Peking - Tibet - Nepal

China 2010 616

„Auf dem Landweg von Peking nach Katmandu“

  1. Teil: „China – Land des scheinbar unbegrenzten Gigantismus“

„Zhong guo“ – „Mitte Land“ nennen die Chinesen ihre Heimat, nur – das „Reich der Mitte“ zeigt sich heute seinen Besuchern keinesfalls mittig ausgewogen, es wird geprägt von Extremen und drastischen Gegensätzen. Im bevölkerungsreichsten Land der Erde, mit immerhin 1,3 Milliarden Menschen oder einem Fünftel der Weltbevölkerung, stehen sich einige Millionen kapitalistischer Millionäre und ein Vielfaches an Arbeitssklaven und Wanderarbeitern, mit einem durchschnittlichen Tageslohn von etwa 2 Euro, gegenüber. Nach der gescheiterten und brutalen Kulturrevolution der roten Kader unter dem Massenmörder Mao Zedong fand ab 1978 eine Wirtschaftsreform statt und Deng Xiaoping kurbelte den Konsum mit der Parole „Reich werden ist gut“ an und „es ist egal, ob eine Katze weiß ist oder schwarz, Hauptsache sie fängt Mäuse“, was bedeutet, dass es egal ist, ob der Wohlstand durch kapitalistische oder sozialistische Methoden errungen wird. So zeigen sich Peking und die anderen chinesischen Megacities heute als ein vom Massenverkehr verstopfter und Luftverpesteter Moloch, in denen dem Geld ohne Rücksicht auf Lebensqualität nachgejagt wird. Alles musste und muss gigantisch und von babylonischer Dimension sein: von der größten Mauer der Welt bis zu den spektakulärsten Olympischen Spielen, die die Welt je sah – koste es was es wolle, auch wenn es tausende Menschenleben sind, denn der Preis spielt keine Rolle bei der Umsetzung noch so größenwahnsinniger Projekte, soziale Absicherung gibt es nicht. Entscheidend ist das Wachstum, auch wenn das geschlossene System Erde all diese Belastungen nicht mehr lange aushalten kann. Staat, Gesellschaft und Kultur Chinas stellten sich zu allen Zeiten als übermächtig dar, als absolute Superlative, umgeben von der „großen Mauer“, oder heute abgeschottet durch rigorose Polizei- und Militärkontrollen, um die fremden Barbaren von den Einheimischen fernzuhalten und mittels Zensur ungebetene Einflüsse im Keime zu ersticken. Seit der Han-Dynastie, also seit über 2000 Jahren, ist ethnisch und kulturell genau definiert wer als Chinese, als reinrassiger Han-Chinese, gilt. Heute gibt es in China 55 anerkannte Minderheiten, welche von der Herrenrasse der Han-Chinesen regiert werden. Tibet und Xinjiang etwa werden mit starken Polizei- und Militärkräften auf das Brutalste in diktatorisch-faschistischer Art kontrolliert. Zwar wird zaghaft von manchen westlichen Politikern diese Verletzung der Menschenrechte sowie die inflationär praktizierte Todesstrafe angesprochen, nur – China ist ein derart großer und mächtiger Wirtschaftspartner, dass es bei formalen Lippenbekenntnissen ohne irgendwelche Sanktionsdrohungen bleibt. Geld regiert die Welt, da helfen auch die Nobelpreisverleihungen an den Dalai Lama sowie den inhaftierten chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo nichts. China schüchtert weiter mit Gebietsansprüchen seine südostasiatischen Nachbarn ein und betreibt in Afrika eine extensive imperialistische Wirtschaftskolonialpolitik. China steigt auf dem Schwarzen Kontinent ganz groß ein. Es sichert sich Öl und Märkte zu Lasten des Westens. Rund 750.000 Chinesen sind in Afrika schon im Einsatz. Manager, Ärzte, Agronomen, fliegende Händler, Importeure, Kleinstunternehmer und ein Heer von Kontraktarbeitern auf zahllosen Großbaustellen. Sie leisten keine unentgeltliche Entwicklungshilfe sondern kommen in Massen, um ihre nationalen Interessen langfristig zu sichern. All diese rasanten Entwicklungen führten zu einer Erosion und Veränderung der alten, gewachsenen Traditionen. Seit 2500 Jahren ordnete der Konfuzianismus die chinesische Gesellschaft. Das zentrale