Die Österreichische Seele

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Die österreichische Seele

https://www.youtube.com/watch?v=a3w4_09cIKQ

 

Erwin Ringel:
Die österreichische Seele

Rezension von Karl Pfeifer

Der 1994 verstorbene österreichische Psychiater Erwin Ringel gehörte nicht zu den Leisetretern in diesem Land. Oft und laut erhob er seine Stimme, wenn er Missstände kritisierte und seine Stimme wurde gehört. Von der österreichischen Seele sprechen heute viele und wissen nicht, wer diese Worte berühmt gemacht hat.

In meiner Erinnerung taucht ein Bild auf. Eine Podiumsdiskussion vor Auslandsjournalisten in der zweiten Hälfte der 80er Jahre in den Räumen einer Wiener Bank, ein hoher Staatsbeamter verteidigte nicht gerade kohärent die "Pflichterfüller" und deren Symbol Bundespräsident Kurt Waldheim. Ringel qualifizierte diese Stellungnahme als "dumm". Nie zuvor habe ich derartige Schärfe bei einer solchen Diskussion in Wien erlebt. Erwin Ringel hatte auch Feinde, aber die meisten Menschen, die ihn kannten liebten ihn und hörten mit Vergnügen zu, wenn er sprach, denn er war ein begnadeter Redner, der auch etwas zu sagen hatten.

Sein Buch "Die österreichische Seele, Zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion" ist ein Sachbuch, dass auch für den gebildeten Laien verständlich ist. In diesem Buch finden wir auch bewegende Worte des Christen Ringel über den Papst Johannes XXIII und den neuen Geist, den dieser versuchte seiner Kirche nahe zu bringen. Doch Ringel vermerkte auch, dass man dabei sei "sehr viel von dem, was wir damals gewonnen haben, wieder zu verlieren." Er beklagte die postkonziliäre Entwicklung: "Wir werden wieder verschlossener, selbstgefälliger, intoleranter, üben wieder Macht aus, richten wieder."

Erwin Ringel rief zur Besinnung auf: "Als Christ kann man in dieser Situation nicht schweigen, ich kann es schon gar nicht. Kurt Tucholsky, sicher kein Mann, der einer besonderen Sympathie für das Christentum verdächtig ist, notierte angesichts der Pariser Gedenktafel für Karmeliterinnen, die während der Französischen Revolution ihrer Idee getreu in den Tod gegangen sind:

"Welche ungeheure Kraft könnte von diesem katholischen Christentum ausgehen, wenn es sich auf die Evangelien besänne.""

Ringels scharfsinnige, präzise und schonungslose Analyse der österreichischen Befindlichkeit regt zum Nachdenken an.

 

http://www.medpsych.at/lehrer-erwinringel.pdf 

 

Mieselsucht und Ironie: Österreich auf der Couch

16.05.2009 | 17:49 | von SIBYLLE FRITSCH (Die Presse)

Zwischen verschlagener Mieselsucht, verborgenen Minderwertigkeitsgefühlen und charmanter Ironie: Der Psychoanalytiker Felix de Mendelssohn über die Abgründe und historischen Verletzungen der österreichischen Seele.

Herr de Mendelssohn, Sie sind in London aufgewachsen und leben und arbeiten seit vielen Jahren als Psychoanalytiker in Wien – mit distanziertem Blick auf Österreich. Wie nehmen Sie dieses Land wahr, in dem die Vergangenheit auf seltsame Weise auch immer Gegenwart ist?

Felix de Mendelssohn: Eine Diagnose der österreichischen Seele haben andere vor mir probiert – mit mehr oder weniger Erfolg. Anna Freud hat einmal gesagt, dass Psychoanalytiker ganz schlechte Menschenkenner sind. Sie meinte damit wohl in erster Linie ihren Vater, aber sie hatte recht: Wir Psychoanalytiker sehen immer nur die Innenwelt, also das, was sich im Vorbewussten abspielt. Aber wir sehen kaum, wie die Menschen im Alltag reagieren und wie sie sich verhalten. Österreichische Befindlichkeiten kann ich nicht über die Couch erfahren, sondern über das, was ich als Citoyen sehe, erlebe und diagnostiziere. Deshalb spreche ich über Österreich lieber als Privatperson. Was die Österreicher auszeichnet, ist eine gewisse Einsicht in die Absurdität ihres Daseins. Darüber verfügt der Deutsche viel weniger und der Schweizer fast gar nicht. Um diese Fähigkeit gruppieren sich alle möglichen Symptome: positive wie der ungeheure Sinn für Theatralik und eine tiefgründige Ironie, aber auch negative wie Weinerlichkeit, Brutalität und Verschlagenheit.

