Indochina

Vietnam 09 396

„Wie heikel Eure Lage und die Umstände in denen Ihr Euch befindet auch immer sein mögen, verzweifelt nicht. In Umständen, wo es alles zu fürchten gilt, heißt es nichts zu fürchten. Ist man von zahllosen Gefahren umgeben, so heißt es, keine zu fürchten. Ist man gänzlich ohne Mittel, so heißt es, auf alle zu zählen. Ist man überrascht, so heißt es, den Feind selbst zu überraschen.“ Sun Tse - Die Kunst des Krieges

Lockendes Indochina

Nicht einmal zehn Stunden dauert heute der Flug vom winterlichen Europa in das exotische Tropenparadies Indochina. Immer mehr Touristen fliehen vor der Kälte in eine der vielen Hotelenklaven im Golf von Thailand und am Südchinesischen Meer, um in der Sonne zu liegen, dem reichhaltigen Buffet zuzusprechen und sich, ganz in der Tradition einstiger Kolonialherren, von den bescheidenen Asiaten bedienen zu lassen. Der aufmerksame Beobachter muss leider feststellen, dass diese „Reisenden“ so gar kein sonderliches Interesse an der vielfältigen Kultur ihrer Gastländer zeigen, sondern, ganz dekadenter Herrenmensch, ihre meist fetten Bäuche arrogant zur Schau stellen. Kambodscha, Laos und Vietnam haben sich nach hundertjähriger kolonialer Ausbeutung zwar befreien können, ihre materielle Armut jedoch scheint sie erneut in die Abhängigkeit internationaler Geldbanleger und Investoren zu treiben. Heute sind es vor allem Russen, Chinesen, Südkoreaner und anonyme Investmentgesellschaften, welche, zum Teil mit dubiosen Geldern, nach entsprechenden Zuwendungen an örtliche Entscheidungsträger, fragwürdige Großprojekte vorantreiben, 1887 waren es die Franzosen, welche nach langen Kämpfen in ihrer Kolonie „Union Indochinoise“ die Einheimischen zu Vasallen degradierten. Diese billigen Arbeitssklaven mussten für ihre Besatzer Kaffee anbauen, Kohle abbauen und in den Kautschukplantagen im System der Zwangsarbeit (corvée) schuften. 27.000 französische  Soldaten kontrollierten 18 Millionen Menschen der Provinzen Cochinchina, Annan, Tonkin, Laos sowie Kambodscha. Zwar organisierte sich eine nationale Befreiungsbewegung, jedoch erst 1940, als die Vichy-treue französische Kolonialverwaltung mit den Japanern kollaborierte, sahen die Völker Indochinas, dass die vermeintliche Überlegenheit der Kolonialherren über asiatische Kulturen nur ein Trugbild, ein Irrglaube war. Nach der Kapitulation Japans 1945 waren die Kolonialarmeen wieder unterwegs in ihre alten Okkupationsräume. Die Engländer bis nach Hinterindien, die Holländer nach Batavia in Indonesien und die Franzosen nach Indochina. Der Widerstand gegen die Kolonialmächte jedoch verstärkte sich, die Völker Asiens sehnten sich nach Unabhängigkeit. „Asien den Asiaten“ war die Parole. Unter der Führung von Ho Chi Minh organisierte sich die „Liga für die Unabhängigkeit Vietnams“, die Viet Minh, und begann einen Guerillakrieg gegen die Besatzer, welche in imperialistischer Überheblichkeit ihre Gegner unterschätzten. Nicht die kommunistische Ideologie war für die Viet Minh-Guerillas das Motiv ihres Kampfes, sondern der Wunsch, endlich auf eigenem Grund und Boden, für die eigene Familie zu arbeiten und frei leben zu dürfen. Die Großfamilie, welche alle sozialen Aufgaben erfüllen muss, war und ist für die meisten Asiaten der Mittelpunkt ihres Lebens und somit wichtigste Antriebsquelle. Das westliche Denken in Kategorien des „entweder – oder“ wird in der asiatischen Kultur durch ein verbindendes „und“ ersetzt, also ist es durchaus praktikabel Kommunist und gleichzeitig Kapitalist zu sein. Am Nichtverstehen all dieser kulturellen Unterschiede sind zuerst die Franzosen und später auch die Amerikaner gescheitert. Der heutige Tourist, aber auch viele Manager, die sich mit solchen kulturspezifischen Eigenheiten nicht auseinandersetzen, sind mit dem Verstehen asiatischer Kommunikation deshalb sehr oft überfordert, weil sie glauben, das westliche Weltverstehen wäre das Maß aller Dinge. Der erste Indochinakrieg war daher, nach westlichem Verständnis, längst zu einem Stellvertreterkrieg - Kommunismus gegen Kapitalismus – geworden, speziell nach dem Eingreifen Chinas und der USA in Korea 1950 wurde die so genannte „Dominotheorie“ im Westen vertreten: wenn ein Staat Süd-Ost-Asiens in kommunistische Hände fallen sollte, würden alle Nachbarstaaten ebenfalls sozialistisch umkippen. Anfang 1954 besiegten die unterschätzen Viet Minh unter ihrem legendären General Giap („jeder Mensch ist ein Soldat, jedes Dorf eine Festung, jede Strasse eine Front“) die Franzosen in der Hochebene von Dien Bien Phu. Diese Schlacht ging in die Kriegsgeschichte auch unter der Bezeichnung: die letzte Schlacht der Deutschen Wehrmacht ein, da nahezu 75% der eingesetzten Fremdenlegionäre ehemalige Deutsche Wehrmachtssoldaten waren, welche, um der qualvollen alliierten Gefangenschaft nach Kriegsende 1945 zu entkommen, für Frankreich kämpfen mussten. Die Viet Minh hatten zwar die Franzosen besiegt, in der anschließenden Genfer Indochina Konferenz jedoch wurden die Interessen der Großmächte umgesetzt und der 17. Breitengrad als Grenze für die Kommunisten festgesetzt. Die Vereinigten Staaten traten an die Stelle der Franzosen und garantierten die Sicherheit von Südvietnam, Laos und Kambodscha. Der zweite Indochinakrieg war damit vorprogrammiert, denn politische Fehler der korrupten Verwaltung Südvietnams, wie die Abschaffung der dörflichen Selbstverwaltung, manipulierte Wahlen, Enteignungen und Umsiedlungsprogramme trieben die unzufriedenen Bauern in einen Bürgerkrieg, der vom kommunistischen Norden unterstützt wurde. Der materielle Verlust wiegt für den im ganzheitlich konfuzianisch – buddhistischen Glauben und Handeln geprägten Reisbauern nicht so schmerzhaft, wie das Zurücklassen müssen der Familiengräber. Die Ahnen zurückzulassen, bedeutet entwurzelt zu werden und den Gefahren des Kosmos schutzlos ausgeliefert zu sein. Die Partisanen erhielten durch die falsche Politik des Diem-Regimes vermehrt Zulauf, versprachen sie doch auch mit der Devise: „dass demjenigen das Land gehören soll, der zu jeder Jahreszeit die Erde zwischen seinen Händen reibt“ eine Pachtzinssenkung von 40% auf 10%. Die Ziele der NLF (Befreiungsbewegung im Süden) basierten auf keiner starren Ideologie, sondern einer Symbiose von konfuzianischem und kommunistischem Gedankengut, sowie einer Guerillataktik ohne starre Fronten. Der amerikanische – südvietnamesische Versuch mit regulären Truppen (counterinsurgency) und durch den Abwurf von 7,5 Millionen Tonnen Bomben, nahezu viermal so viel wie im 2. Weltkrieg, sowie hunderttausenden Tonnen krebserregender Herbizide („Agent Orange“), die VC – „Victor Charlie“ – Vieth Cong zu besiegen, scheiterte kläglich. Die Ankündigung Nordvietnam in die Steinzeit zurückzubomben wurde fast realisiert und Jean Paul Sartre verglich das Vorgehen der amerikanischen Soldaten gegen die Vietnamesen mit den Judenverfolgungen im 2. Weltkrieg. 