China

China 2010 145

Maos Erben zwischen totaler Diktatur und Turbokapitalismus

Der rasende Reisende des grenzenlosen Flugverkehrs benötigt für die 10.000 km lange Strecke von Wien nach Peking keine zehn Stunden. Vor 700 Jahren dauerte Marco Polos Chinareise noch zwanzig Jahre, ehe er seinen staunenden venezianischen Mitbürgern Seide, Gewürze, Edelsteine und Porzellan aus dem riesigen Reich der Mitte des Mongolenkaisers Kublai Khan präsentieren konnte. Alle Abgrenzungsversuche nach außen, auch der Bau einer 5.000 km langen Verteidigungsmauer, konnten nicht verhindern, dass fremde Mächte ihre begehrlichen Interessen gewaltsam in China durchsetzten. Die Kolonialmacht England sicherte in zwei Kriegen ihrer East Indian Company, wie zuvor in Indien, das Handelsmonopol, speziell für Opium, Tee und Silber. Die unterlegenen Chinesen mussten ohnmächtig zusehen, wie sich das Fremde unheilvoll ausbreitete, da erzwungene territoriale Abtretungen zu einer Politik der „offenen Tür“ führte . Im Jahre 1900 versuchte der Geheimbund Yihetuan – Vereinigung zum Schutz der öffentlichen Ruhe, irrtümlich als „Boxer“ übersetzt – die „fremden Teufel“ zu vertreiben. Auch österreichische Soldaten verteidigten, im Rahmen einer internationalen Streitmacht, in einem 55 Tage langen Kampf, das Gesandtschaftsviertel von Peking erfolgreich. Der von Kaiser Wilhelm II mit der berüchtigten Hunnenrede – „Pardon wird nicht gegeben“ – als Entsatz nach Peking entsandte „Weltmarschall“ Graf Waldersee, kam zu spät und konnte nur noch das grausame Friedensdiktat exekutieren. „Irgendwann werden wir uns rächen“ war die stille Hoffnung der Chinesen auf ihre damalige Demütigung und wer heute die wirtschaftliche und militärische Entwicklung dieses Riesenreiches betrachtet, könnte meinen, dass sich in diesem Jahrhundert die Prophezeiung erfüllt.

Aus aller Welt pilgern untertänig Politiker und Wirtschafsmanager nach China, um hier in ausgelagerte Produktionsstätten zu investieren oder Absatzmärkte zu erschließen, egal welche Menschenrechtsverletzungen in Tibet stattfinden und ohne zu fragen, warum jährlich über 10.000 Todesurteile vollstreckt werden. Hauptsache die Werkbank der Welt produziert billig, schließlich verdient ein chinesischer Arbeiter im Schnitt gerade 100 Euro. Mafiose und korrupte Strukturen des neuen fernöstlichen Raubtierkapitalismus werden geflissentlich ignoriert. Albert Speer, der Sohn des NS-Ministers plante gleich eine ganze pompöse Autostadt, Chinas Wolfsburg, nahe Shanghai. Diese, in den dreißiger Jahren als „Hure des Orients“ bezeichnete Stadt, mit 1500 Opiumhöhlen und 700 Bordellen, wird heute vom schnellen Geschäft regiert. Innerhalb von nur 12 Jahren wurden hunderte Hochhäuser errichtet, alte Viertel erbarmungslos entvölkert, die Armen wurden ärmer, die Reichen bereicherten sich. Europäische Originalmarkenware wird zu teuren Preisen gekauft, der Tourist hingegen bevorzugt billige Imitationen. Der Traum vieler Chinesen ist eine Reise nach Europa, Geld wird verschwenderisch ausgegeben. So kostet etwa eine Eigentumswohnungen über 3.000 Euro pro Quadratmeter, für  eine Stunde parken muss man bis zu 8 Euro bezahlen und das wichtigste Statussymbol ist eine Klimaanlage. Solch eine explosionsartige Entwicklung belastet die Energieversorgung über die möglichen Leistungsgrenzen hinaus und Stromabschaltungen sind daher üblich.  Etwa 80 Prozent der Stromgewinnung erfolgt mit kohlegespeisten Kraftwerken, die Atemluft ist entsprechen schlecht. Dieser wirtschaftliche Höhenflug ist nicht unproblematisch und Analysten sehen die Möglichkeit, dass Chinas Volkswirtschaft hart landen könnte. Zählt man die sozialen Probleme dazu - es gibt etwa 150 Millionen Wanderarbeiter, 10 Prozent Arbeitslose, Millionen HIV–Infizierte, revoltierende religiöse und ethnische Minderheiten, so ist ein Kippen der Aufwärtsentwicklung nicht auszuschließen.

Selbstverständlich wollen alle Chinesen viel Geld verdienen und die Menschen aus ländlichen Gebieten sind auch bereit noch mehr zu arbeiten. Das führt zu einem Bevölkerungszuzug in Megastädte, wie etwa Chongqing mit 31 Mill. Einwohnern. Das Abwasser und Müll dabei zu gewaltigen Umweltproblemen führen, ist unvermeidbar. Der hölzerne Kübel, als Nachttopf verwendet, wird einfach im nächsten Gewässer gereinigt. Von all diesen Problemen versucht die immer noch kommunistische Staatsführung durch nationalistische Propaganda abzulenken. Da sind die bösen Taiwanchinesen, welche durch eine aufgerüstete Armee eingeschüchtert werden sollen und auch mit Russland wird erstmals seit 1999 wieder ein gemeinsames Militärmanöver abgehalten. Andererseits lenken gigantische Prestigeprojekte von wirtschaftlichen Engpässen ab, wie der erste chinesische Grand Prix oder die Olympischen Spiele 2008. Superlativen werden einfach angeordnet, so das größten Staudammprojekt der Welt, das Xiaolangdi-Kraftwerk. Die Umsiedlung von Millionen Menschen und unkalkulierbare ökonomische Risken werden dabei einfach in Kauf genommen.

Wer im Rahmen der gesichtslosen Globalisierung glaubt, China sei das Maß aller Dinge, sollte einmal die stickige Luft Pekings einatmen, sich in grünfreien Stadtvierteln den Weg durch wirklich viele Menschen bahnen und genau die kulturspezifischen Eigenheiten studieren. So mancher „langnasige“ Unternehmer musste für sein Chinaexperiment teures Lehrgeld bezahlen. Der Konsulent Tim Clissold warnt „zu erwarten, dass sich die Chinesen so verhalten, wie die Ausländer meinen, dass sie sich verhalten müssen“. Aber schließlich heißt „Joint Venture“ übersetzt: gemeinsames Abenteuer und China ist auf jeden Fall das Abenteuer einer Reise wert.