Bei der letzten Nationalratswahl hat fast ein Drittel der Österreicher rechte oder rechtsextreme Parteien gewählt, die sich mit Ausländer- und Europafeindlichkeit profilieren. Welche Aggressionen stecken dahinter?

Für den österreichischen Provinzialismus gab es zwei Möglichkeiten, als über die Frage der EU-Mitgliedschaft abgestimmt wurde: Die eine war, provinziell und damit draußen zu bleiben. Diese Tendenz ging quer durch alle Parteien und Schichten, auch quer durch meine Familie. Die andere war, dafür zu sein, schon deshalb, weil der rechtspopulistische Teil damit in Schach gehalten werden könnte. Der Weg, der schließlich eingeschlagen wurde, war und ist, in der EU zu sein und gleichzeitig Anti-Stimmung zu machen. Das hat schleichend begonnen, und das war ein Thema Haiders. Die Ausländerfeindlichkeit selbst ist kein rein österreichisches Phänomen. Auch in anderen Ländern, in Belgien zum Beispiel, wächst eine enorm ausländerfeindliche populistische Bewegung. Vielleicht hat das mit der Kleinheit eines Landes zu tun, in dem die Angst herrscht, dass die eigene Kultur untergeht. Allerdings wiederholt sich in Österreich auch die Geschichte: Haiders Vater etwa war ein überzeugter Nazi der ersten Stunde. Überhaupt finden Sie in vielen österreichischen Biografien die verrücktesten Generationsgeschichten: Familien, in denen die eine Hälfte Nazis war und die andere Hälfte Juden. Und die einen haben die anderen verraten oder auch gerettet. Ein großes Durcheinander.

Der „Herr Karl“ gilt als typisch österreichische Figur. Da heißt es: „Mein Verständnis von Demokratie ist: Die Pappen halten und lächeln.“

Wenn man vom Herrn Karl und dem vorauseilenden Gehorsam spricht, muss man schon die Geschichte Österreichs miteinbeziehen: Eine bürgerliche Revolution wie in Frankreich, wo man dem König den Kopf abgeschlagen hat, ist ausgeblieben. Hier herrscht eine tiefsitzende Gemütlichkeit, die mit dem Mythos der k. u. k.-Monarchie zu tun hat. In den ehemaligen Kronländern begegnet man dieser Sehnsucht nach den alten, besseren Zeiten ganz direkt. In Österreich hat wohl dieses Grundempfinden überlebt, von oben versorgt zu werden: vom Kaiser oder später von Bruno Kreisky.

Der österreichische Psychiater Erwin Ringel hat die österreichische Seele als hinterhältig, rachsüchtig und neidisch beschrieben; Ist diese Beschreibung des Landes der Neurosen noch gültig?

Ende der 1970er-Jahre hatte Ringel diagnostiziert, dass in der österreichischen Seele besondere Schuldgefühle implantiert seien. Die Erziehung funktionierte zu der Zeit über Sätze wie: „Wenn du das machst, ist die Mama traurig.“ Da traut sich das Kind nichts mehr. Eine weinende Mama ist eine viel schlimmere Bestrafung als ein böser Papa. So entstand ein depressives Klima. Damals hatte Österreich sehr hohe Selbstmordraten. Ich glaube aber nicht, dass Ringel diese Einsicht für endgültig hielt. Die Stimmung hat sich meines Erachtens positiv verändert.