550.000 amerikanische Soldaten waren in Vietnam stationiert, aber nur jeder zwanzigste davon war ein Kämpfer und hatte Feindkontakt. Der Militärmaschine USA trotzten die VC in nahezu 40.000 km unterirdischer Tunnelsysteme. Der Nachschub wurde auf tausenden Kilometer Dschungelpfaden transportiert, zum Teil getragen, auf Fahrrädern oder mittels LKW in wochenlanger, mühsamer Anstrengung zu den Partisanen gebracht.  Das Pariser Abkommen vom 27.Jänner 1973 beendete den Krieg offiziell, doch am 1.Mai 1975 besetzten reguläre Truppen Nordvietnams Saigon. Aber der Kampf ging weiter, obwohl kommunistische Kader in ganz Indochina die Macht ergriffen hatte. Nachdem hunderttausende Regimekritiker in kommunistischen Umerziehungslagern verschwanden, Peter Scholl-Latour spricht von KZs, in Kambodscha die Roten Khmer Pol Pots über drei Millionen Menschen ermordeten und in Laos die kommunistischen Pathet Lao die Macht übernommen hatten, marschierten reguläre Streitkräfte Vietnams, von Russland unterstützt, Ende 1978 in das von China gerüstete Kambodscha ein. Daraufhin besetzten im Februar 1979 chinesische Truppen Teile Nordvietnams. Dieser dritte Indochinakrieg wurde erst 1991 durch die Vermittlung der Vereinten Nationen beendet. Indochina schottete sich nach außen ab und der Bambusvorhang öffnete sich erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Noch im April 1977 erklärte der vietnamesische Staatspräsident Le Duc Anh: „Individualismus ist der grausamste Feind des Sozialismus.“

Wer heute Indochina bereist, kann nach persönlichen Beobachtungen der Feststellung zustimmen, dass Vietnam zwar den Krieg gewonnen hat, den Frieden aber verlieren wird. Die pseudo-humanitären Anmaßungen und moralischen Heucheleien des „Weltkommunismus“ wurden in Süd-Ost-Asien eindrucksvoll enttarnt, denn Korruption und die Gier nach westlicher, dekadenter Kultur sowie materiellen Werten hat sehr bald die spartanischen sozialistischen Kader vergiftet und heute auf die gesamten so genannten politischen Eliten übergegriffen. Es gibt, wenn bezahlt wird, keine Moral und keine Hemmungen. Mafiagelder werden investiert, ohne jede Rücksicht auf Umweltprobleme oder Auswirkungen auf den Grossteil der Bevölkerung, welche mit etwa 100 Dollar Monatsverdienst als nicht sehr begütert eingeschätzt werden muss. Das ganze System wird zusammengehalten von Solidarität und Arbeitsteilung in der Familie, welche gemeinsam die Felder bewirtschaftet, die Ahnen verehrt und als Rettungsring für den nationalen Bestand bezeichnet werden kann. „Ehrenvoller sich aufzuopfern als Sklave zu sein“ – dieser Grundsatz hat in der Vergangenheit bewirkt feindliche Invasoren zu besiegen und ist vielleicht auch in der Zukunft der zentrale gesellschaftliche Wert gegen die, wieder von außen angestrebten, Versuche Indochina als Absatzmarkt westlicher Konsumgüter, der globalen Gleichmacherei einzugliedern. Die Reisbauern Indochinas öffnen sich der dynamischen Weltwirtschaft, bisher noch erfolgreich ihre alte Tradition und den tiefen buddhistischen Glauben bewahrend. Aber die Bevölkerung wächst rasant und die Jugend will teilhaben, an den glitzernden Verlockungen aus Internet- und Fernsehwerbung. Wird Indochina, eine in Jahrtausenden langsam gewachsener Mischung der alten Hochkulturen Indiens und Chinas, den Spagat zwischen Tradition und Moderne maßvoll bewältigen oder am Zwang zur Verwestlichung letztendlich scheitern?