Thema der Lehre des Konfuzius war die menschliche Ordnung, die seiner Meinung nach durch Achtung vor anderen Menschen und Ahnenverehrung erreichbar sei. Als Ideal galt für Konfuzius der „Edle“, ein moralisch einwandfreier Mensch. Die Herrschaftsstruktur von Oben und Unten setzte sich bis in die kleinste Zelle fort, die Familie. Alle Generationen waren untrennbar miteinander verbunden und die Kinder garantierten die soziale Absicherung für die älteren Menschen. Dieses Familiensystem wurde von Mao zerstört, der die Geburtenrate von 5,5 pro Frau 1970 auf 2,7 im Jahre 1979 drückte und die Parteiführung unter Deng Xiaoping diktierte die Ein-Kind-Familie. Das hat bis heute zur Folge, dass Söhne bevorzugt werden und Mädchen nach Ultraschalluntersuchungen häufig abgetrieben werden. Das Resultat: Das Geschlechterverhältnis der Neugeborenen hat sich so verschoben, dass auf 100 Mädchen 120 Burschen kommen. Im Jahre 2030 wird es 30 Millionen überschüssige Männer und entsprechende soziale Unruhen in China geben. Zaghafter Widerstand regt sich, immerhin gibt es täglich etwa 35.600 Chinesen mehr auf der Welt!

Der interessierte westliche Besucher sieht heute keine romantische Mystik des Exotischen mehr, kein Leharsches „Land des Lächelns“, er ist dauernd von lärmenden Menschenmassen umgeben und höchstens in einem der zahlreichen buddhistischen Tempel kann er noch religiöse Beschaulichkeit der andächtig den Göttern opfernden Chinesen erleben. Wohlhabende Chinesen imitieren jedoch ganz den westlichen Lifestyle und lieben die McWorld. Speziell die in militärisch geordneten Gruppen auftretenden chinesischen Touristen gebärden sich, ausgestattet mit riesigen Fotoapparaten, höchst eigenartig, denn der Gruppenführer mit Lautsprecher erklärt pausenlos irgendwelche Sehenswürdigkeiten und wird dabei von seiner Schafherde angestarrt, dann wird das erklärte Objekt schnell fotografiert, möglichst mit kasperlhafter Selbstablichtung und schon eilen die geführten Massen weiter. Zu hause ist dann Zeit genug das Gesehene auf den massenhaft geschossenen Filmen zu betrachten. Gegessen wird schmatzend und schlürfend, natürlich mit Stäbchen. Angeblich deshalb mit Stäbchen, damit man mit der freien Hand die Insekten abwehren kann. Selbstverständlich rülpst und spuckt der zufrieden Chinese ungeniert in aller Öffentlichkeit, wie es ihm gefällt. Wer bei solchen Bräuchen einen Kulturschock erleidet, der sollte keine Reise ins Land der Mitte antreten, denn über die landesüblichen Hygienischen- und Toilettengepflogenheiten soll an dieser Stelle erst gar nicht berichtet werden. Zu den chinesischen Feiertagen verreisen angeblich 400 Millionen Chinesen – quer durchs Land heim zu ihren Familien. Das Verkehrsaufkommen in diesen Tagen ist unvorstellbar und ein Abenteuer, das ich in der Tibet-Bahn, in China Qinghai-Tibet-Bahn, bzw. Qingzang-Bahn genannt, erleben durfte. Auch diese Bahn besticht durch Weltrekorde: Mit einem Scheitelpunkt von 5.072 Metern ist sie die höchstgelegene Bahnstrecke der Erde. An ihr liegen ebenfalls der höchstgelegene Bahnhof der Welt (Tanggula, 5.068 m) und der höchstgelegene Tunnel der Welt (4.905 m). Damit ist die 2005 fertig gestellte Lhasa-Bahn das bisher größte Eisenbahnbauprojekt des 21. Jahrhunderts. Bautechnisch ist die Bahn ebenfalls eine Besonderheit, denn ein Viertel der Strecke wurde auf Permafrost gebaut. Spezielle Stahlröhren wurden an kritischen Streckenabschnitten verlegt, um das Auftauen des Permafrostbodens zu verhindern. 10.000 solcher Kühlstäbe mit Kühlflüssigkeit wurden in den Boden getrieben. Diese sind hohl, mit Ammoniak gefüllt und schauen drei Meter aus dem Erdreich heraus.  