Bei Ödön von Horvath heißt es in den Geschichten aus dem Wienerwald: „Denn hier ist nichts so, wie es scheint.“ Man könnte dabei an die mit zehn Jahren entführte Natascha Kampusch und den Fall des Familienvaters Fritzl denken, der mit seiner eingesperrten Tochter Kinder produziert hat. Doppelleben mit Inzest, Kinder im Keller: Haben deutsche Zeitungen zu Recht geschrieben: „Schon wieder Österreich“?

Nein, das kann überall passieren. In England ist ein nahezu identischer Fall aufgekommen. Aber es gibt hier sehr ländliche, katholische Gegenden, wo sich Dinge abspielen, von denen wir nur die Spitze des Eisbergs erkennen. In den abgelegenen Dörfern herrscht eine eigene Kultur, sie wird von Bürgermeister, Pfarrer und Arzt kontrolliert. Inzest, Misshandlung und Gewalt gehören fast zum Alltag. Und wenn einer in Not ist, macht er keine Psychotherapie, sondern hängt sich auf. Fälle wie Kampusch oder Fritzl zeigen einfach die Extremform einer noch aktiven patriarchalischen Herrschaftsstruktur. Es geht nicht anders zu als in manchen afghanischen Stämmen. Aufklärung ist nicht erwünscht.

Welches psychische Muster steckt dahinter, dass Deutschland seine Geschichte analysiert und aufarbeitet und Österreich im Vergessen eigener Untaten so geübt ist?

Die Deutschen sind in allem gründlich: Zuerst haben sie gründlich analysiert, wie sie die Juden ausrotten könnten, dann haben sie ihre eigene Schuld gründlich analysiert. Sie sind auch gründlich in der Reue. Manchmal geht mir diese Gründlichkeit auf die Nerven, aber mich freut auch ihre Sachlichkeit. Die Österreicher personalisieren und arbeiten mit Untergriffen. Was die Aufarbeitung der Nazizeit betrifft – da hatten die Deutschen wenig Wahl: Der Führerbunker stand nun mal in Berlin. Sie hatten eine geschichtliche Herausforderung und mussten sie annehmen. Die Österreicher hingegen konnten mit der Lebenslüge gut weitermachen – auch weil die Alliierten sich nicht einig waren, wie das Land aufgeteilt werden sollte. Außerdem wurde Österreich bei der Moskau-Deklaration die Opferrolle zuerkannt. Die Österreicher sind lange Zeit mit ihrem Charme durchgekommen. Die Wahl des vergesslichen Bundespräsidenten Kurt Waldheim und das Aufkommen Haiders haben Mitte der 1980er Jahre allerdings doch ein Bewusstsein für die Verbrechen der Vergangenheit geschaffen.

Österreich ist ein Land der Präsidenten und verfügt – neben dem Bundespräsidenten – über insgesamt 111.282 Häuptlinge ebenso vieler Vereine. Die Zahl hat sich seit den 1980er-Jahren fast verdoppelt. Ist das eine Art der Kompensation für den Verlust der Größe, den Österreich erleiden musste?

Der Untergang des Weltreichs und der Monarchie und das Zusammenschrumpfen sind die absoluten Traumata dieses Landes. Besonders gegenüber den Deutschen. Man hatte zwar ein paar Schlachten gegen Deutschland verloren, aber man war doch gleichwertig. Nach dem Ende der Monarchie blieb noch der Wunsch zum Anschluss, der dann zum Schlimmsten wurde, was passieren konnte.

Wirkt sich dieses kollektive Trauma auf den Einzelnen aus?

Mieselsucht und Neid zum Beispiel kann man speziell damit verbinden; Grant darüber, dass man nicht mehr ist, was man einmal war, und dass diese Böhmen und Slowaken sich heute als gleichwertig gebärden. Diesen Grant bekommt dann der Nachbar oder der Türke zu spüren. Man findet diesen Grant auch in der Literatur – er fängt mit Karl Kraus an und führt zu Thomas Bernhard. Zuvor herrschten doch eine gewisse Jovialität, Gelassenheit und bürgerliche Ordnung. Heute dominiert das Gefühl von Minderwertigkeit – beispielsweise wollte Vorarlberg in einer Volksabstimmung zur Schweiz, aber die Schweiz wollte das Land nicht nehmen. Solche Minitraumata verstärken das Gefühl von Minderwertigkeit. Die geschichtliche Rolle von Wien ist: vor den Türken geschützt zu werden, damals wie heute. Jetzt sind sie da, haben überall ihre Dönerbuden, und der Österreicher muss damit leben. Wien als Bollwerk gegen die finsteren Mächte des Ostens, das hat Tradition und wirkt im Unbewussten.

