Florida

Florida 2009 645

Vertreibung aus dem Paradies

Es besteht der berechtigte Verdacht, dass sich die Geschichte der Indianer in der „Alten Welt“ wiederholen könnte.

Der Floridareisende, der am nördlichen Rand des Everglades National Park auf der Road 41 fährt, sieht manch skurriles. Da wird vor „Alligator crossing“ gewarnt, lärmende „Airboats“ durchpflügen mit erstaunt, erschreckten Besuchern die moskitoverseuchten Sümpfe auf der Suche nach Alligatoren und  Schlangen. Die „Kings of the Everglades“, die letzten Überlebenden der Seminolen – Indianer, steuern diese Höllenmaschinen in spektakulärer Kunstflugmanier, immer auf der Jagd nach Vögeln, welche im letzten Augenblick vor dem Aufprall mit dem Luftkissenboot gerade noch abtauchen – Touristenspektakel für zahlendes Publikum.

Zahlen muss der neugierige Europäer auch, wenn er die Indianerreservate am Tamiami Trail, die Miccosukee Indian Reservation und die Big Cypress Seminole Indian Reservation besuchen will. In diesen Touristenfallen tanzen einige der 3000 noch heute in Florida lebenden Seminole Indians ihre alten Kriegs- und Stammestänze in folkloristischer Selbstaufgabe gegen Geld, sie ziehen Alligatoren am Schwanz durch eine Manege oder sie verkaufen billigen Ramsch, wahrscheinlich „Made in China“, in Massen als „echtes“ Indianertotem. Es ist erbärmlich und erschreckend was aus diesen einst stolzen Ureinwohnern Amerikas gemacht wurde, man hat ihnen großzügig heute Glückspielzulassungen zugebilligt, nachdem sie in den 1970ern beim Obersten Gerichtshof der USA endlich einige Rechte zugebilligt bekommen haben.

Heute leben die Seminolen zwischen zwei Welten, denn in ihren Reservaten bemühen sie sich um die Erhaltung ihrer alten Kultur, andererseits wandern einige von ihnen in die Städte ab, um den Anschluss an den American way of life nicht zu verlieren. Eigentlich sind sie immer noch auf dem Kriegspfad, denn ihre Welt ist das „Florida der Weißen“, auch „Wartesaal Gottes“ genannt, und der immer mehr spanisch sprechenden Zuwanderer nicht.

Die Miccosokee, ein kleinerer Indianerstamm verbreitet sogar folgendes: „Wir leben mit denen im Krieg. Die sind unsere Feinde“, sie bedienen keine Weißen, dazu sind sie zu stolz. Reine Liebe und aus dem Herzen kommender Friede herrscht nicht zwischen Rot und Weiß, zumindest nicht von Seiten der Indianer. Sie gehen gegen die Bleichgesichter nicht mehr mit Pfeil und Bogen vor, sondern bedienen sich gewiefter Rechtsanwälte und ausgefeilter Public Relation Techniken, um das verlorene Terrain zumindest ansatzweise zurück zu erobern, denn die Diskriminierung von Indianern ist ein schmerzliches Kapitel in der heutigen amerikanischen Gesellschaft.

Die Indianer fordern als Entschädigung für erlittenes Unrecht und Enteignung Geld und Land – schließlich sind sie die Ureinwohner Amerikas. Bereits vor 12.000 Jahren bevölkerten sie die mittlere Golfküste, Handels- und Kulturbeziehungen zu den Mayas wurden nachgewiesen. 1492 landete Christoph Kolumbus auf der Karibikinsel Hispaniola, der heutigen Dominikanischen Republik, der Völkermord an den Ureinwohnern der Neuen Welt begann. Bezeichnenderweise trägt die Verfilmung mit Gerald Depardieu dieses Ereignisses den Titel „1492 – Die Eroberung des Paradieses“, denn für die Europäer wurde Amerika zu einem paradiesischen Selbstbedienungsladen, den sie erbarmungslos plünderten, für die Indianer allerdings begann ein Genozid der seinesgleichen sucht und die Vertreibung aus dem Paradies in die Gefängnisse der Reservate.

Ab dem 16. Jahrhundert wanderten immer mehr Europäer nach Amerika aus. Alleine zwischen 1620 und 1770 also bis knapp vor der amerikanischen Unabhängigkeit stieg die weiße Bevölkerung in den USA von 2'000 auf über 2,2 Millionen an. Dies führte zu Landstreitigkeiten zwischen Weißen und Indianern.

Die Indianer Amerikas wurden von den Europäern die nach Amerika auswanderten in blutigen und grausamen Auseinandersetzungen von ihrem Land verdrängt. Die Indianerpolitik der USA gezeichnet vom Wunsch der weißen Siedler nach Land und der folglichen Unterwerfung der Indianer. Im Jahre 1763 noch vor der Gründung der USA entstand durch den Proclamation Act erstmals ein separates Indianerterritorium. Das Gesetz trennte das Land entlang der Wasserscheide der Appalachen: Der westliche Teil wurde den Indianern zugeschrieben der östliche den Weißen. Verschiedene Faktoren trugen zur Unterwerfung der Indianer bei: Krieg, Umsiedlung übermäßig viele weiße Siedler, gebrochene Verträge und gezielte Ausrottung der Bisons als Lebensgrundlage vieler Indianer und eingeschleppte Krankheiten.