Hinter dem Bambusvorhang liegt das geheimnisvolle

Sathalanalat Paxathipatai Paxaxon Lao

In der Demokratischen Volksrepublik Laos spielt Zeit keine Rolle. Noch hat die rastlose Hektik des benachbarten Staates Thailand die faszinierende Beschaulichkeit der ehemaligen französischen Kolonie nicht um ihre liebenswürdige Identität gebracht. Der Reisende bemerkt sofort wohlwollend das geringe Verkehrsaufkommen und obwohl der Grenzübergang Chong Mek um achtzehn Uhr schließt, wird gegen ein kleines Bakschisch von 2 Dollar das notwendige Visa on arrival auch außerhalb der Amtszeiten ausgestellt. Das bescheidene Beamtengehalt von nicht einmal 100 Dollar monatlich reicht für eine laotische Familie keinesfalls aus. Korruption ist daher nur ein zusätzliches Dankeschön für eine Dienstleistung, auch wenn etwa ein Polizist ein Vergehen ahndet - ohne Quittung - mit einem 50 prozentigen Rabatt, schließlich wollen auch seine Vorgesetzten an solchen Geschäften mitpartizipieren. Das Recht liegt beim zahlungskräftigen Investor, ob es um illegale Holzgeschäfte, Bauvorhaben, um Rauschgifthandel oder schlicht und einfach um administrative Belange des Alltags geht. Mit dieser Praxis werden größere Konflikte vermieden, denn Harmonie und „Wahrung des Gesichtes“ bestimmen alle Handlungsabläufe in Laos. Westlich ungeduldiges, aggressives Verhalten wird verachtet und ein schreiender Europäer abfällig als „Brüllaffe“ bezeichnet. Lächeln und Haltung bewahren sowie den Ranghöheren und älteren Menschen Respekt zollen, Verehrung der Ahnen, der Familie seine Individualität unterordnen, sowie tiefe buddhistische und animistische Gläubigkeit sind die allgegenwärtigen bestimmenden Werte dieses liebenswürdigen Vielvölkerstaates. Laos ist ein polyethnisches Volk, der französische Forscher Lorent Chazée stellte 132 unterschiedliche Rassen fest, welche zum Teil auch heute noch abgeschottet in unwegsamen, gebirgigen Dschungelregionen leben. Das Land ist dünn besiedelt, denn ethnische Konflikte sind durchaus üblich und deren Lösung zählt zu den größten Herausforderungen an die laotische Politik. Ein nach wie vor ungelöstes Problem gibt es in der Sonderzone Saysomboun nordöstlich von Vientiane, wo es noch heute bewaffnete Kämpfer gegen die kommunistische Regierung gibt. Diese rekrutieren sich hauptsächlich aus Mitgliedern der Hmong-Minderheit, welche sich in die Bergregionen zurückgezogen haben. Wiederholt kommt es zu Überfällen und Attentaten in und um Vientiane und an wichtigen Verkehrswegen, denen auch ausländische Touristen zum Opfer gefallen sind. Andererseits wird auch von schweren Menschenrechtsverletzungen des Militärs im Kampf gegen die Aufständischen berichtet. Der Ursprung dieses ungelösten Konfliktes geht bis ins Jahr 1961 zurück, als Hmongsoldaten an der Seite der USA an einem „Secret War“ teilnahmen. Während des Vietnamkrieges war Laos neutral und es gab keine offizielle Kriegserklärung der Vereinigten Staaten an Laos. Trotzdem bombardierten die US-amerikanischen Streitkräfte Laos massiv, denn der Ho-Chi-Minh-Pfad verlief zu einem bedeutenden Teil über laotisches Territorium. Es wurden über Laos mehr Bomben abgeworfen als im Zweiten Weltkrieg auf Deutschland und Japan zusammen, womit Laos zu den schwerst bombardierten Ländern der Welt gehört. Quincy, ein Autor, der über die Hmong schreibt, fasst den Krieg folgendermaßen zusammen: „Nach dreißig Jahren von mehr oder weniger anhaltenden Kriegen und dem Verlust von ungefähr einem Drittel des Bevölkerunganteils, sind die laotischen Hmong dort angekommen wo alles begann; arm, unterdrückt, und nach Freiheit strebend.