Kleinkrieg

86Kleinkrieg – Kampf aus dem Dunkel

„Es leuchten die roten Hosen und hellblauen Waffenröcke der Kavalleristen, und die blank gezogenen Säbel senden blitzartige Strahlen, Gott Mars glitzert im Kriegsschmuck“. Solch bunte Adjustierung wäre für jeden Jagdkämpfer, Partisanen, Guerillero oder wie immer verdeckt kämpfende Kleinkrieger genannt werden, selbstmörderisch. Der Kleinkrieg ist ein Kampf des Schwachen gegen einen militärisch stärkeren Gegner. Deshalb hat nur der Kämpfer Aussicht trotzdem erfolgreich zu kämpfen, der vollkommen überraschend zuschlägt, Ort und Zeit seiner Aktionen selbst bestimmt und nach erfolgtem Kampf wieder unauffindbar im Dunkel verschwindet. Bereits 1936 spricht Arthur Erhardt von dieser Art des kleinen Krieges als der „gegebenen Kampfform schwacher Verbände gegen einen überlegenen Gegner, dem sie im gewöhnlichen Verfahren der Abwehr nicht gewachsen wären.“ In diesem Sinn könnte man die Tat Davids als biblische Kleinkriegsaktion erklären. Der militärisch unterlegene Guerillero tötet den konventionell bewaffneten Gegner mit dem geschleuderten Stein. Damit ist auch der idealtypische Jagdkämpfer charakterisiert: Kein Rambo, sondern der schlaue, listige, von seiner Mission ideologisch überzeugte Einzelkämpfer. Er muss physisch und psychisch weit über die Norm belastbar sein und sich auch diszipliniert dem Gruppenziel unterordnen.

Die Historiker kennen etwa 14.600 Kriege in der Menschheitsgeschichte. Viele dieser bewaffneten Konflikte sind Kämpfe schwacher Verbände gegen überlegene Heere, welche trotzdem zugunsten der scheinbar Unterlegenen endeten. Das geflügelte Wort: „Varus, Varus gib mir meine Legionen wieder“ lernt jeder Gymnasiast. Die stark überlegenen römischen Legionen wurden, in einem Hinterhalt 9 n.Chr. im Teutoburger Wald vom germanischen Feldherrn Arminius, vernichtend geschlagen. Herzog Leopold verliert 1315, in der Schlacht bei Morgarten mit 4000 Rittern und 8000 Mann Fußvolk, gegen nur 900 Schwyzern im ungünstigen Gelände, trotz gewaltiger Überlegenheit, sein  österreichisches Heer. Andererseits sind die Tiroler Bauern, unter Andreas Hofer, mit ihrer Kleinkriegstaktik gegen die französischen und bayrischen Besatzer lange Zeit erfolgreich und einige Südtiroler „Bumser“ halten in den 60er Jahren die italienischen Besatzungstruppen über Jahre in äußerster Kampfbereitschaft.

Der moderne Kleinkrieg ist ultima ratio – Mittel der Notwehr des Schwachen gegen einen starken Aggressor. Weltmächte wurden mit dieser Taktik besiegt. In Vietnam gingen die USA gegen Soldaten unter, welche in Erdhöhlen verschwanden, unter. Die UdSSR musste nach jahrelanger Materialschlacht Afghanistan unehrenhaft räumen. Auch Kolonialmächte wurden von örtlichen Widerstandsgruppen erfolgreich bekämpft, wie z.B. die Briten durch Oberst Grivas-Dighenis auf Zypern oder in Palästina durch die jüdischen Verbände der Haganah und Irgum. In Südafrika setzten sich die Buren unkonventionell, nach der konventionellen Niederlage, zur Wehr und landeten dafür in den ersten Konzentrationslagern der Geschichte.  Die Franzosen räumten nach verlustreichem, jahrelangem Partisanenkrieg Algerien und die Weltmacht China entstand aus den über zwanzig Jahre dauernden Kleinkriegskämpfen unter Mao Tse-tung. Dessen Doktrin „der Partisan muss im Volk schwimmen, wie ein Fisch im Wasser“ hat die marxistischen Kampflehren Ernesto Che Guevaras entscheidend beeinflusst und so mancher revolutionäre Aufstand wurde von kubanischen Militärberatern nach dieser Kleinkriegsstrategie geführt. „Der Guerillero kann im Dienste jeder Idee oder jedes Landes, jeder Gesellschaftsordnung stehen“ fasst v.d. Heydte die möglichen aufständischen Gruppierungen zusammen. Das Völkerrecht unterscheidet jedoch genau zwischen Soldaten und Verbrechern, denn radikale Gotteskrieger und zivile Freischärler stehen außerhalb des Kriegsrechtes.