Es ist für ein Land auch schwierig, wenn so viele Traumata aufeinanderfolgen: der Kollaps des Kaiserreichs mit seiner hochformalen Bürokratie und der Komplexität der Kronländer, dann eine kleine, sehr fragile Demokratie, in der es zu einem Bürgerkrieg kommt, und schließlich der Anschluss und die Nazis. Vielleicht könnte das auch die EU-Feindlichkeit erklären: dass man sich als Nation aufgrund der vielen Erschütterungen noch immer nicht gefunden hat.

Österreich hat Freud und Hitler hervorgebracht. Wie passt das zusammen?

Beide sind aus verschiedenen Ecken der Monarchie nach Wien zugewandert. Adolf Hitler von Braunau am Inn über Linz, Sigmund Freud aus Mähren. Und der eine hat den anderen vertrieben. Wien war immer schon und ist bis heute die Welthauptstadt des Antisemitismus. Jeder Jude, der hier lebt, bekommt das zu spüren. Diese Tradition hat Hitler geprägt, und wohl auch Freud. Freud selbst meinte, dass er seine kritischen Fähigkeiten, sein Die-Dinge-nicht-in-Ruhe-Lassen und sein Genau-Hinschauen diesem Außenseitergefühl verdanke. Außenseiter mit Weltruhm ist er hier geblieben.

https://www.youtube.com/watch?v=wwlmZtWcdZI 

https://www.youtube.com/watch?v=6C72u3v-Y-Y 

https://www.youtube.com/watch?v=ASzG4QdriOg 

https://www.youtube.com/watch?v=0mrP8ZWtv30

Die »Frankfurter Zeitung« hatte in ihrer Weihnachtsnummer 1926 den Versuch unternommen, Wesen und Eigenart einer Reihe von Ländern und Völkern nicht von Kultur- oder Sozialpolitikern, sondern von repräsentativen Schriftstellern schildern zu lassen.
Für Österreich war
Egon Friedell zur Mitarbeit aufgefordert worden. Er hat sich dieser Aufgabe durch folgende Korrespondenz mit Hanns Sassmann über den verlangten Beitrag entledigt.

 

Herrn Dr. Egon Friedell, Wien.
Wir wären sehr erfreut, wenn Sie sich an unserer Weihnachtsumfrage, über deren Thema Sie aus der Beilage das Nähere ersehen, beteiligen wollten. Wir sind überzeugt, daß Ihr Beitrag eine Perle werden wird. Gewiß werden Sie das Bedürfnis fühlen, sich über den Gegenstand möglichst umfassend und eingehend zu äußern; trotzdem möchten wir Sie bitten, Ihre Darstellung mit Rücksicht auf die zahlreichen anderen Zusendungen möglichst zu komprimieren.
Hochachtungsvoll
Redaktion der »Frankfurter Zeitung«

Sehr geehrter Herr Friedell!
Wir erhielten ein Couplet »In der Welt geht’s drüber, drunter, aber Österreich geht net unter« aus der Feder des Salonhumoristen Eugen Friedel, dem die Post irrtümlicherweise unsere Einladung zugestellt hat. Wir schicken Ihnen anbei einen Durchschlag unseres Briefes und erwarten Ihr Manuskript in spätestens acht Wochen, das ist bis zum 15. Dezember.
»Frankfurter Zeitung«