“ Die ethnischen Unterschiede werden verstärkt durch die jeweilige Gruppenzugehörigkeit im Leben des einzelnen, denn zuerst kommt die Familie, dann das Dorf, der Klan, die Volksgruppe und am Ende erst die Nation. Individualismus im westlichen Sinne ist unbekannt, die Gestaltung des eigenen Lebens wird von der Gemeinschaft bestimmt. Dabei spielt auch die buddhistische Vorstellung eine entscheidende Rolle, dass das momentane Leben bestimmt wird von den guten oder bösen Taten des vergangenen irdischen Daseins und dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten. Der in der Hierarchie höher Stehende hat in seinem vorherigen Leben Verdienste gesammelt und wird deshalb auch uneingeschränkt akzeptiert. Kein Gott ist für die Erlösung des einzelnen vom Leid verantwortlich, ausschließlich die guten und bösen Taten im Leben bestimmen darüber, ob es gelingt den ewigen Kreislauf des körperlichen Seins zu verlassen und im Nichts des Nirwana von den Leiden des irdischen Lebens  Erlösung zu finden, solange sind Geburt und Tod nur Durchgangsstadien in den Lebenszyklen. Aber nicht nur der tolerante Hinayana-Buddhismus prägt das gesellschaftliche Leben der Laoten, auch vorbuddhistischer Geisterglaube begegnet dem Reisenden auf Schritt und Tritt. Überall werden Geisterhäuschen aufgestellt, denn alle Gegenstände, Tiere und Pflanzen haben eine Seele. Die laotische Welt wird von Geistern beherrscht, Hausgeister, Baum- und Wassergeister – die ganze Geisterwelt wird durch laufende Opfergaben und Zeremonien zum alltäglichen Bestandteil des Alltags. Im gelebten Animismus stellt deshalb der Priester oder Schamane den Kontakt zur Geisterwelt her, um mittels Beschwörungszeremonie alles Böse fernzuhalten. Speziell den Seelen der Verstorbenen wird geopfert, alles, was im Jenseits vielleicht gebraucht werden könnte, wie z.B. Unmengen von Papiergeld(kopien), Spielzeughandies, Miniaturautos werden verbrannt, da der aufsteigende Rauch als Bote diese Opfergaben ins Jenseits transportiert. Die Schamanen führen auch die Zeremonie des suu khuan durch, denn alle 32 Seelen, welche in einem menschlichen Körper wohnen, müssen zusammengehalten werden. Sollte sich eine Seele entfernt haben, ruft der Priester diese wieder zurück und schließt, mittels Baumwollfäden, welche an den Handgelenken verknotet werden, alle Seelen wieder ein. Glück und Unglück sind in der Weltordnung vorherbestimmt, Wahrsager, schwarze Magie und Zauber sowie Gegenzauber spielen daher in jeder Lebenslage eine große Rolle und Hochzeitstermine, Geschäftsreisen und andere wichtige Anlässe werden nur nach Rücksprache mit den Orakeln in den Tempeln bestimmt. Obwohl die westliche Welt mittels Fernsehen und Internet bereits in den entlegendsten Dschungelregionen Einzug gehalten hat, wird an all diesen in Jahrhunderten gewachsenen Traditionen festgehalten. Andächtig werden bereits frühmorgens Räucherstäbchen entzündet, Reis und Obst den Bettelmönchen untertänig gegeben oder in einem der vielen beschaulichen Tempel, wie etwa dem laotischen Nationalsymbol, dem That Luang in Vientiane, kontemplative Einkehr gehalten. Obwohl nur 10 % des Gesamtfläche landwirtschaftlich genutzt werden kann, sind mit Nassreis- und Maisanbau, Fischzucht und anderen bäuerlichen Erwerbstätigkeiten fast 75% der Bevölkerung beschäftigt. Auf dem Lande sind die familiären Bindungen besonders fest, gibt es doch keinerlei staatliche soziale oder medizinische Absicherungen. Kinder sind der natürliche Reichtum und Altersvorsorge, weder Luxus noch Belastung und der jährliche Bevölkerungszuwachs von 2,8 % spiegelt dieses feste Gefüge wieder, Tendenz steigend, da 50 % der Bevölkerung unter 15 Jahre alt ist. Ganz selten werden interkulturelle Ehen eingegangen, denn wie überall auf der Welt, bringt eine Verbindung mit scheinbar reizvollen Exoten nur Probleme. Sollte ein Ausländer, Mr. Jackpot genannt, dem Charme eines einheimischen