in Handelstätigkeiten totalen materiellen Ursprungs ab? Warum muss immer quantitativ und nicht qualitativ gedacht werden? Weil wir keine Zeit haben, da wir von Termin zu Termin jagen, um das Geld für den Einkauf von Geschenken zu verdienen? Der Handel erwartet Umsatzsteigerungen, die Wirtschaft muss wachsen, das Rad dreht sich immer schneller. Genügt es nicht, Zeit zu schenken? Zeit, die wir gemeinsam mitspielen, wandern und einfach gemeinsamen Tätigkeiten verbringen können? Zuneigung, Liebe und echte Freundschaft verlangen nach gemeinsamen Erlebnissen und nicht nach immer mehr und teureren Einkäufen.  Speziell Kinder brauchen im Sozialisationsprozess Familie und Freunde. Es gibt keine Möglichkeit, diese Grundbedürfnisse durch materielle Geschenke zu kompensieren! Die neuesten elektronischen Spielzeuge können niemals ein gutes Buch ersetzen; doch wer hat schon Zeit zu lesen? Pisa hin oder her, laufen wir schnell und kaufen wir schnell, am Ende sind gar die Geschäfte geschlossen und umtauschen ist auch noch möglich! Schließlich heißt das moderne Zauberwort Kredit!

Der wahre und echte Zauber jedoch ist das Leuchten der Augen, wenn die Familie am Weihnachtsabend gemeinsam ein besinnliches Fest feiert! In diesem Sinne, frohe und glückliche Festtage!

 Nehmen ist seliger denn geben (28/07)

Moral und Ökonomie verschmelzen zur Verpflichtung, sich zu revanchieren

 Jeder Gabe folgt eine Gegengabe, denn der Austausch von Zuwendungen ist nichts anderes als eine verdeckte Form von Machtausübung. Der Soziologe Marcel Maus beschäftigte sich 1925 intensiv mit der Interaktionsform des Gebens und Nehmens. Er folgerte, dass jedes Geschenk eine Kreditform darstellt und mit Zinsen zu gegebener Zeit, in welcher Form auch immer, zurückerstattet werden muß. Kraft-Kravanec geht sogar noch weiter, er behauptet schenken sei ein aggressiver Akt. Moral und Ökonomie verschmelzen zur Verpflichtung, sich zu revanchieren, selbst bei rituellen Festen. Bei wirtschaftlichen Transaktionen wird der kultursoziologische Zwang zur „Revanche“ – zum Rückfluss freilich ein bisserl problematischer. Monetäre Rückflüsse haben stets den Beigeschmack der Korruption.

Korruption ist gemeinhin der Missbrauch von anvertrauter Macht zum privaten Nutzen und Vorteil, „corrumpere“ – lateinisch – bedeutet „verderben, vernichten, herrschen“. Weltweit werden jährlich etwa 80 Milliarden Dollar an Schmiergeld bezahlt, um Entscheidungsträger so zu beeinflussen, daß legale Vorgänge zugunsten des Bestechers manipuliert werden. „Transparency International“, eine weltweit agierende Bewegung gegen Bestechung, behauptet, daß die Bauwirtschaft und die öffentliche Infrastruktur mit 46 Prozent aller gekauften Entscheidungen die Hitliste der korrupten Branchen anführt. Untermauert wird diese Reihung auch von der italienischen Zeitung „La Republika“, welche publizierte, dass in Italien „nur ein Zehntel der öffentlichen Aufträge ehrlich ausgeschrieben werden“. An zweiter Stelle der korrupten Geschäftemacher rangieren die Waffenhändler. Diese Branche liegt im Dunstkreis von Mafia und Kriminalität, wie zahllose mysteriöse Todesfälle belegen. Aber auch der rote „Club 45“ baute geheime Netzwerke und Seilschaften auf, deren Machenschaften lange Zeit im Dunkeln blieben, geschützt von höchsten sozialistischen Machtträgern. Im internationalen Vergleich stehen die Österreichischen Sozialisten nicht alleine da, so soll der britische Eurofighter Partner BAE eine Milliarde Pfund an den saudischen Prinzen Bandar bezahlt haben. Im Orient nennt man das „die Palmen ölen“. Saudi-Arabien will immerhin um 20 Milliarden Pfund 72 Stück Eurofighter kaufen. Der britische Ex-Verteidigungsminister Denis Healy: „ohne Schmiergeld gibt es keine Waffengeschäfte“.

Das weiß auch der im Waffengeschäft international tätige Alfons Mensdorf-Pouilly, der als offizielle Berufsbezeichnung angibt, Bauer zu sein. Der Ex-Gatte von Ex-ÖVP-Ministerin Rauch-Kallat verhalf den schwedischen Saab-Werken in Ungarn und Tschechien zu lukrativen Geschäften. Österreich bestellte allerdings, trotz des Einsatzes bedeutender Geldmittel, den roten Gripen nicht. Selbstverständlich hätten alle Verträge, wie bei Waffengeschäften üblich, diskret abgewickelt werden sollen, und so dementiert auch Mensdorfts Büro gegenüber der Austria Presseagentur: „eine geheime Vereinbarung vom März 2002, in welcher Provisionszahlungen in Höhe von acht Millionen Dollar angeführt werden, existiert unseres Wissens nicht.“ Der „einfache Bauer“ Mensdorf verwaltet über seine ungarische Firma die restituierten Güter, welche seine Mutter nach dem Fall des kommunistischen Regimes zurückerhielt und so besitzt er selbst auch in Schottland kein Schloss, sondern nur seine Firma MPA Budapest tut das, welche dort „die in Ungarn verdienten Gelder investiert“ – ja, Besitz belastet!

In Österreich haben kleine Zuwendungen eine lange kulturelle Tradition. Waren doch Geschäftsanbahnungskosten bis vor kurzen sogar noch steuerlich absetzbar. Die Kleinkorruption blüht, man richtet sich’s eben. Der Mann mit dem Koffer sponserte die ÖVP, das gefüllte Kuvert ebnet mühevolle Amtswege, und wenn der Vorschlag linker Utopisten Wirklichkeit wird, daß Migranten aus Moldawien, Georgien, Rumänien etc. bei der Polizei aufgenommen werden, na dann gibt es auf Organstrafmandate ohne Beleg bald eben 50 Prozent Rabatt. Das englische Wort „gift“ zeigt den Doppelsinn deutlich – Gabe einerseits und Gift andererseits. Peter Eigner untersuchte „Das Netz der Korruption“ und er stellt fest: „Von den Top-1000 Wirtschaftsunternehmen haben vielleicht 100 einen Verhaltenskodex. Nicht einmal 20 davon haben eine Unternehmenspolitik und einen Leitfaden, der das Unternehmen davon abhält, Bestechungsgelder zu zahlen.“

Solange der Grundsatz „wer gut schmiert, fährt auch gut“ als Kavaliersdelikt wahrgenommen wird, wird weiter diese Form der kleinen, zwischenmenschlichen Wechselwirkung von Gabe und Gegengabe blühen. Denn wer ist schon ein so gläubiger Mensch, daß er ein unmoralisches Angebot mit dem biblischen Grundsatz ablehnt „geben ist seliger denn nehmen?“. Alles hat seinen Preis, es kommt nur auf Summe an.

Der letzte Einkauf (51/08)

Luxus: Der Neid als Motor der Gesellschaft

Die Wochen vor Weihnachten, die besinnliche Adventzeit, ist wieder einmal ein riesiges Konsum- und Einkaufsfest, keine Spur von innerer Einkehr und Ruhe, trotz Finanzkrise. Man gönnt sich ja sonst nichts, auch wenn das Konto überzogen wird, schnell laufen und kaufen, wer weiß was nächstes Jahr sein wird. „Verkauft’s mei G’wand, i foahr in Himmel“, diese Lebensweisheit in einem alten Wienerlied nehmen sich viele Konsumenten zu Herzen und verschulden sich bis zum Privatkonkurs. Wenn schon, denn schon, warum nicht einen letzten großen Einkauf tätigen? Darf’s vielleicht ein 42,28karätiger blauer Saphir sein?

Das Auktionshaus Christie’s in Genf versteigert dieses Prachtexemplar um etwa drei Millionen Euro. Doch es gibt auch günstigere Schnäppchen, ausgestellt in der Wiener Hofburg. Ein hellblauer Ferrari, ein schwarzer Maybach um 600.000 Euro, ein diamantenbesetztes Handy um eine Million oder darf es ein mit Schlangenleder bezogener Küchenblock sein? Oder einfach nur eine Rolex, ein Original natürlich, keine Imitation aus Fernost, obwohl die tausendmal billigere Kopie auch nur die aktuelle Zeit misst. Die Luxusmesse will Gusto machen auf Schönes und einer neuen Haltung Rechnung tragen, sagt Veranstalter Gerhard Krispl. Doch so neu ist der Trend zum unnötigen teuren Tand nicht. „Luxus braucht Bewunderer und Mitwisser“ so beschrieb der römische Philosoph Seneca bereits den demonstrativen Prunk vieler seiner Zeitgenossen. Luxus benötigt eine Bühne, auf der er sich entfalten kann. Luxus und Dekadenz gehen Hand in Hand, wie es die Reichen und Schönen, jene bedauernswerten, in allen Seitenblickevents und Medien präsenten Vorbilder unserer Konsumgesellschaft, vorleben.

Die Auftritte werden zelebriert, und manche öffentlichkeitsgierigen Promis kompensieren ihre psychischen Probleme sogar mittels durchinszenierter Shows, wie dies ein ehemaliger Maurer alljährlich beim Opernball publikumswirksam vorführt. Status und Prestige glaubt man über materielle Werte definieren zu können, doch diese Psychokrücken verschaffen nur kurzzeitig Befriedigung und verlangen nach immer mehr Luxusgütern. „Luxuria“, die Wollust, ist eine der sieben Todsünden und die Höllenstrafe für Frevler: im Feuer gegrillt werden. Heute sind die sieben Todsünden längst Staats- und Lebensform geworden, denn der Konsumismus braucht Lüste, Begierden und Süchte des Einzelnen, die auf Besitz, Bequemlichkeit und Genuss gerichtet sind. Das System muss funktionieren, der Konsum angekurbelt werden, Bedürfnisse wollen neu entfacht werden, um die grenzenlose Nachfrage nach immer mehr am Kochen zu erhalten. „Das muss ich haben“ ist das Leitmotiv unserer Wirtschaftsordnung, Krise hin oder her.

Auf den Märkten der westlichen Welt wird um Kunden geworben, die im Grunde schon alles haben, was sie brauchen. Der Kapitalismus ist überhaupt aus dem Geist der Verschwendung entstanden, so die These des Soziologen Werner Sombart. Die zentrale Rolle dabei spielt der Begriff Luxus, dem stets das Nicht-Notwendige, verbunden mit etwas Müßigem, anhaftet. Diese Lust an kapitalistischer Luxuskultur, an der Gier des über den alltäglichen Bedarf hinausgehenden Notwendigen, trieb Handel und Produktion derart an, dass nur mehr exzessive Ausbeutung der Kolonien die Nachfrage an Seide, Edelsteinen, Gold, Baumwolle, Pfeffer, Weihrauch, Porzellan etc. decken konnte. In seinem Werk „Liebe, Luxus und Kapitalismus“ rechnet Sombart den Preis für diese Entwicklung aus: „Von der Ausdehnung der Plantagenwirtschaft selbst und ihrer Massenbedeutung machen wir uns am ehesten eine richtige Vorstellung, wenn wir die Menge der in ihr verbrauchten Sklaven in Erfahrung zu bringen suchen. 1778 gab es in den englisch-westindischen Besitzungen 663.899 Negersklaven.“

Und heute? Wie wird in sogenannten Billiglohnländern gearbeitet? Vielleicht sollte einmal darüber nachgedacht werden, was die Produktion von Überflüssigem weltweit bedeutet, denn Luxus ist ein Aufwand, der über das Normalmaß weit hinausgeht. Dabei gibt es noch ein zentrales Motiv, ebenfalls eine der sieben Todsünden, das die Gier nach solchen Luxusgütern noch beflügelt: den Neid – Invidia. Jemand anderer besitzt ein Gut, das ich begehre, schon beneide ich ihn darum. Neid gehört zu den aggressivsten menschlichen Gefühlen, Motiven und Persönlichkeitseigenschaften. Ein Gut wird dabei nicht um des Gutes wegen begehrt, sondern vorrangig wegen der Ungleichheit, unabhängig von der Nützlichkeit. Kein Neid daher ohne sozialen Vergleich. Die individuelle Identitätsbildung lautet daher: Wer ich bin, weiß ich nur in Abgrenzung zu anderen, von denen ich mich unterscheide. Das Antriebsmotiv, unter Gleichartigen einzigartig zu sein, impliziert daher, dass, weniger zu besitzen, den Selbstwert schwächt, mehr zu besitzen, ihn dagegen stärkt. Politische Parteien spielen gerne mit Ungleichheit und Gleichmacherei, ja Rolf Haubl stellt in seiner Untersuchung „Neidisch sind immer die anderen“ fest: „…Neid ist geradezu ein sozialistisches Gefühl, so dass Neiderregung auch zum Standardrepertoire politischer Machtkämpfe gehört.“ Somit sei die gesamte Weltgeschichte als eine Abfolge von Klassenkämpfen zu sehen, es gehe primär um die Umverteilung knapper Güter und den Luxus für einige wenige. Nur zufrieden oder glücklich haben all diese Kämpfe niemanden gemacht, denn das wohl knappste Gut, welches auch zufrieden machen könnte, liegt im Ermessen jeden Einzelnen – die Zeit. Luxusgeschenke zur Weihnachtszeit sind daher eindeutig gemeinsam mit der Familie und Freunden verbrachte Zeitzuwendungen. Denn nicht Haben, sondern Sein bestimmen letztendlich über das Wohlbefinden, speziell, wenn man bedenkt: „Wer bin ich, wenn ich bin, was ich habe, und dann verliere, was ich besitze.“

Moderner „Ablasshandel“ (52/07)

Strategien der edlen Verschwendung: Mit dem schlechten Gewissen machen karitative Organisationen gute Geschäfte

Etwa achtzig Prozent der österreichischen Massenkonsumenten betäuben ihr schlechtes Moralgewissen mit jährlich mehr als 400 Millionen Euro an Geldspenden für – ja wofür eigentlich? Ein altes chinesisches Sprichwort lautet: „Wenn du einen armen Menschen für einen Tag glücklich machen willst, dann schenke ihm einen Fisch. Willst du ihn ein Leben lang glücklich machen, dann lehre ihn fischen.“

Eingedenk dieses Grundsatzes dürften daher überhaupt keine Sachleistungen in angeblich bedürftige Länder gebracht, sondern ausschließlich Wissens- transfer organisiert werden. Aber die Eitelkeit manch öffentlichkeitssüchtiger Charity-Partylöwen reicht nur bis zum Event des tollen TV-Einspielergebnisses, der Ersatzkaiser oder ein anderer Herr Wichtig verdoppelt dann – mit fremdem Steuergeld – ganz obermoralistisch, den gesammelten Betrag. Wie die nicht unbedeutenden Geldbeträge tatsächlich eingesetzt werden, bleibt meist ohne Licht im Dunkeln verborgen. Andere Staaten agieren da ganz anders.

Wir spenden nach Afrika, doch China bereitet systematische Wirtschaftsbeziehungen mit dem schwarzen Kontinent vor, ganz ohne Mitleidsmasche. Auch Kapitalfonds legen ihre Gelder in den Märkten sogenannter Drittländer an und lukrieren interessante Gewinne. Wäre es da nicht an der Zeit, die Verantwortung für bedürftige Menschen an die jeweiligen Regierungen vor Ort abzugeben und nur mehr beratend Wissen zu vermitteln? Ein Staat, der millionenschwere Waffenkäufe tätigt, dessen Diktator sein Volk verhungern lässt darf nicht in seinem Tun noch mit Spendengeldern belohnt werden.

Dabei hat die Gabe in allen Kulturen eine lange zurückreichende Tradition, ja nahezu weltweit gab es eine Pflicht des Gebens, um die Götter und Menschen friedlich zu stimmen.

Das christliche Almosengebot „Geben ist seliger denn Nehmen“ hat Zwangscharakter, denn es verpflichtet zum Opfer, zur milden Gabe. Benefizveranstaltungen (lat. beneficio = „Wohltat“) bieten den Spendern persönliche Befriedigung und unterbrechen den Zyklus, dass jede Gabe eine Gegengabe herausfordert, da die Empfänger anonym bleiben, die institutionalisierte Spendenindustrie macht das möglich. Der Almosenempfänger muss sich nicht revanchieren, die Gegenleistung, so hoffen die Spender der Mildtätigkeit, möge einfach nur dankbar sein und nicht rebellieren.

Mit der Wohltätigkeit findet heute in der verweltlichten Zeit neben den gesetzlich vorgeschriebenen Steuerabgaben eine zusätzliche Umverteilung von den Vermögenden zu den angeblich sozial Schwächeren statt. Schenken ist allerdings auch ein Ausdruck von Herrschaftsbeziehung, da der Schenkende Macht über den Beschenkten gewinnt, die soziale Hierarchie und die Abhängigkeitsstrukturen werden aufgedeckt.

Die Gabe von Almosen beruht auf altruistischen Beweggründen und wird zur Alltagspflicht. Marcel Mauss spricht vom „fait social total“, einem totalen sozialen Phänomen, das alle Mitglieder einer Gesellschaft zueinander in Beziehung setzt. Jedes Jahr gibt es im Zeitalter des Turbokapitalismus’ neue Spendenrekorde, gemessen in Millionen Euro, zusätzlich kommen Horden von Bettlern in der Vorweihnachtszeit nach Österreich, mafiös organisiert, wie dies bereits Berthold Brecht in seiner „Beggar’s Opera“ beschreibt.

Bettler waren früher Landstreicher, erbettelten in Klöstern ihre Suppe oder erhielten in den Städten eine befristete Aufenthaltsgenehmigung, meist für drei Tage, den sogenannten Bettelbrief. Verstießen sie gegen das Gesetz wurden sie öffentlich gezeichnet, etwa durch Abschneiden eines Ohres – daher die Bezeichnung „Schlitzohr“.

Heute steht „Betteln“ überhaupt unter dem Schutz von Pfarrern, welche anscheinend noch wegen der Gaunereien des Ablasshandels über ein schlechtes Gewissen verfügen und diverse Bettler mit frommen Tricks auf den erschreckten Bürger hetzen. Besitz wird und wurde als „Malefiz“ gepredigt, nur durch „Benefiz“ gibt es daher einen Platz im Paradies. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt“ – schon der Ablasshändler Johann Tetzel zog im Namen von Papst Leo X. durch die Lande, um Geld gegen Sündenvergebung einzutauschen. Die Berufung auf Gott, der im Jenseits einlöst, was im Diesseits bezahlt wurde, ist wohl die edelste und hinterlistigste Strategie, eine Gabe zu lukrieren. „Sobald der Gülden im Becken klingt / im huy die Seel im Himmel springt“ soll Johann Tetzel in der Art eines Marktschreiers den Ablaßhandel eröffnet haben. Die katholische Kirche gewährt noch heute Ablässe, von Papst Paul VI. 1967 neu festgelegt. Die Angst des Sünders, dass im Jenseits eventuell doch über alle schlechten Taten eine göttliche Buchhaltung richtet und die Seele ins Fegefeuer oder gar in die Hölle verbannen könnte, lässt das Geld auch im dritten Jahrtausend nach Christus im Kasten klingen. Magie, Zauber und Abwehrzauber sind tief im heidnischen Urgrund des homo sapiens verwurzelt.

Der Kaufrausch, der die vorweihnachtliche Besinnung verdrängt hat, und das Weihnachtsfest als Geschenkeaustausch erzeugen daher den Drang, wenigstens eine scheinbar gute Tat zu tun. Jede Gabe ist nur ein Kredit, der vom Beschenkten eine Gegengabe, mit Zins und Zinseszins bewertet, zurückverlangt. So ist die Spende zu einem Ablass geworden, eine Gabe, welche Gott mit der Gegengabe des ewigen Heils erwidern möge. Der moderne, verdinglichte Mensch bereut nicht, er will sich freikaufen - „vergelt’s Gott“. Die Spirale von Sünde – Spende/Ablass – Vergebung dreht sich immer schneller. Knallen die Sektkorken zu Silvester, kann wieder ein Jahr gesündigt werden, da ein neuer Spendenrekord im nächsten Jahr die Vergebung, der Spendenablass, alles vergessen lässt.

Jean Baudrillard spricht von einer Reversibilität der Gabe durch die Gegengabe auf der Ebene des Symbolischen, da zur Weihnachtszeit die spektakulär aufgezogenen und medial vermarkteten Spendenshows die Mildtätigkeit manipulieren. Bestimmte Normen und Regeln werden professionell eingesetzt, um noch mehr Geld zu horten. Das reicht, denn über die tatsächliche Verwendung bzw. einen möglichen Missbrauch will der Spender nichts wissen, könnte er doch, um mit Franz Werfel zu sprechen, seinen Himmel veruntreut sehen. Es genügt, wenn professionell auftretende gütige Menschen beschwichtigen, etwa der Volksschauspieler Harald Krassnitzer. Er wurde abendfüllend gefilmt, wie er ein Auto durch Afrika chauffierte, um es einer wohltätigen Organisation im Urwald zu übergeben. Dafür durfte er im Fernsehen auch einen „Freibrief“ für Asylanten fordern, attestiert von der Gutmenschin Prammer, welche zu Krassnitzers Vorschlag nickte. So gütig ist unsere Präsidentin des Hohen Hauses. Das Sündenregister der Staatsbürger Österreichs ist groß, viel muss noch gebüßt werden, denn die Devise lautet: niemals vergessen. Da darf nicht nur gespendet werden, es muss weiter restituiert, bei Mahnmalen gekniet, in der Schule die bösen Vorfahren angepatzt, eingebürgert, umverteilt, mitgekämpft, ja, wenn es sein muss, sogar gestorben werden. Die Erbsünde lässt sich eben nicht mit ein paar Euros abwischen – es müssen immer wieder ein paar Euros mehr sein, so will es die generationsverhebende Sippenhaftung. Ewiges Heil verlangt ewige Buße.