Herrn Schriftsteller Hanns Sassmann, Wien.
Lieber Freund,
es wird Dich gewiß freuen zu hören, daß mich die »Frankfurter Zeitung« zu einem Weihnachtsbeitrag aufgefordert hat. Noch selten hat mich eine Arbeit so interessiert wie diese. Endlich erinnert man sich an das Land Walthers von der Vogelweide! Das Ausland braucht uns halt doch! Und Österreich wird ihm zeigen, was es kann. Der Beitrag muß eine Perle werden. Du wirst daher einsehen, wie wichtig es ist, daß Du Dich sofort an die Arbeit machst. Aber bitte nicht zu kurz, sonst heißt es gleich wieder, daß wir nur Plaudereien schreiben. Ich erwarte Dein Manuskript in spätestens acht Tagen.
Dein Egon Friedell
P.S. Gib acht, daß nichts vorkommt, was bei Bahr und Hofmannsthal Anstoß erregen könnte. Das ist das Wichtigste.

Lieber Friedell,
ich bin sehr erfreut und geschmeichelt, daß Du an mich gedacht hast. Auch mich hat noch selten eine Arbeit so interessiert wie diese. Nur kannst Du nicht verlangen, daß ich Dir meine wichtigsten Überzeugungen zum Opfer bringe. Warum soll man Bahr und Hofmannsthal nicht giften? Gerade bei der Behandlung eines so ernsten Gegenstandes, wo noch dazu die ganze Welt auf uns blickt, dürfen keine persönlichen Rücksichten mitsprechen. Das wäre österreichisch.
Das Manuskript erhältst Du binnen drei Tagen. Um welches Thema handelt es sich denn überhaupt?
Dein Hanns Sassmann

Lieber Sassmann,
ich habe es kommen sehen, daß ich, sowie ich mich mit Dir einlasse, sofort Scherereien haben werde. Ich habe natürlich keine Zeit gehabt, den Brief so genau zu studieren, weil ich rasch ins Theater mußte, um ihn dort herumzuzeigen, und kann ihn jetzt absolut nicht mehr finden. Möglicherweise habe ich ihn im Café Pochaska auf dem Stammtisch liegen lassen. Im Café Grillhuber habe ich ihn bestimmt noch gehabt. Es kann auch sein, daß mir ihn in der City-Bar jemand gestohlen hat, um sich damit patzig zu machen. Ich ermächtige Dich doch, bei der »Frankfurter Zeitung« anzufragen, worum es sich handelt.
Dein Friedell

Lieber Friedell,
ich tue doch gewiß alles, was nur menschenmöglich ist, aber das kannst Du nicht von mir verlangen. Ich kann doch nicht an eine Zeitung schreiben, von der ich kein einziges Redaktionsmitglied persönlich kenne. Ich weiß auch gar nicht, wie man eine solche reichsdeutsche Redaktion anredet. Zum mindesten müßtest Du mir also das Konzept des Briefes aufsetzen.
Dein Sassmann
Gestern im »Schriftstellerklub« sind alle zersprungen, weil Du mich und keinen von ihnen aufgefordert hast.

Lieber Sassmann,
zuerst hast Du die Sache mit Begeisterung übernommen, und jetzt soll ich alles für Dich machen. Große Reden führen und dann nichts leisten: das ist echt österreichisch.
Dein Friedell

Lieber Sassmann,
habe soeben vom Zahlkellner im Café Demimonde erfahren, daß es sich um einen Artikel über Österreich handelt. Jetzt hast Du also keine Ausrede mehr.
Dein Friedell

Lieber Friedell,
über Österreich zu schreiben, ist schwer. Was wird das Ausland dazu sagen? Sassmann

Hochverehrter Meister!
Sehr geschätzter Herr Sassmann!
In meinem Restaurant habe ich erfahren, daß Sie der Hauptmitarbeiter der »Frankfurter Zeitung« sind. Schon lange war es mein Wunsch, an diesem hervorragenden Organ ebenfalls mitarbeiten zu dürfen. Es wird ihnen ein Leichtes sein, durch ihre Beziehungen dies zu vermitteln. Ich habe mich zwar bis jetzt noch nicht schriftstellerisch versucht, bin aber ein langjähriger persönlicher Bekannter von Franz Werfel. Sollte ihnen eine mündliche Aussprache erwünscht sein, so finden Sie mich täglich von zehn bis eins und drei bis sechs im Café Pyramide.
In aufrichtiger Bewunderung
Franz Zehntbauer
städtischer Marktkommissär

