CSSR - Krise 1968

cssr 1968

Österreich am Rande des Krieges – 1968 steht die Rote Armee an der Grenze

Der „Prager Frühling“, der dem „Kommunismus ein menschliches Antlitz geben wollte, der Hoffnung gab den „kalten Krieg“ zu beenden, dauerte nur vierzehn Monate. Er begann mit dem Schriftstellerkongress am 27.6.1967 und endete am 20.8.1968, als 650.000 Soldaten des Warschauer Paktes die wahre Fratze des „Panzerkommunismus“ zeigten und in die CSSR einmarschierten. Die Anzahl der eingesetzten Truppen war wesentlich höher, als für die Niederwerfung der Reformbewegung in der Tschechoslowakei notwendig gewesen wäre, der Kreml hatte ein wesentlich weiter gestrecktes strategisches Ziel angepeilt: Sollte die tschechoslowakische Volksarmee Widerstand leisten, würde der, bereits 1965 ausgearbeitete Plan „Polarka“, der Durchstoß zur Adria, unter gleichzeitiger Besetzung Österreichs und Jugoslawiens, von den Ostarmeen in die Tat umgesetzt werden. Der Einmarsch nach Österreich wurde vom Sowjet-Marschall J. Jablonski, dem Oberkommandierenden der Warschauer-Pakt-Truppen, persönlich geplant. Beim Unternehmen „Donau“ wären Panzer- und Grenadierverbände, von Ungarn südlich der Donau bis Linz vorgestoßen und ein weiterer Verband hätte über Graz und Villach, das von der Sowjetlinie abgekommene, blockfreie Jugoslawien „befreit“. Dieser Operationsplan wurde später vom CSSR-Major Jan Sejna an den Westen verraten, ebenso berichtete 1997 ein ungarischer Historiker, dass die ungarische Armee 50-70 Stück Atommunition und 40-50 herkömmliche Raketen mitführte. Weder die „Wunderwaffe Neutralität“ noch die NATO hätten Österreich schützen können, denn eine Neutralität ohne starker Armee war bei den strategischen Stabsüberlegungen der Roten Armee bedeutungslos. Dreißig Jahre nach der von den meisten Österreichern gar nicht so ernst genommenen Bedrohungslage analysierte der Kurier am 17.8.1998: „Die Österreichische Regierung kannte das Ausmaß der Bedrohung, aber sie reagierte alpenländisch und entschwand in den Urlaub. Das Bundesheer wurde mitten im Aufmarsch gestoppt und in kampfunfähigen Zustand versetzt.“ Tatsächlich war fast ganz Österreich am 20.August 1968 auf Urlaub, auch die Entscheidungsbefugten Politiker inklusive des Verteidigungsministers Georg Prader und so ist nur Brigadier Johann Freihsler, der Leiter der Gruppe „Operation“ im Verteidigungsministerium, anwesend, der den Beginn des Einmarsches der WAPA-Truppen in unseren nördlichen Nachbarstaat als ernstzunehmende Bedrohung Österreichs beurteilt. Um drei Uhr früh löst er einen Voralarm für das Bundesheer aus und um vier Uhr kommt das Losungswort „Urgestein“ zu den Truppen, die Einsatzvorbereitungen im Bedrohungsfall Nord, die Geheimbefehle mit dem Tarnnamen „Glockenspiel für Marschmusik“ werden aus den Panzerschränken geholt. Der Aufmarsch des Heeres und der Luftwaffe beginnt. Die Österreichischen Generalstabsplanungen sahen vor, die Truppen direkt an die Grenze heranzuführen und den Grenzschutz sowie territoriale Sicherungskräfte aufzubieten, um den bedrohten Raum nördlich der Donau so zu überwachen, dass fremde Soldaten sofort entwaffnet und interniert werden können. Gemäß §2a des Wehrgesetzes unterschrieb Verteidigungsminister Dr. Georg Prader am 24.7.1968 den Akt Zl.331-strgeh/STB/68, der genau diese genannten Maßnahmen im Bedrohungsfall Nord vorsah. Aber der gleiche Verteidigungsminister, der endlich in seinem Urlaubsort ausgeforscht wird, stoppt acht Stunden nach Auslösung von „Urgestein“ den bereits voll angelaufenen Aufmarsch des Bundesheeres, da die Sowjets Österreich drohen, dass Soldaten an der Grenze als „unfreundlicher Akt“ gesehen werden würde. Der bedrohliche Krisenfall soll nur von der Gendarmerie und Zollwache bewältigt werden, Dr. Prader zieht mit Befehl vom 21.8.1968 alle Heereskräfte dreißig Kilometer hinter die CSSR-Grenze zurück, mit der Donau im Rücken eine militärische Mausefalle. Die Linie Zwettl – Horn – Allensteig – Hollabrunn – Mistelbach durfte von keinem Soldaten überschritten werden, die Kaserne Weitra wurde sogar geräumt. Zwanzig Reservisten, welche mit ihrer militärischen Ausrüstung freiwillig in die Kaserne Horn  einrücken wollen, werden wieder nach Hause geschickt. Die Bevölkerung des Grenzgebietes sieht sich schutzlos möglichen Übergriffen der Roten Armee ausgeliefert, nur allzu bitter sind die Erinnerungen an die „Befreier“ von 1945, die Ober- und Niederösterreicher nördlich der Donau sehen sich im Stich gelassen. Dazu Tozzer/Kalliger in ihrem Buch über 1968 – Österreich am Rande des Krieges: „Die Menschen im Grenzgebiet zur Tschechoslowakei haben sich verlassen gefühlt, die Leute waren damals empört. Man hat gesagt, was brauchen wir ein Bundesheer, wenn es uns nicht schützt. Noch dazu, wo wir damals schon eine Grenzschutztruppe aufgestellt hatten, die auch einsatzbereit war.“ Auch die verantwortlichen Offiziere verstehen diese politischen Entscheidungen nicht, ihre Gefechtsstände befinden sich vor ihren Truppen, der Verfassungsauftrag an das Bundesheer „Schutz der Grenzen der Republik“ kann nicht erfüllt werden. Tozzer/Kalliger: „Militärisch und operativ gesehen ein Wahnsinn. Wäre es zu einer aktiven oder passiven Bedrohung des Österreichischen Raumes gekommen, wären die Gefechtsstände verloren gewesen und die Truppen nördlich der Donau ohne Befehlshaber wahrscheinlich untergegangen.“  Das Verteidigungsministerium scheut auch vor einem generellen Ausgangsverbot für Heeresangehörige zurück, niemand soll beunruhigt werden. Lediglich die Garnisonen im bedrohten Raum wurden verstärkt und die Einjährig-Freiwilligen mussten ihr Waffenübungsmonat an das Ende des Präsenzdienstes anhängen. General Siegbert Kreuter erinnert sich resignierend: „Das Schlimmste war, dass das Bundesheer nicht an die Grenze durfte. Es war, wie wenn man Einbrecher erwartet, jedoch nicht weiß, wann sie kommen.“  1956 verurteilte der damalige Bundeskanzler Julius Raab die Sowjet-Intervention in Ungarn – Kanzler Klaus 1968 jedoch betonte nur die strikte Wahrung der Österr. Neutralität. Die Überlegung der Österr. Politiker klammerte sich an die Hoffnung, dass, solange der russische Bär nicht gereizt wird, nichts passieren kann – eine blauäugige Naivität, die Fortsetzung des halben Weges mit halben Sachen, denn in Österreich waren bereits Saboteure vor Ort, Spione an wichtigen Schaltstellen aktiv und Versorgung, Munition und Waffen bereits auf Österr. Staatsgebiet. Im Kanzleramt saß ein Spion, wie Karl Pisa, der damalige Informations-Staatssekretär, dreißig Jahre später eingestand, der alle Entscheidungen der Österr. Regierung umgehend nach Moskau meldete. Der FPÖ-Abgeordnete Zeilinger berichtete später, dass allein im Jahre 1968 in 238 Spionagefällen ermittelt wurde. Der bekannteste Österr. Ostspion war Alois Euler, er schrieb später einen „Roman nach Tatsachen“. Als er seinem Führungsoffizier berichtet, dass das Österr. Heer 30 km von der Grenze entfern steht, frägt dieser ungläubig: „Du scherzt wohl“ – darauf Euler: „Du kennst Österreich nicht, denn wir scherzen nicht und wenn wir scherzen, meinen wir es bitter ernst.