Wir Schnäppchenjäger (15/08)

Immer auf Schnäppchenjagd: Schnell laufen und kaufen, denn der nächste Konsumrausch kommt bestimmt

Der Konsumrausch kennt keine Jahreszeiten. Dem heiligen Geschenkfest Weihnachten folgt alle Jahre wieder der Umtauschrausch zum Jahreswechsel. Es folgt Inventur ab- und Winterschlussverkauf, danach die „Weißen Wochen“ und die diversen Frühlingsrabattaktionen. Selbst Ostern ist schon ein „Konsumfest“.

Längst vergessen sind die mahnenden Erlöserworte: „Ihr sollt keine Schätze sammeln auf Erden“ (Luk.12,27), stattdessen ziehen Jahr für Jahr größer werdende Autokarawanen in Richtung der Kauftempel am Stadtrand, um die Warengötzen des totalen Materialismus’ anzubeten. Das neuzeitliche Paradies lockt als Einkaufszentrum mit der Verführung: „Kauf´was du nicht brauchst, mit dem Geld, dass du nicht hast, um Leuten zu imponieren, die du nicht magst“.

Wer dort nicht seiner Kaufsuchtsucht frönt, wird als „Blödmann“ abgestempelt, da der intellektuell kaum unterbietbare Rattenfängerruf: „Geiz ist geil“ all jene anlockt, die Waren billig kaufen wollen, die sie ohnehin schon haben oder nicht brauchen. Ursache dieser grenzenlosen materiellen Gier ist die Vertreibung aus dem göttlichen Paradies, da im Garten Eden Adam und Eva alles hatten, was sie brauchten, und trotzdem nach der verbotenen Frucht griffen. Immanuel Kant war bereits von der Maßlosigkeit seiner Mitbürger entsetzt: „Man gebe dem Menschen alles, wonach er sich sehnt, und in dem selben Augenblick, da er es erlangt, wird er empfinden, daß dieses Alles nicht alles ist.“ Der einst stolze Bildungsbürger wurde zum außengeleiteten Konsumbürger umprogrammiert, der sein Kaufverhalten größtenteils unreflektiert und emotional an Schein-Dingen und Lebens-Attrappen ausrichtet, die er sofort haben will und erst später bezahlen muss. Konsumgesellschaften verbrauchen täglich Unmengen an knappen Ressourcen, kein Problem, auch wenn der Ölpreis täglich steigt und immer mehr Autos den Planeten Erde beherrschen. Die Produktion wird gesteigert, schließlich wollen auch jene 200.000 Erdenbürger, die täglich unsere Weltbevölkerung vermehren, einmal mit PC, TV, Handy, KFZ, Internet und all den anderen wunderbaren technischen Krücken der modernen Überflussgesellschaft spielen. Die negativen Seiten unserer Konsumgesellschaft werden verdrängt.

Der Anthropologe Arnold Gehlen zu den Ursachen dieser Entwicklung: „Der Mensch ist organisch ein Mängelwesen, er wäre in jeder natürlichen Umwelt lebensunfähig und so muss er sich eine zweite Natur, eine künstlich bearbeitete und passend gemachte Ersatzwelt, die seiner versagenden organischen Ausstattung entgegenkommt, erst schaffen, und er tut dies überall, wo wir ihn sehen.“  Die künstlich geschaffenen Welten werden durch aggressive Werbung der Konzerne bereits gezielt an Kleinkinder herangetragen, um überhaupt neue Bedürfnisse zu schaffen und Markenbindungen aufzubauen. Eltern, selbst abhängige Konsumenten, erleben bei ihren „Kids“ diese Konsumsucht bei jedem Einkauf, da sie immer mehr und am Ende alles haben wollen. Die Reizüberflutung im Sozialisationsprozess (in Supermärkten gibt es bis zu 30.000 Artikel), lässt die einstmals unbeschwerte Kinderjahre zu künstlich geschaffenen Scheinwelten vor elektronischen Medien verkommen – Klingeltöne statt Bilderbücher, oder McDonald statt gesundem Gemüse und Mausklick statt kreativer Holzbauklötze. Die Vielzahl an Reizen wird durch Neuromarketing gezielt auf bestimmte Gehirngegenden geleitet, PR-Strategien gehen mittels sogenannter „Informationsstraßen“ direkt in unbewusste Abläufe des „Habenwollens“. Deutlich sichtbar an nahezu fünfzig Prozent übergewichtiger Kinder, an physischen und psychischen Problemen sowie Intelligenzmängeln, siehe PISA-Studien. Die Zielgruppe Kind bringt den Konzernen Milliardenumsätze und die Gewissheit, neue und abhängige Verbraucher genormt zu haben. Der Wiener Poet Seethaler bringt es auf den Punkt: „je mehr wir uns zu mehr Konsum verleiten lassen, umso weniger merken wir, wer die sind, die uns leiten“.

Was bleibt, sind vergängliche Konsumgüter, sehr oft nicht bezahlbare Schulden. Seneca sah in der Dekadenz den Untergang des Römischen Imperiums heraufdämmern: „Unter Strohdächern wohnten einst freie Männer, unter Marmor und Gold aber weilt die Sklaverei.“ Ist die überall sichtbare Wohlstandsverwahrlosung ein Zeichen des kommenden Unterganges des Abendlandes? Die Antwort lautet: Ich konsumiere, also bin ich!

7.4. Medien- und Informationsgesellschaft

 

"Mein teurer Freund, ich rat euch drum
Zuerst Collegium logicum.
Da wird der Geist euch wohl dressiert,
In spanische Stiefel eingeschnürt,
Dass er bedächt´ger so fortan
Hinschleiche die Gedankenbahn,
Und nicht etwa die Kreuz und Quer,
irrlichtere hin und her ...
Der Philosoph, der tritt herein
Und beweist euch, es müsst so sein:
Das Erst´ wär so, das Zweite so,
Und drum das Dritt´ und Vierte so,
Und wenn das Erst´ und Zweit´ nicht wär,
Das Dritt´ und Viert´ wär nimmermehr ...“

(Mephisto in Faust I, J. Wolfgang von Goethe)
Der Mensch in der Mediengesellschaft wird von Informationsreizen überflutet. Niemand kann sich der laufenden Berieselung durch selektiv aufbereitete Nachrichten, Werbung und damit versuchter Manipulation und Einflussnahme durch den Medienmarkt entziehen, denn Gewinnmaximierung stehen im Vordergrund bei allen Print- und elektronischen Medien. Der Mensch wird zum Konsumenten, der über Quoten quantifiziert wird. Je jünger der Konsument kommerzieller Programmangebote und Medienprodukte, desto leichter kann man ihn durch immer flachere Reize ablenken und insofern auch ködern, indem man seine eher oberflächlichen Bedürfnisse und Instinkte anspricht. Die Internationalisierung der Programme und die Globalisierung des Internet kann auch die regionale oder nationale Verwurzelung der Menschen auflösen, so dass das eigene Persönlichkeitsbild in Programmfluten und Datenströmen zu verschwimmen droht. Die Digitale Revolution führt durch die Verschmelzung der Medien Fernsehen und Computer zu einer fortschreitenden Individualisierung der Mediennutzung. Und sie fördert damit eine Tendenz vom einstigen Massenmedium Fernsehen zum Individualmedium "Multimedia" zu werden, als Teil der so genannten "Ego-Gesellschaft". Eine funktionierende Gesamtgesellschaft aber ist nicht die Summe ihrer Egos, ihrer Individuen, denn diese sind nicht lebensfähig ohne andere Individuen, sei es in der Familie, in der Nachbarschaft, im Beruf oder in der Gesamtgesellschaft. Der Medienkritiker Harry Pross hat eine Publikation aus dem Jahre 1996 mit dem Titel überschrieben: "Der Mensch im Mediennetz". Er meint damit das weltumspannende Netzwerk des Internet, Sat-TV das jeden Einzelnen, aber auch die Gesellschaft insgesamt in einem Maße mit Daten von ungeklärter Herkunft und Qualität überschwemmt, dass durch die Überfülle an Information mehr Verwirrung als Orientierung entsteht, denn der Wahrheitsgehalt des digitalen Inhalts ist kaum überprüfbar.  Sind die Medien also kein Köder, sondern ein Netz? Sind sie ein Netz, das uns fängt oder uns trägt? Sind wir in ihm gefangen wie ein Fisch oder vielleicht frei und aktiv wie die Spinne, die ihr Netz gewoben hat, um es strategisch zu nutzen? Lebt also die geächtete Propaganda und Gehirnwäsche, nur mit anderen Mitteln, noch immer?

 Das Kreuz mit der Masse (13/08)

Der Mensch ist manipulierbar: Die Ideologien des zwanzigsten Jhts. bestätigt diese These

Die Massenpsychologie, ein Teilgebiet der Sozialpsychologie, beschäftigt sich mit dem Verhalten und Handeln von Menschen, sobald ihre Individualität in Gruppen gleichen Interesses zugunsten von Gruppenzielen reduziert wird. Begründer dieser gruppendynamischen Forschung ist Le Bon, der in seinem Buch „Psychologie der Massen“ behauptet, daß der einzelne in Massensituationen seine Kritikfähigkeit verliert und von charismatischen Führern form- und leitbar wird.

Die Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts, speziell Faschismus, Bolschewismus und Islamismus, bestätigten weltweit diese Thesen. Auch Angehörige von Kulturnationen verübten Verbrechen ungeahnten Ausmaßes gegen Angehörige anderer Gruppen. Nur die Siegermächte des Zweiten Weltkrieges, speziell die USA, wollten nicht akzeptiert, dass auch die „Befreier“ in ihren Handlungsmotiven von niederen Instinkten geleitet worden sind. Der Psychologe Stanley Milgram sollte in einem groß angelegten Experiment testen, ob die Bereitschaft bei durchschnittlichen Personen besteht, autoritären Anweisungen auch dann Folge zu leisten, wenn sie in direktem Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen.

Das Milgram-Experiment sollte ursprünglich dazu dienen, Verbrechen aus der Zeit des Nationalsozialismus’ sozialpsychologisch zu erklären. Dazu sollte die „Germans are different“-These geprüft werden, die davon ausging, dass die Deutschen einen besonders obrigkeitshörigen Charakter haben. Das Ergebnis war schockierend, da ganz normale Amerikaner bereit waren, unter vermeintlicher wissenschaftlicher Anleitung einer ihnen gänzlich unbekannten Person Elektroschocks zu verabreichen, welche tödlich sein konnten. Das Experiment ist in unterschiedlichen Varianten in anderen Ländern wiederholt worden. Die Forschungsergebnisse bestätigten die kulturübergreifende Gültigkeit der Experimentresultate. Das Experiment wurde vielfach als Beleg dafür verstanden, dass fast jeder Mensch unter bestimmten Bedingungen bereit ist, nicht seinem Gewissen zu folgen, sondern einer Autorität. Verfilmt wurde das „Stanford Prison Experiment“ des US-Psychologen Philip Zimbardo, der erkennen musste, dass in einer Situation, in welcher Macht und Unterwerfung willkürlich verteilt sind, es zu vollkommener Demütigung von per Zufall bestimmten „Gefangenen“ durch ebenfalls zufällig bestimmte „Wärter“ kommt. Die Verfilmung mit Moritz Bleibteu zeigt, dass selbst bestens vorbereitete wissenschaftliche Experimente außer Kontrolle geraten können. Und genau das passierte auch dem Lehrer Ron Jones 1967 an der kalifornischen Cubberley High-School bei seinem als „Die Welle“ bekannten Versuch. Er drillte seine Klasse in Disziplin und Gemeinschaftsgeist und wollte so abschreckend zeigen, wie es im „Nazi-Deutschland“ zugegangen sein müsste. Zu seinem Entsetzen gefiel es den Schülern plötzlich, uniforme Einheitskleidung zu tragen, sich mit einem eigenem Gruß als Gruppenmitglieder zu identifizieren und im Sport und in der Freizeit zusammenzuhalten. Die Schüler gaben an, dass die Kameradschaft mit gemeinsamen Zielen sich angenehm von ihren bisherigen, langweiligen Lebensroutinen unterscheide. Mr. Jones musste erkennen, dass amerikanische Schüler „gute Nazis abgegeben hätten.“ Dabei sind solche Gruppenbildungen mit eigenen Symbolen und Ritualen in der ganzen Welt und nicht zuletzt bei Fußballanhängern Normalität.

Die Neuverfilmung von „Die Welle“ wurde nach Deutschland, also dem Hort der „Hitler-Jugend“ verlegt, vielleicht auch um davon abzulenken, dass all die gescheiterten Experimente in Amerika durchgeführt wurden. Aber selbst Jürgen Vogl, als eingefleischter linker Lehrer, dessen Schüler sich am Autoritäts-Experiment erfreuen, kann den Zuseher nicht davon überzeugen, dass jeder Pimpf ein potentieller Gauner war – ganz im Gegenteil, Kinder brauchen Vorbilder, Ideale und Grenzen in einer scheinbar ziel- und grenzenlosen Welt. Familie und Pädagogen sind daher gefordert, die Jugend sinnvoll zu leiten und nicht den elektronischen Verführern und den wohlstandsverwahrlosenden Konsumwelten preiszugeben.

Festspiele – die kulturelle Leichtigkeit für Adabeis (30/2015 – neu)

Die vornehme Aristokratie traf sich im 18. und 19. Jh. zu höfischen Musik- und Theaterfesten im noblen Ambiente ihrer Herrschaftssitze und Lustschlösser. Komponisten und Autoren wurden vom Adel finanziell unterstützt, denn kaum ein Künstler hätte ohne dieses Mäzenatentum seine Werke schaffen können, an denen sich auch heute noch das Festspielpublikum erfreut. Bürgertum und Parvenüs strebten danach adelige Lebensformen zu imitieren und an solchen Festivals ebenfalls vornehm teilzuhaben und so fanden nach und nach Kunst, Literatur, Musik und Theater auch Einzug in bürgerliche Kreise. Heute tauchen Festspiele mit Event - Charakter inflationär in jedem noch so unbedeutenden Ort auf, in der Hoffnung ein zahlungskräftiges Publikum touristisch anzulocken. Eventmanager bieten ein umfassendes Rahmenprogramm an, um für Handel, Gastronomie und Hotellerie eine Umsatzsteigerung zu erwirtschaften. Fast nie mit Erfolg, denn der leidgeprüfte Steuerzahler muss trotz werbegeiler Sponsoren und zahlendem Publikum reichlich jede noch so hinterfragenswerte Form von „Kultur“ subventionieren.

Sommerfestspiele sollten eigentlich unterhaltsame, leichte Kulturkost bieten, trotzdem toben sich auch bei diesen Festivals oft einfallslose oder gar linke Regisseure so aus, dass vom ursprünglichen Stück fast nichts mehr übrigbleibt. So sieht etwa der Gast, nach einem wunderbar weinselig verbrachten Tag im burgenländischen Seewinkel, in Mörbisch bei der Premiere von Johann Straus „Eine Nacht in Venedig“ folgende Halblustigkeiten:

Vorspiel: Einzug der Adabeis – in den ersten Reihen drängen sich die Promis, umgeben von Klatschspaltenjournalisten und TV-Kameras. Der ehemalige Rathauslehrling Hundsdorfer bahnt sich wuchtig einen Weg zur Gesichtswäsche, auch der einheimische Landeshauptmann darf nicht fehlen – die Yellow Press will wissen, was denn unsere heutigen Parvenüs so von Ehebruch und Liebelei halten. Ein staunender, zahlender (!) Festspielbesucher sagt plötzlich überrascht: „Der Fasslabend ist auch da“ – seine Frau: „Wer ist denn das?“ Er erklärt: „Na der war auch einmal wer“. Die Intendantin tritt auf und begrüßt die „Ehrengäste“ – jetzt weiß jeder zahlende Besucher, dass Ehre nur hat, wer nicht selbst bezahlt. Dann die Operette: Statt einer Gondel ein Kreuzfahrtschiff – dem Sponsor MSC sei Dank – „Komm in den Dampfer mein Liebchen oh sage nicht nein“. Vom noblen Festspiel zur Posse mit Gesang, vom adeligen Förderer großer Meister zur Subvention der Bühne für Adabeis.

Spektakel müssen sein, meinte schon Maria Theresia!

Der gläserne Kunde (50/05)

Die totale Gesellschaft ist ohne Geheimnisse

"Der große Bruder sieht Dich an!"

"Big Brother Is Watching You!"

Bereits 1984 war Georg Orwells Vision der totalen Überwachung technisch längst machbar und wurde auch eingesetzt. Der große Lauschangriff, Beobachtung aus dem Weltall, Datenvernetzung, ja sogar die Gedankenpolizei des politisch korrekten Systems hat den Einzelnen unter Kontrolle. Aber all diese unsichtbaren Überwachungsmöglichkeiten sind erst der Anfang. Durch bereits ausgereifte Technologien, also keine Phantasien, kann ein Mensch so gläsern werden, wie man sich das in den kühnsten Träumen gar nicht vorstellen mag. Alle Daten von gekauften und benutzten Artikeln, alle Bewegungen, Aktivitäten können mittels Funkübertragung an einen Empfänger gesendet werden. Erleichterung des Alltagslebens meinen seine Erfinder, Aufgabe der Individualität fürchten Zukunftsskeptiker. Die Technologie heißt RFID – „Radio Frequency Identification“

Die bisher eingesetzte Barecode Technik muss mittels Lesegerät einzeln identifiziert werden, RFID aber kann hunderte Funkchips gleichzeitig und berührungslos verarbeiten. Die Effizienzsteigerung, etwa in Supermärkten, ist enorm. Die kontaktlose Welt wird alle Menschen und alle Lebensbereiche betreffen. So werden die Eintrittskarten bei Fußballspielen mit elektronischer Zutrittskontrolle für die Stadien versehen sein. Weitere Anwendungen sind: Autoschlüssel, Bibliotheken, Reisepässe, Liefer- und Produktionssysteme, Logistik- und Mautsysteme, ja sogar Tiere haben solche Chips bereits implantiert und speziell der militärische Anwendungsbereich beschleunigt die technologische Entwicklung. Die ersten Anwendungen waren Freund- Feinderkennungssysteme gegen Ende des 2. Weltkrieges und heute sind Funketiketten mit elektronischer Datenspeicherung serienmäßig in Millionenstückzahl kostengünstig produzierbar. Der Handelsriese METRO setzt diese personalsparende Technologie bereits seit 2003 ein. Mit RFID Technologie soll in den nächsten Jahren Umsätze jenseits der Milliarden Euro Grenze erwirtschaftet werden und die nächste Stufe, der sprechende Chip, ist in Entwicklung. Wo die Grenzen der Anwendung sind, wagt niemand vorherzusagen. Warum nicht auch bei Menschen implantieren? Die Gesundheitsdaten wären bei einem Unfall sofort verfügbar. Diebstahl von Geld oder Kreditkarte nicht mehr möglich, da diese Wertgegenstände unter der Haut immer sicher verwahr wären. Doch wer all die persönlichen Daten verarbeiten könnte, wüsste über den Chipträger mehr als der so analysierte Mensch selbst von sich ahnt, denn alle Gewohnheiten ließen ein tiefenpsychologisches Persönlichkeitsprofil erstellen, vor dem selbst Orwells „1984“ verblassen würde.

Wird es in Zukunft noch Möglichkeiten für den Individualisten geben, sich diesen Entwicklungen zu verweigern? Wohl kaum, da alle abweichenden Wünsche, etwa Barzahlung, nur mit hohen Zusatzkosten möglich sein werden. Die Technologieexperten verteidigen die Entwicklung damit, dass eben in Zukunft alle Dinge intelligent sein müssen. Verhindert kann die aufgezeigte Entwicklung nicht mehr werden, der “Große Bruder“ sieht längst alles, er braucht nicht einmal mehr hinzuschauen.

Das Märchen vom Datenschutz (13/09)

Der gläserne Kunde ist längst Realität

Waren das noch alte Zeiten, als die Metternichsche Geheimpolizei schnüffelnd durch finstere Gassen schleichen musste, um revolutionäre Gespräche zu belauschen. „Undercover“-Agenten würde man heute wohl auf Neudeutsch sagen, wurden in konspirative Zirkel eingeschleust, denn nur die Gedanken durften frei sein. Genützt hat auch das nichts, die Revolution fand dann 1848 trotzdem statt – „ja dürfens´ das?“ Heute darf das Volk alles, denn alles Recht geht vom Volk aus, und der unbescholtene Bürger, also das Volk, hat nichts dagegen, wenn zu seinem Schutz und damit zu seinem Besten möglichst viele Daten gesammelt, verknüpft und ausgetauscht werden, schließlich hat, wer frei von Schuld ist, auch nichts zu verbergen. Zumindest glaubt das der naive Normalverbraucher, hat das Volk doch ein Datenschutzgesetz beschlossen, und wen interessiert schon, welche Sexartikel, Bücher oder Spiele im Internet bestellt werden oder welche „anonyme“ Webseiten aufgerufen, Kreditkartendaten weitergegeben werden oder gar spezielle medizinische Artikel über eine Krankheit Aufschluss geben könnten? Das praktische Funktelephon lässt sich leicht anpeilen und zeigt weltweit den jeweiligen Standort des Benutzers an, und was macht es schon, wenn Videokameras nahezu lückenlos alle öffentlichen Plätze rund um die Uhr beobachten?

