Die Legende vom mündigen Bürger

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Die Legende vom mündigen Bürger 

Nun wird er wieder gefragt, der unfehlbare Souverän. Laut Bundeswahlbehörde sind 6,108.044 der/die/das Töchtersöhne wahlberechtigt und können ihre fundierte Sachkenntnis und Weisheit mittels Kreuzerl zum Thema „Söldnerarmee“ oder „Heimatheer“ kundtun. Das ist nur logisch, haben doch die überaus intelligenten Kreuzerlschreiber sich bereits als ausgewiesene Atomphysiker zum Thema „Kernkraft ja oder nein“ 1978 bewährt und das Staatsbürgertum (man beachte die gegenderte Ausgewogenheit) hat sich auch, völlig unbeeinflusst versteht sich, 1994 zu einem EU-Beitritt ohne wenn und aber bekannt. Selbstverständlich im Vollbesitz aller geistigen Fähigkeiten, denn unser tüchtiges Volk wollte und will beispielhaft in Europa als Nettozahler sich nicht lumpen lassen. Das nur 3 Millionen Menschen und Menschinnen arbeiten und davon auch nur zwei Drittel Steuern bezahlen, jedoch sechs Millionen stimmberechtigt sind, adelt nur die demokratische Reife dieser Republik – dabei spielt es auch keine Rolle, dass davon mindestens dreihunderttausend  Stimmbürger passive Analphabeten sind, wir sind tolerant. „Das Volk hat immer recht“ – meinte deshalb auch der schwarze Vizekanzler, der genauso ratlos ist, wie seine Zivildienstkollegen im roten Lager, wenn es gilt fundierte Sachentscheidungen zu treffen, daher auch der letzte Rettungsanker, Volkeswille geschehe!

Dabei gibt es einige Bösewichte, welche an der Kompetenz und Intelligenz des so zur Abstimmung aufgerufenen Volkes zweifeln. Der Journalist Christian Ortner schrieb erst jüngst in seinem Essay „Prolokratie – demokratisch in die Pleite“, eine Streitschrift gegen die Macht des Pöbels: „Sie ist ungebildet, unreflektiert, manipulierbar und ernährt sich intellektuell von Krawallfernsehen und Trash-Boulevard – jene Masse, an der sich Politiker aller Lager orientieren und die so letztendlich bestimmt, wo es im Staat langgeht. Diese Masse wählt immer jene Politiker, die sie am hemmungslosesten mit längst nicht mehr bezahlbaren Wahlgeschenken bestechen, und führt damit den Staat in den finanziellen Untergang.“ Und völlig losgelöst von jeder Realität meint dieser mutige Schreibrebell sogar: „Warum braucht man eigentlich zum Autofahren einen Führerschein, darf aber selbst als völliger Ignorant am Wahltag über die Zukunft des Landes mitbestimmen?“ Stimmt das wirklich und sind die Töchtersöhne so verblödet, dass Ortners Volksintelligenztest längst Realität ist? - Eine Quizkandidatin wird um eine deutsche Automarke mit vier Buchstaben, deren erster ein A ist gefragt. Darauf folgt ihre originelle Antwort „BMW“.

Bereits der griechische Philosoph Platon meinte in seinem „Höhlengleichnis“, dass die Menschen von den sie umgebenden Dingen nur die Schatten wahrnehmen. Sollte doch jemand ihnen erklären wollen,  dass ihre Vorstellungen von der Welt so nicht stimmen, sie würden es nicht glauben. Die Wahrnehmungspsychologie bestätigt Platons philosophisches Konstrukt, denn der Mensch ist nur beschränkt in der Lage seine Umgebung real wahrzunehmen und zu beurteilen: Über die Sinnesorgane erfolgt heute eine Reizüberflutung von etwa 10 Milliarden (sic!) Bit pro Sekunde! Das menschliche Gehirn filtert diesen Input und verarbeitet, mittels selektiver Wahrnehmung, maximal 100 Bit/sek. Aus all der pausenlos einströmenden Informationsflut merkt sich der so dauernd berieselte Mensch kurzfristig wieder nur: 10% vom Gehörten oder Gelesenen und 20% vom Gesehenen. Nur wenn rationale Impulse mit Emotionen gekoppelt werden, tritt eine Verstärkung der Informationsverarbeitung ein. Deshalb werden Botschaften auch gerne mit sexuellen oder anderen, unser Triebsystem unbewusst ansprechenden, Impulse vermengt. Die alte pädagogische Weisheit „repetitio“ hat auch heute ihre Gültigkeit nicht verloren. Nur dauernde Wiederholung eines Reizes bewirkt, dass kurzfristige Aufmerksamkeit ins Langzeitgedächtnis übergeht. Dabei müssen sowohl die linke, als auch die rechte Gehirnhälfte, also Ratio und Emotio, aktiviert werden. Wer mit seinen Botschaften nicht dauernd auffällt, der erreicht das Ziel – das Gehirn seiner Zielgruppe nicht und fällt im Flaschenhalsfilter der menschlichen Botschaftsselektion durch. Interessant und erschreckend ist jedoch, dass bei Entscheidungen auf allen Ebenen überwiegen von Gefühlen gesteuerte Handlungen gesetzt werden, der Verstand jedoch meist von der Intuition ausgeblendet wird. Der Mensch weiß, dass seine Entscheidung falsch ist, trotzdem setzt er eine triebgesteuerte Aktion, denn letztendlich ist das Kulturprodukt homo sapiens geistig noch immer in der Steinzeit.

