Potlatschgesellschaft

kauf

Geschenketausch und alte Potlatschrituale oder vom Kauf- zum Umtauschrausch

Angeblich schenken sich Frau und Herr Österreicher zu Weihnachten gegenseitig Gaben im Wert von 1.5 Milliarden Euro. Dafür muss fleißig gearbeitet werden, viel Zeit und stressfördernde Tätigkeiten werden investiert, damit von dieser gewaltigen Kaufsumme dann noch schnell im besinnlichen Advent Fehlinvestitionen getätigt werden, denn ungefähr 30 – 40 Prozent der Gaben sind für die Beschenkten wertlos. Damit setzen wir die Tradition der Potlatschfeste bei den Kwakiutlindianern fort.

Diese Indianer kamen alle paar Jahre mit ihren Booten zu bestimmten Plätzen, um mit ihrem Reichtum zu prahlen – ein Ringen um Ansehen und Würde begann. Eigentlich war es ein Ritual des Tauschhandels, so wie heute, denn jedes Geschenk ist ein Warenkredit. Der Schenkende erhält, so will es das ungeschriebene Tauschgesetz, ein mindestens gleichwertiges Gegengeschenk zurück. Der ein Objekt, wie etwa eine Kupferplatte, anbietende Indianer, pries den Wert seiner Ware und damit seinen Reichtum. Wenn einer der Interessenten ein Angebot machte, das dem Wert nicht entsprach, höhnte der anbietende Kwakiutl, dass der Anbieter die Kupferplatte niemals erwerben könne, denn der Preis musste auch der Würde und Ehre entsprechen. Der Preis wurde in die Höhe getrieben. Als Gegenwert wurden Boote, Decken geboten, gleichzeitig, um den eigenen Reichtum zu demonstrieren, wurden auch Decken und Boote verbrannt. Diese Geltungssucht beim Warentausch findet sich weltweit – auch noch heute!

Es gibt keinen Grund Geschenke nicht anzunehmen, da dies zu Feindschaften führen würde. Marcel MAUSS beschrieb auch noch eine Steigerung des Potlatschfestes, den aristokratischen Kulahandel. Diese Form ist nur den Häuptlingen vorbehalten. Die Schenkung wird zuerst verachtet, ja verstoßen, muss jedoch angenommen werden, nur um bei nächster Gelegenheit mit vertauschten Rollen umso wertvoller zurückgeschenkt zu werden. Schenken hat auch viel mit Handel zu tun, denn der erste bedeutende Warenaustausch Reisender Kaufleute war der Geschenkehandel. Der Fremde brachte ein Gastgeschenk, um seine friedliche Absicht zu demonstrieren, dafür wurde ihm die Gastfreundschaft gewährt. Aber auch Aberglaube und Magie waren die Gründe, von einem Fremden etwas zu besitzen. So hatte man die Möglichkeit zu verhindern, dass der Fremde Macht über seine Gastgeber mittels Schadenzauber gewinnen konnte, da der persönliche Gegenstand für Abwehrzauber zur Verfügung stand. Bereits in der Bibel belegt dies die Geschichte von Samsons Haaren und Dalia.  Auch der Zauber der Wudu-Rituale basiert auf diesem Aberglauben.

Prestige und Machtdenken spielen bei den Festen mit Geschenkegaben eine entscheidende Rolle. Bereits die beiden Mönche Johann Plano de Carpini und Wilhelm Rubuch berichteten im 13. Jahrhundert, dass bei Besuchen am Hofe von Dschingis-Kahn Geschenke als Symlbol der Unterwerfung erwartet wurden. Die Gegengabe fiel aber umso verschwenderischer aus, da ein kleines Geschenk unter der Würde des Kahn gewesen wäre. Beide Seiten waren zufrieden.

Und heute? Sind wir  zufrieden? Gleitet nicht unser heutiges Geschenkedenken in Handelstätigkeiten totalen materiellen Ursprungs ab? Warum muss immer quantitativ und nicht qualitativ gedacht werden? Weil wir keine Zeit haben, da wir von Termin zu Termin jagen, um das Geld für den Einkauf von Geschenken zu verdienen? Der Handel erwartet Umsatzsteigerungen, die Wirtschaft muss wachsen, das Rad dreht sich immer schneller. Genügt es nicht Zeit zu schenken? Zeit, die wir gemeinsam mit spielen, wandern und einfach gemeinsamen Tätigkeiten verbringen können? Zuneigung, Liebe und echte Freundschaft verlangt nach gemeinsamen Erlebnissen und nicht nach immer mehr und teureren Einkäufen. Soziale Kontakte sind auch jene Abenteuer die im Gedächtnis gespeichert werden. Speziell Kinder brauchen im Sozialisationsprozess Familie und Freunde. Es gibt keine Möglichkeit diese Grundbedürfnisse durch materielle Geschenke zu kompensieren! Die neuesten elektronischen Spielzeuge können niemals ein gutes Buch ersetzen, doch wer hat schon Zeit zu lesen? Pisa hin oder her, laufen wir schnell und kaufen wir schnell, am Ende sind gar die Geschäfte geschlossen und umtauschen ist auch noch möglich! Schließlich heißt das moderne Zauberwort – Kredit!