Heute verfügt jede reguläre Armee über Spezialkräfte für Aufgaben der unkonventionellen Kampfführung, der geheimen, unbemerkten Infiltration, Guerillakampfführung sowie der Durchführung verdeckter und subversiver Aktionen. In Österreich verfügte die k.u.k. Armee bereits über Spezialkräfte, die sogenannten „Strafuni“, welche mit unkonventionellen Methoden etwa gegen Waffenschmuggler vorgingen. Das Bundesheer der 2. Republik begann in den sechziger Jahren im Rahmen der HSNS (Heeres Sport- und Nahkampfschule) Jagdkommandosoldaten auszubilden. Diese hatten den Auftrag, im Hinterland des möglicherweise besetzten Staatsgebietes in kleinen Verbänden mittels Hinterhalt, Überfall und Störaktion den Kampf der Armee zu unterstützen bzw. diesen Kampf nach erzwungener Aufgabe von eigenem Gebiet selbständig fortzusetzen. Im Rahmen der „Spannocchi – Doktrin“ wurden zusätzlich Jagdkampfverbände in den grenznahen Raumsicherungszonen aufgestellt. Diese Jagdkämpfer verfügten über beste Ortskenntnisse und hätten unter Ausnutzung des Geländes, planmäßig zurückgelassen, die Versorgung, Führung und Kommunikation des Feindes stören können, sowie aktuelle Feindlageentwicklungen an die Armeeführung gemeldet. In den neunziger Jahren wurden diese Verbände, im Rahmen einer der zahlreichen Bundesheerreformen, wieder aufgelöst, sodass das Heer heute nur mehr über die quasi Berufssoldaten des Ausbildungszentrum Jagdkampf für Sondereinsätze verfügt. Ob im hochtechnisierten Europa ein klassischer Kleinkrieg überhaupt möglich wäre, ist eine Glaubensfrage. Die eher skeptische Einstellung in Österreich unterscheidet sich von der unseres Nachbarstaates Schweiz jedoch grundlegend. Neben ihrer Ausrüstung haben Hunderttausende Schweizer Soldaten auch Waffe und Munition zu hause, so dass sie sofort für Kampfeinsätze verfügbar wären. Major H. von Dach dazu in seiner „Kleinkriegsanleitung für jedermann: Der totale Widerstand“: „Es ist anzunehmen, dass bei der anerkannten großen Freiheitsliebe der Schweizer Bevölkerung einerseits und der erwiesenen großen Rücksichtslosigkeit des möglichen Gegners andererseits es über kurz oder lang zwangsläufig zu Zusammenstösse zwischen Besatzungsmacht und Besiegten kommen wird. Es dürfte deshalb nicht völlig unnütz sein, Atmosphäre, Technik und Taktik des Kleinkrieges festzuhalten.“ Sein Buch wendet sich tatsächlich an jedermann, der freiheitsliebend ist und sich der fremden Gewalt nicht beugen will und für seine Freiheit auch bereit ist zu kämpfen.

Künftige bewaffnete Konflikte werden fast ausschließlich den Charakter des „Kleinen Krieges“ haben. Daher werden Spezialeinheiten auch die Hauptlast des Kampfes tragen müssen. Ob diese Verbände Jagdkommando, Ranger, SAS, SPETSNATZ, Fremdenlegion, SEALS, DELTA FORCE, Marines oder wie immer heißen, der Nimbus des Abenteuers im Frieden, wird im brutale Einsatz durch die blutige Realität des „schmutzigen Krieges“ rasch revidiert werden. Möge uns daher in Zukunft auch der Leitspruch „kämpfen können, um nicht kämpfen zu müssen“ vor solch blutigen Realitäten bewahren. 

 

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