Noch viel radikaler analysiert der Neurologe Manfred Spitzer. Er diagnostiziert der heutigen Gesellschaft digitale Demenz, er sagt es ganz brutal: „Wir verblöden“! – „Digitale Medien – Computer, Smartphones, Spielkonsolen und nicht zuletzt das Fernsehen – verändern unser Leben. In Deutschland liegt die Mediennutzung von Neuntklässlern bei knapp 7,5 Stunden täglich, wie eine Befragung von 43.000 Schülern ergab. Das Nutzen von Handys und MP3-Playern ist dabei noch nicht mitberücksichtigt…Digitale Medien haben ein hohes Suchtpotential und schaden langfristig dem Körper und vor allem dem Geist. Das Gehirn schrumpft, weil es nicht mehr ausgelastet ist, der Stress zerstört Nervenzellen und nachwachsende Zellen überleben nicht, weil sie nicht gebraucht werden…Ein Teufelskreis aus Kontrollverlust, fortschreitendem geistigem und körperlichem Verfall, sozialem Abstieg, Vereinsamung, Stress und Depression setzt ein.“

Am Ende ist also das sechs Millionenheer der Ankreuzlberechtigten gar nicht in der Lage zu beurteilen, ob Kernkraft, EU-Beitritt zukunftsweisende Optionen sind, und ob unser zukünftiges Heeresmodell die Sicherheit des Landes garantieren kann? Sozial- und auch Naturwissenschaftliche Erkenntnisse lassen an der Urteilsfähigkeit breiter Volksmassen zweifeln. Verstehen denn überhaupt alle diese Millionen Leute worum es bei einem direktdemokratischen Prozess geht? Diese Frage kann eindeutig mit „Nein“ beantwortet werden, denn viele Neoösterreicher verstehen überhaupt nicht die Landes- und Amtssprache ihrer neuen Heimat. In einigen Bezirken beträgt der Schüleranteil fremdländischer Sprachgruppen nachgewiesenermaßen bereits 80% und mehr! Ludwig Wittgensteins Kernsatz  „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ im Tractatus logico-philosophicus analysiert, ist aktueller denn je. Auch Basil Bernsteins Hypothese über Sprachcodes und Sprachbarrieren zeigt eindeutig auf, dass das Gleiche noch lange nicht das Selbe ist. Da nützen auch amtlich verordnete Gleichmachereien nichts – geistige Grenzen grenzen Menschen untereinander ab, nicht alle sind gleich, denn wenn alle und alles gleich wäre, denn wäre es auch gleich-gültig. Bernsteins Soziolinguistik zeigt auf, dass durch spezifischen Sprachgebrauch sozialer Schichten ein Unterschied der Gesellschaftsschichten hinsichtlich ihrer Wahrnehmung und ihres Denkens festgestellt werden muss.

Warum wählt in einer repräsentativen Demokratie der Souverän seine Volksvertreter, wenn diese nicht in der Lage sind Sachentscheidungen zu treffen? Wäre es da nicht angebracht die Verfassung an die der direktdemokratischen Schweiz anzupassen, denn entweder entscheiden gewählte Volksvertreter oder das Volk – aber dann bitte bei allen wichtigen Fragen, auch wenn es beispielsweise um mehr Steuergeldhaftungen für bankrotte EU-Staaten geht. Oder warum nicht Auflösung aller Parteien und – wie bei Geschworenen und Schöffen – Wahl der Volksvertreter mittels Los und dazu Experten als Minister bestellen? Warum nicht ersatzlose Auflösung von Bundesländer und Zusammenlegung von Bezirken und Gemeinden zu funktionierenden Verwaltungseinheiten? Historisch gewachsene Folklore muss doch nicht ewig mit Krediten weitergefüttert werden. Aber wahrscheinlich hat Sir Adam Douglas, ehemaliger neuseeländischer Finanzminister, mit seiner Analyse zu Reformen recht: „Sie müssen als Staat pleite sein – und zwar völlig pleite, sonst geht das nicht.“ Bis dahin könnte man die Ideen des aus Österreich stammenden Nobelpreisträgers Friedrich August von Hayek umsetzten. Er hatte bereits in seinem Werk „Verfassung der Freiheit“ zukunftsweisende Ideen: „Es kann vernünftigerweise argumentiert werden, dass den Idealen der Demokratie besser gedient wäre, wenn alle Staatsangestellten oder alle Empfänger von öffentlichen Unterstützungen vom Wahlrecht ausgeschlossen wären.“ Da dies alle Wahlberechtigen betreffen würde, wäre die einfachste Lösung aller Zukunftsfragen: Kopf oder Zahl! Einfach eine Münze werfen oder in Casino die rollende Kugel zwischen rot oder schwarz entscheiden lassen. Als letzten Ausweg allerdings bleibt: – das Orakel von Delphi befragen!

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