Abschreckendes Beispiel: Die Pockenepidemie an der Pazifikküste Nordamerikas von 1862 wurde vom Dampfboot „Brother Jonathan“ von Kalifornien nach Victoria eingeschleppt. Die Pocken waren in San Francisco ausgebrochen und erreichte Victoria im März 1862. Mit dem Entschluss, die um die Stadt lagernden Indianer zu vertreiben, verbreitete sich die Krankheit bis nach Alaska. Damit waren vor allem die Indianerstämme dieser Region betroffen. Ihr fielen von April bis Dezember 1862 wahrscheinlich rund 14.000 Ureinwohner zum Opfer, vielleicht die Hälfte der Gesamtbevölkerung. Das Massaker von „Wounded Knee“ im Jahre 1890 gilt als „militärische“ Besiegung der Indianer. Am 29. Dezember 1890 massakrierte das 7. US-Kavallerieregiment bei Wounded Knee über 350 Männer, Frauen und Kinder der Lakota-Sioux-Indianer. Dieses Massaker brach den letzten Widerstand der Indianer gegen die Weißen.

Fortan lebten die verschiedenen Indianer-Völker in Reservationen und waren von den Lebensmittelrationen der Weißen abhängig. Auch nach der Unterwerfung der Indianer bereiteten diese den Weißen Probleme alleine durch ihre Existenz und durch die Gelder welche die Lebensmittelrationen kosteten. Bis heute ist ihr Existenz nach wie vor geprägt von Rassendiskriminierung und Armut. Die „edlen Wilden“ wurden zu alkoholabhängigen Sklaven der weißen Kolonialisten degradiert und die besiegten Indianer mussten „Wohlverhalten“ und „Gehorsam“ den neuen Herren gegenüber geloben.

Auch mit der indigenen Urbevölkerung Floridas ging der weiße Mann nicht anders um: Die Seminolen wurden in Gebieten zwangsumgesiedelt, in denen ihre Todfeinde, die Komantschen und Creeks lebten und sich Sklavenjäger ihrer bemächtigten. Der Widerstandskampf wurde 1835 unter dem edlen Häuptling Osceola wieder aufgenommen und in einem Guerillakrieg kämpften die Indianer um ihre Heimat, denn die Weißen stellten sie vor die Alternative: Abzug oder Tod. Der ungleiche Kampf gegen die moderne amerikanische Armee dauerte dennoch Jahre und als Osceota, dem freies Geleit zu Friedensverhandlungen zugesichert wurde, hinterhältig gefangen wurde, blieben nur 200 Seminolen in den Everglades zurück, 3824 gefangene Indianer wurden nach New Orleans und Oklahoma deportiert, der Rest von etwa 100.000 Ureinwohnern Floridas. Bis heute haben die Rothäute den Weißen diesen Verrat nicht verziehen und erst 1934 wurde offiziell der Kriegszustand beendet.

Nicht nur in Florida wurden die Ureinwohnern Amerikas vernichtet. Die stolze indianische Nation wurde fast restlos ausgerottet. Nach wissenschaftlich fundierten Berechnungen fielen den Engländern und anderen Kolonialmächten zwischen 20 – 40 Millionen Ureinwohnern zum Opfer. Der Rest wurde durch Drogen und anderer subtiler Methoden der Deportierung isoliert, völlig legal, denn das Gesetzt „Homestead Act“ förderte die Besetzung indianischen Landes durch Siedler. 

Die Unterwerfung Amerikas bedeutete die rücksichtslose Zertrümmerung der indianischen Gesellschaft und Kultur, die sinnlose Ermordung von vielen Menschen. An nackter Barbarei und Missachtung des Lebens, an Zerstörung historischer Kostbarkeiten und wertvoller Einrichtungen steht diese Eroberung wohl einzig da in der Geschichte. Sie gehörte zu den schlimmsten der entsetzlichen Blutbäder, die die Geburt und Errichtung des kapitalistischen Weltsystems begleiten, allerdings werden in den Hollywood-Wild-West-Schinken die Indianermörder als Helden und Pioniere für Freiheit und Recht gefeiert, von einer demütigen Aufarbeitung der amerikanischen Geschichte ist nichts zu bemerken. John Wayne und die amerikanische Kavallerie sind immer die Guten, Böse jeweils die Indianer.

Ist das vielleicht darauf zurückzuführen dass, wie zu allen Zeiten, die Sieger die Geschichte manipulativ schreiben? Wie schaut das heute in Europa aus? Wandern nicht auch in die Heimat autochthoner Völker landnehmende Eroberer anderer Kulturen zu, um sich hier, im Paradies, niederzulassen? Droht uns und unseren Nachkommen ebenfalls die Vertreibung aus dem Paradies? Es besteht der berechtigte Verdacht, dass sich die Geschichte der Indianer auch in der „Alten Welt“ wiederholen könnte, denn die zuwandernden Völker haben keinesfalls die Absicht sich den heimischen Gehebenheiten anzupassen.

  Unsere Welt ist verschwunden

„Wir verlangen von den Vereinigten Staaten weder karitative Maßnahmen noch pateranalistische Fürsorge. Wir verlangen nicht einmal guten Willen. Wir verlangen nur, dass der Charakter unseres Problems anerkannt wird und dass diese Erkenntnis den Ausgangspunkt jeder proindianischen Politik, jeder Aktion bildet … Unsere Welt ist verschwunden. Nur die letzten Bruchstücke unseres Landes sind uns noch geblieben. Aber es ist unsere Absicht, auch diese Bruchstücke mit der gleichen Sorge und Achtung zu bewahren und zu entwickeln, wie das jedes andere kleine Volk, jede ethnische Gruppe tut, die sich ihre Identität, ihre nationale Existenz bewahren will.“

Schlussdeklaration der Indianer auf der allindianischen Konferenz von Chicago 1961