Jeder einzelne Bürger dieser gläsernen Gesellschaft hinterlässt Spuren, unsichtbare, elektronische und unauslöschliche Spuren. Kein Schritt, kein Einkauf bleibt unbeobachtet, er wird nachvollzogen, gespeichert, und derjenige, der über diese Daten verfügt, kann mittels einfachster Suchparameter in Bruchteilen von Sekunden ein intimes Profil jedes Menschen erstellen. Wissen wird damit zur absoluten Macht über den gläsernen Menschen. Wie mühsam war es seinerzeit für den SPÖ-Intriganten Sinowatz zu eruieren, dass das Pferd von Kurt Waldheim bei der SA war, und zweimal im Monat musste ein gewisser Herr Holec von Wien nach Prag reisen, um seinem tschechischen Führungsoffizier zu rapportieren und auch um seinen Judaslohn zu kassieren, wie aufwendig. Das moderne vernetzte System von Computer, Handy und weltweiter Möglichkeit, Geld zu transferieren, macht es möglich, von jedem Platz der Erde an Informationen zu gelangen und diese weiterzuleiten. Wer weiß denn schon, wer wann was bei welcher Gelegenheit über wen gespeichert hat? Wer kann sagen, welche persönlichen Daten weitergegeben wurden und vor allem, was mit diesen Daten weiter passiert ist? Nichts bleibt unbemerkt. In unserer heutigen Zeit wird der „Gläserne Mensch“ als Metapher für den durchschaubaren Menschen verwendet, da ihm seine Privatsphäre genommen wird, da eben alle elektronisch gespeicherten Daten, wie Gesundheit, Finanzen, Familie, etc., weitergegeben werden und somit andere Personen leicht zu fremden Daten kommen können. Es ist noch nicht lange her, da weigerte sich das Volk, sich zählen zu lassen oder Fragebögen auszufüllen – und heute? Bis 2010 will die deutsche Bundesregierung alle wichtigen Daten der Untertanen erneut zentral erfassen lassen – und Umfragen zeigen, dass mittlerweile mehr als drei Viertel der Bundesbürger keine Bedenken gegen einen neuen Zensus haben. „Die Bundesrepublik war nie ein Überwachungsstaat, aber wir entwickeln uns zu einer Gesellschaft, in der immer mehr Überwachung stattfindet“, stellt hingegen der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, nüchtern fest. Seltsamerweise scheint diese Entwicklung die meisten Bürger nicht zu stören; vielleicht blicken auch viele in der vernetzten Welt nicht mehr durch. Ständige Video-Überwachung gilt vielen Bürgern als Schutz. Privatsphäre? Wer im Internet ohne Verschlüsselungstechnik telefoniert, verzichtet freiwillig darauf, auch das Bankgeheimnis ist längst ein Mythos. Die Begründungen der Behörden für das Sammeln und Speichern von Daten wechseln, einmal geht es darum, den sexuellen Missbrauch von Kindern zu verhindern, dann rückte die Bekämpfung des internationalen Terrorismus´ in den Vordergrund. Aber längst gibt es andere Dimensionen bei der Datenjagd: Adressenhändler und Unternehmen sammeln Informationen über Einkommensverhältnisse, Zahlungsmoral und Konsumverhalten und verknüpfen ihre Erkenntnisse mit Stadtplänen und digitalen Landkarten. „Geomarketing“ heißt das. Straßenabschnitte mit säumigen Zahlern bekommen schlechte Noten; gute Noten erhalten Viertel mit guter Zahlungsmoral. Jedes größere Unternehmen versucht, mittels Rabattstrategie das Kaufverhalten ihrer Kunden mittels eigener Firmenkarten zu analysieren, um ganz individuell zugeschnittene Angebote computergesteuert zu erstellen. Wenn die Kundenkarten in naher Zukunft mit RFID-Chip ausgerüstet werden, dann steht der totalen Manipulation nichts mehr im Wege, denn dann ist es möglich Angebote zu machen, die man nicht ablehnen kann. Der Einkaufswagen erkennt den Kunden sofort und begrüßt den Benutzer freundlich mit Namen und über dem Griff erscheint die Standardeinkaufsliste der letzten Monate.

Noch nie zuvor wurden die Verhaltensweisen des Menschen so extrem technisch unterstützt und konnten technisch so perfekt und eindeutig abgebildet und unbegrenzt aufgezeichnet, abgerufen werden wie heute. Die zukünftigen Möglichkeiten sind überhaupt nicht abschätzbar, ob der Mensch seine gottgleichen Anmaßungen beherrschen kann, bleibt abzuwarten, denn bald wird das menschliche Genom, das Erbgut des Menschen, aus einer riesigen Datenbank im Internet abrufbar sein – für jeden. Und dann…?

7.5. Lebenswelten, Bräuche und Rituale

 „Wo man singet, lass dich ruhig nieder,

Ohne Furcht, was man im Lande glaubt,
Wo man singet, wird kein Mensch beraubt;
Bösewichter haben keine Lieder.“ (Aus: „Die Gesänge“ von Johann Gottfried Seume)

 Der Alltag in dem jeder Mensch lebt, denkt, handelt, kommuniziert ist eine Kulturwelt. Sinnzusammenhänge und Deutungsmuster in der Welt des „Jedermann“, dort findet das Leben in der natürlichen Einstellung als „commons sense“ statt. Alltag und Lebenswelt werden durch Sozialisation erworben und sind durch Regeln, Normen und Werte gekennzeichnet. Oftmals sind Symbole und eine eigene Sprache Identitätsbildenden, wie etwa die Lebenswelt der Jäger oder Sportler. Ein Individuum kann zu mehreren Lebenswelten Zugang finden. Wer die Codes der jeweiligen Gruppe kennt, der gehört dazu, wer das „Jägerlatein“ nicht beherrscht darf den Ritualen und Bräuchen der Jagdgesellschaft nur von außen zuschauen, er ist ein Fremder. Sehr oft müssen Aufnahmeprüfungen, Initiationsrituale absolviert werden, feierliche Handlungen bekräftigen dann die Zugehörigkeit zu der Lebenswelt einer speziellen Gruppe. Bei Religionsgemeinschaften etwa Taufe oder Beschneidung, bei der Mafia der Schwur mit dem Leben bei Missachtung der Regeln zu haften, in der Fliegerei nach dem ersten erfolgreichen Alleinflug der schmerzhafte Schlag auf das Hinterteil, ausgeführt von allen alten Fliegerassen des Fliegerhorsts.

Lebenswelt kann somit den Bereich des selbstverständlichen, traditionalen Handelns oder auch eine umfassende historisch gegebene soziokulturelle Umwelt meinen. Ein Brauch, ein Usus ist eine innerhalb solcher festen sozialen Gemeinschaften oder Lebenswelten, gewachsene Gewohnheit, eine Tradition.

„Ein tiefer Sinn liegt in den alten Bräuchen, man soll sie ehren“. Wer die alte Lebenswelt und die Bräuche seiner Vorfahren missachtet und verlässt, der ist alleine auf sich zurückgeworfen und einsam. Heute ist dies in vielen zerstörten Familien der Fall. Singlehaushalte nehmen zu, in den Großstädten steigt die Scheidungsrate auf weit über 50% an. Die Individualität führt zu Ziellosigkeit und mit dieser Entwicklung geht für viele Menschen auch der Lebenssinn verloren und die Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens, der Traum vom Glück. Wer zu keiner sozialen Lebenswelt Zugang findet, der vereinsamt. Die Reproduktion von Lebenswelten gehört somit zu den sinngebenden Tätigkeiten des Menschen.

7.5.1. Soziale Lebenswelten und ihre Gesetzte

 „Was mich nicht umbringt, macht mich stärker“ (Aus: Götzen-Dämmerung, F. Nitsche)

 Den Kurschatten gibt es nicht auf Kasse (48/04)

Baden, eine liebliche Muse- und Kurstadt mit hohem Erholungswert für Körper, Geist u Seele

Seit Wochen freue ich mich auf eine dreiwöchige Kur in Baden bei ­Wien. Und ich werde nicht enttäuscht – dieses wunderbare Biedermeierstädtchen hat für den erholungssuchenden Kurgast alle nur erdenklichen Annehmlichkeiten parat. Bei einem ersten Spaziergang beobachte ich mit großem Vergnügen die lieblichen Häuser und das bunte Treiben auf dem Markt und im Kurpark.

Ich erinnere mich, dass ich mit meinem Vater 1956 hier das erste Mal herkam – zerschossene Fassaden, eingeschlagene Scheiben und wenige, noch verängstigte Bewohner waren ein trauriger Anblick. Hier war tatsächlich die Befreiung erst 1955 erfolgt, denn die russische Besatzung befreite die Bevölkerung höchstens von ihrem Eigentum. Über das traurige Schicksal der Frauen wird schamvoll geschwiegen. Wehe den Besiegten! Baden war Sitz der russischen Kommandantur und auch meinem Vater ist es hier im letzten Augenblick gelungen, nicht verschleppt zu werden. Als fachkundiger Maschinenschlosser an einer Präzisionswerkbank hätte er der geraubten Maschine nach Russland folgen sollen. Diese Gedanken lassen sich nicht verdrängen – wenn heute die Gäste aus Russland ihre Banknotenbündel lässig zeigen und im Thermalbad genauso lässig ins Wasser spucken.

Berühmt ist die Schwefel- und Moorbehandlung in der traditionsreichen Badeanstalt, welche modernisiert wurde, aber durchaus ihren Charme erhalten hat. Hier entwickeln sich eingespielte Rituale. Ruhepausen und Behandlungsaktivität wechseln einander wohldurchdacht ab. Auch die Kurgäste wissen, dass Abwechslung zum Kurerfolg beiträgt. Wochentags heben die berüchtigten „Kurschatten“ den psychischen Kurerfolg und am Wochenende wird mit den angereisten Familienmitgliedern die Kalorienersparnis der Kurdiät bei üppigen Mahlzeiten wieder ausgeglichen. Nach einigen Tagen wird der Tagesablauf zur Routine und der Zauber idyllischer Spaziergänge in den Weinbergen mit anschließendem Heurigenbesuch nimmt den Kurgast gefangen. Es bilden sich verschiedenste Interessensgemeinschaften. Einige frequentieren die Konditoreien, andere bevorzugen Kartenspiel und Casinobesuche, wieder andere Kurgäste sind fast nie zu sehen. Aber fast alle pflegen ihre Leiden. Man übertrumpft sich förmlich in Krankheitserzählungen und überbietet einander in der Anzahl von Arztbesuchen und Therapiekenntnissen. Auch die Anzahl der bereits absolvierten Kuraufenthalte trägt zur Erstellung einer Rangordnung der Kurgäste bei.

Natürlich verführt die Nähe Wiens zu Theater- und Opernbesuchen. Die gute alte Badenerbahn fährt direkt bis zur Oper und bei dieser Anreise sorgt die Haltestelle Traiskirchen für erlebnisreiche orientalische Abwechslung. Die in Traiskirchen „kurenden“ Asylanten benutzen die Badenerbahn sehr gerne, da dieses öffentliche Verkehrsmittel für sie anscheinend kostenlos verfügbar ist. Keiner unserer multikulturellen Gäste entwertet einen Fahrschein, dafür sind bei den sofort einsetzenden Handygesprächen nahezu alle Dialekte dieser Welt lautstark hörbar. Munter werden in der Bahn, mittels modernster Handys, Geschäfte angebahnt und eine dunkelhäutige Schönheit versucht sogar zwischenmenschliche Kontakte herzustellen. Im Theater allerdings gibt es kein beobachtbares multikulturelles Interesse gemeinsamen Kunstgenusses, hier endet die Integration, da nur Österreicher und Touristen kulturell interessiert sind.

Routinierte Kurgäste wissen die unveränderte Zeitlosigkeit des exakten Tagesablaufes zu schätzen. Keine Aufregung unterbricht den Heilerfolg, schon wird der nächste Kuraufenthalt geplant und manche Kurgäste treffen sich regelmäßig alle ein bis zwei Jahre und die Zeit dazwischen ist nur eine lästige Unterbrechung eines morbiden Zustandes der Zufriedenheit und Langeweile. Nur während der Kur fühlt sich der Gast gesund und von allen Pflichten befreit – wie der „Kurgast“ bei Hermann Hesse: „Und ein Mensch gilt für gesund und normal, dem man lange auf die Zehen treten kann, ohne dass er es merkt, der die elendste Musik, die kläglichste Architektur, die verdorbendste Luft klaglos und beschwerdelos erträgt, der aber auf den Tisch haut und den Teufel anruft, sobald er beim Kartenspiel ein bisschen verliert.“

Baden – ich komme wieder, denn hier ist die Architektur wunderbar, die Luft rein und die Kurkonzerte entspannend.

 Vertreibung aus dem Paradies (14/10)

Auf den Spuren der einst „edlen Wilden“ in Florida. Die „Rothäute“ wurden zu alkoholabhängigen Sklaven der weißen Kolonialisten

Der Floridareisende, der am nördlichen Rand des Everglades National Park auf der Road 41 fährt, sieht manch skurriles. Da wird vor „Alligator crossing“ gewarnt, lärmende „Airboats“ durchpflügen mit erstaunt, erschreckten Besuchern die moskitoverseuchten Sümpfe auf der Suche nach Alligatoren und Schlangen. Die „Kings of the Everglades“, die letzten Überlebenden der Seminolen–Indianer, steuern diese Höllenmaschinen in spektakulärer Kunstflugmanier, immer auf der Jagd nach Vögeln, welche im letzten Augenblick vor dem Aufprall mit dem Luftkissenboot gerade noch abtauchen – Touristenspektakel für zahlendes Publikum.

Zahlen muss der neugierige Europäer auch, wenn er die Indianerreservate am Tamiami Trail, die Miccosukee Indian Reservation und die Big Cypress Seminole Indian Reservation besuchen will. In diesen Touristenfallen tanzen einige der 3000 noch heute in Florida lebenden Seminole Indians ihre alten Kriegs- und Stammestänze in folkloristischer Selbstaufgabe gegen Geld, sie ziehen Alligatoren am Schwanz durch eine Manege oder sie verkaufen billigen Ramsch, wahrscheinlich „Made in China“, in Massen als „echtes“ Indianertotem. Es ist erbärmlich und erschreckend was aus diesen einst stolzen Ureinwohnern Amerikas gemacht wurde, man hat ihnen großzügig heute Glückspielzulassungen zugebilligt, nachdem sie in den 1970ern beim Obersten Gerichtshof der USA endlich einige Rechte zugebilligt bekommen haben.

Heute leben die Seminolen zwischen zwei Welten, denn in ihren Reservaten bemühen sie sich um die Erhaltung ihrer alten Kultur, andererseits wandern einige von ihnen in die Städte ab, um den Anschluss an den American way of life nicht zu verlieren. Eigentlich sind sie immer noch auf dem Kriegspfad, denn ihre Welt ist das „Florida der Weißen“, auch „Wartesaal Gottes“ genannt, und der immer mehr spanisch sprechenden Zuwanderer nicht.

Die Miccosokee, ein kleinerer Indianerstamm verbreitet sogar folgendes: „Wir leben mit denen im Krieg. Die sind unsere Feinde“, sie bedienen keine Weißen, dazu sind sie zu stolz. Reine Liebe und aus dem Herzen kommender Friede herrscht nicht zwischen Rot und Weiß, zumindest nicht von Seiten der Indianer. Sie gehen gegen die Bleichgesichter nicht mehr mit Pfeil und Bogen vor, sondern bedienen sich gewiefter Rechtsanwälte und ausgefeilter Public Relation Techniken, um das verlorene Terrain zumindest ansatzweise zurück zu erobern, denn die Diskriminierung von Indianern ist ein schmerzliches Kapitel in der heutigen amerikanischen Gesellschaft.

Die Indianer fordern als Entschädigung für erlittenes Unrecht und Enteignung Geld und Land – schließlich sind sie die Ureinwohner Amerikas. Bereits vor 12.000 Jahren bevölkerten sie die mittlere Golfküste, Handels- und Kulturbeziehungen zu den Mayas wurden nachgewiesen. 1492 landete Christoph Kolumbus auf der Karibikinsel Hispaniola, der heutigen Dominikanischen Republik, der Völkermord an den Ureinwohnern der Neuen Welt begann. Bezeichnenderweise trägt die Verfilmung mit Gerald Depardieu dieses Ereignisses den Titel „1492 – Die Eroberung des Paradieses“, denn für die Europäer wurde Amerika zu einem paradiesischen Selbstbedienungsladen, den sie erbarmungslos plünderten, für die Indianer allerdings begann ein Genozid der seinesgleichen sucht und die Vertreibung aus dem Paradies in die Gefängnisse der Reservate.

Ab dem 16. Jahrhundert wanderten immer mehr Europäer nach Amerika aus. Alleine zwischen 1620 und 1770 also bis knapp vor der amerikanischen Unabhängigkeit stieg die weiße Bevölkerung in den USA von 2'000 auf über 2,2 Millionen an. Dies führte zu Landstreitigkeiten zwischen Weißen und Indianern.

Die Indianer Amerikas wurden von den Europäern die nach Amerika auswanderten in blutigen und grausamen Auseinandersetzungen von ihrem Land verdrängt. Die Indianerpolitik der USA gezeichnet vom Wunsch der weißen Siedler nach Land und der folglichen Unterwerfung der Indianer. Im Jahre 1763 noch vor der Gründung der USA entstand durch den Proclamation Act erstmals ein separates Indianerterritorium. Das Gesetz trennte das Land entlang der Wasserscheide der Appalachen: Der westliche Teil wurde den Indianern zugeschrieben der östliche den Weißen. Verschiedene Faktoren trugen zur Unterwerfung der Indianer bei: Krieg, Umsiedlung übermäßig viele weiße Siedler, gebrochene Verträge und gezielte Ausrottung der Bisons als Lebensgrundlage vieler Indianer und eingeschleppte Krankheiten.

Abschreckendes Beispiel: Die Pockenepidemie an der Pazifikküste Nordamerikas von 1862 wurde vom Dampfboot „Brother Jonathan“ von Kalifornien nach Victoria eingeschleppt. Die Pocken waren in San Francisco ausgebrochen und erreichte Victoria im März 1862. Mit dem Entschluss, die um die Stadt lagernden Indianer zu vertreiben, verbreitete sich die Krankheit bis nach Alaska. Damit waren vor allem die Indianerstämme dieser Region betroffen. Ihr fielen von April bis Dezember 1862 wahrscheinlich rund 14.000 Ureinwohner zum Opfer, vielleicht die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Das Massaker von „Wounded Knee“ im Jahre 1890 gilt als „militärische“ Besiegung der Indianer. Am 29. Dezember 1890 massakrierte das 7. US-Kavallerieregiment bei Wounded Knee über 350 Männer, Frauen und Kinder der Lakota-Sioux-Indianer. Dieses Massaker brach den letzten Widerstand der Indianer gegen die Weißen.

Fortan lebten die verschiedenen Indianer-Völker in Reservationen und waren von den Lebensmittelrationen der Weißen abhängig. Auch nach der Unterwerfung der Indianer bereiteten diese den Weißen Probleme alleine durch ihre Existenz und durch die Gelder welche die Lebensmittelrationen kosteten. Bis heute ist ihre Existenz nach wie vor geprägt von Rassendiskriminierung und Armut. Die „edlen Wilden“ wurden zu alkoholabhängigen Sklaven der weißen Kolonialisten degradiert und die besiegten Indianer mussten „Wohlverhalten“ und „Gehorsam“ den neuen Herren gegenüber geloben.

Auch mit der indigenen Urbevölkerung Floridas ging der weiße Mann nicht anders um: Die Seminolen wurden in Gebieten zwangsumgesiedelt, in denen ihre Todfeinde, die Komantschen und Creeks lebten und sich Sklavenjäger ihrer bemächtigten. Der Widerstandskampf wurde 1835 unter dem edlen Häuptling Osceola wiederaufgenommen und in einem Guerillakrieg kämpften die Indianer um ihre Heimat, denn die Weißen stellten sie vor die Alternative: Abzug oder Tod. Der ungleiche Kampf gegen die moderne amerikanische Armee dauerte dennoch Jahre und als Osceota, dem freies Geleit zu Friedensverhandlungen zugesichert wurde, hinterhältig gefangen wurde, blieben nur 200 Seminolen in den Everglades zurück, 3824 gefangene Indianer wurden nach New Orleans und Oklahoma deportiert, der Rest von etwa 100.000 Ureinwohnern Floridas. Bis heute haben die Rothäute den Weißen diesen Verrat nicht verziehen und erst 1934 wurde offiziell der Kriegszustand beendet.

Nicht nur in Florida wurden die Ureinwohnern Amerikas vernichtet. Die stolze indianische Nation wurde fast restlos ausgerottet. Nach wissenschaftlich fundierten Berechnungen fielen den Engländern und anderen Kolonialmächten zwischen 20 – 40 Millionen Ureinwohnern zum Opfer. Der Rest wurde durch Drogen und anderer subtiler Methoden der Deportierung isoliert, völlig legal, denn das Gesetzt „Homestead Act“ förderte die Besetzung indianischen Landes durch Siedler.

Die Unterwerfung Amerikas bedeutete die rücksichtslose Zertrümmerung der indianischen Gesellschaft und Kultur, die sinnlose Ermordung von vielen Menschen. An nackter Barbarei und Missachtung des Lebens, an Zerstörung historischer Kostbarkeiten und wertvoller Einrichtungen steht diese Eroberung wohl einzig da in der Geschichte. Sie gehörte zu den schlimmsten der entsetzlichen Blutbäder, die die Geburt und Errichtung des kapitalistischen Weltsystems begleiten, allerdings werden in den Hollywood-Wild-West-Schinken die Indianermörder als Helden und Pioniere für Freiheit und Recht gefeiert, von einer demütigen Aufarbeitung der amerikanischen Geschichte ist nichts zu bemerken. John Wayne und die amerikanische Kavallerie sind immer die Guten, Böse jeweils die Indianer.

Ist das vielleicht darauf zurückzuführen, dass, wie zu allen Zeiten, die Sieger die Geschichte manipulativ schreiben? Wie schaut das heute in Europa aus? Wandern nicht auch in die Heimat autochthoner Völker landnehmende Eroberer anderer Kulturen zu, um sich hier, im Paradies, niederzulassen? Droht uns und unseren Nachkommen ebenfalls die Vertreibung aus dem Paradies? Es besteht der berechtigte Verdacht, dass sich die Geschichte der Indianer auch in der „Alten Welt“ wiederholen könnte, denn die zuwandernden Völker haben keinesfalls die Absicht sich den heimischen Gehebenheiten anzupassen.