Trotzdem erklärte das chinesische Eisenbahnministerium bereits einen Monat nach der Eröffnung, dass der Permafrostboden unter der Bahnlinie sinke und erste Risse zeige, was die Bahn an manchen Stellen destabilisiert. Der Permafrostboden soll aufgrund der globalen Erwärmung in den nächsten 50 Jahren um ein Drittel zurückgehen, trotzdem wird bereits an der Erweiterung bis zur nepalesischen Grenze gebaut. Die Züge erreichen 100 bis 120km/h, das ist die weltweit höchste Geschwindigkeit, die Züge auf gefrorenem Hochlandboden fahren. Personenzüge bestehen aus drei Lokomotiven mit 16 Wagen und bieten jeweils 930 Sitzplätze.Der Reisende sollte unbedingt „Soft Sleeper“, also im Vier-Bett-Abteil buchen, denn sonst wird er intensiv, auf engstem Raum, mit den intimsten chinesischen Bräuchen konfrontiert – das allerdings ist sehr gewöhnungsbedürftig. Von Peking nach Lhasa benötigt der Zug 48 Stunden und der fremde Reisende darf nur mit einem speziellen Tibet-Permit den Zug besteigen, mit Ticket und Platzreservierung, denn wie alle Züge in China gibt es wesentlich mehr Andrang als verfügbare Plätze. In Lhasa angekommen, regelt ein Polizei- und Militäraufgebot das rasche verlassen des Zuges und den Weitertransport. Gesichtslose Beton- und Stahlbauten der Besatzungschinesen sind der erste Eindruck von Tibet, jedoch im alten tibetischen Teil von Lhasa gibt es noch traditionelle Kultur und – ein riesiges Aufgebot der chinesischen Polizei und des Militärs, aber das ist ein neues Reiseerlebnis.

  2. Teil: „Tibet – das Dach der Welt“

Erst seit einigen Jahren können fremde Reisende, mit spezieller Genehmigung der chinesischen Okkupanten, Tibet bereisen. Nicht nur die extreme Höhenlage von durchschnittlich 4.500 m und die natürliche Grenze durch die höchsten Berge der Erde schirmte das „Schneeland“ von der übrigen Welt nahezu hermetisch ab, auch ein rigoroses Einreiseverbot ins „verbotene Land“ isolierte den in der Vorstellung vieler Reisender als mystisches Shangri-La, als quasi spiritueller Zufluchtsort, geträumten geheimnisvollen Himalajastaat. Die Berichte der wenigen Unerschrockenen, welche trotz aller Strapazen bis in die verbotene Stadt Lhasa vordringen konnten, schufen einen Traum, den James Hilton in seinem utopischen Weltbestseller „Der verlorene Horizont“ dem sich nach Ruhe und Erlösung sehnenden Menschen des geplagten Westens vermittelte. Doch Shangri-La im „Tal der heiligen Zeiten“ hat es nie gegeben, nur der Wunsch es zu finden trieb auch den unermüdlichen Forscher Sven Hedin immer wieder nach Asien. In seinem Bericht „Abenteuer in Tibet“ antwortet er auf seine eigene Frage „…was hattest du vernünftigerweise dort zu suchen?“ folgendermaßen: „…befreit zu sein von all den Lappalien, in denen unsere ausgezeichnete Zivilisation erstickt und die das Leben in einer großen Stadt so widerwärtig und gekünstelt macht. Man denke nur, wie beneidenswert es ist, wenn man kein Telefongeklingel zu hören, keine Briefe zu beantworten hat, von Zeitungen voller Enten und Gezänk verschont bleibt und nie mit Dinereinladungen gequält wird und mit anderem Trödel, der nur in vergeblichem Bemühen kostbare Zeit tötet. Es ist zu schön, weit entfernt zu sein von der jämmerlichen Klugheit, die die Alltags-Tretmühle in Gang setzt und nichts von Neid, Klatscherei und Verleumdung zu hören…“ Alleine der tibetische Gruß: „Kale phab!“ – geht langsam! und die Antwort: „Kale ju!