Mädchens erliegen, kann es vorkommen, dass er schließlich eine Großfamilie zu versorgen hat, abgesehen vom saftigen Brautpreis, der in Gold und Silber zu bezahlen ist, denn Geld wird nicht überall hoch geschätzt, ist doch noch immer Subsistenzwirtschaft weit verbreitet. So ist es selbstverständlich, dass die Mädchen ihren traditionellen Sin, den Wickelrock, selbst weben. Allerdings lockert die altbewährte Tradition zunehmend in den urbanen Gebieten auf. Dort eifern die Laoten den Thailändern nach und die Thais wiederum kopieren den American way of life. Das gipfelt in MacDonald Reisen nach Bangkok, denn noch gibt es in Laos keine Filiale dieser Fastfood Kette. Der Tourist kann sich daher unbedenklich von Landesprodukten ernähren, doch ist Vorsicht angebracht, denn Laoten essen alles, wirklich alles, was irgendwie verwertbar ist. Auf den bunten Märkten werden schon einmal Schlangen, Ratten, Meerschweinchen, Hunde, Kröten und sonstige Leckerbissen angeboten. Die Beziehung zu den Tieren ist mitunter grausam, ein Kulturschock vorprogrammiert. Doch sonst bietet das Land dem Reisenden einzigartige Eindrücke und abenteuerliche Erlebnisse. Obwohl Laos keinen Zugang zum Meer hat, sind im Süden, im Gebiet der 4000 Inseln des Mekong, wunderbar beschauliche Stunden an diesem legendären Fluss garantiert. Im Norden, speziell im Gebiet von Vang Vieng, werden Abenteuererlebnisse in Form von Dschungeltouren, Flussfahrten speziell für junge Rucksacktouristen angeboten. Noch ist das Land von fremden Reisenden nicht überlaufen, doch fahren bereits tausende Chinesen mit dem Auto nach Laos und diese asiatischen Touristen sind selbst für die freundlichen, lebenslustigen Laoten eine Plage. China erzwingt immer mehr Zuwanderung und Öffnung im Gegenzug für nichtrückzahlbare Kredite. So sponsert China die South-east-asien-games, baut die Nationalstraße zur Grenze aus und erreichte dafür im Gegenzug eine Zuwanderung für 50.000 Chinesen. Als 1986 Laos, unter dem Namen „Neuer ökonomischer Mechanismus“ eine Öffnungs- und Reformpolitik einleitete, mit dem Ziel, den allmählichen Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft zu realisieren, ahnte wohl niemand, welch einschneidende Veränderungen damit verbunden sein würden. Es bleibt nur zu hoffen, dass Laos, dieses kleine, liebliche Binnenland im Herzen der indochinesischen Halbinsel all diese Veränderungen möglichst unbeschadet überstehen wird und seinen lächelnden Charme nicht verlieren möge.

„Es gibt nichts, was schöner und herrlicher ist als Unabhängigkeit und Freiheit“ - Ho Chi Minh

Vietnam – das Volk des Drachens

Ein Drache aus dem Meer vermählte sich mit einer Bergfee und sie hatten 100 Kinder, das Volk der Viets war geboren. So berichtet die Sage über die Entstehung Vietnams. Der Drache, einst Symbol für den Kaiser, blieb bis heute der Schutzmythos des einfachen Volkes. Zu bewundern ist dieser herabgestiegene Drache in der gleichnamigen, 50 km langen Bucht „Ha Long“, wohl einer der faszinierendsten Höhepunkte jeder Vietnamreise. Bei einer mindestens halbtägigen Bootsfahrt, auf einer der traditionellen Dschunken, sind über 2000 Karstinseln im Golf von Tonking zu bewundern. Malerisch liegen in diesem Felslabyrinth zahlreiche schwimmende Fischerdörfer, einst Heimat von wilden Piraten, heute Filmkulisse. Die Kinder der sesshaft gewordenen Seenomaden müssen täglich zu ihren schwimmenden Klassenzimmern rudern, dort beginnt der Unterricht mit dem Lied vom allgegenwärtigen Onkel Ho: „Das Vaterland lieben, Solidarität üben und diszipliniert sein.