“ In Österreich werden, über eine ungarische Handelsfirma, in den Kühlhäusern der Zollfreizonen hunderte Tonnen Schweinefleisch eingelagert. Auf der Wasserstrasse Donau sind insgesamt 301 Schleppkähne aus Oststaaten unterwegs, die Frachtpapiere lauten auf „Maschinenteile“, in Wahrheit sind es Versorgungsgüter, Waffen und Munition sowie Funkspionageeinheiten. In der Nähe wichtiger Verkehrswege, Energieanlagen und Wasserwerke findet man noch Jahrzehnte später Sprengstoff und Zündmittel. Auffallend auch die erhöhten Grenzüberquerungen von Touristenbussen und LKWs aus diversen Oststaaten, tatsächlich sind dies KGB–Einheiten der siebenten Abteilung, welche bereits 1963 als Schlachtenbummler zu einem Match von Dukla–Prag fuhren um in Österreich ihre Einsatzorte zu erkunden. Allerdings waren die Österreicher bestens informiert. Die Funkaufklärer der „Königswarte“ bei Berg/NÖ lieferten ein aktuelles Bild der Lageentwicklung im Nachbarstaat. Auch konnten Spionageaktionen, wie der Versuch die Dechiffriermaschine MFF1 durch eine Kommandoaktion in der Maria Theresia Kaserne zu erbeuten, durch Heeresnachrichtendienst und Staatspolizei verhindert werden. Ein Katz und Maus Spiel der Propaganda und Nachrichtendienste begleitete die militärischen Aktionen, wobei die Ostdienste sogar behaupteten, die Brudertruppen des Warschauer-Paktes wollen die Tschechen vor Angriffen aus Österreich beschützen. Die geistige Landesverteidigung Österreichs wird jedoch vom Chefredakteur des „Kurier“ Eberhard Strohal, als hübsches Sandkastenspiel für den Frieden bezeichnet – im Ernstfall nicht zu gebrauchen. Der Einsatz des Heeres in den Garnisonen nördlich der Donau endete Ende September. Die unterschiedliche Auffassung der militärischen Führung und der politischen Entscheidungsträger bei der Bewältigung der CSSR – Krise 1968 hat allerdings zum langsamen Untergang des Österreichischen Bundesheeres geführt. Während der Sonderbericht Nr.26/69 vom 18.7.1969 als Fazit des CSSR–Einsatzes lautet: „Die derzeitige Wehrdienstzeit von 9 bis 16 Monaten stellt die untere Grenze des Vertretbaren dar“, gewinnen die Sozialisten die Nationalratswahl im März 1970 mit dem Slogan „Sechs Monate sind genug“. Bruno Kreisky behauptete, dass das Bundesheer nicht in der Lage war, die Grenzen zu schützen, wohl wissend, dass das Heer einem politischen Auftrag gehorchen musste. General Spannochi entwarf, dem politischen Diktat der Sozialisten folgend ein alternatives Raumverteidigungskonzept, stellte jedoch kritisch in seinem Buch „Verteidigung ohne Schlacht“ fest: „Wir sollten uns im klaren sein, dass neben einer vorbereiteten Armee auch noch eine politische Führungsstruktur Voraussetzung für eine erfolgreiche Taktik ist. Sie ist derart auszubauen, dass in unserem Land statt der Prädominanz absolutistischer Parteidiktaturen die Zusammenarbeit aller zum gemeinsamen Ziel durch Verwaltungs- und Führungshierarchien sichergestellt wird.“ Die Folgen sprechen für sich: auch bei der Jugoslawienkrise wurde die Miliz nicht mobilisiert, schlecht ausgebildete Soldaten eingesetzt, die politische Führung hatte nichts dazugelernt, wie sollte sie auch – kommen doch bei den Sozialisten alle aus der SPÖ-Jugend und die Dummheit des rote Pöbels wurden lautstark hinausgeschrieen: „Bundesheer ist ungeheuer – erstens Scheiße, zweitens teuer“, was weiter folgte war die Auflösung der Miliz, und als letzter Akt dieser Tragödie: ein Zivildiener spielt Verteidigungsminister. Heute bestimmen längst außerösterreichische Schaltstellen über Auslandseinsätze und kompatible Geräteanschaffungen. Die Zeit wo dem, an militärischen Fragen ohnehin desinteressierten, Volk vorgegaukelt wurde, dass wir Herr im eigenen Hause sind, gehört endgültig der Vergangenheit an. Brüssel befiehl – wir folgen dir!

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