Unsere Welt ist verschwunden:

„Wir verlangen von den Vereinigten Staaten weder karitative Maßnahmen noch paternalistische Fürsorge. Wir verlangen nicht einmal guten Willen. Wir verlangen nur, dass der Charakter unseres Problems anerkannt wird und dass diese Erkenntnis den Ausgangspunkt jeder proindianischen Politik, jeder Aktion bildet … Unsere Welt ist verschwunden. Nur die letzten Bruchstücke unseres Landes sind uns noch geblieben. Aber es ist unsere Absicht, auch diese Bruchstücke mit der gleichen Sorge und Achtung zu bewahren und zu entwickeln, wie das jedes andere kleine Volk, jede ethnische Gruppe tut, die sich ihre Identität, ihre nationale Existenz bewahren will.“

Schlussdeklaration der Indianer auf der allindianischen Konferenz von Chicago 1961

Die fünfte Jahreszeit (03/05)

Wenn das „Faseln“ zur tolerierten Narrenfreiheit wird

Fast jeder und jede tut es, oft mehrmals – sie besuchen in der Faschingszeit einen noblen Ball oder ein närrisches Gschnasfest. Vom „Elften im Elften“, besonders vom Dreikönigstag bis zur Fastnacht, der Vasenacht, dem Vorfrühlings- oder Fruchtbarkeitsfest vor dem Aschermittwoch, sind rauschende Tanzfeste und zügellose Maskeraden gestattet.

Diese Bräuche haben weit zurückreichende Wurzeln, etwa die orgiastischen Feiern zu Ehren von Bacchus und Dionysos. Bereits Platon berichtet von vornehmen Festtafeln und Trinkgelagen, dem Symposion. Karnevaleske Strukturen des Maskierens, Verkleidens und rituelle Ausgelassenheit ist in vielen Kulturen feststellbar. Solche Brauchtumselemente finden sich bereits bei heidnischen, germanischen und keltischen Fruchtbarkeitsritualen. Speziell die römischen Saturnalien boten für kurze Zeit ein Ventil, wenn Herr und Knecht die Rollen tauschten. Saturn wurde im Dezember geehrt, das Christfest ersetzt bis heute diese Feierlichkeiten, da Jesus, laut wissenschaftlichen Berechnungen, angeblich am 14. April sechs Jahre vor unserer Zeitrechnung geboren wurde.

Jedes Volk braucht solche Freiräume, damit angestaute revolutionäre Gefühle in einem geordneten Rahmen abgebaut werden können und jeder einzelne hat die Möglichkeit, sich zeitlich begrenzt in seine Traumgestalt zu verwandeln. Bei mittelalterlichen Narrenfesten wurde sogar ein Pseudopapst gekürt, um die christliche Strenge für kurze Zeit zu karikieren. Fastnacht als civitas diaboli, der Teufel regiert, um am Aschermittwoch mit dem Ruf „carne vale“ – Fleisch lebe wohl, wieder für ein Jahr in die Hölle geschickt zu werden.

Hunderttausende Touristen ahnen heute beim Karneval in Venedig, wie üppig und zügellos die Dogen den Karneval feiern ließen. Prunkvolle Kostümfeste erlaubten es den maskierten Gästen aller sozialen Schichten, sich unerkannt und damit frei von Hemmungen und Schuldgefühlen, zu paaren. „Fasen“ – zeugen, gedeihen und „faseln“ – Unsinn reden, war durch tolerierte Narrenfreiheit möglich. Ungestraft kritisieren hat Tradition und diesem sadomasochistischen Spiel unterwerfen sich beim Villacher Fasching die Politiker und andere Adabeis heute sehr gerne. Lächelnd ertragen sie die ärgsten kabarettistischen Beschimpfungen, weil sie wissen, dass sie dann selbst wieder ein Jahr Narrenfreiheit haben.

Besonders freizügig und hemmungslos wird in jenen Gebieten gefeiert, welche den strengen Auflagen der protestantischen Ethik unterliegen. Im Rheinland zelebrieren Faschingsgilden einen spaßigen Ernst mit eigenem Humor. Streng hierarchisch gegliederte Narren, mit eigener Uniform und vereinsspezifischem Kampfruf sorgen für traditionelle Fastnachtsitzungen. Auch in der sonst so puritanischen Schweiz, etwa in Basel und Luzern, geht es nahezu südamerikanisch zu. Kussfreiheit, Gegenregierungen, Weiberfastnacht, Büttenreden, eingebettet in ausgelassene Feiern bis zum Morgengrauen, lassen die Routine und Langeweile des Arbeitsalltags kurzfristig verdrängen.

Höhepunkte in Österreich sind Gschnasfeste mit lockeren Verlockungen, wie etwa „Fastnacht-fastnackt“ oder der noble Kontrast dazu, der nahezu als heilige Handlung zelebrierte Opernball. Alles Walzer! Und die ganze Welt glaubt, der Kongress tanzt noch immer. Diese Seitenblickeveranstaltung ist Anziehungspunkt für Prominenz aller Seriositätsgrade. Der als Ehrengast hofierte, vorbestrafte Ex-Minister wird genauso bewundert wie ein selbstverliebter Pleiteunternehmer oder ein bekannter Bordellbesitzer. Zwischen feinen Leuten und noblen Ganoven ist kein Unterschied feststellbar.

Der „Ersatzkaiser“ winkt in der Tradition der Hofbälle gönnerhaft den lieblichen Debütantinnen zu und repräsentiert üppig mit dem Geld des Steueruntertanen. Bälle sind ein Jahrmarkt der Eitelkeit, denn endlich besteht die Möglichkeit Schmuck und edle Garderobe, auch wenn nur geliehen, stolz zu präsentieren. Orden und maßgefertigte Schuhe, vielleicht mit günstigem Rabatt erworben, unterstreichen die Wichtigkeit des Besuchers.

Die Spitzen der Gesellschaft vereinbaren augenzwinkernd geschäftliche Abmachungen. Dieser Weg hat Tradition. Feste dienen nicht nur der Unterhaltung, der partnerschaftlichen Kontaktanbahnung, man verbindet gerne das Angenehme mit dem Nützlichen, besonders die fachspezifischen Bälle bilden eine ideale Plattform, Kontakte zu pflegen.

Die christliche Fastenzeit, die Einkehr- und Bußzeit, beginnt mit Einladungen zum Heringsschmaus. Man will die Zeit bis Ostern angenehm verbringen, schließlich lieben, laut letzter „Integral“ Erhebung, 94 Prozent der Österreicher die typische Gemütlichkeit. Auch die Ballsaison kennt keine Grenzen, veranstalten doch Homos und Lesben unter dem Ehrenschutz honoriger Persönlichkeiten gerne im Sommer ihre Bälle, da beim Präsentieren von nackter Haut angenehm warme Temperaturen herrschen sollen.

Jahresstrukturierungsbräuche und damit verbundene heimatliche Feste werden im Alpenraum gefeiert. Ein wohltuender Kontrast zu den städtischen Gelagen ist etwa der Ausseer Fasching mit seinen „Trommelweibern“, der „Pleß“, den „Flinserln“ und der strengen Ordnung des Ablaufes. „Zuagroaste“ müssen sich der hierarchisch organisierten Tradition unterordnen, ehe sie einen, ihr Sozialprestige erhöhenden Karrieresprung in der Faschingsorganisation machen dürfen. Wäre das nicht ein Modell auch für den normalen Alltag? Ein tiefer Sinn liegt in den alten Bräuchen, man soll sie ehren!

Man ist und isst gemeinsam (46/07)

Auch über das Essen drücken sich Menschen aus, denn der Mensch ist, was er isst: Essen und Trinken als soziales Ritual der Gemeinschaft.

 Die Zeit der opulenten Festessen naht. So manches Ganserl wird dem hl. Martin geopfert werden, und zu Ehren Christi beginnt das große Fressen (immerhin wurden letztes Jahr österreichweit rund 280.000 Tiere verspeist) bereits im November. Das Martinsfest lässt zwar Kinderaugen strahlen, aber zugleich auch Gänse zittern – die meisten landen dieser Tage auf heimischen Tellern. „Gemma zum Gansl essen!“, heißt es also in unseren Breiten.  Jeder weiß, dass damit die Martinigans/das Martinigansl gemeint ist, das vorzugsweise ja bekanntlich mit Rotkraut und Kartoffelknödel verzehrt wird. Solche rituellen Mahlzeiten waren immer schon auch Wendezeiten. Das Martini-Gansl läutete früher auch die sechswöchige Advents-Fastenzeit ein. Zu Martini wurden die Tiere von der Weide geholt und der Wintervorrat eingelagert; mit der Martini-Gans wurde quasi der Sommer „geschlachtet“.

Der Mensch ist, was er isst. Diese Feststellung von Feuerbach drückt aus, dass immer bewertet wurde, was mit wem und wie Menschen aßen. Über das Essen werden Urteile und Charakterzuschreibungen vorgenommen, über das Essen drücken sich Menschen auch aus. Menschen ordneten sich stets auch über das gemeinsame Essen einander zu: darüber, dass sie das gleiche aßen und dass sie dies zusammen aßen. Über das gemeinsame Essen wurden große und kleine Gemeinschaften geschaffen und gefestigt. Im Allgemeinen werden für Esskultur drei typische Merkmale herausgehoben: Die Auswahl und Bewertung der Nahrungsmittel, die Regeln der Küche und Speisen, sowie die Mahlzeiten als Gemeinschaft stiftende Einrichtung.

Alle drei Merkmale, die Nahrungsmittel, die Küche und die Mahlzeiten, haben sowohl integrierende und gemeinschaftsbildende als auch ausgrenzende und ausschließende Funktionen. Mit der Wahl ordnet man sich anderen zu, is(s)t so wie sie. Damit is(s)t man auch gleichzeitig anders als andere, grenzt sich von denen ab: die Vegetarier von den Fleischessern, die „Ökos“ von den McDonald-Fans, die Muslime von den Christen etc. Wie gravierend dies sein kann, wird deutlich, wenn Anhänger strenger Kostformen (z. B. Veganer) kaum eine gemeinsame Ess-Möglichkeit mit anderen zusammenfinden. Unterschiedlich sind die Gastrollen bei diversen Weihnachtsfeiern, vom volksverbundenen Politiker bis zum untertänigen Angestellten spannt sich der soziale Bogen. Man zelebriert Gemeinsamkeit, wenn auch oft nur vordergründig einmal pro Jahr. Die wohl schönste Rolle ist jedoch die, Mitglied einer intakten Familie zu sein, welche harmonisch ein traditionelles Essen zusammenführt. Nicht selbstverständlich heute, da die steigende Zahl von Familienauflösungen zu einer Vereinzelung der Individuen führt. Aber ist nicht gerade der Mangel an alltäglichen und festlichen familiären Zusammenkünften beim gemeinsamen Essen und Trinken Auslöser des Auseinanderlebens der Familie?

Ursprünglich waren gemeinsam eingenommene Mahlzeiten heilig. Opferrituale ermöglichten eine Kommunion mit den Göttern, sowie die Teilung von Nahrungsmittel bei Festen mit Tanz, Genuss und Sinnlichkeit. Platon berichtet in seinem „Gastmahl“ darüber und die römischen Saturnalien sind Vorläufer des christlichen Weihnachtsfestes. Rituale bilden andererseits auch den Rahmen für die Alltagsmahlzeiten. Das kurze gemeinsame Tischgebet, ein Kreuzzeichen auf dem frisch gebackenen Brot – das gemeinsame Essen bleibt etwas Heiliges, und die Hausfrau, die ihre Familie kulinarisch verwöhnt, hat etwas von einer Hohepriesterin an sich, schließlich ist der Tisch auch vom Opferaltar zum Möbelstück geworden. Norbert Elias behauptet, der „Prozess der Zivilisation“ hätte mit normierten Tischsitten begonnen: „Man soll nicht über die Tafel spucken, sich nicht in die Finger schnäuzen, mit denen man in die gemeinsame Platte fasst“. Die Gabel links, das Messer rechts, die Berührung der Nahrung mit den Händen wird untersagt. Sozial steigt nur derjenige auf, der gute Tischmanieren praktiziert, geprägt von der bürgerlichen Kultur des formvollendeten Essens. Die Familie wird zum Inbegriff gesellschaftlicher Ordnung, sozialisiert und konsolidiert beim gemeinsamen Mahl zur täglich gleichbleibenden Stunde. Die Hausfrau wird zum Garant für familiäres Glück, sie stellt Familie her. Tischmanieren bedeuten auch körperliche Disziplin und Strukturierung der Primärgruppe. Familiäre Ordnung bedeutet die Anwesenheit aller Mitglieder, was erlaubt, wichtige Themen und Probleme gemeinsam zu besprechen. Diese Diskussionen bei Tisch verbinden, jeder kann, gemäß seiner Position, mitentscheiden. Die Kinder entdecken ihre soziale und familiäre Identität, Werte, Geborgenheit und Normen werden vermittelt, das gemeinsame Mahl hat soziologisch eine weit höhere Wertigkeit, als nur Rahmen für Nahrungsaufnahme zu sein. Küche und Essen sind Fundgruben der Lust am Genuss und so manche psychischen Neurosen werden kompensiert, ja ein gelungenes Essen ist oft befriedigender als Sex. Nicht umsonst behaupten manche Anthropologen, dass Kochen den Ursprung der Zivilisation markiert.

Bedeutet das aber im Umkehrschluss, dass mit dem Zeitalter der Individualisierung der Beginn der Entzivilisierung eingeläutet wurde? Wo gibt es heute noch die Hausfrau, welche ihre Lieben verwöhnt? Längst wurde ihr eingeredet, dass hinter der Supermarktkasse die Selbstverwirklichung beginnt. Kinder abgeben, Fertigpizza im Kühlschrank stapeln, schließlich kann sich jedes Familienmitglied, wann immer es seine Zeit erlaubt, in der Mikrowelle das Junk-Food wärmen, heißt die neue MacIdeologie. Geschmack, Harmonie, gemeinsame Gespräche und teilen, das war gestern.

Heute hat jedes Familienmitglied, dank flexibler und mobiler Arbeitswelt, seine eigene Zeiteinteilung. Man sitzt sich am Tisch nicht mehr gegenüber, sondern nebeneinander, nämlich vor dem Fernseher, wo man höchstens noch Snacks miteinander isst. Wenn die quantitative Sozialforschung richtig untersucht hat, spricht das durchschnittliche Paar nur mehr etwa drei Minuten täglich miteinander. Im gemeinsamen Urlaub beginnt das Dilemma des sich gegenseitigen Anschweigens, weil die Familie die Kinder nicht gelehrt hat zu kommunizieren, und das Ende vor dem Scheidungsrichter ist vorprogrammiert. Übrigbleiben frustrierte Patchworkkinder, die ihre Neurosen vor dem Computer mit „second-life“ oder frustfressend bzw. magersüchtig kompensieren. Ein Teufelskreis, dank familienzerstörender linker Emanzen.

Das ist der Preis, den eine, dem Primat konsumorientierter Ökonomie verfallene Gesellschaft zu bezahlen hat. Außengesteuert lebt eine Familie nebeneinander, die gemeinsamen Tätigkeiten sind auf ein Minimum reduziert, und die Maßlosigkeit der persönlichen Freiheit führt zu einer Desorientierung und letztlich zur Verzweiflung und Frustration des Einzelnen. Familienmitglieder sind heute hin- und hergerissen, jeder jagt nach seinem ganz persönlichen Glück – nach Selbstverwirklichung – der Traum von der vereinten, liebevoll kommunizierenden Familie ist ausgeträumt.

Eine Familie ohne gemeinsames Mahl ist keine homogene Gemeinschaft. Schließlich darf man auch über jemand, mit dem man gefeiert hat, also gegessen und getrunken hat, nichts Schlechtes sagen, er ist ein Kumpan geworden. Weniger ist meistens mehr, zumindest im zwischenmenschlichen Interaktionsprozess. Nicht die Anzahl der oberflächlichen Feiern, an denen man teilgenommen hat, ist wichtig, sondern die Innigkeit der Beziehungen macht ein gemeinsames Mahl zum Fest.

 7.5.2. Freizeitkultur

„Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah.
Lerne nur das Glück ergreifen,
Denn das Glück ist immer da.“ (Erinnerungen; Johann Wolfgang von Goethe)

Lust auf zwei Räder (33/05)

Vom Verkehrsmittel zum Objekt einer ruhelosen Freizeitkultur

In Österreich war der Besitz eines Motorrades nach 1945 ein großer Luxus. Auf den schlechten Verkehrswegen wurden nicht nur Personen, sondern auch Waren, meist in Beiwagenmaschinen, transportiert. Erst Mitte der sechziger Jahre breitete sich auch in Europa die amerikanische Motorradkultur aus. Vorbild war Marlon Brando, „der Wilde“ – auf seiner Maschin‘. Einer, der in überfüllten Kinosälen die Jugend begeisterte. Schwarze Lederjacken waren das Symbol der aufkommenden „Halbstarkenkultur“, einer gegen die Elterngeneration revoltierenden Jugend. „I was zwar net, wo i hinfahr, dafür bin i schnöller durt“ – sang Helmut Qualtinger und charakterisierte damit die bis heute gültige Freizeitphilosophie einer ruhelosen Wohlstandsgesellschaft. Jahre später faszinierte der Film „Easy Rider“ und die Sehnsucht, auf dem Highway der Route „66“ den bürgerlichen Werten und Normen zu entfliehen.

Der „Bikerkult“ ist inzwischen ein gigantischer Käufermarkt geworden. Die ersten drei Harley-Davidson Motorräder wurden 1903 produziert. Hundert Jahre später rollen jährlich über 150.000 Maschinen dieser Marke vom Fließband und sichern der Firma einen Umsatz von etwa 2 Milliarden Dollar. Weltweit sind 400.000 Mitglieder im erfolgreichsten Verein von Motorradbesitzern organisiert, der „Harley Owners Group“. Das alljährliche Treffen zehntausender dieser Biker in Kärnten zeigt, welche Symbole und Rituale notwendig sind, um der Gruppe der Harley-Biker zugehörig zu sein. Es ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Chrom blitzt überall und keine Harley ist mit einer anderen identisch. Die Biker selbst sind an den unmöglichsten Körperstellen tätowiert, die Bekleidung, das ganze „Outfit“, signalisiert schon von weitem den „Elitemotorradfahrer“. Ganz in der Tradition der Wildwestreiter zieren Ledersattel und Satteltaschen den Untersatz des Asphaltcowboys. Der durchschnittliche Harley-Davidson-Fetischist ist nicht mehr jung, dafür wohlhabend, freiheitsliebend und abenteuerlustig.

Allein in Deutschland sind über 3,5 Millionen Motorräder angemeldet meist in männlichem Besitz, nur 14% werden von weiblicher Hand pilotiert. Der Motorrad-Macho reist meist alleine, wenn nicht, dann immer mit femininem Aufputz für sich und seine „Pupperlhutsch‘n“.

Es ist eine große Gemeinschaft Gleichgesinnter, obwohl es verschiedenste Typen von Zweiradbesitzern gibt. Wie Turnierritter sind die Straßenmaschinenraser oft gekleidet. Sie schließen das Visier ihres Helmes und auf geht es zur Wettfahrt. Ganz auf ihren Maschinen liegend, mit dem Knie in der Kurve am Asphalt streifend, charakterisierte diesen Typ einst Karl Farkas treffend: „wie ein Aff‘ am Schleifstein“. Wesentlich genussvoller rollt der Chooperfahrer gemütlich durch die Gegend, und die Langsamkeit des Motorradreisens zelebrieren Oldtimer- und Beiwagenfahrer.

Ihre Kultobjekte heißen Ducati, Royal Enfield, BMW, Puch und Triumph. Über die Kosten solcher Liebhaberstücke wird diskret geschwiegen. Diese Traditionalisten haben meist auch die Abenteuer von Max Reisch und Herbert Tichy gelesen, welche 1933 mit dem Motorrad, einer alten Puch, auf der unerschlossenen Landroute bis Indien fuhren.

Extremere Typen organisieren sich in Motorradgangs. In Skandinavien kämpfen die „Hell´s Angels“ gegen die „Bandidos“. Es geht um die Vorherrschaft bei dunklen Geschäften – über 85 Mordanschläge wurden bisher in diesem Bandenkampf bekannt. Allerdings gibt es angeblich jetzt eine Versöhnung, da angedroht wurde: „wer weiter mordet, muss mit dem Ausschluss aus unserer Motorrad-Kultur rechnen“.

Diesem schlechten Image begegnen andere Motorradclubs mit Sternfahrten für wohltätige Zwecke. Der „Wilde auf seiner Maschin‘“ wird zum edlen Spender. Jeder gefahrene Kilometer zählt. „Charity Tour“ nennt man so ein Event in der Biker-Sprache.

Immer größer wird auch die Gruppe der Enduro-Fahrer. Auf ihren geländegängigen Maschinen brausen sie steilste Wiesen empor, bis sich „Herr und Reiter“ mit einem Salto rückwärts wieder am Ausgangspunkt ihrer Bemühungen wiederfinden.

Individualisten „motzen“ ein „naked Bike“ auf, optisch gelingen so Kunstwerke, fahrtechnisch wären es für manche dieser Geschosse aber ideal, nur geradeaus zu fahren. Beruflich waren einst Pannenfahrer mit Beiwagengespannen unterwegs. Heute gibt es, in der Tradition der berittenen Polizei und der Kavallerie noch die „weißen Mäuse“, beim Militär „Kradmelder“ und auch die Post rüstet manche Zusteller noch mit Zweirädern aus. Allerdings ist das legendäre „Postlermoped“, die unverwüstliche Puch MV 50, längst ausgemustert.

Generell aber ist „biken“ eine „Outdoor-Freizeitbeschäftigung“ geworden.  Jede Maschine ist für eine bestimmte Zielgruppe charakteristisch und der auch nur etwas erfahrene Menschenkenner kann behaupten: „Sage mir, welches Motorrad du fährst, und ich sage dir, wer du bist“.

Besanschot aaaaan! (29/05)

Segeln – von rauen Matrosen zum schicken Hobbykapitän

„Besanschot aaaaaan!!“ Nach Ausführung dieses seemännischen Kommandos gab es auf den alten Segelschiffen der Handels- und Kriegsmarine eine Sonderration Rum. Das letzte Segel war mühsam dichtgeholt worden, die Mannschaft vertraute auf Gott und der Erfahrung des auf hoher See absolut herrschenden Kapitäns. Der Dienst auf solchen nur vom Wind angetriebenen Schiffen, war hart und ein gefährlicher Beruf. Kein vernünftiger Mensch befuhr zu seinem Vergnügen mit schwankenden Booten Seen und Meere. Heute werden die entbehrlichsten Güter mit riesigen motorgetriebenen Containerschiffen auf allen Weltmeeren hin und her transportiert. Segeln ist hingegen ein nobler Freizeitsport geworden. Eine Philosophie des langsamen, ruhigen Gleitens im Gegensatz zu den lauten und stinkenden Motorbootfahrern. Kein See, kein Hafen, keine idyllische Bucht ist von der zahllosen Schar der modernen Hobbyskipper sicher. Der Bootsmarkt ist ein Wirtschaftsfaktor gigantischer Größe geworden.