“  In der nahen Hauptstadt Hanoi, der Stadt des aufsteigenden Drachens, mit dem Mausoleum von Onkel Ho Chi Minh, dem Übervater aller Vietnamesen, ist der Übergang von kolonialer Lässigkeit und kommunistischem Drill zu einer modernen Metropole deutlich spürbar. Das zeigt sich jedem Besucher, der eine Strasse überqueren möchte, denn das gestaltet sich zu einer Mutprobe. Scheinbar chaotisch fahren gleichzeitig hunderte Mopeds, oft mit vier Personen und Gepäck beladen, sowie einige der noch spärlich vertretenen Autos, aus allen Richtungen kommend auf den gestressten Fußgänger zu. Doch alles läuft ohne große Probleme ab, denn auch das wildeste Verkehrsgewühl fließt nach eigenen Regeln, meist ohne Stau - asiatische Gelassenheit und Geduld machen das möglich. Die Grundlage dieser ausgeglichenen Mentalität ist in der konfuzianischen Tradition zu finden, jener Morallehre, die das Verhalten in einer streng hierarchisch gegliederten Gesellschaft festschreibt. Die Forderungen des Konfuzianismus stimmen mit der Lebensweise der Vietnamesen überein, welche geprägt wird von Ahnenverehrung, Zusammenhalt innerhalb von Familie und Gemeinschaft und der absoluten Ein- und Unterordnung in die Gesellschaft. Die daoistische Philosophie lehrte diesen Weg (dao) der Ordnung, der Harmonie - auch von Gegensätzen – seit Jahrhunderten den Schülern im Literaturtempel Van Mieu in Hanoi. Heute besuchen die Studenten diese altehrwürdige Konfuziusuniversität, welche jahrhundertelang den Staatsdienern strengste Prüfungen abverlangte, nur mehr, um für das Gelingen ihrer Prüfungen zu bitten und ihren Vorbildern, jene Mandarine, welche den begehrten Doktortitel erringen konnten, Reis, Obst, Geld und Räucherstäbchen zu opfern. Lenins Feststellung, dass Religion Opium für das Volk sei, gilt für die Kommunistische Partei Vietnams auch heute noch, allerdings gibt es Religions- und Glaubensfreiheit. Religion ist für die meist immer noch agrarisch tätigen Vietnamesen wichtiger Bestandteil des Tages- und Jahreszyklus, werden Naturerscheinungen und Bedrohungen im Alltag doch unerklärbaren überirdischen Phänomenen zugeordnet. Im Religionsverständnis der Vietnamesen gibt es keine strikte Trennung verschiedener Konfessionen. Die Religiosität ist zumeist eine historisch gewachsene Mischung mit vielen Aspekten unterschiedlicher Ursprünge und Katholiken, Buddhisten sowie die Sekten der Hoa Hoa und Cao Dai existieren problemlos neben- und miteinander, werden doch Elemente unterschiedlichster Glaubensrichtungen oftmals tolerant miteinander vermischt. Besonders bunt stellt sich der Caodaismus dem interessierten Besucher in Tay Ninh, dem spirituellen Zentrum dieser Sekte dar. Der Haupttempel wirkt auf den ersten Blick wie eine Kirche, doch im Inneren vermischen sich die unterschiedlichsten Elemente verschiedenster Religionen, selbst Isaac Newton, Victor Hugo und die Jungfrau von Orleans werden als „hohe Geister“ verehrt, Ziel der Lehre ist das Beste und Edelste aller Religionen zu vereinen. Seelenwanderung und moralische Grundsätze wie Vegetarismus, Alkoholverbot, Selbstlosigkeit, Nächstenliebe und Armut, sind die Eckpfeiler dieses bunten Kults. Die drei mal täglich stattfindende Anbetungszeremonie wird in reich ausgestatteten Tempeln mit Weihrauch, Geisterbeschwörungen und Gebeten vollzogen, wobei die Gläubigen mit einfachen, aber verschiedenfärbigen Gewändern geordnet Einzug halten. Die Cao Dai sind wie ein kleiner Staat organisiert, sie haben eigene Schulen und Wirtschaftsunternehmen. Sie hatten sogar eine eigene Armee, unterstützen die USA und wurden nach ihrer Entwaffnung in so genannten Umerziehungslagern ziemlich dezimiert. Die Sekte der Hoa Hoa lehnt hingegen jede aufwendige Gottesverehrung ab. Ihre Glaubensgrundsätze setzten sich aus buddhistischen Regeln und der Tugendlehre zusammen. Auch sie verfügen über ein straffes Netz von religiösen, kulturellen und sozialen Zentren. Das Prinzip des Yin und Yang findet sich allerdings bei allen