“ – verweile langsam! lassen eine bedächtige Lebenseinstellung erahnen. Ist auch heute Weltflucht das Hauptmotiv von über einer Million Touristen, welche jedes Jahr Tibet bereisen? Etwa 100.000 Nichtasiaten suchen wahrscheinlich so etwas wie Shangri-La, sei es in Form von Extrembergsteigen, Trekking, in spartanischer Umgebung buddhistische Erleuchtung finden oder einfach aus Neugierde selbst die Verhältnisse im mystischen Schneeland zu entdecken. Die restlichen Besucher, über 1 Million jährlich, kommen großteils aus China und betrachten „ihr“ Land als riesiges Disneyland, allerdings kämpfen sie andauernd mit Höhen- und Sauerstoffproblemen. Ohne Hemmungen fotografieren sie aus nächster Nähe die tibetischen Pilger, welche zu tausenden tagtäglich ihr Nationalheiligtum in Lhasa, den Jokhang, im Urzeigersinn auf dem traditionellen Umwandlungsweg, dem Barkor begehen. Es zeigt dies die Unvereinbarkeit der chinesischen mit der tibetischen Kultur, denn Religion ist für die Tibeter das eigentliche Leben und zum chinesischen Streben nach materiellen Gütern diametral unterschiedlich. Buddha predigte die Überwindung der irdischen Wünsche und des materiellen Strebens, denn all dies ist Leid und nur wer sich von weltlichen Gelüsten lossagt, kann Leid überwinden. In Tibet ist daher der marxistische Versuch der Chinesen den tibetischen Lamaismus zu unterdrücken gescheitert, auch wenn hunderte Polizisten und Militärstreifen auf dem Barkor demonstrative Präsenz zeigen und alle Tibeter von den Hausdächern herab beobachten und filmen. Leben und Religion bilden für die Tibeter eine Einheit, einen Allzusammenhang und wer sich Zeit nimmt und möglichst früh zum Jokhang kommt, wenn die Pilger in langen Schlangen im Morgengrauen anstehen um ihrem Jobo und dem Thugie Chenpo Lhakhang, ein Avalokiteshvara mit elf Gesichtern, zu opfern, wenn die Gebetsmühlen surren und Sutren gemurmelt werden, der erlebt noch die Mystik dieses heiligen Ortes. Die roten Garden zerstörten in der Zeit der chinesischen Kulturrevolution von 1966 bis 1976 mehrere tausend Klöster und andere tibetische Kulturdenkmäler. Fast alle Kultur- und Religionsinstitutionen Tibets wurden vernichtet. Heute sind viele Klöster neu nachgebaut, da die Chinesen diese als Touristenattraktionen präsentieren, auch einige hundert Mönche bevölkern wieder die wichtigsten sakralen Stätten, wie die „drei Säulen der Gelben Kirche“ der Gelug-Schule, also die Gelbmützenklöster Sera, Drepung und Ganden. Zu den höchsten Würdenträgern der Gelbmützen-Schule gehört der Dalai Lama – der Titel wurde erstmals 1578 von Altan Khan verliehen – und der Penchen Lama. Der gegenwärtige 14. Dalai Lama ist der buddhistische Mönch Tendzin Gyatsho. Der Dalai Lama wird im tibetischen Buddhismus als Bodhisattva verstanden, als erleuchtetes Wesen, das aus Mitgefühl reinkarnierte, das heißt: bewusst wieder in die menschliche Existenz eintrat. Obwohl Erleuchtete den Kreislauf der Wiedergeburt verlassen können, geloben Bodhisattvas, ihre Wiedergeburt freiwillig auf sich zu nehmen, um das Leid anderer fühlender Wesen zu mindern. Dalai Lamas gelten als Emanationen Avalokiteshvaras, des Bodhisattva des Mitgefühls, der auf der Erde als Mensch auftritt. Nach der gewaltsamen Besetzung Tibets durch die chinesische Armee floh der 14. Dalai Lama ins indische Exil, wo seither die tibetische Exilregierung den Anspruch erhebt, die rechtmäßige Regierung Tibets und der Tibeter zu sein. Heinrich Harrer erzählt in seinem Buch „Sieben Jahre in Tibet“ ausführlich über das alte Tibet vor der chinesischen Invasion, auch über eines der mächtigsten Bauwerke der Welt, den Potala-Palast, einst der Wintersitz des Dalai Lama. Wer heute dieses prachtvolle Gebäude besichtigen will, der muss sich lange vorher eine Karte lösen und genau zur zugeteilten Stunde erscheinen, dann geht es in maximal einer Stunde mit tausenden anderen Besuchern durch die renovierten Räume. So ist das eben in China! Wer Lhasa verlässt, muss seine Fahrstrecke von der Polizei genehmigen lassen und etwa alle 20 bis 50km bei den Kontrollstellen seine Identität nachweisen und den Routenschein abstempeln, aber die gewaltige Landschaft der Hochebene mit dem Himalajamassiv ist so manche Unannehmlichkeit wert – auch wenn es unterwegs nur mehr einfache Herbergen gibt und die Strassen zu abenteuerlichen