In noblen Yachtclubs, sondern sich die Bootseigner und Chartermatrosen von den Nichtseemännern ab. Klubwappen, Klubblazer und andere vornehme Symbole signalisieren, dass man Zeit, Geld und Muße hat, den traditionellen Gebräuchen der Seefahrer zu huldigen. Der erste Yachtclub, der „Corker Waters Club“ wurde in Irland 1720 gegründet. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts folgte im deutschsprachigen Raum die erste Clubgründung – in Berlin, also im Binnenland. Diese Clubs hatten mehr gesellschaftlichen Charakter, gesegelt wurde kaum. Vielfach pflegt man diese Tradition auch heute noch, denn selbst bei bestem Segelwetter sind viele Luxusyachten, oft nur Statussymbole und Prestigeobjekte, im Hafen und man pflegt beim Spinnen von Seemannsgarn den alten Brauch des Trinkens. Ohne vorherige Anstrengung erfolgt das alte Kommando „Besanschot aaaaan“.

Wie bei allen Subkulturen ist auch der Zugang zur Gruppe der Segler mit Prüfungen, dem Erlernen einer eigenen Sprache und Initiationsritualen verbunden. Da man sich den Gefahren der Natur ausliefert, ist eine gründliche Ausbildung überlebensnotwendig. Die einheitliche Sprache ermöglicht es einer Mannschaft erst koordiniert zu handeln. So gibt es auf Segelbooten kein links oder rechts. Die auch aus Kreuzworträtseln korrekte Bezeichnung lautet „backbord“ und „steuerbord“, immer vom Heck zum Bug, also von hinten nach vorne, gesehen, weil der Steuermann die Pinne in seiner rechten Hand hielt und seinen Rücken der linken Schiffsseite zudrehte. Da auch nachts gesegelt werden kann, sind die Schiffsseiten verschiedenfärbig „befeuert“ – rot zeigt die Backbordseite und grün die Steuerbordseite. Am Bug ist ein weißes Licht und dieses Licht hat bis „zwei Strich achterlicher als dwars“ zu leuchten, aber das geht schon in schwierige Prüfungsmaterie. Da ein Segelboot nicht direkt gegen den Wind fahren kann, muss es aufkreuzen, also in einem bestimmten Winkel „hart an den Wind“ gehen, das sind für Segler die interessantesten „Schläge“, da dabei das Boot „krängt“, also schräg im Wasser liegt. Segelyachten, meist schon sehr imposante Schiffe, auf denen problemlos eine ganze Crew wohnen kann, haben unter Wasser einen schweren Kiel, der wie bei einem Stehaufmännchen das Schiff aufrichtet. Allerdings kann bei Schwerwetter schon einmal so ein tonnenschweres Schiff „durchkentern“, dann allerdings ist es wirklich gefährlich. Damit das nicht passiert, muss der Skipper seine Seemannschaft beherrschen und immer Wettervorhersagen einholen – und opfern! Da Seemänner sehr abergläubisch sind, bekommt den ersten „Manöverschluck“ der Meeresgott Neptun, damit er gütig gestimmt wird, und dem Seemann das Schicksal des Odysseus’ erspart bleibt. Immer freier Seeraum nach Lee, um nicht auf „Legerwall“ zu kommen, also nicht von Wind und Wellen an Land gespült zu werden, darum wird auch Poseidon gebeten. Wichtig bei einem Törn ist auch ein guter Smutje, der in der Kombüse seine Kameraden mit leckerem Essen versorgt. Da meist der Mast unter Deck durch den Salontisch geführt wird, ist die Mannschaft zu belehren, dass am Mast nicht gekratzt werden darf, das bringt Unglück und lockt den Klabautermann an.

Fahrtensegler sind gemütliche Genießer, im Gegensatz zu den schnellen Regattateilnehmern. Diese Sportler rasen schnell zu einer Boje, umrunden diese, um dann noch forscher dorthin zurückzufahren, wo sie hergekommen sind. Bei olympischen Spielen sind die Österreicher immer vorne dabei. Ganz extrem ehrgeizig sind sogenannte „Einhandsegler“, nicht, weil sie nur eine Hand haben, sie sind nur alleine an Bord. Möglichst schnell versuchen diese Typen, um die Welt zu segeln, ohne irgendwo anzulegen. Der Sinn dieser Start-Ziel Flucht ist für den die Natur genießenden Freizeitsegler nur schwer auszumachen. Wenn schon Flucht, dann von der Hektik des Alltags auf das plätschernde, ruhig meditative Wasser eines Sees oder aufs Meer hinaus.

Viel gäbe es noch über Seemannschaft und Seglerlatein zu berichten, aber wer nicht nur passiv in der Sonne liegen will, soll eine der zahlreichen Segelschulen besuchen und den A-Schein machen. Das ist die erste Stufe, um auch im Winter am Stammtisch über abgewetterte Stürme mitreden und in ein zünftiges Shantylied einstimmen zu dürfen. „Seemannsgarn“ nennt man das, hergeleitet vom alten Ausdruck „Schiemannsgarn“.

Das Schiemannsgarn wurde aus alten Tauen gewonnen und von den Seeleuten benutzt, Leinen und Trossen zu umwickeln. Schiemannsgarn drehen oder Schiemannsgarn spinnen war auf Segelschiffen eine untergeordnete Arbeit, die bei Schönwetter erledigt wurde. Weil sie recht langweilig war, erzählten sich die Seeleute unterdessen, was sie erlebt hatten, Sagen, Schwänke und „Döntjes“ gehörten dazu. Auf diese Weise bekam Schiemannsgarn spinnen mit der Zeit eine andere Bedeutung: Das Erzählen wurde Hauptsache, die Arbeit Nebensache, bis man das Erzählen allein so bezeichnete.

Wer Eigner einer Yacht ist, braucht übrigens nur mit „Mast- und Schotbruch und immer eine Handbreit Wasser unterm Kiel“ zu grüßen, dann kann er, nachdem er „ausgelaufen“ ist, auf hoher See seine Nationale „dippen“ und warten, ob er zurückgegrüßt wird. „Schiff ahoi“, kann man da nur sagen.

Der Tanz um die Goldene Kugel (24/08)

König Fußball: Zwischen Börseninteressen und Klassenkampf

 Dass Fußball heute kein Sport, sondern Religionsersatz ist, wurde hinreichend bewiesen. Dass die Gottheit jedoch weibliche und grün-aktionistische Politikerin ist, erstaunt denn doch. Die „Fußballgöttin“ trägt ein rotes Trikot und weiße Turnschuhe – Eva Glawischnig, die Dritte Nationalratspräsidentin, veranstaltet mit Steuergeld ein Anti-Rassismus-Event-Fußballspiel im Hohen Haus. Dabei sollte die von Österreichern gewählte „Volksvertreterin“ eigentlich wissen, dass gerade die „Euro 2008“ ein idealer Anlass wäre, die österreichische Identität zu fördern und den rot-weiß-roten Nationalstaat mit seinen verbindenden Werte- und Normengerüst als sprachliche, ethnische und soziale Gemeinschaft zu festigen.

Stattdessen trippeln im Österreichischen Parlament eine Migranten-Auswahl und Spieler der New African Football Academy Wien und des Vienna Türkgücu herum. Anscheinend stört das zurzeit nicht, denn Politik und Fußball sind auf die Erreichung kurzfristiger Ziele und seichter Medienpräsenz ausgerichtet. Die Balltreter unterhalten mit ihrem Spektakel das Publikum und wollen das nächste Match gewinnen, Politiker denken nur bis zur nächsten Wahl, die Umsetzung ihrer Wahlversprechen kümmert sie kaum. Einheimische werden weder von ihren Politikern noch von ihren Nationalteams vertreten, eine eindimensionale nationalistische Betrachtungsweise wich längst dem nach kapitalistischen Profitgrundsätzen global orientierten Söldner-Gladiatorenshows, wie die „FAZ“ über die „deutsche“ Nationalelf berichtet: „der in Ghana geborene Asamoah und Owomoyela als Sohn eines Nigerianers bringen afrikanischen Elan in die Elf; Kuranyi stärkt das südamerikanische Element, hat der Sohn einer Panamaerin doch in Brasilien das Kicken gelernt; polnische Power verkörpert Podolski, Klose und Sinkiewicz; der aus der Schweiz stammende Neuville steht für Unaufgeregtheit, und daß Torhüter Kahn einen lettischen Opa hat, verleiht der deutschen Auswahl ebenso ein internationales Flair wie die Tatsache, daß der Bundestrainer in Kalifornien wohnt.“

Der klassische Grundsatz „panem et circenses“ hat bis heute seine Gültigkeit bewahrt, vielleicht noch um „Benzin“ zu erweitern. Verfügt der moderne Genuss- und Spaßmensch über ausreichend Unterhaltungsangebote, so kommt er gar nicht in Versuchung nachzudenken und zu revoltieren. Die Überflussgesellschaft ist süchtig nach immer intensiveren Reizen, der Mangel an echten Werten und das Fehlen von bedeutungsvollen Zielen wird kompensiert durch „Wir sind Euro 2008“, und Olympia ist auch nicht mehr weit, denn freie Zeit wird durch kommerzielle Großereignisse reglementiert. Huizinga weiß, was der „homo ludens“ wirklich ist – einer, der so tut als ob – dabei ist sein Handeln eigentlich sinn- und zwecklos: „Wenn man den Gehalt unserer Handlungen bis auf den Grund des Erkennbaren prüft, mag wohl der Gedanke aufkommen, alles menschliche Tun sei nur ein Spiel.“ Sogar der Kriegsbeginn gegen Russland musste am 23. Juni 1941 in „Der Montag“ der Schlagzeile „RAPID – Deutscher Fußballmeister. Rapid-Schalke 4:3“ weichen, und am 26. Juni 1969 löste das Länderspiel Honduras gegen El Salvador den „Fußballkrieg“ aus. Nach diesem Spiel wurden „gegnerische“ Fahnen verbrannt und es kam zu Ausschreitungen mit Todesopfern. Daraufhin entschloss sich die salvadorianische Regierung zu einer Militärintervention. Der 100 Stunden dauernde Kampf kostete 3.000 Tote und 6.000 Verletzte.

Auch Österreich bereitet sich anlässlich der „Euro 2008“ auf einen Krieg vor, allerdings eher schildbürgerhaft, werden unsere modernen Kampfflugzeuge doch unbewaffnet dem Gegner die Stirn bieten, ganz im Sinne des Zivildienstministers, der gemeinsam mit seinen Regierungskollegen der Welt zeigen will, das wir nicht so böse sind wie dieser Herr aus Amstetten. Gewalt soll zu einem „Räuber- und Gendarmspiel“ werden, Angriff, Abwehr, Flanke, Schuss, Bombe, Granate, Schlachtrufe und Kriegsbemalung will man spielend den Schlachtenbummlern überlassen. Die Politiker schauen als VIP zu, inszenieren sich selbst und nutzen, um ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen, den Fußballsport, diese ritualisierte Sonderform des Kampfes, auch zum Ausleben des angestauten Alltagsfrustes. Dass dabei auch die Grenze des Schicklichen überschritten werden kann, betitelte die „Kleine Zeitung“ am 18. Mai 2008: „SPÖ-Politiker als Rowdy im Stadion angezeigt. – Rückblickend bangt der SPÖ-Jugendvertreter, der beruflich im Büro von Landeshauptmann Franz Voves angestellt ist, nun doch um seinen Ruf.“

Fußball ist eine milde Form von Massenpsychose, ein kurzfristiger Rausch von Gewalt und Krieg, auch religiös instrumentalisiert. In Istanbul, der „Hölle von Fenerbahce“ im November 2005, wurde die Schweizer Nationalmannschaft brutalst attackiert und gejagt, weil ihr „Schweizer Kreuz“ als Kreuzrittersymbol den Unmut der Moslems erregte: „In Istanbul explodierten Aggression und Hass im sportlichen Frust“. Der türkische Anwalt Baris Kaska verfolgte Inter Mailand sogar strafrechtlich, weil die weißen Trikots mit rotem Kreuz ihn an christliche Templer erinnerten und dadurch seine sensible moslemische Befindlichkeit verletzt wurde. Die Dressen von Eintracht Frankfurt mit weißem Grund und schwarzem Kreuz wurden ebenfalls als christliches Kampfsymbol verortet. Aggressiv wie ein gereizter Stier reagierte der islamische Fußballgladiator Zinedine Yazid Zidane, der zwar seine Millionen bei Real Madrid verdiente, jedoch bei der letzten Weltmeisterschaft als französischer Nationalspieler im Match gegen Italien Marco Materazzi vor laufenden Kameras tätlich attackierte. Angeblich war er vorher ebenfalls religiös beleidigt worden. Heute verdienen die „Helden“ des Balles ihr Geld, egal, ob sie siegen oder verlieren. Das war nicht immer so, denn beim altindianischen Ballspiel der Azteken, Tolteken und Mayas wurde die Verlierermannschaft den Göttern geopfert. Das mit Baumharz-Kautschuk-Bällen gespielte Ullamaliztli war ein gottesdienstähnlicher Kultakt, und die Mannschaften mussten mit Hüftstößen den schweren Ball durch einen Ring am Rande des Spielplatzes schießen. Das Ballspiel als Opferveranstaltung endete mit der „Fütterung der Sonne“ durch das Blut der Verlierermannschaft. Das Menschenopfer war ein Zeichen der Gruppenzusammengehörigkeit, die Identität des Volkes wurde durch dieses religiös motivierte Spiel gefestigt.

Längst regiert der schnöde Mammon die Fußballwelt. Milliardenumsätze der Schuh- und Textilfirmen, der Werbeindustrie, die Medien berichten und übertragen live auf Großbildschirme – die letzte Weltmeisterschaft verbuchte 28,8 Millionen Zuschauer an den Bildschirmen. Bei solchen Summen werden alle Mittel angewandt, um ins Geschäft zu kommen, auch unseriöse. Doping, Betrug und zwielichtige Gestalten tummeln sich im Vereins- und Verbandswesen, nicht selten von Politikern hofiert und geschmiert. So bezeichnete der ehemalige „Anarcho-Putztruppführer“ und Ex-Innenminister der BRD Fußballfunktionäre als: „eine Mischung aus Gebrauchtwagenverkäufern und Figuren aus der Unterwelt“. Faszination Fußball – in kaum einem anderen Bereich gibt es so viele selbsternannte Experten. Davon leben die Wettbüros und das gute alte TOTO.

Politiker sitzen oft in parteinahen Vereinen als Präsidenten, können sie doch von der Tribüne herab ihre Volksverbundenheit demonstrieren, wie etwa der linke Ex-Finanzminister Edlinger dies bei Rapid Wien so schichtspezifisch demonstriert, auch im Fernsehen beglückt er proletenhaft Zuseher, ob diese es wollen oder nicht. Bei solchen Fernsehauftritten der oft balkanesischen Trainer, Funktionäre und Spieler ist nicht nur der Dativ der Feind vom Akkusativ, da werden oft Kunstsprechwörter vom Feinsten kreiert, wie etwa „irreregulär“ einer bereits bei Lebzeiten hl. Legende, nämlich der von Cordoba. Da trifft der Urschrei eines Reporters ins Schwarze: „i wer narrisch“. Aber zum Trost gibt es angeblich über dreißig Prozent der österreichischen Population, welche an Fußball kein Interesse hat und daher nicht verblödet – wahrscheinlich mehrheitlich Frauen. St. Veit an der Glan wirbt um nichtfußballsüchtige Gäste bei der „Euro 2008“ mit einer fußballfreien Zone.

Es ist jedoch eine Illusion, den Folgen solcher Events entgehen zu wollen. Sie verfolgen den noch so fußballfieberfreien Bürger überall hin. Sogar ein „Kickerburger“ am Flughafen Graz lässt über den Inhalt des Faschierten nachdenken. Waren das noch Zeiten, als nationale Identität im sportlichen Ereignis gefunden werden konnte. „Das Wunder von Bern“, der deutsche Sieg bei der Weltmeisterschaft 1954 wird noch heute als Geburtsstunde der BRD gefeiert. Der erste Sieg nach der Niederlage 1945, „ein Volk, ein Land, ein Fußball“. Der „kollektive Rausch“ schuf Helden, Mythen und Erinnerungsorte, die zum nationalen Selbstverständnis beitrugen. Heute wird ein Fußballsöldner schnell eingebürgert, von nationaler Identität keine Spur mehr. Was bleibt ist ein „Seelenkitt des modernen Kollektivs“. Dazu Renan (1882!): „Was ist eine Nation? Rede am 11. März 1882“ – „Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip, gemeinsamer Ruhm in der Vergangenheit, ein gemeinsames Wollen in der Gegenwart, gemeinsam Großes vollbracht zu haben und es noch vollbringen zu wollen – das sind die wesentlichen Voraussetzungen, um ein Volk zu sein. Das Dasein einer Nation ist – erlauben Sie mir diese Bild – ein tägliches Plebiszit, wie das Dasein des einzelnen eine andauernde Behauptung des Lebens ist. Die Nationen sind nichts Ewiges. Sie haben einmal angefangen, sie werden enden. Die europäische Konföderation wird sie wahrscheinlich ablösen.“

Heute regiert König Fußball als Ersatz in allen Lebensbereichen, Fußball ist der Leitstern unserer Kultur – wenn Kultur bedeutet: worüber die meisten reden, worauf die meisten fiebern, was die meisten wichtig finden, in welcher sprachlichen Währung die meisten miteinander verkehren können.

Das Stadion ist der letzte Ort, der alle Klassen versammelt: die Spitzen der Politik, die Medienexistenzen des Showgeschäfts, die über ihre Produkte omnipräsente Wirtschaft, die Masse der Angestellten und Arbeitenden, aber auch Leute, die in keiner öffentlichen Debatte mehr vorkommen und um die sich kaum einer kümmert, also Arbeitslose, verwahrloste Jugendliche, Ausländer, Alkoholsüchtige. Nachdem Religionen, Weltanschauungen und Gebräuche in der Erlebnisgesellschaft ihre Verbindlichkeit verloren haben und die Menschen der unterschiedlichen Milieus und Gehaltsklassen in streng voneinander getrennten Lebensbereichen zu Hause sind, eint sie alle – vom Kanzler bis zum Penner – nur mehr der Fußball.

Über die Sinnlosigkeit im Kreise zu fahren (13/09)

Von Eros &Tanatos, sterbenden Helden und „Nazi-Sexorgien“ – Die Formel 1 bietet Unterhaltung für die breite Masse

Wenn Herr, weniger Frau, Österreicher mit Kartoffelchips und Dosenbier am Sonntag vor dem Fernseher hockt, war Heinz Prüller in seinem Element, er schwatzte drauf los, über rasende Bolliden und Piloten, die immerzu im Kreise fahren. Er war engagiert, persönlich, manchmal nicht fehlerfrei, aber leidenschaftlich. Manege frei für den Formel-1 Zirkus! Heinz Prüller, der erst vor kurzem vom ORF abgesägte „Mister Formel 1“, der Gigant der heimischen ORF-Moderationsszene schlug beim Formel 1 GP weltweit erbarmungslos zu und zeigte seine glänzend, liebevolle Verwirrung, indem er, wie so oft, mit mehrstündiger Verspätung, Fakten verdreht. Dies führte zu einer erhöhten Aufmerksamkeit der Zuseher, da sie das Gesehene nicht mit der Moderation in Einklang bringen und so selbst Lösungsansätze für die optisch-akustische Divergenz finden. Man sieht, es ist gar nicht so wichtig beim Autorennsportevent, die exakten Abläufe zu verfolgen, es geht primär um die Show, und die schon in der Antike die nach sinnloser Abwechslung lechzenden Massen in ihren Bann. „Zum Kampf der Wagen und Gesänge, der auf Korinthus‘ Landesenge der Griechen Stämme froh vereint, zog Ibykus, der Götterfreund“ berichtete bereits Friederich Schiller über die verbindende Wirkung von Spektakeln auf das Volk. Die Streitwagenkultur der Hethiter, Kassiten, der Steppenvölker und Ägypter entschied Kriege und wurde als Spielespektakel bei den Römern im Circus Maximus vor bis zu 385.000 Zuschauern zelebriert. Wer sah nicht mit angespannten Nerven das Wagenrennen im Film „Ben Hur“, nichts hat sich seit 2000 Jahren an der Spannung solcher Veranstaltungen geändert, nur die Pferdestärken verhundertfachten sich und die Reichen und Schönen, nicht zu verwechseln mit den Glücklichen und Intelligenten, lassen sich immer noch auf den VIP-Tribünen vom einfachen Zusehervolk bewundern und beneiden. Auf die Inszenierung kommt es an und die muss professionell und spannend sein, denn bereits Voltaire stellte fest: „Unser größter Feind ist die Langeweile“. Die „World of Sports“ bietet Sport, Action, Show gepaart mit Nervenkitzel, denn Nichtalltägliches und Außergewöhnliches beinhaltet auch immer das Risiko, das Wagnis schneller zu sein, um bestehende Rekorde zu brechen und Grenzen zu überwinden. Das bei diesen „ritualisierten Sonderformen des Kampfes“, wie Konrad Lorenz definierte, auch immer das Unfallrisiko mitfährt, erhöht die Spannung und bietet ein Ventil, um aufgestaute individuelle und kollektive Aggressionen abzubauen. Autorennsport bewegt sich zwischen Eros und Tanatos, die Faszination um die agierenden Helden und die Bereitschaft dieser modernen Gladiatoren, auch zu sterben und als Legenden weiterzuleben, wie etwa Jochen Rindt. Was da alles um den „Großen Preis von Monaco“ herumschwirrt – sexistische Boxenluder, sich vor Kameras drängende Schicki–Mickys, Seitenblicke-Adabeis, mit ihren Jachten protzende Reiche mitsamt weiblichem Aufputz, sowie skandalumwobene Promis, wie etwa der kleine Bernie Ecclestone mit seiner großen und sexy gestylten Frau, der gegen den Weltverbandspräsidenten Max Mosley wettert. Skandale werden gerne zelebriert, und da Mosley an einer Sexorgie mit Prostituierten in „Nazi“-Uniformen teilgenommen hat, bringen die sensationslüsternen Medien seine Sado-maso-Spiele gleich mit seinem Vater in Verbindung, der irgendwann einmal ein Bewunderer von Adolf Hitler gewesen sein soll – schon ist eine nette Story im Kasten. Im Kreis gefahren wird überall, wo Geld zu holen ist, etwa in den Sümpfen hinter Shanghai. Der Beruf des Autorennfahrers hingegen verlangt nach Höchstleistungen im Gaspedaltreten. Das ermöglicht auch sozial Unterprivilegierten, in die Welt der Bewunderten aufzusteigen, aber nicht alle sind solche Vorbilder wie es den Fans weisgemacht wird. Etwa „Niki Nationale“, längst kein österreichischer Steuerzahler, wird von Ernst Hofbauer in seinem Buch „Ich pfeif‘ auf Österreich“ demaskiert. Wirtschaftliche und politische Zusammenhänge im Gladiatorensport werden aufgezeigt, aber das interessiert die nach Abwechslung lechzenden Mitglieder der Eventgesellschaft nicht. Held bleibt Held und ein Ferrariunterhöschen verleiht, wie der Zaubergürtel bei König Laurin, ungeahnte Potenz, der schöne Schein einer heilen Sportwelt darf nicht beschädigt werden, sonst wandern Sponsoren und Zuseher ab. Die Formel 1 ist ein Wirtschaftsfaktor mit Milliardeneinsätzen.