vietnamesischen Gläubigen, aber auch in der traditionellen Medizin und im Alltag, denn das ganze Leben soll von Ausgleich und Harmonie dominiert werden. Dieses Spannungsfeld polarer Kräfte wurde im Vietnamkrieg natürlich empfindlich gestört und nicht weit von den Cao Dai Zentren befinden sich die Tunnelanlagen von Cu Chi. Je schlimmer die Bombardierungen der USA und ihrer südvietnamesischen Verbündeten wurden, umso tiefer und länger wurde das Tunnelsystem der Vieth Cong. Der einfache Grundgedanke war sich vor dem Gegner zu verstecken ohne die Region verlassen zu müssen. Daraus entwickelten sich insgesamt 250 Kilometer unterirdische Anlagen mit insgesamt 50.000 Erdlöchern. So konnten die Partisanen, eine unsichtbare Armee, überraschend auftauchen, ihre Kommandounternehmen durchführen und wieder verschwinden. Ganze Dorfgemeinschaften lebten unterirdisch mit allen notwendigen Infrastruktureinrichtungen, das Leben spielte sich unter der Erde ab, aber insgesamt starben um Co Chi etwa 20.000 Soldaten und 100.000 Bewohner der Region. Der Kampf im Süden Vietnams war für die konventionelle Armee der USA nicht zu gewinnen, alleine die 5.000 km Wasserwege im Mekongdelta konnten nicht überwacht werden. Der Mekong, Fluss der tausend Drachen, war und ist die Lebensader Vietnams, gleichzeitig Schwimmbad, Trinkwasserbecken, Transportweg, Kanal, Fischspender, Reisfeldbewässerung und Lebensraum hunderttausender Menschen. Auf schwimmenden Märkten wird alles gehandelt, was die vietnamesische Küche schmackhaftes zu bieten hat. Fische, Enten, Eier, Reis, Gemüse, Fleisch etc., all diese Zutaten können in einem „Hot Pot“ auf dem Esstisch in einer kochenden Nudelsuppe vom Gast selbst direkt zubereitet werden, einfach, billig und schmackhaft. Eigene Kochschulen locken Touristen zu aktiver Teilnahme an der Essenszubereitung an. Im nahen Saigon, jetzt Ho-Chi-Minh-Stadt, ist die Verwestlichung wieder eingekehrt und Touristen aus der ganzen Welt tummeln sich ungehindert in luxuriöser Atmosphäre.  Damit verbunden auch alle negativen Seiten wie Prostitution, Drogen, Kriminalität und die Frage: wie viele Vietnamesen profitieren tatsächlich von dieser Entwicklung? Wie im Vorbild China gibt es auch in Vietnam private Geschäftsleute, welche es zum Millionär gebracht haben. Abseits der Stadtzentren und speziell in den Dörfern jedoch beträgt das Monatseinkommen 70.- Dollar, bei zehnstündiger täglicher Arbeitszeit. Soziale Leistungen gibt es nur für etwa jene 10 % der Bevölkerung, welche in der Industrie beschäftigt sind. Das Erbe vieler Jahre der verfehlten Planwirtschaft bedeutet, dass heute kein Geld für notwendige Infrastrukturprojekte zur Verfügung steht, wie Kanalisation, Müllabfuhr, öffentlicher Verkehr, Straßenbau. Vietnam kann mit dem Modernisierungsschub nicht mithalten und seriöse Investoren werden immer noch von Korruption und Ideologie abgeschreckt. Allerdings gibt es auch mutige Ansätze, wie den „Metro“ Konzern, der landwirtschaftliche Produkte importiert und die Mitarbeiter vor Ort in EU-Lebensmittelstandards schult. Die „Deutsche Bratwurst“ und ein „Dönnerunternehmen“!! werben mit deutscher Esskultur. MacDonald und alle Markenartikel sind im Original und als Kopie in den modernen Einkaufszentren und einheimischen Märkten erhältlich, feilschen allerdings ein Pflicht, denn jeder Fremde wird als wohlhabend eingestuft. Vietnam zählt sicherlich zu den spannendsten Regionen Asiens. Mit rasenden Veränderungen bricht auch in diesem Land Indochinas eine neue Zeit an, ein Prozess voller Widersprüche und fundamentaler Neuorientierung - daher bald besuchen, denn auch die noch naturbelassene Insel Phu Quoc könnte, dank chinesischer und russischer Investoren, bald zu einem vietnamesischen Phuket ausgebaut werden.