Wegen werden. Fairerweise muss man jedoch festhalten, dass auch während der Herrschaft der tibetischen Mönche Willkür und eine brutale Unterdrückung der bäuerlichen Bevölkerung alltäglich war und drakonische Strafen, wie das Abhacken der Hände, übliche Praxis darstellte. Ernst Schäffer leitete die erste wissenschaftliche Expedition, der es 1934/36 gelang bis in die heilige Stadt Lhasa vorzudringen. In seinem Buch: „Fest der Schleier“ berichtet er über so manche archaische Sitten und Bräuche der Tibeter: „Mönlam (Neujahrsfest) - die Macht der Priester: Die Jasös (Mönche) nutzen ihre unumschränkte Gewalt in skrupelloser Weise aus und errichteten während der heiligen Mönlomzeit ein Schreckensregiment, das ohnegleichen war. Krasser Egoismus, Habgier, Erpressung, Willkür und Verfolgung triumphierten. Im Schatten der Tempel feierten niedrigste Triebe billige Triumphe.“ Auch die Abenteurerin Alexandra David-Neel berichtet in „Mein Weg durch Himmel und Hölle“ über ihre Begegnungen mit Räuberbanden und die interessanten Begräbnisrituale: „Am liebsten verbrennen die Tibeter ihre Leichen, und ihre großen Lamas äschern sie in großen, mit Butter gefüllten Kesseln ein. Das ist aber für das gewöhnliche Volk viel zu kostspielig, deshalb legt man in den waldarmen Gegenden, wo kein Holz zu haben ist, die Toten offen auf den Berghöhen nieder. So überlässt man sie den Geiern und anderen wilden Tieren. In Mitteltibet werden die Toten zerstückelt, bevor sie auf dem Boden des „Friedhofes“ Niedergelegt werden.“ – Das Unerwartete ist für den Reisenden in Tibet das Alltägliche. Während wir ganz in der Welt der Dinge leben, lebt der Tibeter in der Welt der Bedeutungen. Tibet ist ein tantrisches Land, alles steht mit Allen in Zusammenhang. Alle Dinge, Erscheinungen, Lebewesen und Handlungen sind unlösbar miteinander verknüpft. Wir wünschen den Tibetern dass ihr Gruß: „Lha gyalo! De tamtsche pham!“ (Die Götter siegen! Die Dämonen sind bezwungen!) in Erfüllung gehen möge.

Tibet ist ein ausgedehntes Hochland in Zentralasien und erstreckt sich auf einer durchschnittlichen Höhe von 4500 Metern. Das „Dach der Welt“ ist die höchstgelegene Region der Welt und ca. siebenmal so groß wie Deutschland. Die Bezeichnung Tibet wird heute sowohl für das gesamte tibetische Hochland verwendet als auch für das Autonome Gebiet Tibet, die 1965 gegründete Verwaltungseinheit der Volksrepublik China. Nach Schätzungen der Tibetischen Exilregierung leben im Hochland von Tibet heute 6 Millionen Tibeter und ca. 7,5 Millionen Chinesen; in allen Städten Tibets sind bereits Han-Chinesen in der Mehrheit. Insgesamt leben ca. 112.000 Tibeter im Exil. Der völkerrechtliche Status Tibets ist umstritten, primär will kein Staat der Erde die Wirtschaftsbeziehungen mit China gefährden, hat das „Land der Mitte“ doch rund 2.500 Milliarden Dollar an Devisenreserven angehäuft – gut zehnmal so viel, wie Europa bzw. Amerika haben! Das Europäische Parlament veröffentlichte seit 1987 verschiedene Tibet betreffende Resolutionen. Hierbei verurteilte es wiederholt die Verletzungen der Menschenrechte und Religionsfreiheit durch die chinesischen Behörden. In der Resolution vom 15. Dezember 1992 stellte es fest, dass das tibetische Volk ein Volk im Sinne des Völkerrechts ist und ihm das Recht auf Selbstbestimmung zustehe. Weiterhin verurteilte es die militärische Besetzung Tibets durch chinesische Truppen und drückte angesichts der Bedrohung der „nationalen Identität“ des tibetischen Volkes seine Besorgnis aus. Faktum jedoch ist, dass China immer mehr Han-Chinesen in Tibet ansiedelt, Strassen und Eisenbahnlinien ausbaut und die Bodenschätze des Landes ausbeutet und die tibetische Bevölkerung brutalst kontrolliert und keinerlei Verbesserungen für das tibetische Volk in Zukunft zu erwarten ist.