Seit 1950 veranstaltet die FIA „Formula One World Championship“ Weltmeisterschaften mit derzeit achtzehn Einzelrennen jährlich. Trotz steigender Spritpreise und Umweltschädigung, trotz ungehemmter Lärmerzeugung ist das Auto die „Heilige Kuh“ des Wohlstandsbürgers und der Traum des noch nicht Autobesitzers in der Dritten Welt. Der Formel 1-Zirkus hilft mit, das Bedürfnis nach einem Auto zu wecken und die Philosophie des „ich will ein Auto haben – und zwar sofort“ lässt alle damit verbundenen Probleme der nächsten Generation als Lösungsaufgabe zukommen.

Weg von der Langeweile, weg von der Routine, dem Alltag und den Sorgen der kleinen Welt, hin zu Scheinwelten, wie etwa den Wagenrennen in der Tradition des Circus Maximus.

7.5.3. Sozialpsychologische Betrachtungen von Arbeits- und anderen Gruppen

 „Wohlstand für alle!“

forderte der deutsche Wirtschaftspolitiker Ludwig Erhard, der Begründer der Sozialen Marktwirtschaft.

Piefke – Saga immer aktuell (37/05)

Wenn Realsatiren von der Wirklichkeit eingeholt werden

 Als Anfang der 90er Jahre die vierteilige Fernsehserie des Tiroler Autors Felix Mitterer ausgestrahlt wurde, sorgte diese tragikomische Satire für heftige Diskussionen. Der ORF wiederholte nun die Geschichte der teutonischen Touristen und ihre vergebliche Zuneigung zu den alpenländischen Eingeborenen.

Die Aufregung hat sich längst geglättet, denn Mitterers ironische, klischeehafte Darstellung der Verhaltensweisen von Einheimischen zu einströmenden Massentouristen hat die wirklichen Zustände bereits überholt.

Ob Wiener in Rimini, Engländer in Indien oder Deutsche in Österreich, der „typische“ Tourist verhält sich als fremder Gast seinen einheimischen Gastgebern nahezu weltweit ähnlich. Der „Freizeitpapst“, Professor Horst Opaschowski, bringt es in seiner Studie „Das gekaufte Paradies“ auf den Punkt: Einheimische sind Statisten – „Touristen haben nur ein geringes Interesse an interkulturellen Kontakten und Touristen. Sie haben, wesentlich seltener als angenommen, intensiven Kontakt mit der lokalen Bevölkerung.“

Die Tourismus- und Freizeitindustrie sichert Arbeitsplätze, meist saisonbegrenzt, mit unregelmäßigen und langen Arbeitszeiten. Dienen, bedienen und verdienen, aber der wirtschaftliche Erfolg ist eine Illusion. Die sozialen Schattenseiten werden schamvoll verschwiegen, Mitterer scheute sich nicht, diese zu thematisieren.

Auch Schönbergers Analyse „Almrausch – die Alltagstragödie hinter der Freizeitmaschinerie“ zeichnet ein ernüchterndes Bild des österreichischen Fremdenverkehrs: „Die Goldene Ära des Fremdenverkehrs hat die Menschen entwurzelt. Arbeit bis zur Selbstzerstörung, Tablettensucht, Fehlgeburten, der ökonomische Erfolg – ein Nullsummenspiel.“

Passte sich früher der Reisende den Bräuchen seiner Gastgeber an, so änderte sich dieses positive Verhalten nach 1945, mit dem Aufkommen des Massentourismus grundlegend. Großprojekte, meist ortsfremder Investoren, ermöglichten eine rasante touristische Entwicklung der Alpenrepublik. Die Landschaft wurde nach und nach zubetoniert, Verseilbahnungen und Verschiliftisierungen erschlossen unberührte Natur. Dazu der Tiroler Soziologe Max Preglauer: „Kulturelle Überlieferung degeneriert zu deren folkloristischer Fassade, was wir haben, ist Kultur im Ausverkauf.“

Bei den Einheimischen entstand Tourismusfeindlichkeit, eine Hassliebe, da man gegen Geld seine Identität verkaufen musste. „Die Tourismuslawine wirkte sich auf die bäuerlich orientierte Bevölkerung in den Alpentälern wie ein Zeitsprung aus – Kultur und Traditionen wurden verkauft, verkitscht, über Bord geworfen. Die Einheimischen haben sich selbst den Boden unter den Füßen weggezogen“, resümiert Schönberger. Die immer neuen Attraktionen fordernden Konsumurlauber sind zu einer Besatzungsmacht geworden. Selbst die Anreise im Autostau, bei Mitterer fünf Tage, hält die Leute nicht ab, jedes Jahr Völkerwanderungen in Gang zu setzen.

„Der Tourismus, der größte Arbeitgeber der Welt, kann im 21. Jahrhundert fast alles ertragen – Kriege, Krisen, Katastrophen, nur eines nicht: Langeweile“ zeigt Opaschowski für die Zukunft auf. Die Kernfrage der „Piefke – Saga“ lautet: „Wer braucht die Piefkes?“

Nach all den unzähligen komplizierten Tourismuskonzepten für die Zukunft einfach zu beantworten: Die Betreiber von Tourismusbetrieben. Vollbelegung der Bettenburgen, lässt sich jedoch anscheinend nur mit einer totalen und perfekten Disneyfizierung im Tourismus erreichen.

Reisende Kaufleute (47/04)

Gestern noch Hausierer, heute schon „Sales Manager“

Wer aufmerksam die Stellenanzeigen studiert, wird feststellen, dass in allen Branchen „Außendienstmitarbeiter“, „Verkaufsberater“, „Sales-Manager“ oder wie immer bezeichnet dringend gesucht werden. Kein Wunder – die Lager sind voll, die Überkapazitäten der Produktionsbetriebe müssen verkauft werden und die Mitbewerber aus der ganzen Welt wollen ebenfalls ihre Waren an den Konsumenten bringen.

Die letzten Wochen haben gezeigt, wie rasch ganze Konzerne durch Absatzprobleme in Existenzkrisen geraten können. Giganten wie Opel, VW, Siemens sind davon nicht ausgenommen. Verkaufen heißt das Zauberwort und Vertreter, Händler, Vertriebsprofis sind die Magier im Wirtschaftssystem. Trotzdem ist das Sozialprestige dieser wichtigen Berufsgruppe äußerst schlecht und nur selten ergreifen gut ausgebildete Berufseinsteiger die lukrative Laufbahn eines reisenden Kaufmannes. Eine IMAS-Umfrage zeigt das Ansehensgefälle in der Bevölkerungsakzeptanz: Arzt (77%), Rechtsanwalt (47%), Polizist (42%), Politiker (20%), Fußballtrainer (13%) und zuletzt Vertreter/Reisender Kaufmann (4%).

Dabei werden die meisten Verkäufer leistungsorientiert entlohnt und tüchtige Vertreter verdienen auch sehr gut. Aber sie sind durch das Vorurteil „Keiler“ oder „Hausierer“ stigmatisiert und viele Konsumenten bedenken nicht, dass Produkte, welche erzeugt werden, auch verkauft und konsumiert werden müssen, denn nur so können Arbeitsplätze gesichert werden. Aber nicht immer hatten Händler ein schlechtes Image. Der Reisende, der mit Waren aus Überschussproduktionen andere Waren eintauschte, war ein Pionier und Entdecker, der räumliche, soziale und kulturelle Grenzen oft mühsam überwand und verschiedenste Völker miteinander verbinden konnte. Dabei wurden die ersten Tausch- und Handelsformen entwickelt, die schließlich durch die Einführung einer allgemein anerkannten Wert- und Recheneinheit, nämlich Geld, den Welthandel im globalen Ausmaß zuließ.

Vor über 10.000 Jahren begannen Händler zwischen sesshaften Kulturen Waren auszutauschen und oft waren es bereits damals Luxusgüter, also Statussymbole. Auf der Seiden-, Bernstein- oder Weihrauchstraße waren Karawanen unterwegs, geschützt nur durch das Gastrecht und sie brachten Gewürze, Schmuck, Bekleidung und erhöhten mit diesen Waren das Prestige ihrer Kunden.

Das Leben auf den Handelsstraßen war gefährlich und gerne lesen wir heute noch Berichte von den Abenteuern Marco Polos, der Fugger oder des Tiroler Kaufmanns Balthasar Springer, der 1505 nach Indien segelte und als Faktor des Handelshauses der Welser mit 30 Schiffen nicht immer christlichen Grundsätzen huldigte: „… fuhren wir früh am Morgen machtvoll mit acht Schiffen hin zu der Stadt und schossen etliche Heiden tot. Alsbald plünderten wir die Stadt und fanden viel Reichtum an Gold, Silber, Edelsteinen sowie auch kostbarer Kleidung.“

Vielleicht haftet dem Händler durch solches Vorgehen, aber auch durch Berichte über Schmuggel und mafiose Schattenstrukturen sowie betrügerische sektenartige Strukturvertriebe das schlechte Image an.

Gehandelt wurde und wird mit allen Gütern, denn Waren, zur Befriedigung diverser Bedürfnisse, wollen alle Menschen besitzen. War es früher der Hausierer mit der „Kiepen“ auf dem Buckel, der die herrlichsten Dinge verführerisch anbot: bunt bedruckte Baumwolltücher, Zucker, Kaffee, Tee – so verlocken heute den Konsumenten Werbeversprechen, Produkte als Persönlichkeitsersatz zu kaufen. Der gute Verkäufer erkennt sehr schnell, welchen Kundentyp er vor sich hat. Nicht der Nutzen eines Produktes bestimmt den Kaufentschluss, sondern künstliche, außengesteuerte Kaufmotive.

„Verkaufskanonen“ garantieren im beinharten Verdrängungswettbewerb das Bestehen und den Erfolg eines Unternehmens. Reisende Kaufleute sind Vagabunden, aber auch Weltbürger. Sie fügen sich nirgends ein. Ihre Welt sind Jahrmärkte, Hotels, Straße und Meer. Sie entwickeln ein Gespür für die Wünsche und Eitelkeiten der Sesshaften und leben davon.

Solch ein unstetes Leben hat seinen Reiz - aber man(n) braucht auch eine gehörige Portion Mut es zu leben.

Warmduscher oder Macho? (32/05)

Wann ist ein Mann ein richtiger Mann?

 Frauen haben es gut. Sie leben durchschnittlich nicht nur um sieben Jahre länger als Männer, sie ersparen sich auch die stressigen Übergangsrituale ins Erwachsenenleben.

Männlichkeit wird, laut den Studien von D. D. Gilmore, nicht als natürlicher Zustand begriffen, der spontan durch biologische Reife eintritt, sondern viel mehr als ein unsicherer und künstlicher Lebensabschnitt, den sich die Knaben gegen mächtige Widerstände erkämpfen müssen. Männlichkeit ist daher kein biologisches Faktum, sondern ist ein kulturelles Produkt. Die Prüfungen und Übergangsrituale variieren zwar von Kultur zu Kultur, gemeinsam ist ihnen jedoch fast überall, dass von Männern Stärke, Tüchtigkeit und Potenz gefordert wird. Erfüllen sie die Gruppennormen nicht, ist soziale Ächtung, ja Ausschluss aus der Gemeinschaft der „wahren“ Männer die strafende Folge unmännlichen Verhaltens. Die abfälligen Bezeichnungen „Schlappschwanz“, „Weichei“, „Warmduscher“ zeigen die Verachtung gegenüber Stubenhockern und Muttersöhnchen.

Kulturübergreifend kann also festgestellt werden, dass niemand als Mann geboren wird. Männlichkeit muss errungen werden. Um eine eigenständige Person als Mann zu werden, muss der Junge eine große Tat vollbringen, dann kann er sich von der Mutter lösen und selbst eine Familie gründen.

Die vergleichende Kulturforschung, in Bezug auf die männliche Rolle in unterschiedlichen Gesellschaften, zeigt auf, dass weltweit leistungsorientierte Grundsätze vertreten werden. Männer müssen, um das Überleben ihrer Gesellschaft zu sichern, eine gewisse Härte beweisen, keine Furcht zeigen, sie müssen sich einem kämpferischen Sich–Messen stellen, denn generell sind die Aufgaben, die sie bewältigen sollen, gefährlich. Die meisten männlichen Kulturmuster beinhalten drei Imperative: „Erzeuger – Beschützer – Versorger“.

Falls jetzt ein Aufschrei bei den in unserer abgesicherten Versorgungsgesellschaft lebenden Emanzen erfolgt, ist das nicht verwunderlich. Unsere Kultur hat die individuelle Verantwortung des Mannes für seine Gesellschaft an den anonymen Staat abgetreten und der wohlstandsverwahrloste „Couchpotato“ hat das Kämpfen verlernt. Wie soll das auch funktionieren, wenn bereits jeder dritte Neunjährige fettleibig ist und an Depressionen leidet? Diese Erkenntnisse des Wiener Ernährungsmediziners Kurt Widhalm lassen darauf schließen, dass unser Volk langsam und sicher degeneriert. Wie historisch nachvollziehbar bedeutet das allerdings, dass eine untergehende Hochkultur von noch kämpfen wollenden Fremden abgelöst wird.

Die klassische Studie Arnold Van Genneps „Übergangsriten“ gliedert den Übergang von einem Lebensabschnitt in den nächsten in drei Teile: Trennung – Umwandlung – Initiation, verbunden mit einem kulturspezifischem Ritual. Genau diesen Übergang würde die staatliche Institution Bundesheer erfüllen. Bedingt durch die Quasi-Auflösung des Heeres aber kann diese Institution eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, nämlich Jugendlich an ihre physischen und psychischen Leistungsgrenzen heranführen, nicht mehr wahrnehmen. Der Autor dieser Zeilen, selbst lange Zeit Ausbildungsoffizier, konnte oftmals erleben, wie Knaben eingerückt sind und als erwachsene Männer gingen. Eine harte Ausbildung ist ein Übergangsritual. In teuren Teamtrainingsseminaren holen ältere „Männer“ ihre versäumten Mannwerdungserlebnisse nach und freuen sich mächtig, wenn sie eine Nacht, in freier Natur verbracht, überlebten. Dieses Abenteuer kann auch noch psychologisch reflektiert werden und eine Urkunde bestätigt das verwegene Erlebnis. Ersatzweise werden vor dem Computer sitzend ebenfalls gefährliche Simulationen bewältigt.

Homer erzählte bereits in der Ilias von Achilles, dass er einem langen aber ereignislosen Leben ein kurzes, von Ruhm und Ehre erfülltes, vorzog. Und in der Odyssee kämpft der Held Odysseus gegen Gott und die Welt und beschützt am Ende noch seine Familie. Winnetou, Siegfried, König Artus und seine Ritter, Filme, Computer und hehre Erzählungen ersetzen nicht das eigene Erleben und Bestehen und die Anerkennung durch die soziale Gruppe.

Stolz, Ehre und Ansehen – honra, onre – ist auch bei unseren südlichen Nachbarn eine Maxime des Machos. Viel Mann – „mucho hombre“ – wird gefordert.  Elizabeth Marshall Thomas berichtet vom Stamm der Dodoth in Norduganda: „(…) ein Mann muss zuerst seinen Wert als Krieger und Viehdieb beweisen, bevor er Anspruch auf Männlichkeit erheben und eine Frau nehmen kann.“ Diese Forderungen, so erforschte der Soziologe Roland Girtler, wurden auch an die Burschen in den Alpen gestellt.

Bevor das Dirndl das Fenster öffnete, musste der um sie werbende Bursche seine Lederhose selbst geschossen haben, eine Gamslederne musste es sein. Der „Moar“, der Sieger bei Raufereien, war bei den Mädchen ebenfalls ein umschwärmter Paarungspartner.

Es ist noch gar nicht so lange her, dass auch in unserer Heimat Bräuche und Traditionen die Mannwerdung bestimmten.

Eine Rückbesinnung wäre angebracht, die derzeit gültige Maxime, dass ein Mann nach seiner Anhäufung von Konsumgütern und Statussymbolen gemessen wird, ist mehr als kritisch zu hinterfragen.

7.5.4.Deviante Subkulturen und ihre gruppenspezifischen Regeln

 „Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: 'Was will eine Frau?“ (Siegmund Freud)

 Unter Häf´n brüdern (04/08)

Tyrannei und Hackordnung hinter Gefängnismauern: Der Alltag bietet einen brutalen, darwinistischen Kampf

Eine soziale Gemeinschaft kann nur langfristig bestehen, wenn die einzelnen Gruppenmitglieder sich allgemein gültigen und akzeptierten Normen und Werten bei ihrem Handeln unterwerfen. Abweichungen vom gültigen Recht, jedes deviante Verhalten, muß von der staatlich legitimierten Justiz sanktioniert werden und hat in Österreich meist Freiheitsentzug zur Folge.

Wenn sich hinter einem Häftling die Gefängnistore schließen, dann befindet er sich in einer anderen Welt, in einer „totalen Institution“, wie der Soziologe Ervin Goffman jene Organisationen nennt, welche eine nahezu vollständige Beschränkung im sozialen Verkehr mit der Außenwelt charakterisieren. Gauner und Kriminelle, also jene Randgruppe, welche gegen geltende Gesetzte verstößt, werden für eine gewisse Zeit von den rechtschaffenen „braven Bürgern“ des Staates isoliert. Alle Angelegenheiten des Lebens, also Arbeit, Freizeit und Privatleben, finden währen der Verwahrung an ein und derselben Stelle, unter Aufsicht von staatlicher Autorität, statt. Der Alltagsablauf ist exakt geplant und fremdgesteuert, die bisher eigenverantwortliche Lebensweise wird mit den im Gefängnis gültigen Traditionen und Regeln vollständig getauscht. Ziel der Haftstrafe ist es, den devianten Charakter von Kriminellen so zu ändern, daß nach Verbüßung des Freiheitsentzuges ein gesetzestreuer Staatsbürger in die soziale Gemeinschaft eingegliedert werden kann.

Allerdings sind solche idealtypischen Wunschvorstellungen meist nur Theorie, wie die Statistik der Rückfallsrate bei Vorbestraften zeigt. So schreiben die sozialisationstheoretisch orientierten Autoren McCord/McCord: „Der Psychopath (die typische Persönlichkeitsstruktur von Kriminellen) ist asozial. Sein Verhalten bringt ihn oft in Konflikte mit der Gesellschaft. Einen Psychopathen treiben primitive Wünsche und eine übertriebene Gier nach Erregung. In seiner auf sich selbst bezogenen Suche nach Lust ignoriert er die Einschränkungen seiner Kultur. Der Psychopath ist hochimpulsiv. Er ist ein Mensch, für den der Augenblick ein von allen anderen abgetrennter Zeitabschnitt ist. Seine Handlungen sind ungeplant und von seinen Launen gesteuert. Der Psychopath ist aggressiv. Er hat nur wenige sozialisierte Weisen des Umgangs mit Frustrationen. Der Psychopath empfindet wenig oder überhaupt keine Schuld. Er kann die erschreckendsten Taten begehen und sie ohne Gewissensbisse betrachten. Der Psychopath hat eine verstümmelte Fähigkeit zu lieben. Seine emotionalen Beziehungen sind, soweit es sie gibt, dünn, fließend und nur bestimmt, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese beiden letzten Züge, das Fehlen von Schuldgefühlen und von Liebe, kennzeichnen den Psychopathen so auffallend als von anderen Menschen verschieden.“

In den letzten Jahren wurde die Möglichkeit, Verhaltensänderungen bei Kriminellen herbeizuführen, noch zusätzlich durch Kommunikationsprobleme erschwert. Speziell die vielen einsitzenden Ausländer können in ihrer Sprachenvielfalt gar nicht resozialisiert werden. Auch die Unterwelt Österreichs wurde unübersichtlich und heterogen, multikulturell und globalisiert. Europol listet jedes Jahr immer brutalere ausländische Mafiagruppen auf, welche in Österreich ihr Unwesen treiben, oft unter dem Deckmantel von armen, verfolgten Asylwerbern. Unter diesem Aspekt der mafiosen ausländischen, bestens organisierten Berufsverbrecher, strahlen die Feldstudien des bekannten Soziologen Roland Girtler über noble Ganoven direkt romantische Gaunervergangenheit aus. So rekrutierten sich in der Nachkriegszeit Ganoven hauptsächlich über Jugendbanden und durch Sozialisation im familiären Umfeld. In unserer „vaterlosen Gesellschaft“ sind diese kriminellen Karriereentwicklungen allerdings wieder vermehrt beobachtbar.