Sehr geehrter Herr Friedell,
wir vermissen Ihren Beitrag. Wir rechnen um so gewisser auf sofortige Einsendung des Manuskripts, als es uns so kurz vor Weihnachten nicht mehr möglich wäre, für Sie einen Remplaçanten zu finden.
Ergebenst »Frankfurter Zeitung«

Lieber Sassmann,
Weihnachten steht vor der Tür, und Du hast mir noch immer nicht die englische Seife für Lina besorgt. Echt österreichisch!
Dein Friedell

Dringendes Telegramm an Egon Friedell.
Rasute blifta settmil hapta hapta ½.
»Trankfurter Leitung«
(Verstümmelter Text des Telegramms.)

Lieber Sassmann,
zu meiner Bestürzung erfahre ich im Café Eden, daß Du den Beitrag für die »Frankfurter Zeitung« richtig verschlampt hast. Damit hast Du mir ungemein geschadet; denn das hätte für mich der Anfang einer dauernden Mitarbeit werden können, und außerdem werden sie mich jetzt bei der nächsten Rundfrage möglicherweise übergehen. Ganz abgesehen vom Prestige beim Ausland. Das alles verdanke ich Dir!
Friedell

Lieber Friedell,
ich weiß nicht, was Du noch haben willst. Erst vorige Woche war ich in drei Gesellschaften, die bisher noch nie das geringste von Dir gehört hatten und sich jetzt um mich gerissen haben, bloß weil ich mit Dir bekannt bin. Überall werde ich vorgestellt als »der Freund des berühmten Friedell, der die Frankfurter Zeitung hat aufsitzen lassen«. Du bist die populärste Persönlichkeit von Wien. Und das verdankst Du mir. Du siehst also, daß ich doch nicht so »unzuverlässig« bin, wie Du immer behauptest.
Sassmann

Lieber Sassmann,
in Österreich wird man eben nur zum großen Mann, wenn man etwas auffällig nicht tut. Kaiser Josef hat unter größtem Aufsehen keine Reformen durchgeführt, Laudon hat unter allgemeiner Aufmerksamkeit Friedrich den Großen nicht besiegt und Lueger hat unter ungeheurem Zulauf nichts für Wien geleistet. Für die »Frankfurter Zeitung« haben schon viele nicht geschrieben, aber keiner ist dadurch der Mittelpunkt Wiens geworden. Weil die anderen eben alle kein Talent haben. Zumindest kein österreichisches Talent.
Friedell

Von der Steuerbehörde für den 18., bzw. 19. Bezirk, Wien, Niederösterreich.
Herrn Dr. Egon Friedell, Chefredakteur der »Frankfurter Zeitung«.
Auf Grund der amtlichen Erhebungen werden Sie auf Grund Ihrer Lohngenüsse beziehungsweise dauernden Emolumente aus Ihrer Tätigkeit als ausschließlicher Verfasser der periodischen Druckschrift »Frankfurter Zeitung« für die Jahre 1926 bis 1929 in die Gruppe Ia der allgemeinen Erwerbsteuer, resp. Ib der temporären Einkommensteuer eingereiht. Die Höhe der vorauszuzahlenden Nachtragssteuer wird aus der Einkommenstufe für das zweite Semester der unmittelbar dem dazwischenliegenden Jahre des vorhergehenden dritten Halbquartales als zweite Rate der Zuwachsstaffel vorgeschriebenen Katasterumlage, jedoch vermehrt um den mit der Steuernovelle vom 3. Jänner 1921 für die nicht in die für die unter die Befreiung von der direkten Einkommensmehrertragssteuer fallenden vorgesehenen kommunalen Erwerbszuschlag, jedoch abzüglich der bereits für die der Versteuerungsperiode vorausgegangenen letzten drei – soweit sie noch in diese Periode fallen – schuldigen Vermehrungssteuerquoten bis spätestens zum als Stichtag geltenden 1. Dezember 1926 eingezahlten Beträge errechnet.