  1. Teil: „Nepal – geheimnisvoller Himalajastaat“

  Erst seit 1951 sind die Grenzen Nepals für ausländische Besucher geöffnet und wer auf dem „Friendship-Highway“ von Tibet kommend einreist, wird überhaupt nicht kontrolliert, die Chinesen hingegen überprüfen bei allen Ein- und Ausreisenden jedes Gepäckstück penibel. Besonders Bücher und Landkarten werden zensuriert, d.h. der Diktatur nicht genehme Bilder und Texte werden einfach konfisziert, selbst aus Reiseführern reißen die Grenzpolizisten Seiten heraus. Endlich auf nepalesischem Gebiet angekommen, werden die Strassen immer schlechter und das Verkehrsaufkommen bedrohlich, trotzdem fließt der Verkehr, auch wenn an engsten Stellen vollbeladene Busse, mit Passagieren selbst auf dem Dach sitzend, aufeinander zufahren, als wären sie auf einer Autobahn. Aber es funktioniert auf wundersame Weise, ohne Stress geht es Richtung Katmandu, so nicht ein Erdrutsch die Strasse tagelang unpassierbar macht. Im Katmandutal allerdings atmet man angeblich die schlechteste Luft der Welt, aufgrund der enormen Autoabgase, ein. Da gibt es einerseits ein nahezu märchenhaftes Nepalbild, gezeichnet von den „Heldenberichten“ mancher Extrembergsteiger, welche sogar den Yeti gesehen haben wollen und Träumer berichten von einem spirituellen Paradies, sowie andererseits die brutale Alltagssituation in einem Entwicklungsland. Es herrscht nicht nur eine große Wohlstandskluft zwischen der Stadt- und Landbevölkerung, auch 70 Prozent, so hoch ist auch die Analphabetenrate, der Bevölkerung werden von dem brahmanisch beherrschten Kastensystem nicht als gleichwertig anerkannt. Dass die Kastendiskriminierung offiziell verboten ist, spielt bei der enormen Korruption keine Rolle, sind doch rund 80 Prozent der Bevölkerung Angehörige des Hinduismus, der sogar bis zur Entmachtung des Königs im April 2006 Staatsreligion war, erst danach bekannte sich Nepal zur Säkularismus. Auf Schritt und Tritt begegnet man den Göttern, sie leben überall, in den Tempeln und Schreinen, in den Wohnungen, in der Natur und sie haben ihren Sitz auf den Gipfeln der Himalajaberge. Die Religionsausübung findet immer und überall statt, die Puja, die Verehrung der Gottheiten in Form von Opfergaben und Gebeten ist allgegenwärtig. Jeder betet die Gottheit seiner Wahl an, denn der Hindu kann die Kraft verehren, die er am meisten mag, hat sich doch Buddhismus und Hinduismus stark miteinander verflochten, so dass das indische und nepalesische Panteon hunderttausende Götter beherbergt. Dem Hinduismus begegnet man in Nepal in seiner tantrischen Form, fast alle Tempel sind entweder dem Gott Shiva oder dem Gott Vishnu geweiht, ja man verehrte den König sogar als Reinkarnation von Vishnu, sozusagen eine Gottheit zum Anfassen, genauso wie die Kumari eine lebende Göttin ist. Diese Kind-Göttin wird auserwählt und muss bis zu ihrer Geschlechtsreife ein isoliertes Leben in ihrem Palast am Durban Square in Katmandu führen. Zahlreiche Göttinnen im Katmandu-Tal werden durch Blutopfer und Alkohol verehrt, wie etwa die beliebte Dakshin-Kali, die Göttin des Todes, welche zweimal wöchentlich von hunderten, ja tausenden Hindus mit Tieropfern besänftigt wird. Als Opfertiere kommen makellose, möglichst männliche, Ziegen, Schafe, Hühner und Wasserbüffel in Frage. Nur Männer aus der Schlachterkaste töten die Tiere, nicht die Priester – diese tantrischen Rituale zu beobachten bedarf allerdings guter Nerven, die Massenschlachtungen und das Ziehen magischer Kreise mit dem herausspritzenden Blut, ist ein archaisch anmutendes Spektakel. Das