Ungeschriebene Gaunergesetze regelten interne Revierkämpfe, und informelle Hierarchien unterschieden ehrenvolle Gauner von unehrenhaften, wie etwa Kinderschänder und Vergewaltiger. Eine gemeinsame Gaunersprache, Rotwelsch genannt, gemeinsame Symbole, wie Tätowierungen und alte Gaunertraditionen, lassen soziologisch eine Randgruppenkultur verorten. Das fahrende Volk, zu dem Bettler, Hausierer und Ganoven zu zählen sind, verständigte sich seiner Gaunersprache, damit der außerhalb dieser Gruppe stehenden Bürger die geheimen Worte nicht verstehen konnte. Im Rotwelsch wurde etwa ein unbescholtener Bürger als „Frankist“ bezeichnet, ein reicher Mann hieß „gstopfter Binkl“, Wirtin bzw. Bordellmutter wurde „Koberin“ gerufen. Roland Girtler, der gerichtlicher Sachverständiger für Gaunersprache ist, verfasste interessante soziologische Werke zu diesem Thema, nämlich „Randkulturen, Theorie der Unanständigkeit“ und „Rotwelsch, die alte Sprache der Gauner, Dirnen und Vagabunden“. Auch die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Häfenbrüder“ mittels Tätowierung festzustellen, ist heute nicht mehr möglich, da „Tatoos“ ein Modetrend geworden sind. Nur ein „Steher“, also ein Verbrecher, der nicht „gesungen“ hat, der also bei einem Polizeiverhör nichts verraten hat, durfte die drei Punkte am Winkel zwischen Daumen und Zeigefinger tätowiert tragen.

Wird ein Häftling ins Gefängnis eingeliefert, so muss er sich gewissen Degradierungsritualen unterwerfen. Initiation ist die „Taufe“, d.h. er wird zwangsweise gebadet und erhält die einheitliche Anstaltskleidung. Dann hat er sich den Hackordnungskämpfen mit seinen Zellengenossen zu stellen. Dostojewski nannte das die „Tyrannei der Kameradschaft“, ein brutaler darwinistischer Kampf der Gruppenhierarchie.

Der stärkste Gefangene verfügt über Macht und Prestige, er organisiert auf dem Schwarzmarkt mit dem Zaubermittel Geld alles, was im Gefängnis verboten ist. Banden und brutale Ganoven üben mit Gewalt Macht über ihre Mitgefangenen aus, und das Leben im Häfen ist von dauernden Konflikten unter den Gefangenen und mit den „Kas“, also den Gefängniswärtern, geprägt. Aber am härtesten sind die interindividuellen Konflikte gegen Einsamkeit, ­Sexentzug und Sinnlosigkeit der Alltagsroutine im täglichen Einerlei der Gefängniszelle.

Allerdings schreckt heute der so genannte humane Strafvollzug, speziell ausländische Tätergruppen, kaum mehr ab, denn die österreichischen Gefängniszellen bieten mehr Wohnkomfort, als so manche Standardwohnung unserer nichtgeladenen „Kriminaltouristengäste“ in deren Heimatländern.

Bettler, Penner, Sandler ((46/2012 – neu)

Subkultur einer von der Norm abweichenden Randgruppe

 Mitleidheischende Gestalten, welche mehr oder weniger aggressiv in städtischen Gebieten vorbeigehende Passanten um Geld anbetteln, hat es bereits im Mittelalter gegeben. Damals gab es jedoch noch keinen Vollkaskostaat mit Sozialversicherung und diversen Wohlfahrtseinrichtungen, doch bereits 1478 wurde gegen die „unberechtigte Bettelei“ in Nürnberg die älteste Bettelordnung im deutschsprachigen Raum erlassen, weil man das rasch anwachsende Bettelunwesen als Bedrohung empfand. Die katholische Kirche stellte an frömmigkeitsvorgebende Wanderbettler nur dann zeitig begrenzte Bettelbriefe aus, wenn sie zumindest das „Vaterunser“ fehlerfrei beten konnten, bei Missbrauch bekamen sie ein „Schlitzohr“. In England wurden im 16. Jahrhundert Stadt- und Landstreicher sogar gebrandmarkt und ausgepeitscht oder in Arbeitshäusern untergebracht, um ihre Arbeitskraft zu nutzen. Es entstehen nämlich permanente Spannungen zwischen der „normalen“ – arbeitenden Bevölkerung und dieser liederlichen, arbeitsverweigernden, sehr oft alkohol- und drogensüchtigen Außenseitergruppe, welche vom erwirtschafteten Ertrag der Erwerbstätigen leben möchte.

Heute haben die EU-Mitgliedsstaaten die Pflicht für ihre eigene Bevölkerung zu sorgen, also echten sozial Bedürftigen alle für das Leben notwendigen Mittel bereitzustellen. Das bedeutet, dass die Grundsicherung durch den Staat ohnehin gesetzlich garantiert ist und das Betteln nicht zur Sicherung des Lebensunterhaltes nötig ist. Trotzdem meint ein Grazer Universitätsprofessor, Betteln sei ein Menschenrecht, sehr zum Hohn der arbeitenden Bevölkerung, denn damit wäre die Pflicht für seinen Unterhalt selbst zu sorgen aufgehoben. Dabei wurde sogar in einem der ärmsten Länder der Welt, nämlich in Indien, Betteln 1980 als anerkannter Beruf abgeschafft. Gewerbsmäßige Bettelei ist auch bei den Gestalten zu vermuten, die nahezu täglich vor diversen Supermärkten sitzen, da diese Penner nicht aus dem örtlichen Umfeld stammen, meist sind es Osteuropäer, welche kein Deutsch sprechen. „Es hilft ja nicht, einem Bettler ein paar Euro zu geben – man sollte den Menschen lieber so helfen, dass sie sich schließlich selbst helfen können“, ist in der linken WAZ als Problemlösung zum Thema „Gewerbstätige Bettelei“ zu lesen.

Der Soziologe Roland Girtler schreibt in seinem Buch: „Randkulturen, Theorie der Unanständigkeit“, dass Bettler über eine eigene Gaunersprache, nämlich das Rotwelsch verfügen und sich mittels eingeritzter Gaunerzinken, als Vorbereitung zu Diebstählen, verständigen. So ist die Rotwelschbedeutung von „die Rippe eindrücken“ mit „betteln“ zu übersetzen. Girtler stellt dann fest, dass diese Gaunersprache bereits im „Liber Vagatorum“ seinen Ursprung hat und im Jahr 1500 wahrscheinlich von einem damaligen Kriminalbeamten aufgeschrieben wurde.

Betteln als Lebensunterhalt ist daher ein historisches Phänomen und hat in einem modernen europäischen Sozialstaat keinerlei Berechtigung mehr.

Dein Nachbar, das unbekannte Monster (21/08)

Pro- und asoziales Verhalten in nicht alltäglichen Situationen

Über viele Jahre sehen die Nachbarn den netten Onkel von nebenan – wie charmant er doch immer war. Nein, das Klopfen haben wir nicht gehört, und wenn doch – manchmal – ja was soll man da tun? Und die hübsche Dame ist uns auch nie unangenehm aufgefallen, drei Babyleichen in der Tiefkühltruhe? Unfassbar, nicht einmal der Ehemann hat bemerkt, dass sie dauernd schwanger war.

Solche Aussagen von Anrainern in Amstetten und an anderen Schauplätzen von Verbrechen sind keine Seltenheit. Auch netten, das Blaue vom Himmel versprechenden Politikern hat man nicht angesehen, dass sie eigentlich zur Zunft der Gauner gehören. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, oder warum sehen Menschen oftmals nicht, was passiert oder wollen sie nicht hinsehen? Die Sozialwissenschaften versuchen, diese Phänomene zu erklären. Der wohl spektakulärste Fall von abnormem Zeugenverhalten passierte 1964 im New Yorker Stadtteil Kew Garden, der Mord an Kitty Genovese. Die junge Frau wurde auf offener Straße erstochen, ohne daß einer der mindestens 38 Zeugen eingegriffen hätte. Nicht ein einziger benachrichtigte während des Mordes, der sich über eine halbe Stunde hinzog, die Polizei. Welche Motive veranlassen Menschen, die selbstverständliche soziale Norm der Hilfsbereitschaft zu verletzen? Handelt es sich um einen Verfall der Moral, Gleichgültigkeit, Entmenschlichung oder dominiert die Befürchtung vor einer Konfrontation mit missliebigen Zeitgenossen und den damit verbundenen Unannehmlichkeiten vor Polizei und Gerichten bzw. daraus resultierende materielle Kosten und Verluste.

Wenn der einzelne in eine Konfliktsituation gerät, die seine Hilfe erfordert, dann will er einerseits eingreifen, andererseits möchte er mit „der Sache“ nichts zu tun haben, ja nicht namentlich bekannt werden. Die Annahme, dass sich andere um ein Opfer kümmern werden, beruhigt das schlechte Gewissen, nichts unternommen zu haben. In sozialpsychologischen Studien wurde diese „diffusion of responsibility“, das Abschieben der Verantwortung auf andere Gruppenmitglieder, nachgewiesen. Die Bereitschaft, aktiv zu werden sinkt, wenn die Notsituation unklar ist, die Zahl möglicher anderer Helfer groß scheint und diese kompetenter wirken. Wenn jedoch vom Opfer selbst Hinweise kommen, wie man helfen könnte, persönliche Beziehungen bestehen und Appelle an soziale Gruppennormen erfolgen, dann steigt die Bereitschaft einzugreifen.

Bei politischen Gaunereien ist die Bereitschaft einzugreifen minimal, der Durchschnittsbürger sieht sich in der Rolle des Beobachters, da er meist die Akteure nur aus den Medien kennt und er nicht an seine Macht glaubt, etwas verändern zu können. Diese Anonymität und Entfremdung war jahrelang im Dunstkreis der linken Parvenüs des sozialistisch dominierten „Club 45“ zu registrieren. Udo Proksch wurde sogar von SPÖ-Ministern geschützt, bis ihm nach jahrelang verzögerten Untersuchungen von mutigen Journalisten nicht nur vorsätzlich geplanter Versicherungsbetrug, sondern sogar mehrfacher Mord nachgewiesen werden konnte. Die „Ohne-die-Partei-sind-wir-nichts“ Mentalität der roten Reichshälfte begünstigte die Verschleppung der Aufklärung kriminelle Machenschaften nicht nur, sondern jeder Machtmissbrauch wurde in linken Medien und an roten Stammtischen als Zeichen uneingeschränkter Einflussmöglichkeiten gefeiert. Aufdeckungsjournalisten wurden sogar im Stil Metternichs bedroht und eingeschüchtert. Die Masse der Österreicher schaute zu, wie ihre roten „Eliten“ unbeugsamen Machtmissbrauch, Triebhaftigkeit, Unfähigkeit zum logischen Denken und mangelndes Verantwortungsbewusstsein öffentlich zelebrierten.

Die Motive jener, welche Macht als ihr Lebensziel mit allen legalen und illegalen Mitteln anpeilen, sind tiefenpsychologisch betrachtet mit dem Zitat „die Seele ist ein Abgrund, mir schaudert, wenn ich hinunterblicke“ zu qualifizieren. Alfred Adlers „Individualpsychologie“ sieht in solchen Ersatzhandlungen eine Kompensation von Minderwertigkeitskomplexen, haben doch viele Machtpolitiker in ihren privaten Karrieren bescheidene Erfolge vorzuweisen bzw. haben sie, genau betrachtet, versagt. Siegmund Freud diagnostiziert in seiner Psychoanalyse die nach Befriedigung strebenden Triebe im unerfüllten Sexualbereich. Alle Hindernisse auf dem Weg zum Lustgewinn frustrieren und Frust erhöht die Aggressionsbereitschaft. Ein sogenannter „Bemächtigungstrieb“ als Komponente des Sexualtriebes, eine Art Sadismus, der feindlichen Objekte mit Zerstörungsabsichten verfolgt, die zur Quelle von Unlustempfindungen werden, muss beseitigt werden.

Der Destruktionstrieb lässt die Aggressionsbereitschaft steigen, besonders bei aggressiven Persönlichkeitsstrukturen, das sind Menschen, welche an unverarbeiteten Kindheitsneurosen leiden. Der Kriminalpsychologe Müller stellt dazu fest, dass unbefriedigte Phantasien zu brutalsten Handlungen führen können, nur um diese Phantasien auszuleben.

Auch rollentheoretisch kann festgestellt werden, dass, wer seine Rolle spielt, durch Erfolg belohnt wird. Wenn jedoch abnormes Verhalten ebenfalls zum Ziele führt, erfolgt eine negative Konditionierung, welche zur Wiederholung des devianten Verhaltens ermutigt, dieses wurde ja positiv honoriert. Die politische Hierarchie belohnt ihre Mitglieder, wenn sie nur eine Machtposition für die Partei erringen, mit welchen Mitteln immer – wie in obigen Fällen gezeigt wurde. Sexualtäter werden ermutigt, weiter ihr Unwesen zu treiben, wenn sie nicht gestoppt werden.

Wer also beobachtet, wie Menschen auf Grund ihrer psychischen Labilität, sei es in Politik oder anderen Bereichen, aggressive, nicht den sozialen Normen und Werten ihrer Kultur entsprechende Handlungen setzen und zuschaut, macht sich mitschuldig, auch die Staatsanwaltschaft, wenn sie zwar Kenntnis von Sachverhalten hat, diese jedoch eher oberflächlich bearbeitet. Täter werden dadurch nur ermutigt, weiter abnorm zu handeln, es ist dies das Gesetz des Effektes („law of effect“, nach Edward Lee Thorndike), welches besagt, wenn aggressives Verhalten beim ersten Mal zum Ziel geführt hat, wird es wiederholt, da es instrumentell konditioniert wurde.

Friedrich Hacker stellt in seinem Werk „Aggression – die Brutalisierung der Welt“ fest: „Die erschreckendste Dimension der modernen Brutalisierung ist nicht das immer häufiger werdende Aufflackern individueller und kollektiver Gewalt, sondern deren zunehmende Gewöhnlichkeit und Gewohnheit. Gewalt ist zum alltäglichen, natürlichen, trivialen Ereignis, zur banalen Bagatelle geworden und beansprucht in unserem Denken und Fühlen das Gewohnheitsrecht traditioneller Unvermeidbarkeit.

Wir sind bereits derart abgestumpft, dass es bedeutender Gewalteskalation oder besonders dramatischer Brutalitätsakte bedarf, um uns aus unserer, der vermeintlichen Ohnmacht entspringenden, dumpfen Gleichgültigkeit aufzuschrecken. Gewöhnung an Gewalt ist das einfache, weil gewaltsam vereinfachte Resultat zwangsmäßiger Eingewöhnungsvorgänge. Das Erlebnis von Alltäglichkeit von Gewalt kommt durch komplizierte Veralltäglichungsprozesse zustande. Die Natürlichkeit von Gewalt ist das Produkt künstlicher Vernatürlichung.“

Nie als „Gewerbe“ anerkannt (24/09)

Prostitution war immer sittenwidrig, das Entgelt wurde als „Schandlohn“ bezeichnet

Das angeblich älteste Gewerbe der Welt, die Prostitution, wird von den „normalen“ Spießbürgern moralisch entrüstet stigmatisiert und von selbsternannten Tugend- und Sittenwächtern zwanghaft verfolgt und empört als Teufelswerk verurteilt. Aber kaum ein Thema fasziniert die neugierigen braven Leute so sehr wie Zuhälter und Huren, denn die Phantasie regt an, was, geheimnisvoll in rotes Licht gehüllt, verboten und verborgen praktiziert wird.

Es ist heute weltweit ein Geschäft mit Milliardenumsätzen jährlich und wird von diversen Mafiabanden kontrolliert. Asylantinnen müssen jahrelang ihre Schuld an Schlepperorganisationen als Sexarbeiterinnen abdienen, und so manche Osteuropäerin, welche glaubte, im goldenen Westen ihr leichtes Glück zu finden, landet als leichtes Mädchen in einem Bordell oder auf dem Straßenstrich. Dabei sind die Anfänge der Dienerinnen der Lust durchaus nicht im kriminellen Milieu angesiedelt gewesen, sondern waren religiös-rituellen Ursprungs und geheiligt. Die Sakralprostitution entstand vor über 3.000 Jahren in Mesopotamien, dem fruchtbaren Land der Hochkultur zwischen Euphrat und Tigris, dem heutigen Syrien.

Das Gilgamesch-Epos berichtet, dass die Prostitution ein fester und respektabler Bestandteil der damaligen Gesellschaft war. Einem Gesetz des Königs Hammurabis (1793– 1750 v. Chr.) zufolge hatte jede Frau einmal im Leben in einem Tempel ihre Liebesdienste gegen Entgelt anzubieten. Der Verkehr sollte die Götter für Ackerbau und Viehzucht günstig stimmen. Tontafeln belegen, dass sich die gastliche Prostitution, also das Zeichen von hoher Gastfreundschaft, mit der religiösen Prostitution verband. Der Melitta-Kult entstand, der sich in den unterschiedlichsten Formen über Kleinasien bis Afrika verbreitete, in manchen Regionen auch Venus-Kult genannt. ­Willi Bauer beschreibt diese sexistischen Kulthandlungen in seiner umfangreichen Dokumentation: „Geschichte und Wesen der Prostitution“: „Bei diesem Kult musste sich jede Frau einmal in ihrem Leben der Melitta weihen, das heißt, sich für die Göttin einem beliebigen Fremden prostituieren. Vor dem Tempel der Melitta saßen die opferbereiten Frauen und hielten den Leib mit einem Gürtel von Schnüren umschlossen. Dieser sollte dem Fremden mitteilen, dass noch die Schamhaftigkeit den Leib verschloss. Fand nun ein Fremder eine derartige Frau nach seinem Geschmack, nahm er sie an diesem Schnurgürtel und zog die Opferbereite einfach in den Tempel, wo sie dann der Göttin das Lustopfer brachten.“ Der Melitta-Kult fand derartigen Zuspruch, dass die Tempel zu klein für die Opferfreudigen und fremden Männer, die den Frauen das Opfer ermöglichen wollten, wurden. Zu den Tempeln gesellten sich Hütten und Buden, ja selbst in der freien Natur wurden der Göttin Opfer gebracht.

Keine Frau war davon ausgenommen und der griechische Geschichtsforscher Herodot beschreibt um 450 v. Chr. diese babylonischen Kulte: „Jede Frau, die in ihrem Lande geboren ist, muss sich einmal in ihrem Leben in den Tempel der Venus begeben und sich daselbst einem Fremden überlassen. Ein Teil von ihnen hält es aber aus Stolz, den ihnen ihr Reichtum einflößt, für unter ihrer Würde, sich mit den anderen auf gleiche Stufe gestellt zu sehen, und diese lassen sich in geschlossenen Wagen vor den Tempel fahren. Dort bleiben sie sitzen, hinter sich eine große Menge von Dienern, die sie begleiten. Es ist ein beständiges Kommen und Gehen. Wenn eine Frau einmal an diesem Orte Platz genommen hat, darf sie nicht eher nach Hause zurückkehren, als bis ihr ein Fremder Geld in den Schoß geworfen und mit ihr außerhalb des geweihten Raumes Umgang gepflogen hat. Diejenigen Weiber, die eine schöne Figur oder ein schönes Angesicht haben, verweilen nicht lange im Tempel, die hässlichen dagegen bleiben länger, weil sie dem Gesetz nicht genügen können; ja, einige bleiben sogar drei oder vier Jahre dort.“ Bald änderten sich die Motive der willigen Damen, und Sexualität wurde zu einem Geschäft mit den üblichen Marktgesetzen von Angebot und Nachfrage, kein Gottesdienst mehr, sondern einerseits Lustgewinn, andererseits Gelderwerb.

Es gab im Laufe der Geschichte Epochen großer Freizügigkeit und Zeiten strenger Sittlichkeit. Unter der Herrschaft von Maria Theresia wurde die käufliche Lustbarkeit verboten, und ertappte Dirnen wurden mittels des sogenannten Wasserschubes nach Siebenbürgen abgeschoben, ebenso die verurteilten Wilderer. Angeblich paarten sich diese interessanten Gruppen und bildeten die Gründergeneration der bis heute vorhandenen deutschen Minderheit in Rumänien. Viele Romane, von Generationen braver Bürgerstöchter heimlich studiert, schildern das Milieu dieser Randkultur, wie etwa „Die Geschichte einer wienerischen Dirne - Josephine Mutzenbacher“, angeblich verfasst von Felix Salten: „Man sagt, dass aus jungen Huren alte Betschwestern werden.“ Er zeigt die Scheinmoral der guten Gesellschaft auf, zu einer Zeit, da die Ehe den Familienfortbestand sicherte, die sexuelle Lust jedoch außerhalb des Familienverbandes gesucht werden musste. Der Soziologe Roland Girtler erzählt in seiner Studie „Der Strich“ von den alten, ehrbaren Gaunern, welche das Milieu beherrschten. Diese hielten sich an gewisse Spielregeln, pflegten ihre Rituale, und Abweichler dieser Normen und Werte einer Randkultur wurden von den eigenen Leuten an ihre Gaunerehre erinnert, oft mit Waffengewalt. Doch diese Zeiten sind vorbei, heute ist im Sexgeschäft der erfolgreich, der eine brutale, unmenschliche Organisation hinter sich hat. Zwangsprostitution und Drogenabhängigkeit werden von dieser „ehrenwerten“ Gesellschaft unter der Devise von Gewinnmaximierung betrieben, ein Menschenleben hat keinen Wert in dieser Welt.

Eine Ausnahme dieser neuen Form von Sexsklaverei bildet der Sextourismus. Frauen reisen zu diesem Zwecke primär in orientalische Länder wie Tunesien und Türkei, Männer bevorzugen hingegen den Fernen Osten oder Osteuropa. Was sind nun die Motive der Sexarbeiterinnen im wohl bekanntesten Land der asiatischen Prostitution, nämlich Thailand? Um das zu verstehen, muss man die dort etablierte Gesellschaftsstruktur kennen. Da es kaum eine staatliche Kranken- und Altersvorsorge gibt, muss die Großfamilie alle finanziellen Probleme ihrer Gruppenmitglieder lösen. Armut zu zeigen, gilt als Schande, in Asien heißt die Devise: „das Gesicht wahren“, also eine nach außen intakte Fassade erhalten, damit die Familie in der patriarchalischen Gesellschaft ehrenhaft bestehen kann. Speziell außerhalb Bangkoks herrscht eine große Arbeitslosigkeit, je weiter nördlich man kommt, umso mehr trifft das zu. Die Familien schicken deshalb ihre jungen Töchter in die Sexindustrie und kassieren fast deren ganzen Ertrag. Man scheut auch nicht davor zurück, die Jungfräulichkeit teuer anzupreisen, ja selbst vor Pädophilie schreckt man nicht zurück, wenn harte Dollars gezahlt werden. Die Mädchen müssen Geld verdienen, sie versuchen unter den Touristen einen Freier zu finden, der nicht nur eine Nacht mit ihnen verbringen will, sondern seinen ganzen Urlaub. Die Männer sind mit den westlichen Werten vertraut, nicht mit den asiatischen, und meinen, die Freundlichkeit der Mädchen bedeute Liebe und Zuneigung.

Wenn es einem Thai-Mädchen gelingt, dass sich ein Tourist in sie verliebt, dann hat sie gute Chancen, von ihm viel Geld zu bekommen, welches sie direkt an ihre Angehörigen überweist. Es ist ein Teufelskreis, denn auch dieses Mädchen braucht in ihrem Alter wieder eine Geldquelle aus ihrer Familie und wahrscheinlich lernt sie sogar ihre Tochter an, dumme Touristen auszunehmen. Wer glaubt, die asiatische Mentalität im Zeitraum eines Urlaubs verstehen gelernt zu haben, hat gute Chancen solange an sein vermeintlich verliebtes Mädchen bezahlen zu dürfen, bis der nächste Farang, die nächste Langnase, als neues Opfer gemolken wird.

Laut der Studie „Umfeld und Ausmaß des Menschenhandels mit ausländischen Mädchen und Frauen“ von Lea Ackermann wird die Anzahl der Prostituierten in Thailand auf 1,5 Millionen geschätzt, welche in ca. 60.000 Bordellen arbeiten. Man kann davon ausgehen, dass dort auch etwa 50.000 Kinder und Jugendliche tätig sind. HIV, Aids und andere Geschlechtskrankheiten sind in Asien und Afrika nach Europa und Amerika eingeschleppte Seuchen mit unbekannter Dunkelziffer an infizierten Personen. Wenig nach außen dringen auch die überaus häufigen Kontakte von Mohammedanern zu Prostituierten. Sie verhüllen zwar ihre Frauen und Töchter bis zur totalen Verschleierung, sind allerdings selbst in allen Bordellen der Welt Stammgäste. Besonders in Saudi-Arabien werden am Wochenende ganze Autokolonnen beobachtet, welche in Nachbarstaaten zu willigen Frauen unterwegs sind. Hier ist die Verlogenheit der Scheinmoral besonders evident, denn wenn eine Frau auch nur flirtet, muss sie mit Steinigung und Ehrenmord rechnen, Mädchen werden jedoch bereits mit acht bis zehn Jahren an lüsterne Greise verheiratet, und auch die Prostitution, im Islam als Kurzehe auch mit dem Segen eines Imams möglich, gestattet den Männern, ihre sexuelle Lust hemmungslos auszuleben. Aber im Islam sind Frauen ohnehin nur Menschen zweiter Klasse, da sind solche Vorgehensweisen der Patriarchen übliche Praxis.

Das Thema Prostitution ist also ein weites Feld, viel wurde darüber geforscht und veröffentlicht, aber ein Sprichwort soll doch relativiert werden, nämlich die Legende vom „ältesten Gewerbe der Welt“. Prostitution war als Gewerbe nicht anerkannt, es war meist sittenwidrig, und das monetäre Entgelt wurde auch „Schandlohn“ genannt. Prostitution war daher nicht gewerbefähig, aber käufliche Damen der horizontalen Fakultät gab es immer und sie werden sich auch in Zukunft um bedürftige Kunden kümmern, Moral hin oder her – Geld stinkt bekanntlich nicht.

Götterzorn und Täterschutz (35/07)

Die alten Götter wussten noch, wie Gesetzesbrecher zu bestrafen sind

Ein kluger Richter meinte bei einer Verhandlung einmal kurz und bündig, dass ein aufrichtiger Bürger nur die Zehn Gebote Gottes befolgen müsse, dann würde er ein konfliktfreies und schuldbefreites Leben führen. Im 21. Jahrhundert scheint aber die göttliche Weltordnung längst zusammengebrochen, und der moderne Mensch weiß nicht mehr, was gut und was böse ist.

Wachten einst die Götter über die strikte Einhaltung ihrer göttlichen Normen, so scheinen die Gesetzeswächter heute Verständnis für deviantes Verhalten stehlender, vergewaltigender und sonstige Schandtaten vollbringender Zeitgenossen aufzubringen. Wagen wir eine kurze Zeitreise von den einst noch rächenden Gottheiten zu den sozialromantischen Täterschutzbestimmungen.

Es sind eben nicht alle Menschen gleich, und es ist eine Utopie zu glauben, dass alle Menschen Brüder seien. Die Geschichte von Kain und Abel steht in der Genesis geschrieben. Dieses Brüderpaar ist die erste nach-paradiesische Generation. Mit ihm beginnt die Weltgeschichte und sie beginnt mit einem Brudermord. Gott sieht die Untat von Kain und fragt: „Wo ist dein Bruder Abel?“ Kain antwortet: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“ Zu dieser Zeit gab es selbstverständlich noch keine irdische Gerechtigkeit, es galt das Gesetz des Stärkeren auf Erden, aber die Sühne im Jenseits beim jüngsten Gericht gilt bis heute. Die Strafen für Verstöße gegen die Zehn Gebote sind grausam, ewige Höllenqualen für Todsünder und reinigende Bußrituale für kleine Sünder im Fegefeuer sollen die Christen zu einem gottgefälligen Leben auf Erden motivieren, dann winkt ewige Freude im Paradies. Auch andere Götter zwingen mit Brachialgewalt die Menschen überirdische Normen und Werte einzuhalten. Die Weltmythologie ist voll von spannenden Erzählungen, alle Kulturen setzen höhere Mächte als Richter über Gut und Böse ein. Die Strafen für Vergehen sind gnadenlos, Tantalos etwa wurde zu ewiger Qual verurteilt. Er stahl von der Göttertafel Nektar und Ambrosia. Zeus verurteilte ihn, von Hunger und Durst gepeinigt zu werden.

Auch Sisyphos, der die Götter verriet, fand keine Ruhe mehr, Homer erzählt: „Und weiter sah ich den Sisyphos in gewaltigen Schmerzen: wie er mit beiden Armen einen Felsblock, einen ungeheuren, fortschaffen wollte. Ja, und mit Händen und Füßen stemmend, stieß er den Block hinauf auf einen Hügel. Doch wenn er ihn über die Kuppe werfen wollte, so drehte ihn das Übergewicht zurück: von neuem rollte dann der Block, der schamlose, ins Feld hinunter. Er aber stieß ihn immer wieder zurück, sich anspannend, und es rann der Schweiß ihm von den Gliedern, und der Staub erhob sich über sein Haupt hinaus.“ Sollen heutzutage, in einer „gefängnisfreien Gesellschaft“, unsere Straftäter, statt in einer Strafanstalt zu büßen, in einem Arbeitslager Sisyphosarbeit leisten?

In einem sozialen System sind Positionen und Rollen unterschiedlich geschichtet. Jedes Mitglied einer Gesellschaft kann, im Rahmen der gültigen Normen und Werte, seinen Status durch Leistung verändern. Keinesfalls dürfen aber bestehende Gesetze ungestraft gebrochen werden, denn dann würde deviantes Verhalten belohnt werden. Abweichendes Handeln muss immer, zum Schutze jener Bürger, welche ihre Aufgaben und Verpflichtungen erfüllen, bestraft werden. Nicht pro forma, sondern abschreckend! Ganz im Sinne der alten Götter! Alle Personen, welche die bestehende soziale Ordnung gefährden, stellen sich selbst außerhalb dieser Ordnung, und die Gesellschaft hat ein Recht auf Schutz vor der Gefährdung durch solche Subkulturen. Aus der Pflicht, diesen Schutz zu garantieren, kann der Staatsapparat nicht entlassen werden, schließlich liegt dort das Gewaltmonopol.

Die Gütigen sind entsetzt! (48/05)

Von der einfachen Unmöglichkeit der multikulturellen Harmonievorstellungen

Die „Gütigen“ sind entsetzt. Dabei sind sie doch so lieb, die bunten multikulturellen Parallelgesellschaften - ein kurzer soziologischer Exkurs sei den abgehobenen Entscheidungsträgern gewidmet:

In einer Gesellschaft ist der einzelne Mensch Träger sozial vorgeformter Rollen. Er übernimmt, im Laufe seines Lebens, unterschiedlichste Positionen in der Familie, im Beruf, in der Freizeit und im Staate. Das Handeln in den verschiedenen Positionsfeldern wird bestimmt durch die in seiner sozialen Gemeinschaft gültigen Werte und Normen. Im Sozialisationsprozess erwirbt das einzelne Mitglied einer Gesellschaft das allgemeingültige kulturelle System einerseits und sein personales Subsystem andererseits. Verhält sich das Individuum im gesellschaftlichen Kontext rollenkonform, wird es belohnt, weicht sein Verhalten von den gesellschaftlichen Erwartungen der Mitmenschen ab, wird es von seiner sozialen Umwelt bestraft, bis sich der Rollenträger mit seiner Rolle identifiziert. Diese Übernahme von Normen und Werten einer Gesellschaft erfolgt prägend in der Primärsozialisation, bis zur Einschulung, durch Familienmitglieder. Da das Kleinkind diese Prägung speziell emotional, im Urvertrauen auf die Familie erfährt, ist die Übernahme dieser Erfahrungen für das ganze weitere Leben des Menschen entscheidend. Speziell die Sprache, die Sitten und Gebräuche der Familie werden unreflektiert und unkritisch internalisiert.

Es ist daher nahezu unmöglich, bereits dem schulpflichtigen Zuwandererkind Werte der einheimischen Gesellschaft zu vermitteln, wenn seine Familie glaubt, einer anderen Kultur anzugehören. Das Dilemma ist primär die Sprache, aber auch der Wortschatz des jeweiligen sozialen Milieus. Wittgensteins Erkenntnisse gelten heute mehr je: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Fernsehen in allen erdenklichen Sprachen kommen den ganzen Tag über Sat-TV ins Wohnzimmer, an den Kiosken gibt es mehr ausländische Zeitungen als einheimische Blätter und Islamschulen und Kebabbuden verstärken das Zugehörigkeitsgefühl zu fremdländischen, nichteuropäischen Gegengesellschaften. Dass die europäischen Gastländer diese Entwicklung jahrzehntelang toleriert, ja gefördert haben, rächt sich nun. Die Schule soll mit Integrationslehrern einschreiten, dabei wurde bekannt, dass in einem Islamlehrbuch beschrieben wurde, wie man Frauen schlägt und Österreicher Schweine sind, weil sie Schweinefleisch essen.

Weltweit gibt es Konflikte, da sich Parallelgesellschaften einen eigenen Dunstkreis aufbauen können, das ist aber bereits in fast allen westeuropäischen Staaten Realität. Das nicht bereits mehr bürgerkriegsähnliche Unruhen ausgebrochen sind, kann darauf zurückgeführt werden, dass der Sozial- und Wohlfahrtsstaat noch gigantische materielle Leistungen ausschüttet. Aber wie lange noch? Dass 42 Prozent der in Berlin lebenden Türken arbeitslos sind, zeigt die Brisanz möglicher Konfliktherde. Sollte das Horrorszenario, dass im Jahre 2050 die österreichische Bevölkerung durch Zuwanderung auf neun Millionen Einwohner anwachsen wird, wahr werden, dann sind alle Eskalationsmöglichkeiten auch bei uns denkbar, denn der Arbeitsgesellschaft geht die Arbeit aus. Beschäftigung wäre aber der einzig denkbare Konfliktdämpfungsfaktor.

Bereits Johann Wolfgang von Goethe wusste die einzig mögliche Lösung dieses Problems: „Wer Gesetze nicht befolgen will, muss die Gegend verlassen, in denen sie gelten.“ Goethe lässt auch den Mephisto im Faust sagen: "Ich bin die Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft." Ein in die Jahre gekommener Gutmensch könnte schon einmal Zweifel bekommen, ob der Weltverbesserer nicht die Kraft ist, die stets das Gute will und stets das Böse schafft und das ist das Dilemma dieser Möchtegernweltverbesserer.

7.6. Soziologischer Ausblick

 

„Was du ererbt von deinen Vätern hast,
erwirb es, um es zu besitzen.
Was man nicht nützt, ist eine schwere Last;
Nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“ (Johann Wolfgang von Goethe, Faust)

 Alles fließt, alles hat ein Verfallsdatum – Nihil enim semper floret; aetat – meinte Cicero und sein „Nichts bleibt ewig; ein Zeitalter vergeht, das andere folgt“ hat für gesellschaftlichen Wandel besondere Gültigkeit. Bereits vor einem Jahrhundert war Friedrich Nietzsche vom Verfall des Abendlandes überzeugt; Dekadenz als Sieg der Kranken und Schwachen, der Mittelmäßigen und Müden über die Gesunden und Starken, Hochbegabten und Frischen, der „Sklavenmoral über die Herrenmoral“. Jeder Fortschritt, und nie schritt die technische und wirtschaftliche Entwicklung so rasant voran, wie in den letzten fünf Jahrzehnten, bedeutet zwangsläufig einen Verfall der Sitten und den Niedergang des Überlebenswillen der Volksgemeinschaft. Otto Seeck zeigt in seiner Analyse „Der Untergang der antiken Welt“ die gleiche Ursache auf, welche auch heute beobachtbar sind: Rom wurde von Fremden überflutet, die römischen Intellektuellen und politischen Führer wurden durch schwache, lasterhafte Schmeichler ersetzt. Männer von Ehre und Charakter wichen Sklaven, welche Herrschaftsfunktionen wahrnahmen. Angesichts des schwindenden Staatsbewusstseins gewannen die Ausländer immer mehr an Einfluss und Macht. Die aristokratische Gesellschaft wurde proletarisiert, immer höhere Schulden wurden gemacht, denn Geld, nicht Geist, wurde zum Maß aller Dinge. Der Stimmpöbel bekam großzügige Geldgeschenke, der Müßiggang verführte immer mehr Bürger zur Untätigkeit. Tacitus erkannte, dass den tatendurstigen Germanen die Zukunft gehörte, er mahnte vergebens. Das Schicksal Roms sollte unserer schwachen Gesellschaft eine Mahnung sein, allerdings scheint nicht nur Österreich, sondern alle EU–Länder bereits derart dekadent zu sein, so dass es mehr als fraglich erscheint, ob eine Rettung vor einem Untergang, wie einst in Rom, noch möglich ist. Die Individualisierung ist bereits derart hedonistisch geworden, dass in unserem Wohlfahrtsstaat kaum mehr zum Wohle des Staates und des Volkes gehandelt wird. Alex Carrel beschreibt die Konsumdekadenz in seinem Buch „Der Mensch, das unbekannte Wesen“ wie folgt: „Die meisten Zivilisationsmenschen produzieren, sie konsumieren, sie stillen ihre physiologischen Bedürfnisse. Es bereitet ihnen Vergnügen, in großen Mengen sportlichen Schaustellungen beizuwohnen, kindische, vulgäre Filmstücke anzusehen, ohne Anstrengung schnell von einem Ort zum anderen gebracht zu werden und Gegenstände zu betrachten, die sich schnell bewegen. Sie sind verweichlicht, lüstern und gewalttätig. Moralgefühl, Sinn für Ästhetisches und Religiöses geht ihnen ab.“ Es wiederholt sich in nahezu allen Hochkulturen der gleiche Prozess: dem Aufstieg folgt eine Phase der Stagnation und dann geht es dem Untergang entgegen, unaufhaltsam. John B. Priestley zeichnet ein dramatisches Bild:

„Der Mensch von heute ist das dümmste Lebewesen, das die Welt je hervorgebracht hat. Er baut gewaltige Städte, voll von Wohnkäfigen, in denen höchstens Tiere leben könnten. Und er nennt dies Zivilisation. Der Mensch ist ein Schwachsinniger mit Intelligenz. Wir verpesten die Luft, dass wir kaum noch atmen können, wir vergiften unsere Lebensmittel, damit wir uns mit neuen und heftigen Krankheiten abplagen können, und wir vergiften sogar den Ackerboden, damit die kommenden Ernten unseren Körper mit Krebs verseuchen. Das Auto ist der Tod städtischer Kultur und sollte verboten werden. Es macht Krach, stinkt und führt zu Frustration und nervösen Spannungen.“

Besitz und Luxus führen, wie sich immer wieder zeigte, Menschen und Völker in die geistige Unfreiheit, denn der überlieferte Spruch des Petronius: „Hast du was, dann bist du was; je mehr du hast, umso mehr bist du was“, zeigt die Selbstversklavung des Menschen ganz deutlich. Status, Prestige und andere scheinbare Lebenssinninhalte führen zu innerer Leere und Flucht in Ablenkungen und Süchte. In Österreich sind derzeit 42% der Erwachsenen übergewichtig, 900.000 sind fettleibig! Folgekrankheiten sind Diabetes, Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Schlaganfall, Thrombosen, das Gesundheitssystem droht unter diesen Folgen zusammenzubrechen. Aber das noch viel schlimmere Problem ist, dass auch bereits ganz junge Kinder überfressen sind, die Zahl der Wehruntauglichen explodiert, in den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der jungen Männer mit mehr als 100 Kilo verdoppelt. In den USA schätzt man die Folgekosten von Fettleibigkeit auf 147 Milliarden Dollar, Tendenz steigend. Andere Süchte sind ebenfalls im Vormarsch, erschreckend dabei, das Einstiegsalter wird immer jünger. In Österreich sind etwa 2,5 Millionen Menschen Nikotinsüchtig, etwa 900.000 Österreicher konsumieren Alkohol in gesundheitsschädigendem Ausmaß. Sieben Prozent der Menschen trinken täglich Alkohol, während 72,8 Prozent gelegentlich zu Bier, Wein oder Sekt greifen. Das geht aus der Auswertung von Fragebögen der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) hervor. Jeder zehnte Österreicher erkrankt im Laufe seines Lebens an Alkoholismus, so die Ergebnisse der ÖGAM-Initiative "Der Österreichische Patient". Alle Süchte, wie auch Drogen-, Mager-, Spiel-, Sexsucht sind Anzeichen dafür, dass es in dieser Gesellschaft nicht zum Besten mit den Menschen bestellt ist. Steigende Arbeitslosigkeit, Überschuldung, die Abwertung von Familie, verbunden mit steigenden Scheidungszahlen, immer mehr Singlehaushalte und Problemkinder, sowie die steigende Anzahl von Lesben und Schwulen, lassen darauf schließen, dass wir uns an einem gesellschaftlichen Abgrund bewegen. Fortschritt wirkt sich, laut Maxime Laguerre, negativ auf das sinngebende, gemeinschaftliche Leben aus. Der Mensch sucht nach rascher Befriedigung seiner Wünsche, sind allerdings diese befriedigt, folgt sofort eine neue, maßlosere Forderung. Glück sieht anders aus. Vielleicht erklärt die Fabel vom freien Wolf und vom dressierten Hund, dass die leichte Wunschbefriedigung kein dauerhaftes Glück darstellt. Noch gibt es in unserer verrotteten Gesellschaft Wölfe, welche die Lebensweise der Hunde mit Abscheu betrachten, sie geben Hoffnung, dass uns das Schicksal des alten Rom erspart bleiben möge.

Der Wolf und der Hund - Jean de la Fontaine

Ein Wolf, der nichts als Knochen war und Haut,

Dank guter Wacht der Schäferhunde,

Traf eine Dogge einst, die stark und wohl gebaut,

Glänzenden Fells und feist, just jagte in der Runde.

„Ha!“, dachte Meister Isegrim,

„Die so zum Frühstück, wär nicht schlimm!“

Doch stand bevor ein Kampf, ein heißer,

Und unser Hofhund hatte Beißer,

Gemacht zu harter Gegenwehr.

Drum kommt der Wolf ganz freundlich her

Und spricht ihn an, so ganz von ungefähr,

Bewundernd seines Leibes Fülle.

„Die, lieber Herr, ist’s Euer Wille“,

Erwiderte der Hund, „blüht Euch so gut wie mir!

Verlasst dies wilde Waldrevier;

Seht Eure Vettern, ohne Zweifel

Nur dürft’ge Schlucker, arme Teufel,

Sie lungern hier umher, verhungern, nackt und bloß!

Hier füttert keiner Euch, Ihr lebt nur, mit Verlaub,

Vom schlechtesten Geschäft, dem Raub.

Drum folgt mir, und Euch winkt, glaubt mir, ein besser Los.“

„Was“, sprach der Wolf, „habe ich dafür zu leisten?“

„Fast nichts!“, so sagt der Hund. „Man überlässt die Jagd

Dem Menschen, denen sie behagt,

Schmeichelt der Dienerschaft, doch seinem Herrn am meisten.

Dafür erhält die nicht verspeisten

Tischreste man zum Lohn, oft Bissen leckrer Art,

Hühner- und Taubenknöchlein zart,

Manch anderer Wohltat zu geschweigen!“

Schon träumt der Wolf gerührt vom Glück der Zukunft, und

Ein Tränlein will dem Aug entsteigen;

Da plötzlich sieht er, dass am Halse kahl der Hund.

„Was ist das?“, fragt er. – „Nichts!“ – „Wie? Nichts?“ – „Hat nichts zu sagen!“

„Und doch?“ – „Es drückt wohl das Halsband hier mich wund,

Woran die Kette hängt, die wir mitunter tragen.“

„Die Kette?“, fragt der Wolf. „Also bist du nicht frei?“

„Nicht immer; doch was ist daran gelegen?“

„So viel, dass ich dein Glück, all deine Schwelgerei

Verachte! Bötest du meinetwegen

Um den Preis mir ’nen Schatz, sieh, ich verschmäht ihn doch!“

Sprach’s, lief zum Wald zurück flugs und – läuft heute noch.

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