weibliche Prinzip spielt in Nepal eine große Rolle, so wurde und wird auch heute noch teilweise das Matriarchat praktiziert, d.h. eine Frau heiratet mehrer Männer, meist Brüder, um das Erbe nicht in kleinste Teile zu verschwenden. Allerdings haben sich die traditionellen Strukturen bereits, bedingt durch den intensiven Kontakt mit den doch gänzlich anderen Fremden, bereits stark verändert. Wie auch weltweit in sich touristisch öffnenden Entwicklungsgebieten beobachtbar, zeigt sich, dass die Unwerte des Westens begierig in diesen Ländern der Dritten Welt angenommen werden. Nicht „Schangri-La“ ist das Maß aller Dinge, sondern „Ameri-Ka“, denn durch die Fremden werden Wünsche und Begierden geweckt, die, ohne Verlust der eigenen Identität, niemals erfüllt werden können. So die Analyse in „Fremdenverkehrswirtschaft“ (12/1987): „Es ist unbestritten, dass über den Tourismus die materielle Lebensgrundlage einer Reihe von Menschen verbessert werden kann. Leider ist nur der materielle Wohlstand sofort sichtbar und messbar, während es andere Güter wie Lebensqualität, Zufriedenheit und Glück nicht sind.“ Nepal hat daher einige doch bedenkliche Entwicklungen in den letzten Jahren zu verzeichnen, etwa die unkontrollierte, illegale Abholzung riesiger Waldgebiet, die beginnende Auflösung der Großfamilien als Basis der sozialen Strukturen und die massenhafte Migration, speziell von Frauen, nach Indien, welche mit ihren Arbeitserträgen die Familien in ihren Heimatdörfern unterstützen müssen. Auch der politische Umbruch führte zu innerer Instabilität. Von 1996 bis 2006 befand sich die maoistisch-kommunistische Partei Nepals in einem Bürgerkrieg gegen die Monarchie und das hinduistische Kastensystem. Durch Vermittlung der UNO wurde der Guerillakrieg 2006 beendet, die Vereinten Nationen überwachten das Friedensabkommen und 2008 wurde die, auch religiös verankerte, Monarchie abgeschafft und Nepal zur Republik. Die erste Wahl gewann der China nahe stehende, maoistische Rebellenführer Prachanda. Seit 2009 regiert nach einer Krise der indienfreundliche gemäßigte Marxist-Leninist Madhav Kumar Nepal. Unruhen und auch Gewaltaktionen soll es im bevölkerungsreichen südlichen Gebiet des Terai weiterhin geben und bei den vielen religiösen Massenveranstaltungen im Katmandutal ist ein verstärktes Polizei- und Militäraufgebot zu beobachten, das Land ist sicherlich nicht als politisch befriedet zu bezeichnen, obwohl die Menschen religiös absolut tolerant und in ihrem Wesen freundlich und offen sind, doch welcher Fremde kann hinter diese Fassaden wirklich blicken? Zu vielfältig und schillernd sind die Eindrücke, die auf den Besucher einströmen. Die Fremden sind meist nur kurze Zeit in diesem gänzlich anderen Kulturkreis, sind mehrheitlich auch gar nicht vorbereitet um seine interessanten Werte zu verstehen. Nach einer „Tempel-Rallye“ werden auch weiterhin die westlichen industrialisierten Maßstäbe die Vorurteile verstärken. Weil man auf vertraute Sitten und Wertvorstellungen verzichten muss, wird häufig der Schluss gezogen, in Nepal sei vieles schlecht, wobei „schlecht“ oft unbewusst für „fremd“ steht. Gleichzeitig verstärkt sich bei den Nepalis die Meinung, alles Nepalische sei altmodisch und rückständig, alles Westliche dagegen modern und fortschrittlich. Welch ein Missverständnis der Kulturen, denn der westliche Besucher sucht andere Werte, er sucht nach paradiesartigen Zuständen in einem versteckten Himalaya-Kloster, in dem das Idealbild menschlicher Gemeinschaft praktiziert wird, er sucht immer wieder – vergebens - Shangri-La.